Rems-Murr-Kreis

Corona-Demo am 1. August in Berlin: Stephan Bergmann und Maskenverweigerer aus dem Rems-Murr-Kreis beim „Tag der Freiheit“

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Stephan Bergmann bei einer Demonstration in Schorndorf. © Ralph Steinemann Pressefoto

Am 1. August fanden in Berlin mehrere Demonstrationen statt, die sich gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung richteten. Die größte davon stand unter dem Motto „Tag der Freiheit: Das Ende der Pandemie“ und wurde von der Stuttgarter Initiative „Querdenken711“ mitveranstaltet.

Unter den etwa 20 000 Menschen, die am Samstag von der Polizei Berlin auf der Straße des 17. Juni gezählt wurden, war auch der Rems-Murr-Kreis vertreten.

"Querdenken711" und der "Mann im roten Shirt"

Zum Beispiel auf Seiten der Veranstalter. Stephan Bergmann, der „Mann im roten Shirt“, ist bereits seit den Demonstrationen auf dem Cannstatter Wasen deutschlandweit bekannt. Mittlerweile ist der Mann aus Althütte fester Bestandteil von „Querdenken711“ und tritt häufig als Sprecher des Bündnisses auf.

Videos, die Bergmann selbst über seinen Telegram-Kanal verbreitet, zeigen ihn während der Demonstration trommelnd, singend und schwitzend in der Menge – ohne Maske, ohne Abstand zu halten. In einem Video-Interview am Rande der Demo bezeichnete Bergmann das Coronavirus als „politische Agenda“ und fordert einen Beweis für die Existenz von Viren.

Besondere Aufmerksamkeit bekam Bergmann aber mit einem Video, das er auf dem Youtube-Kanal seines „Vereins für indianische Lebensweisen“ veröffentlichte. Es trägt den Titel „Stephan Bergmann versucht Polizisten zum Helden zu machen“.

Der Polizist und der Schamane: Szene aus einem Youtube-Video

In dem Video ist zu sehen, wie ein Polizist die Bühne betritt. Er will eine Durchsage machen.

Die Menge, die sich auf der Straße des 17. Juni versammelt hat, buht ihn aus. Und eine Stimme mit schwäbischem Akzent redet auf den Beamten ein: „Mach das Richtige. Bitte mach das Richtige. Du bist der größte Held der Geschichte, wenn du jetzt das Richtige machst.“

Was auch immer Stephan Bergmann damit meint – der Polizist ignoriert ihn. Und macht seine Durchsage, die vor lauter Pfiffen kaum zu verstehen ist. Bergmann: „Das war deine Chance, geh' nach Hause!“

Der Polizist aber bleibt, und Bergmann hält ihm weiter eine Kamera ins Gesicht, nennt mehrmals seinen Nachnamen und fordert ihn auf, in sich zu gehen. Letztendlich versucht der „Querdenken711“-Sprecher es mit einem Angebot: „Wir sorgen für dich, du kannst nach Hause gehen, die 1,3 Millionen, die zahlen dir einen Euro“, sagt Bergmann. „Du wirst reich. Jeder gibt dir mindestens einen Euro.“

1,3 Millionen, das ist die angebliche Zahl der Demo-Teilnehmer. Eine behauptete Zahl, die von Sympathisanten verbreitet wird und bereits mehrfach widerlegt wurde.

„Scheiß doch auf den Scheiss-Abstand, hey“

Ohne darauf einzugehen weist der Polizist darauf hin, dass die Teilnehmer der Demonstration sich nicht an Hygienevorschriften halten würden, und der Versammlungsleiter keinen Einfluss darauf hat, dass der Abstand eingehalten wird.

„Scheiß doch auf den Scheiß-Abstand, hey“, ruft ihm Stephan Bergmann zu. „Nehmt eure Maske weg, wir haben den Tag der Freiheit.“

Oder, um es mit den Worten der Polizei Berlin zu sagen: „In deutlich überwiegender Anzahl missachteten die Teilnehmenden […] das geltende Hygienekonzept und die Auflage zum Tragen des Mund-Nase-Schutzes.“

Rechtsextreme Reichsbürger und die „Vermischung der Rassen“

Stephan Bergmann ist unserer Zeitung noch aus einem anderen Kontext bekannt. Sein Name und seine Unterschrift finden sich auf der Liste der Gründungsmitglieder des rechtsextremen Reichsbürger-Vereins „Primus inter Pares“, die unserer Redaktion vorliegt.

Bergmann selbst gab auf Anfrage unserer Redaktion zuletzt an, er habe von dem Verein mit Sitz in Schorndorf „seit Jahren nichts mehr gehört“. Seine Botschaft seien „Menschlichkeit, Herzlichkeit und Freiheit“.

