Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Senioren in doppelter Not - bestürzend hohes Sterberisiko, drohende Vereinsamung

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Altenpflegeheime müssen in der Corona-Krise einen Spagat meistern, damit die Bewohner körperlich gesund bleiben, ohne sich total abgeschottet fühlen zu müssen. Das Bild zeigt ein Zimmer im Korber Heim des Alexanderstifts. © Hardy Zürn

Wie gefährlich das Coronavirus für ältere Menschen ist, zeigen nicht nur vier Todesfälle, die seit Beginn der zweiten Welle im Awo-Pflegeheim „An den Weinbergen“ in Geradstetten zu beklagen sind – auch internationale Studien und Daten aus dem Landkreis fördern Dramatisches zutage: Sie entlarven den Vergleich mit dem Grippevirus als grausam unangemessen und zynisch. Hinzu kommt die drohende Vereinsamung im Lockdown.

Corona und Senioren: Warum die Gratwanderung so schwierig ist

Der Umgang mit dem Virus ist eine Gratwanderung. Die älteren Menschen zu schützen, ist richtig und notwendig. Doch für Waltraud Bühl geht es auch um Lebensqualität. Mit Schrecken denkt die Vorsitzende des Kreisseniorenrats ans Frühjahr zurück. Ihr damaliger Appell, die rigiden Kontaktbeschränkungen für die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen mit „Herz und Verstand“ zu lockern, bleibt weiter dringlich.

In den 21 Alexanderstiften der Diakonie Stetten können Besuche von Angehörigen unter Einhaltung aller nötigen Schutzmaßnahmen und entsprechend der Corona-Verordnung stattfinden. Allerdings nur eingeschränkt und nach telefonischer Absprache und Anmeldung vorab. Ein spontanes Bsüchle bei der Mutter, ein kurzer Abstecher mit einem Stück Torte zum Opa ist nicht gewünscht und möglich.

Die Situation stellt sich derzeit noch nicht so schlimm dar wie im Frühjahr beim ersten Lockdown. Doch die ältere Generation hat sich von den damaligen Einschränkungen oft noch gar nicht erholt, sagt Waltraud Bühl. Viele Senioren leiden bis heute darunter, dass sie wochenlang, ja monatelang keine Besuche hatten und in den Heimen quasi unter Kontaktsperre standen.

Corona und Fitness: Was tun gegen das Einrosten?

Seit Sommer, erzählt Bühl, habe sie es endlich geschafft, in Weinstadt ihre Bewegungskurse des Roten Kreuzes „wieder hochzupäppeln“. Die Senioren trauten sich wieder aus dem Haus und mischten sich unter die Leute. Zumindest einmal in der Woche für eine Stunde. Und jetzt der neuerliche Lockdown und das erneute Ende der Kurse. Waltraud Bühl befürchtet, dass sich die Senioren nun womöglich für immer „in der Einsamkeit einrichten“.

Bewegung sei für ältere Menschen das A  und  O. Nach dem Lockdown waren viele von ihnen eingerostet. Es hat Wochen gedauert, bei den Kursen die Gelenke wieder beweglich zu machen. Nun ist schon wieder Schluss. Grundlos, glaubt Waltraud Bühl. Denn es handele sich ja nicht um Sport, niemand gerate ins Schwitzen; und der Abstand werde gewahrt. Bühl verweist auf die Gedächtnistrainings des DRK, die stattfinden dürfen.

Während des Lockdowns im Frühjahr ist Bühl mit Musikern vor die Alten- und Pflegeheime gezogen und hat den Bewohnern aufgespielt. Die Fenster wurden weit geöffnet, damit auch die ans Bett gefesselten Senioren etwas mitkriegten. Nun, in der kalten Jahreszeit, seien solche Ständchen im Freien leider nicht mehr möglich. Die Heime zeigen sich auch nicht bereit, die Musiker in die Foyers zu lassen, bedauert Waltraud Bühl. Gerade in der Adventszeit, gewöhnlich eine Zeit des geselligen Zusammenrückens, befürchtet Bühl, dass sich eine große Leere ausbreitet.

„Die Senioren sitzen da wie ein Häuflein Elend“: Bühl appelliert an ein „erträgliches Miteinander“, das nicht auf Kosten der Alten geht. Nur den Kopf schütteln kann sie deshalb über Vorschläge wie die des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer. Der gebürtige Remstäler rief die Senioren auf, auf Fahrten mit dem Bus zu verzichten. „Was tut man den Menschen an!“, empört sich die Seniorenrätin.

