Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Wie schlimm ist die dritte Welle wirklich?

Krankenhaus Schorndorf Einweihung interdisziplinaere Intensivstation
Blick in die Intensivstation der Schorndorfer Klinik. © Habermann

Die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis liegt derzeit (Montag, 29. März) wieder weit über 100. Aber was bedeutet das – ist es wirklich so schlimm, wie es aussieht? Oder verzerren statistische Effekte wie zum Beispiel steigende Testzahlen das Bild? Versuch einer differenzierten Interpretation der ziemlich schockierenden März-Daten.

Wie hat sich die Inzidenz im März 2021 entwickelt?

Noch nie seit Beginn der Pandemie im März 2020 gab es im Rems-Murr-Kreis eine derartig stürmische Infektionsdynamik wie derzeit.

  • Dritte Welle: Am 15. März lag die Inzidenz noch bei moderaten 49. Zwei Wochen später, am 28. März, hatte der Wert sich verdreifacht, auf 146.
  • Erste Welle: Eine Inzidenz von 49 war am 25. März 2020 erreicht. Zwei Wochen später, am 7. April, lag der Wert bei 75.
    Kurz zuvor war er zwar bereits leicht über 80 gegangen, aber danach sank die Inzidenz bereits wieder stetig.
  • Zweite Welle: Die Inzidenz 49 war nach ruhigen Sommermonaten am 14. Oktober 2020 wieder erreicht. Zwei Wochen später, am 27. Oktober, lag der Wert bei 110.

Wie ist die aktuelle Inzidenz am 29. März?

Am Montag, 29. März, hat das Landratsamt eine Inzidenz – also Neu-Infektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – von 142 gemeldet. Der Wert ist also gegenüber dem Vortag leicht gesunken. Grund: Diesen Montag wurden 36 Ansteckungen neu verzeichnet und in die 7-Tage-Bilanz einbezogen, während die 48 vom Montag vor einer Woche aus der Kalkulation herausfielen. Eine gute Nachricht? Nicht mehr als eine Momentaufnahme.

Liegt der März-Anstieg vielleicht bloß daran, dass derzeit viel getestet wird?

Zum Teil. Eine genaue Anzahl aller PCR- Tests, auch der negativen, liegt uns für den Rems-Murr-Kreis nicht vor. Behelfen wir uns also mit den Deutschland-Daten des Robert-Koch-Instituts, die momentan bis zu Kalenderwoche 11 erfasst sind:

  • KW 9 (1.-7. 3.): 1,14 Millionen Tests
  • KW 10 (8.-14. 3.): 1,27 Millionen Tests
  • KW 11 (15.-21. 3.): 1,35 Millionen Tests

Mehr Tests, mehr Positivdiagnosen: klar. Besorgniserregend ist aber Folgendes:

  • KW 9: rund 6,2 Prozent der Tests positiv
  • KW 10: rund 6,7 Prozent der Tests positiv
  • KW 11: rund 8 Prozent der Tests positiv

Es gibt also nicht nur mehr Tests – auch der Anteil der Treffer steigt.

Allerdings: Wir haben ja nicht nur PCR-Tests, den Goldstandard bei der Diagnostik. Auch Schnelltests finden immer weitere Verbreitung. Sie offenbaren binnen weniger Minuten – wenn auch mit einer gewissen Fehleranfälligkeit –, ob jemand aktuell ansteckend ist. Wer einen Alarmbefund erhält, bei dem schließt sich oft ein genauer PCR-Test an. Dank der vorgeschalteten Schnelltests gelangen also zusehends auch Angesteckte mit in die Statistik, bei denen die Infektion symptomlos verläuft und die deshalb früher vermutlich gar keinen PCR-Test gemacht hätten. Wir haben unsere Suche nach Infizierten verfeinert – und dadurch ein genaueres Lagebild, eine geringere Dunkelziffer als während der zweiten und erst recht der ersten Welle. Sprich: Die Steilheit der dritten Welle ist relativierungsbedürftig. Dürfen wir uns also entspannen? Alles halb so wild? Leider nein.

