Rems-Murr-Kreis

Corona, ein tödliches Rätsel: Mehr Tote im Ostalbkreis als im Rems-Murr-Kreis - warum?

Mutmacher Kittel
Intensivstation in Winnenden – im Vergleich zum Ostalbkreis ist der Rems-Murr-Kreis glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. © Benjamin Büttner

Im Ostalbkreis war die Gefahr, an Corona zu sterben, klar größer als im Rems-Murr-Kreis – wie ist es zu erklären, dass wir vergleichsweise glimpflich davonkamen und die Nachbarn so schwer getroffen wurden? Dieser Recherche über ein tödliches Rätsel liegen Daten des Statistischen Landesamtes und des Robert-Koch-Instituts zugrunde (Daten-Zeitraum: Anfang März 2020 bis Anfang Juni 2021). Die Ursachenforschung: kompliziert. Die vorläufigen Ergebnisse: aufwühlend.

Vorbemerkung zum besseren Verständnis: In diesem Text kommen keine absoluten Zahlen vor, sondern nur relative – Infektionen und Todesfälle werden immer in Prozent angegeben oder hoch- beziehungsweise heruntergerechnet auf einen Wert pro 100.000 Einwohner. Grund: Im Ostalbkreis gab es (Stand Anfang Juni) 395 Corona-Todesfälle, im Stadtkreis Stuttgart 390, im Rems-Murr-Kreis 354 – diese absoluten Zahlen sagen für sich genommen aber wenig aus. Denn die Kreise sind verschieden groß. Ostalbkreis: etwa 314.000 Einwohner; Rems-Murr-Kreis: rund 427.000; Stadtkreis Stuttgart: ungefähr 636.000 (jeweils nach dem Statistischen Landesamt, Stand 31. Dezember 2019). Wie deutlich höher das Corona-Sterberisiko im Ostalbkreis war, erschließt sich erst, wenn man Todesfälle und Einwohnerzahl ins Verhältnis setzt. 

Zu viele Corona-Tote im Ostalbkreis: Erste Annäherung an das Phänomen

Die Coronakrise wird in unserer Gegend überall ungefähr gleich hart zugeschlagen haben; dachten wir. Größere Unterschiede zwischen Großraum Stuttgart, Remstal, Ostalb? Wohl kaum. In diesem gesamten Bereich herrschen doch allerorten ähnliche Lebensbedingungen. Sicher, es kann kurzzeitig beträchtliche lokale Abweichungen geben, wenn das Virus in einem bestimmten Betrieb, einer einzelnen Schule besonders heftig umgeht – schon ein drastischer Ausbruch in nur einer Kommune kann die Inzidenz im gesamten Kreis vorübergehend nach oben jagen. Aber nach 15 Monaten, dachten wir, wird sich das ja wohl ausgewachsen haben, denn wuchtige Einzeleffekte gab es im Laufe der Pandemie überall.

Und tatsächlich: Wenn wir die Landkreise der Region Stuttgart und dazu den Nachbarn im Osten, den Ostalbkreis, betrachten, stellen wir fest: Die Infektionsrate, gemessen an offiziell bestätigten Diagnosen, ist überall etwa gleich; durchweg haben sich mehr als 4 und weniger als 5 Prozent der Einwohner laborbestätigt angesteckt:

  • Landkreis Böblingen: 4,3 Prozent
  • Stadtkreis Stuttgart: 4,6 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 4,7 Prozent
  • Landkreis Göppingen: 4,9 Prozent
  • Landkreis Esslingen: 4,9 Prozent
  • Landkreis Ludwigsburg: 4,9 Prozent
  • Ostalbkreis: 4,9 Prozent

Aber wie viele derjenigen Menschen, die sich offiziell infiziert haben, sind nach Ansteckung gestorben?

  • Stadtkreis Stuttgart: 1,3 Prozent
  • Landkreis Böblingen: 1,6 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 1,8 Prozent
  • Landkreis Göppingen: 1,8 Prozent
  • Landkreis Ludwigsburg: 1,9 Prozent
  • Landkreis Esslingen: 2,0 Prozent
  • Ostalbkreis: 2,6 Prozent

Im Ostalbkreis haben sich erstens etwas mehr Menschen angesteckt als andernorts; zweitens aber sind deutlich mehr Menschen nach Ansteckung verstorben. Blenden wir beide Effekte ineinander: Corona-Todesfälle pro 100.000 Einwohner im

  • Stadtkreis Stuttgart: 61
  • Landkreis Böblingen: 69
  • Rems-Murr-Kreis: 83
  • Landkreis Göppingen: 90
  • Landkreis Ludwigsburg: 93
  • Landkreis Esslingen: 100
  • Ostalbkreis: 126

Im Ostalbkreis war das Corona-Sterberisiko demnach mehr als doppelt so hoch wie in Stuttgart und mehr als anderthalb mal so hoch wie an Rems und Murr. Warum?