Corona und der Spagat: Wie Heime dennoch Besuche ermöglichen

Von den Heimen wird ein Spagat verlangt. Einerseits sollen Bewohner und das Personal vor Infektionen geschützt werden, andererseits dürfen Senioren nicht abgeschottet werden. Ein solcher Spagat wird in den 21 Heimen des Alexanderstiftes versucht. „Nach wie vor können Besuche von Angehörigen unter Einhaltung aller nötigen Schutzmaßnahmen und entsprechend der Corona-Verordnung für Pflegeeinrichtungen in unseren Gemeindepflegehäusern und Seniorenzentren stattfinden“, teilt die Diakonie Stetten mit, zu der der Alexanderstift seit 2008 gehört.

Um die Besuchszeiten besser koordinieren zu können und um die Personenkontakte in den Häusern zu reduzieren, werden die Angehörigen um telefonische Absprache und Anmeldung vorab gebeten. „Unsere Mitarbeitenden planen die Besuche in einem speziell ausgewiesenen Besucherbereich und stimmen diese dann je nach Anmeldung zeitlich ab.“ Besuche auf den Zimmern der Bewohner könnten nur in Ausnahmefällen, wie beispielsweise in einer Palliativsituation oder bei Bewohnern, die nicht mobil sind, stattfinden. Pro Tag dürften Bewohner nur von zwei Personen besucht werden.

Das Alexanderstift unterhält 21 Heime, in denen 740 Senioren in Pflege-Einrichtungen und 210 im betreuten Wohnen leben. Die zwölf Pflegeheime im Rems-Murr-Kreis sind von Corona-Infektionen verschont geblieben, teilt die Diakonie auf Anfrage mit. Allerdings wurden in einem Gemeindepflegehaus im Landkreis Ludwigsburg nach einer Ansteckung die Besuchsmöglichkeiten vorerst ausgesetzt. „Für eine solche Maßnahme zum Schutz der Bewohner und Mitarbeiter müssen wir die Angehörigen um Verständnis bitten, wohlwissend, dass es für sie nicht leicht ist.“

Wenn es hier im Rems-Murr-Kreis zu einem weiteren Fall kommen sollte, würde das Alexanderstift die notwendigen Maßnahmen eng mit dem Gesundheitsamt abstimmen und gegebenenfalls die Besuchsregelungen anpassen.

In den Rems-Murr-Kliniken in Schorndorf und Winnenden gelten die Besuchsregelungen vom Sommer. Noch. Jeder Patient darf zwei Personen benennen, die ihn während des Krankenhausaufenthaltes in der Zeit zwischen 14 und 19 Uhr besuchen dürfen. Und zwar für maximal eine Stunde.

Der Krisenstab der Kliniken werde aber reagieren, wenn die Ansteckungsgefahr steigen sollte, erklärt eine Sprecherin der Krankenhäuser. Während des Lockdowns im Frühjahr hatten die beiden Krankenhäuser die Tore komplett heruntergelassen.

Die Kontaktsperre war bei vielen Angehörigen von Patienten auf Unverständnis gestoßen. In Einzelfällen kam es beinahe zu Krawallen, als sie nicht einmal sterbende Angehörige ein letztes Mal sehen durften.

Corona und das Sterberisiko: Erschütternde Statistiken

Dass Corona vor allem für ältere Menschen, bei denen sich naturgemäß die Vorerkrankungen häufen und als zusätzliche Risikofaktoren zu Buche schlagen, gefährlich ist, hat sich herumgesprochen – mittlerweile aber liegen detailliertere Daten vor, die diese noch recht pauschale Aussage präzisieren. Die Ergebnisse sind verstörend und zeigen: Die Behauptung, dass eine Covid-Erkrankung nicht dramatischer sei als eine mittelschwere Grippe, ist – zumindest, was die Senioren betrifft – schlimmer Unsinn.

Eine Forschergruppe um Andrew Levin hat zu dem Thema eine sogenannte Metastudie erstellt, eine Erhebung also, die viele Einzelarbeiten auswertet und zusammenfasst. In die Metastudie gingen Daten aus zwei Dutzend hoch entwickelten Ländern von Schweden bis Südkorea, Frankreich bis Kanada, Australien bis zu diversen Bundesstaaten der USA ein.

