Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Chefarzt warnt vor Querdenker-Unvernunft, Kliniken bekommen Infektionsstation

Infektionsstation
Erster Baggerbiss für den Bau der neuen Infektionsstation am Klinikum Winnenden: 72 Corona-Patienten wird die Station aufnehmen können – im Januar soll sie bezugsfertig sein. Auf dem Foto von links: Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel als Baggerfahrer, daneben der Winnender Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Landrat Richard Sigel. © Benjamin Büttner

Wir müssen uns auf einen langen Corona-Winter einstellen, er könnte sich hinziehen bis Ostern, und Querdenkerei wird daran gewiss nichts ändern: Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: In den Rems-Murr-Kliniken herrscht Zuversicht – die Ausgangslage in diesem Herbst ist weit besser als im Frühjahr; aus mehreren Gründen.

Rückblende in den März: Dem Personal drohte die Schutzausrüstung auszugehen, die Verantwortlichen hangelten sich von Woche zu Woche durch, windige Geschäftemacher mailten überteuerte Angebote herum. Weil unklar war, ob die Krankenhausbetten reichen würden, kümmerte der Landkreis sich um Ausweichkapazitäten im Großaspacher Hotel Sonnenhof. Um die Stationen für den Corona-Ansturm leerzuräumen, verschoben die Ärzte nicht ganz so dringliche Operationen. Und da Mediziner und Pfleger noch wenig wussten über die neuartige Krankheit, beschafften sie sich das verzweifelt nötige Erfahrungswissen über WhatsApp bei italienischen Kollegen.

Findigkeit, Improvisationstalent, manchmal regelrechte Schläue: Das trug uns durch den Frühling. Jetzt gischtet die zweite Welle hoch – aber vieles ist diesmal grundstürzend anders.

Kampf gegen Corona: Die neue Infektionsstation, mehr als ein Provisorium

Noch mal beim Sonnenhof anklopfen? Von wegen. Für rund sechs Millionen Euro ziehen die Rems-Murr-Kliniken nun eine Infektionsstation hoch, Anfang Januar soll sie bezugsfertig sein, mit 72 Betten; 72 „vollwertigen Betten“, die auch „anderweitig nutzbar“ sind, wie Marc Nickel schwärmt, der Geschäftsführer der Rems-Murr-Kliniken. De facto handelt es sich also fast um so etwas wie eine Klinikerweiterung auf dem kleinen Dienstweg. Formal ist von einer „Interimsstation“ die Rede, aber Provisorium geht anders: Dies sind, sagt Landrat Richard Sigel, „keine Betten, die übermorgen wieder abgebaut werden“, mit ihnen werde auf „fünf Jahre“ geplant.

All das ist mit dem Sozialministerium „abgestimmt“, mit einer nachträglichen Finanzierung oder wenigstens Teilfinanzierung durch das Land ist also zu rechnen.

Der große Vorteil dieser Lösung: Corona-Patienten und andere Kranke sind damit säuberlich getrennt. Neben der Pandemie-Lage gibt es weiter den Normalbetrieb.

„Materialknappheit ist diesmal kein Thema“, sagt Dr. Torsten Ade, Chefarzt der Interdisziplinären Notaufnahme in Winnenden. Es gibt genug Schutzausrüstung, Masken, Antigen-Schnelltests. Geschäftsführer Nickel präzisiert: Das eingelagerte Material hat „sechs Monate Reichweite“, bis Mai.

Corona in den Kliniken: Mit mehr Intensivpatienten ist zu rechnen

Derzeit denken die Kliniken noch nicht daran, das sogenannte „Elektivprogramm“ – Operationen, die nicht einer akuten Not geschuldet sind und sich deshalb verschieben lassen – herunterzufahren. Ade: „Wir haben uns nicht in ein Corona-Krankenhaus verwandelt. Wir sind positiv gestimmt, dass es weiter stabil laufen wird.“ Und für das Personal ist Covid keine unbekannte Krankheit mehr: Im Frühjahr sammelten die Mediziner Erfahrungen und entwickelten ein Wissen, das jetzt wertvoll ist.

Die Kliniken „sind gut vorbereitet“ für den Fall, dass sich die Lage verschärfen sollte, sagt Dr. Angela Rothermel, Leitende Ärztin der Notaufnahme in Schorndorf. „Wir haben Luft nach oben.“ Falls sich doch im Lauf des Herbstes Enge anbahnen sollte, ließe sich das Elektivprogramm ausdünnen, eine Notreserve zusätzlicher Intensivbetten aufstellen – und ab Januar gibt es die Infektionsstation. Die Rems-Murr-Kliniken sind mehrere „Eskalationsstufen“ vom Überlastungsszenario entfernt.

61 Intensivbetten gibt es in den Rems-Murr-Kliniken – derzeit sind 34 belegt, 15 von ihnen mit schwer erkrankten Corona-Patienten. Sechs der Betroffenen müssen beatmet werden. Angela Rothermel hat beobachtet: Als sich Anfang Oktober die zweite Welle hochschaukelte, waren vor allem Patienten „unter 60“ betroffen, das Virus hatte sich noch keinen breiten Weg zu den Älteren gebahnt. Während der ersten Welle, erinnert Ade, sei das ganz anders gewesen, „viel mehr Ältere“ seien damals erkrankt.

Aber derzeit, sagt Rothermel, zeichnet sich ab, dass die Situation kippen könnte. Und damit, folgert Ade, werde es „fast zwangsläufig“ mehr schwer Kranke geben, die eine Intensivbehandlung brauchen.

Diese zweite Welle, sagt Marc Nickel, „wird aus unserer Sicht andauern bis Ostern, locker“. So ähnlich kalkuliert auch Landrat Richard Sigel: „Wir werden das den Winter über nicht ganz loswerden.“

Corona und die Querdenker: Ein klares Wort vom Chefarzt

„Kontaktvermeidung“ sei „der Dreh- und Angelpunkt“, um die Verbreitung des Virus zu bremsen, sagt Ade. Er findet: Die Regeln des Teil-Lockdowns haben eine „innere Logik“. Neue Studien zur ersten Welle wiesen darauf hin, dass „viele Übertragungen im Bereich der Gaststätten, Bars und Fitness-Studios“ stattfanden. Natürlich handle es sich um eine „unsichere Datengrundlage“ – umso sinnvoller sei es, sich auf das zu stützen, „was wir sicher wissen“: Leute, die einander nicht begegnen, können einander nicht anstecken.

Und auch die Maske helfe, betont Ade. Wer zwanghaft oben ohne gehen wolle, fühle sich vielleicht „sehr frei“, schränke aber „die Freiheit der anderen massiv ein“: Sie werden dadurch gefährdet. Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel ergänzt: Es gehe beim Kampf gegen das Virus darum, „an einem Strang zu ziehen“ – und „die Querdenker ziehen in die falsche Richtung.“

Wir müssen uns auf einen langen Corona-Winter einstellen, er könnte sich hinziehen bis Ostern, und Querdenkerei wird daran gewiss nichts ändern: Das ist die schlechte Nachricht. Die gute: In den Rems-Murr-Kliniken herrscht Zuversicht – die Ausgangslage in diesem Herbst ist weit besser als im Frühjahr; aus mehreren Gründen.

Rückblende in den März: Dem Personal drohte die Schutzausrüstung auszugehen, die Verantwortlichen hangelten sich von Woche zu Woche durch, windige Geschäftemacher

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