Alte Menschen sind besonders gefährdet - eine vertiefte Betrachtung

Vergleichen wir Äpfel mit Birnen? Jeder weiß doch: Am bedrohtesten in dieser Pandemie waren die Ältesten. Während für Menschen unter 60 die Gefahr, nach Infektion zu versterben, äußerst gering ist, steigt sie in den höheren Altersgruppen dramatisch. Vermutung: Vielleicht leben im Ostalbkreis schlicht mehr alte Menschen.

Check: Durchschnittsalter im

  • Stadtkreis Stuttgart: 42,0 Jahre
  • Ostalbkreis: 43,9 Jahre
  • Rems-Murr-Kreis: 44,3 Jahre

Und wie viele Einwohner sind 75 und älter?

  • Stadtkreis Stuttgart: 10,0 Prozent
  • Ostalbkreis: 10,8 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 11,5 Prozent

Schon jetzt ist die Vermutung damit geplatzt. Aber richten wir zur Vertiefung des Befundes die Lupe auf die Altersgruppe 80 und älter, denn sie ist mit Abstand am stärksten gefährdet. Wie viele von allen Menschen 80 plus haben sich infiziert? Im

  • Stadtkreis Stuttgart: 4,4 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 4,4 Prozent
  • Ostalbkreis: 5,0 Prozent

Wie viele der Infizierten in der Gruppe 80 plus sind nach Ansteckung gestorben? Im

  • Stadtkreis Stuttgart: 15,6 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 18,6 Prozent
  • Ostalbkreis: 23,9 Prozent

Im Ostalbkreis war das Risiko alter Menschen, sich anzustecken, also etwas höher – und das Risiko, den Folgen einer Infektion zu erliegen, klar höher.

Blenden wir nun wieder beide Effekte ineinander. Aber Achtung: In keinem der Landkreise gibt es auch nur annähernd 100.000 Menschen, die 80 und älter sind. Dass wir dennoch die Daten auch in dieser Altersgruppe fiktiv auf „Todesfälle pro 100.000 Einwohner“ hochrechnen, hat zwei Gründe. Erstens: So können wir deutlich erkennen, dass in allen drei Landkreisen diese Altersgruppe im Vergleich zur Gesamtbevölkerung exorbitant stärker gefährdet war. Zweitens: Der Ostalbkreis sticht erneut besonders heraus.

Also – gäbe es in diesen Landkreisen jeweils 100.000 Einwohner 80 plus, dann würden wir für die Zahl der Todesfälle, statistisch betrachtet, folgendes Bild erhalten:

  • Stadtkreis Stuttgart: 685
  • Rems-Murr-Kreis: 816
  • Ostalbkreis: 1195

Noch einmal die Frage: Warum?

So nicht! Geplatzte Vermutungen, untaugliche Erklärungsmodelle

Als gesundheitlicher Risikofaktor in der Coronakrise gilt laut mehreren Studien Migrationshintergrund. Vermutung: Vielleicht hat der Ostalbkreis mehr Migranten und deshalb höhere Corona-Sterblichkeit?

Check: Der Anteil von Menschen ausländischer Staatsbürgerschaft beträgt im

  • Ostalbkreis: 11,2 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 16,2 Prozent
  • Stadtkreis Stuttgart: 25,0 Prozent

Der Kreis mit den meisten Toten hat die wenigsten Migranten. Vermutung geplatzt.

Ein weiterer Risikofaktor ist sozio-ökonomische Benachteiligung. Vermutung: Vielleicht gibt es im Ostalbkreis mehr Menschen, die unter Armut, Arbeitslosigkeit, prekären Lebensverhältnissen leiden?

Check: Arbeitslosenquote im

  • Ostalbkreis: 3,7 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 4,3 Prozent
  • Stadtkreis Stuttgart: 5,3 Prozent

Im Ostalbkreis gibt es übrigens prozentual auch die wenigsten Grundsicherungsempfänger. Vermutung geplatzt.

Mail ans Landratsamt Ostalbkreis: „Gibt es aus Ihrer Sicht Erklärungsmodelle?“ Antwort: „Der Ostalbkreis hat eine hohe Dichte an Alten- und Pflegeheimen. Es gab vereinzelt größere Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen im Ostalbkreis und bedauerlicherweise auch Tote.“ Wir wissen, dass die Menschen in Altenheimen besonders gefährdet waren, weil sich hier zwei Risikofaktoren gegenseitig verstärkten: erstens starke Gesundheitsgefahr durch hohes Alter, zweitens starke Ansteckungsgefahr durch Beieinanderleben auf engem Raum.

Vermutung: Vielleicht leben im Ostalbkreis mehr Menschen in Altersheimen?