Diese Erkenntnisse kann man vergleichen mit den Befunden des Centers for Disease Control and Prevention (Zentrum für Krankheitskontrolle und Vorbeugung), einer Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministeriums – sie ermittelte das Sterberisiko in den USA nach Influenza-Infektion. Ergebnisse:

  • Bis zum Alter von 44 Jahren ist das Sterberisiko nach Corona-Infektion sehr niedrig, es liegt bei allenfalls 0,05 Prozent. Ein Todesfall unter 2000 Infizierten: Das ist ungefähr vergleichbar mit Influenza, also der Grippe.
  • Für Menschen zwischen 45 und 54 Jahren liege das Risiko, nach Corona-Ansteckung zu sterben, bereits bei 0,2 Prozent und für die Altersgruppe 55 bis 64 gar bei 0,7 Prozent – und damit drei- bis zehnmal so hoch wie der Wert von 0,06 Prozent, den die Influenza-Studie für die Alterskohorte 50 bis 64 angibt.
  • In der Altersgruppe 65 bis 74 liegt das Sterberisiko nach Corona-Infektion bei 1,3 Prozent, in der Gruppe 75 bis 84 bei 7,6 Prozent, in der Kohorte Ü 85 bei 25 Prozent. Die Influenza-Studie hingegen fasst diese Altersklasse pauschal unter „älter als 65“ zusammen und gibt ein Sterberisiko von 0,8 Prozent an.

Die Metastudie fasst zusammen: Corona ist fast immer ungefährlich für junge Leute, aber „gefährlich“ – sprich: deutlich gefährlicher als Influenza – „für Menschen mittleren Alters“; und „extrem gefährlich“ – sprich: sehr viel gefährlicher als Influenza – „für ältere Menschen“.

Corona, Altenheime und die Lage im Rems-Murr-Kreis

In eine ähnliche Richtung weisen die Zahlen aus dem Rems-Murr-Kreis. Hier die Statistik seit Ausbruch der Corona-Krise Anfang März (Datenstand 4. November):

  • Altersgruppe 0 bis 50: kein einziger Todesfall im Landkreis, und das bei 2542 diagnostizierten Infektionen seit März!
  • Altersgruppe 51 bis 60: 2 Todesfälle bei 669 diagnostizierten Ansteckungen. Sterberisiko nach Infektion: 0,3 Prozent.
  • Altersgruppe 61 bis 70: 13 Todesfälle bei 315 diagnostizierten Ansteckungen. Sterberisiko nach Infektion: 4,1 Prozent.
  • Altersgruppe 71 bis 80: 22 Todesfälle bei 231 diagnostizierten Ansteckungen. Sterberisiko nach Infektion: 9,5 Prozent.
  • Altersgruppe Ü 80: 64 Todesfälle bei 289 diagnostizierten Ansteckungen. Sterberisiko nach Infektion: 22,1 Prozent.

Sicher muss man von einer Dunkelziffer bei den Infektionen ausgehen – nicht alle wurden wohl überhaupt bemerkt und per Test bestätigt; denn auch bei älteren Menschen kann es symptomarme Verläufe geben. An der Wucht der Tendenz indes ändert das nichts Grundsätzliches.

Zur derzeitigen Lage im Rems-Murr-Kreis teilte Martina Keck, Pressesprecherin des Landratsamtes, am Mittwoch um 15 Uhr mit: „Aktuell nimmt leider auch die Zahl der Infektionen in Einrichtungen der Seniorenpflege und der Behindertenhilfe spürbar zu. Neben der Diakonie Stetten mit bisher rund 40 Infektionen“ ist vor allem das Awo-Heim in Remshalden „mit insgesamt 18 Infektionen bei Bewohnern und Mitarbeitern im Fokus. Darüber hinaus gibt es aktuell laut unserer Kenntnis kleinere Häufungen oder einzelne Infektionen in fünf weiteren Einrichtungen im Rems-Murr-Kreis. Die Zahlen können sich allerdings stündlich ändern.“

Um 16 Uhr kam das Update aus dem Krisenstab: Mittlerweile gebe es in noch zwei weiteren Heimen Corona-Fälle.

Wie gefährlich das Coronavirus für ältere Menschen ist, zeigen nicht nur vier Todesfälle, die seit Beginn der zweiten Welle im Awo-Pflegeheim „An den Weinbergen“ in Geradstetten zu beklagen sind – auch internationale Studien und Daten aus dem Landkreis fördern Dramatisches zutage: Sie entlarven den Vergleich mit dem Grippevirus als grausam unangemessen und zynisch. Hinzu kommt die drohende Vereinsamung im Lockdown.

Corona und Senioren: Warum die Gratwanderung so schwierig

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