Rems-Murr-Kreis

Corona-Bilanz: Söder-Schlappe, Sachsen-Schande - und der Rems-Murr-Kreis?

meissen, wirtschaft
Gaststätte in Meißen – der Rems-Murr-Partnerlandkreis in Sachsen hat eine traurige Corona-Bilanz. © nolle

Die Wahrheit tut weh, aber sie lässt sich nicht leugnen, die Zahlen lügen nicht: Wer in der Corona-Pandemie am rechten Ort lebte, hatte Glück; das Risiko, an Covid zu sterben, war in Sachsen mehr als viermal so hoch wie in Schleswig-Holstein. Markus „Ich greif durch“ Söders Anpacker-Gehabe zum Trotz: Kein westliches Bundesland schnitt so schlecht ab wie Bayern. Und wie ordnet sich der Rems-Murr-Kreis ins deutsche Panorama ein? Eine Corona-Bilanz. 

Warum? Einige Vorbemerkungen

Wozu sich noch mit Covid befassen, wo die Inzidenz doch sinkt und kaum mehr Leute in den Intensivstationen liegen? Antwort: Erst jenseits der tagesaktuellen Dynamiken, in der Rückschau, wenn Datensätze vollständig verfügbar sind, lassen sich wirklich Trends erkennen – und Lehren ziehen.

Vieles ist noch unklar. Der folgende Text wird mehrmals ausdrücklich auf die klaffenden Wissenslücken hinweisen, die Forscher vielleicht erst in Jahren durch detaillierte Auswertungen stopfen. Aber manches können wir doch heute schon erkennen.

Beklemmendste Botschaft vorweg: Man kann im Grunde nicht von Corona in Deutschland reden. Die Verhältnisse in den Bundesländern sind grundverschieden.

Drei Kriterien betrachten wir im Folgenden. Vor diesem Hintergrund können wir am Ende des Textes den Rems-Murr-Kreis ins Gesamtpanorama einordnen.

Kriterium 1: Ansteckungen in Relation zur Gesamtbevölkerung

Wie viele Menschen haben sich in einer bestimmten Gegend angesteckt? Vorab-These: Wenn eine Region besonders gut abschneidet, liegt die Vermutung nahe, dass die Menschen hier eher bereit waren, sich impfen zu lassen und sich vermutlich diszipliniert an Schutzregeln gehalten haben.

Aber Achtung: Demut bei der Deutung der Daten empfiehlt sich. Manche Unterschiede können schlicht daran liegen, dass in einer Gegend das Erfassungswesen besser funktioniert hat und in einer anderen die Dunkelziffer höher war. Und auch externe Faktoren können eine Rolle spielen, in Bayern oder Sachsen zum Beispiel die Nähe zum internationalen Hotspot Tschechien.

Diagnostizierte Infektionen in Prozent zur Gesamtbevölkerung (Mehrfach-Ansteckungen sind hier mit eingepreist):

  • Schleswig-Holstein 25,1 %
  • Rheinland-Pfalz 27,9 %
  • Berlin 28,5 %
  • Niedersachsen 29,3 %
  • Nordrhein-Westfalen 29,3 %
  • Bremen 29,3 %
  • Hessen 29,4 %
  • Mecklenburg-Vorpommern 30,1 %
  • Brandenburg 31,1 %
  • Hamburg 31,3 %
  • Deutschland gesamt: 31,5 %
  • Saarland 31,9 %
  • Sachsen-Anhalt 32,8 %
  • Baden-Württemberg 32,9 %
  • Thüringen 33,4 %
  • Bayern 37,1 %
  • Sachsen 37,1 %

Die Unterschiede sind eher gering – im höchstbelasteten Bundesland ist die Infektionsquote nur knapp anderthalb mal so hoch wie im am schwächsten betroffenen; und von 16 Bundesländern liegen zehn in einem engen Korridor von etwa 28 bis 32 Prozent. Zu dieser Nivellierung dürfte vor allem die Omikronwelle ab Januar 2022 geführt haben, die flächendeckend durchs Land schwappte und vor gut durchgeimpften Gegenden überhaupt nicht haltmachte.