Check: Zahl der Pflegeplätze pro 10.000 Einwohner im

  • Stadtkreis Stuttgart: 88
  • Rems-Murr-Kreis: 99
  • Ostalbkreis: 99

Es sind also zwar etwas mehr als in Stuttgart (kein Wunder – dort leben schlicht weniger alte Leute), aber nicht mehr als im Rems-Murr-Kreis. Vermutung geplatzt.

Führt die Spur in die Altenheime? Eine Spekulation

Vermutung: Waren vielleicht die Ostalb-Pflegeheime schlechter geschützt und deshalb stärker von Infektionsausbrüchen betroffen als die im Rems-Murr-Kreis?

Anfrage ans Landratsamt Rems-Murr-Kreis: „Wie viele der Corona-Todesfälle ereigneten sich in Altenheimen?“ Antwort: „Die Frage können wir nur mit unverhältnismäßig großem Aufwand klären.“ Info aus dem Landratsamt Ostalbkreis: Es lasse „sich (ohne einen sehr großen Aufwand) nicht nachvollziehen, ob die höhere Anzahl der Verstorbenen auf die Ausbrüche in den Alten-und Pflegeheimen zurückzuführen ist.“ Hier wie dort: Offenbar weiß niemand – oder will niemand so genau wissen –, ob der Schutz der Altenheime vor Ort nun vergleichsweise gut oder schlecht war.

Für den Rems-Murr-Kreis gibt es zumindest grobe Angaben aus der ersten und der Anfangsphase der zweiten Welle: Etwa die Hälfte aller Corona-Verstorbenen hatte in Altenheimen gelebt; ein düsterer Befund. In der dritten Welle entspannte sich die Lage, da bis März die Altenheime durchgeimpft waren. Wie aber war es im Ostalbkreis? Womöglich noch dramatischer? Wir wissen es nicht. Die Vermutung können wir weder bestätigen noch widerlegen.

Führt die Spur in die Kliniken? Noch eine Spekulation

Vermutung: Könnte es sein, dass die klinische Versorgung im Ostalbkreis schlechter ist? Wurden von denjenigen Menschen, die stationär aufgenommen und intensivmedizinisch betreut werden mussten, weniger gerettet als andernorts? Es gibt dazu im Datenmaterial ein Detail, das aufhorchen lässt: Nicht nur in der anfälligsten Altersgruppe 80 plus war die Gefahr, nach Infektion zu versterben, im Ostalbkreis höher – in der widerstandsfähigeren Altersgruppe 60 bis 79 zeigt sich dasselbe Phänomen.

Von all jenen Frauen zwischen 60 und 79 Jahren, die sich infiziert hatten, starben im

  • Rems-Murr-Kreis: 2,0 Prozent
  • Stadtkreis Stuttgart: 2,1 Prozent
  • Ostalbkreis: 3,4 Prozent

Von all jenen Männern zwischen 60 und 79 Jahren, die sich infiziert hatten, starben im

  • Stadtkreis Stuttgart: 4,2 Prozent
  • Rems-Murr-Kreis: 4,9 Prozent
  • Ostalbkreis: 6,5 Prozent

Corona-Todesfälle Frauen der Gruppe 60 bis 79, wieder fiktiv hochgerechnet pro 100.000 in der Alterskohorte:

  • Stadtkreis Stuttgart: 61
  • Rems-Murr-Kreis: 62
  • Ostalbkreis: 96

Corona-Todesfälle Männer der Gruppe 60 bis 79, fiktiv hochgerechnet pro 100.000 dieser Alterskohorte:

  • Stadtkreis Stuttgart: 150
  • Rems-Murr-Kreis: 163
  • Ostalbkreis: 204

Die Unterschiede bei der Gruppe der zwar Älteren, aber nicht ganz Alten sind auffällig groß – kann es sein, dass die klinische und intensivmedizinische Struktur im Stadtkreis Stuttgart (ein Ballungsraum guter Krankenhäuser) und im Rems-Murr-Kreis (seit dem Neubau in Winnenden und der konzeptionellen Neuausrichtung stark aufgestellt) schlichtweg besser gerüstet ist, um mit schweren Fällen umzugehen?

Auch diese Vermutung können wir momentan weder absichern noch entkräften.

Wir sind am Ende der Recherche angekommen – das Ergebnis: eindeutig und vage zugleich. Der Befund, dass das Corona-Sterberisiko im Ostalbkreis klar höher war, ist unabweislich; die Ursachenforschung hat noch nicht einmal richtig begonnen.

Im Ostalbkreis war die Gefahr, an Corona zu sterben, klar größer als im Rems-Murr-Kreis – wie ist es zu erklären, dass wir vergleichsweise glimpflich davonkamen und die Nachbarn so schwer getroffen wurden? Dieser Recherche über ein tödliches Rätsel liegen Daten des Statistischen Landesamtes und des Robert-Koch-Instituts zugrunde (Daten-Zeitraum: Anfang März 2020 bis Anfang Juni 2021). Die Ursachenforschung: kompliziert. Die vorläufigen Ergebnisse: aufwühlend.

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