Liegt der Anstieg auch daran, dass die britische Mutante umgeht?

Natürlich. Die britische Mutante hat das Ursprungsvirus mittlerweile weitgehend abgelöst. Man geht davon aus, dass B.1.1.7 etwa um den Faktor 1,4 ansteckender, also fast anderthalb mal so infektiös ist. Das bedeutet:

  • Wenn das alte Virus in einem Zeitraum von, sagen wir, einer Woche zum Beispiel 50 Leute angesteckt hat, sind es beim neuen Typus 70.
  • Und wenn beim alten Virus jeder Infizierte binnen einer Woche einen weiteren Menschen ansteckt, kommen 50 weitere hinzu; macht insgesamt 100. Bei der Mutante hingegen kommen zu den 70 weitere 98; macht insgesamt bereits 168.
  • Beim Ursprungsvirus generieren die 50 Neu-Ansteckungen weitere 50 - macht insgesamt 150. Bei der Mutante kommen zu den 98 Neu-Ansteckungen hingegen weitere 137 - macht insgesamt 305.
  • Und so weiter, Man kann sich ausmalen, in welchem Tempo die beiden Zahlenreihen immer krasser auseinanderklaffen.

Wie tödlich wird die dritte Welle?

Das wissen wir noch nicht, denn hier wirken zwei gegenläufige Effekte. Einerseits: Die allergefährdetste Gruppe – alte Menschen, die in Pflegeheimen nahe beieinander leben – ist mittlerweile im Rems-Murr-Kreis durchgeimpft. Das wird die tödliche Wucht der dritten Welle dämpfen. Andererseits: Mehrere Studien aus Großbritannien legen nahe, dass bei der britischen Variante das Risiko, innerhalb von 28 Tagen nach der Infektion zu versterben, um 58 bis 67 Prozent höher ist als beim klassischen Virus. Das würde bedeuten: Bei gleicher Zahl von Infektionen sterben nun drei Patienten statt früher zwei; oder 300 statt 200.

Wann wissen wir darüber mehr?

Erst mehrere Wochen nach dem sprunghaften Ansteigen der Inzidenz häufen sich auch die Todesfälle. Das war so in der ersten wie in der zweiten Welle. Grund: Vom Zeitpunkt der Infektion bis zur womöglich tödlichen Zuspitzung vergeht einige Zeit.

Im gesamten März gab es bislang nur acht Todesfälle nach Infektion: Ergebnis der niedrigen Inzidenz von Anfang Februar bis Mitte März. Mit gravierend mehr Toten ist wohl ab Mitte April zu rechnen. Wie heftig die Sterbewelle ausfallen wird, ist momentan schwer absehbar.

Wie ist die Lage in unseren Kliniken?

Noch im grünen Bereich. Derzeit befinden sich 31 Covid-Patienten in den Rems-Murr-Kliniken, sechs davon auf der Intensivstation. Dank der neuen Infektionsstation gibt es jenseits der bisherigen Kapazitäten 76 weitere Betten. Für schwere Fälle stehen mehr als 30 Beatmungsplätze sofort zur Verfügung; weitere 60 bis 70 können bei Bedarf recht schnell eingerichtet werden.

Die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis liegt derzeit (Montag, 29. März) wieder weit über 100. Aber was bedeutet das – ist es wirklich so schlimm, wie es aussieht? Oder verzerren statistische Effekte wie zum Beispiel steigende Testzahlen das Bild? Versuch einer differenzierten Interpretation der ziemlich schockierenden März-Daten.

Wie hat sich die Inzidenz im März 2021 entwickelt?

Noch nie seit Beginn der Pandemie im März 2020 gab es im Rems-Murr-Kreis eine derartig

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