Vergleichen wir das nun mit der Impfquote (doppelt Geimpfte; Stand Ende Mai):

  • Bremen 87,1 %
  • Hamburg 83,8 %
  • Saarland 81,8 %
  • Schleswig-Holstein 79,8 %
  • Nordrhein-Westfalen 79,1 %
  • Berlin 78,3 %
  • Niedersachsen 77,2 %
  • Deutschland gesamt 75,9 %
  • Rheinland-Pfalz 75,1 %
  • Bayern 74,7 %
  • Hessen 74,6 %
  • Mecklenburg-Vorpommern 74,3 %
  • Baden-Württemberg 73,9 %
  • Sachsen-Anhalt 73,3 %
  • Thüringen 69,3 %
  • Brandenburg 68,6 %
  • Sachsen 64,5 %

Eine gewisse Korrelation deutet sich an: Von den sieben Bundesländern mit überdurchschnittlicher Impfquote haben sechs eine unterdurchschnittliche Infektionsquote; Ausnahme: Saarland. Von den drei Ländern mit einer Impfquote unter 70 Prozent gehören zwei zu den Ländern mit der höchsten Infektionsbelastung: Thüringen und Sachsen. Es gibt aber auch viele Abweichungen von dieser Logik. Die auffälligste: Brandenburg hat trotz recht lausiger Impfquote relativ wenige Infektionen zu beklagen.

Zwischenbilanz: Bis hierher ist die Statistik nur vage aussagekräftig.

Kriterium 2: Sterbefälle in Relation zu den  Infektionszahlen

Wie viele der belegbar Infizierten sind verstorben? Hier geht es, anders ausgedrückt, um Sterblichkeit nach Ansteckung.

Die Impfung dürfte erneut ein wichtiger Einflussfaktor sein: Denn selbst, wenn die Immunisierung vor allem unterm Omikron-Regime bei weitem nicht sicher gegen Ansteckung schützt, so verhindert sie doch sehr gut schwere Verläufe.

Aber erneut mag anderes hinzukommen. Vor allem Unterschiede in der Altersstruktur dürften eine Rolle spielen, denn Ältere sind nun einmal viel gefährdeter – und während in Gesamtdeutschland 2020 das Durchschnittsalter 44,6 Jahre betrug, lag es in Sachsen bei fast 47, in Thüringen und Brandenburg über 47 und in Sachsen-Anhalt bei fast 48 Jahren.

Auch die gesundheitliche Versorgung könnte das Ergebnis prägen – die Dichte des Hausärzte-Netzes, vor allem aber das Niveau der Kliniken. Das in eine statistisch belastbare Kennziffer zu packen, übersteigt die Möglichkeiten dieses Zeitungsartikels. (Die Frage haben wir auch in diesem Artikel schon einmal aufgeworfen, als es um die auffälligen Unterschiede zwischen Rems-Murr-Kreis und Ostalbkreis ging.)

Covid-Todesfälle in Prozent zur Gesamtzahl der diagnostizierten Infektionen:

  • Schleswig-Holstein 0,35 %
  • Niedersachsen 0,39 %
  • Bremen 0,39 %
  • Berlin 0,44 %
  • Baden-Württemberg 0,44 %
  • Mecklenburg-Vorpommern 0,46 %
  • Hamburg 0,46 %
  • Nordrhein-Westfalen 0,48 %
  • Bayern 0,49 %
  • Rheinland-Pfalz 0,50 %
  • Deutschland gesamt 0,53 %
  • Saarland 0,53 %
  • Hessen 0,55 %
  • Brandenburg 0,72 %
  • Sachsen-Anhalt 0,75 %
  • Thüringen 1,03 %
  • Sachsen 1,03 %

Hier sind die Unterschiede schon deutlicher ausgeprägt: Die Gefahr, nach einer Infektion zu sterben, war in Sachsen und Thüringen fast dreimal so hoch wie in Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Bremen.

Sieben Bundesländer haben (siehe oben) eine überdurchschnittliche Impfquote – sechs von ihnen, nämlich Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Berlin, Niedersachsen – dürfen sich über eine unterdurchschnittliche Sterblichkeit nach Infektion freuen, das siebte, Saarland, liegt immerhin genau auf dem Deutschland-Schnitt. Von den fünf Ländern mit überdurchschnittlicher Sterblichkeit nach Infektion hingegen haben alle fünf eine unterdurchschnittliche Impfquote.