Der Berliner „Tagesspiegel“ konfrontierte Bergmann zuletzt mit einer Reihe von Beiträgen, die auf dessen Facebook-Profil veröffentlicht worden sein sollen. Screenshots zeigen Posts, in denen unter anderem von einer „Vermischung der Rassen“ gewarnt wird. Bergmann behauptet, der „Tagesspiegel“ habe sich diese Facebook-Beiträge ausgedacht und greift in einem Video den Autor des Artikels persönlich an.

„Ich kann mich an keinen einzigen erinnern, der eine Maske aufhatte“

Der "Mann im roten Shirt" war nicht die einzige Person aus dem Rems-Murr-Kreis, die sich zur Großdemonstration in Berlin einfand. Auch einige Mitglieder einer Telegram-Chatgruppe von Maskenverweigerern sind nach eigener Aussage vor Ort gewesen. Andere haben das Geschehen in einer Gaststätte im Kreis via Livestream verfolgt.

Voll war es auf der Demo, darin sind sich alle einig. „Ich war auch im [Demonstrations-]Zug dabei, ich kann mich an keinen einzigen erinnern, der eine Maske aufhatte“, schreibt eine Nutzerin. „Dazu war’s viel zu warm und wir sind ja gegen den Lappen“.

Mitfahrgelegenheiten zum „Ende der Pandemie“

Gegen den "Lappen" sein, das ist das Hauptanliegen der Gruppe. Unsere Redaktion beobachten deren öffentlichen Telegram-Chat seit Monaten, mittlerweile zählt er über 130 Mitglieder. Auch Organisatoren und Teilnehmer der sogenannten „Corona-Demos“ im Kreis sind mit von der Partie. Im Chat vereinbart man kommende Treffen – und bespricht, wie man die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sabotiert.

Bereits seit Wochen wurde in der Chat-Gruppe dazu aufgerufen, am „Tag der Freiheit“ teilzunehmen. Mitfahrgelegenheiten wurden gesucht, Mitfahrangebote geteilt, sogar eine Art Public Viewing für die Daheimgebliebenen organisiert. Nun zeigen sich die Mitglieder empört darüber, wie das Ereignis in der Presse dargestellt wird.

Ein Thema ist dabei, wie schon bei Bergmann: Die Teilnehmerzahl. Ein Nutzer hat deshalb nach eigener Aussage schon Beschwerde beim Presserat eingereicht. „Es berichten alle Medien von 20 000 Teilnehmen. Als Augenzeuge vor Ort sage ich euch, es waren sehr viele mehr. Ob es jetzt 800 000 waren oder 1,3 Millionen, das wird sich noch klären.“

Reichsflaggen zwischen bunten Friedensfahnen

Was den Mitgliedern ebenfalls sauer aufstößt: Dass immer wieder berichtet wird, dass derartige Demos von Rechtsextremen und Verschwörungsgläubigen beworben und mitgetragen werden.

Dabei bestätigte sich das auch in Berlin. Mitglieder rechtsextremer Parteien waren auf der Demonstration vertreten, Verschwörungsideologen waren vertreten, und zwischen bunten Friedensfahnen war auch die ein oder andere Reichsflagge zu sehen.

„Querdenken711“-Initator Michael Ballweg, der Oberbürgermeister in Stuttgart werden will, wurde auch am 1. August nicht müde zu betonen, dass jegliche Form von Extremismus und Menschenfeindlichkeit auf den Demos keinen Platz habe. Doch zu den Vorwürfen gegen Stephan Bergmann äußerte er sich dem Tagesspiegel gegenüber bisher offenbar nicht.

Ebenso spannend wäre es, seine Antwort auf die Frage zu hören, wie das massenhafte Missachten von Hygienevorschriften die Corona-Pandemie beenden soll. Denn während man in Berlin den „Tag der Freiheit“ feierte, schrieb das Robert-Koch-Institut angesichts steigender Infektionszahlen in seiner Lageeinschätzung am 1. August: „Eine weitere Verschärfung der Situation muss unbedingt vermieden werden.“

Ballweg scheint das nicht zu beeindrucken. In einem Video, das nach der Demo aufgenommen wurde, sagt er: „Wir machen weiter, mal gucken, vielleicht besuchen wir auch nochmal Berlin.“

Am 1. August fanden in Berlin mehrere Demonstrationen statt, die sich gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung richteten. Die größte davon stand unter dem Motto „Tag der Freiheit: Das Ende der Pandemie“ und wurde von der Stuttgarter Initiative „Querdenken711“ mitveranstaltet.

Unter den etwa 20 000 Menschen, die am Samstag von der Polizei Berlin auf der Straße des 17. Juni gezählt wurden, war auch der Rems-Murr-Kreis vertreten.

"Querdenken711" und der "Mann im roten

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