Zwischenbilanz: Die Statistik hat hier schon deutlich mehr Aussagekraft.

Kriterium 3: Corona-Tote pro 100.000 Einwohner

Wie viele Menschen pro 100.000 Einwohner sind nach Corona-Ansteckung verstorben? Regel: Wenn sowohl die Infektionsquote (Kriterium 1) als auch die Sterblichkeit nach Infektion (Kriterium 2) hoch ist, ergibt sich in der Zusammenschau beider Faktoren unausweichlich ein besonders hoher Wert.

  • Schleswig-Holstein 87
  • Bremen 114
  • Niedersachsen 116
  • Berlin 126
  • Mecklenburg-Vorpom. 138
  • Rheinland-Pfalz 138
  • Nordrhein-Westfalen 141
  • Hamburg 143
  • Baden-Württemberg 145
  • Hessen 161
  • Deutschland gesamt 167
  • Saarland 170
  • Bayern 183
  • Brandenburg 224
  • Sachsen-Anhalt 245
  • Thüringen 343
  • Sachsen 382

Dieses Ergebnis ist nun wirklich krass. Die Republik ist radikal zwiegespalten: Vier der sechs östlichen Bundesländer haben mit großem Abstand die meisten Opfer zu beklagen – es sind genau jene vier Bundesländer mit der schlechtesten Impfquote.

Die Gefahr, an Covid zu sterben, war in Sachsen 4,4-mal so hoch wie in Schleswig-Holstein. Wie soll man das nennen? Einen Skandal? Eine Tragödie? Jedenfalls ein dringend aufarbeitungsbedürftiges Faktum.

Ebenfalls bemerkenswert: Zwar tat sich Markus Söder wortgewaltig als oberster Corona-Sheriff hervor und ließ keine Gelegenheit aus, sich selber für sein besonders entschlossenes Krisenmanagement zu preisen – von allen westlichen Bundesländern aber steht Bayern am schlechtesten da.

Der eher stille, maßvoll für Vorsicht plädierende, sich nicht dauernd selber lobende schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther hingegen dürfte sich als Deutschlands bester Corona-Krisenmanager feiern, wenn er dafür nicht zu bescheiden wäre. Womöglich sollten wir ihn mal fragen, wie wir uns am besten auf den Herbst vorbereiten.

Und wir?

Wo der Rems-Murr-Kreis steht

Ordnen wir nun unseren Landkreis und dazu den sächsischen Rems-Murr-Partnerkreis Meißen in das Panorama ein.

Kriterium 1: diagnostizierte Infektionen in Prozent zur Gesamtbevölkerung ...

  • Deutschland gesamt 31,5 %
  • Rems-Murr-Kreis 32,8 %
  • Baden-Württemberg gesamt 32,9 %
  • Sachsen gesamt 37,1 %
  • Meißen 39,0 %

Kriterium 2: Covid-Todesfälle in Prozent zur Gesamtzahl der Infektionen ...

  • Rems-Murr-Kreis 0,43 %
  • Baden-Württemberg gesamt 0,44 %
  • Deutschland gesamt 0,53 %
  • Sachsen gesamt 1,03 %
  • Meißen 1,03 %

Kriterium 3: Covid-Tote pro 100.000 Einwohner ...

  • Rems-Murr-Kreis 141
  • Baden-Württemberg gesamt 145
  • Deutschland gesamt 167
  • Sachsen gesamt 382
  • Meißen 402

Pointiert formuliert: In Meißen lebte man unter Corona-Gesichtspunkten fast dreimal so gefährlich wie im Rems-Murr-Kreis – der nicht nur im Bundes-, sondern auch im Landesvergleich gut dasteht.

Die Wahrheit tut weh, aber sie lässt sich nicht leugnen, die Zahlen lügen nicht: Wer in der Corona-Pandemie am rechten Ort lebte, hatte Glück; das Risiko, an Covid zu sterben, war in Sachsen mehr als viermal so hoch wie in Schleswig-Holstein. Markus „Ich greif durch“ Söders Anpacker-Gehabe zum Trotz: Kein westliches Bundesland schnitt so schlecht ab wie Bayern. Und wie ordnet sich der Rems-Murr-Kreis ins deutsche Panorama ein? Eine Corona-Bilanz. 

Warum? Einige

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