Rems-Murr-Kreis

Corona im Rems-Murr-Kreis: Wie schlimm ist es wirklich? Diese drei Gradmesser helfen uns, die Lage zu beurteilen

Mutmacher Kittel
Zugang zur Intensivstation im Rems-Murr-Klinikum Winnenden. © Benjamin Büttner

Die Infektionszahlen im Rems-Murr-Kreis sind weiterhin besorgniserregend hoch – aber das ist nicht der einzige Gradmesser, der uns hilft, die aktuelle Lage zu beurteilen. Es gibt zwei weitere wichtige Aspekte: Wenn wir sie unter die Lupe nehmen, dürfen wir ganz leise Zuversicht schöpfen. Zumindest fürs Erste.

Dies sind die drei Schlüssel-Indikatoren zur Bewertung der Situation - erst, wenn wir sie wie Puzzlesteine zu einem Gesamtbild verfugen, gewinnen wir einen differenzierten Eindruck:

  • Wie viele Menschen werden derzeit coronapositiv getestet?
  • Wie stark ist die Altersgruppe Ü60 betroffen und wie tief ist das Virus bereits wieder in die Alten- und Pflegeheime eingedrungen?
  • Wie nahe sind unsere Kliniken der Auslastungsgrenze?

Corona - Indikator 1, die Zahl der Infektionen: Hier steht die Ampel auf Rot

Die Inzidenz steht im Rems-Murr-Kreis schon seit Mitte Oktober – und mittlerweile knüppeldick – im roten Bereich: Er beginnt bei 50 Neu-Infektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen; aktuell aber liegt die Inzidenz fast dreimal so hoch, nämlich bei 142 (605 Fälle in der Zeit vom 29. Oktober bis zum 4. November in unserem 426 000 Einwohner zählenden Landkreis).

Es ist obendrein zweifelhaft, ob diese Zahl wirklich belastbar ist. Denn viele Diagnostik-Labore pfeifen aus dem letzten Loch und liefern Testergebnisse erst mit tagelanger Verzögerung.

Abstriche nehmen – das fühlt sich derzeit bisweilen wie Akkord-Maloche an. Allein am vergangenen Wochenende haben das Infektomobil des Landkreises und die Kreisärzteschaft in der Diakonie Stetten eine Reihentestung bei mehr als 130 Leuten abgewickelt. Beeindruckende Leistung – aber, wenn ein sowieso schon an der Überlastungsgrenze entlanghavarierendes Labor auf einen Schlag von mehreren solcher Hotspots die Abstriche kistenweise zugeschickt bekommt, gehen selbst die fleißigsten Auswerter in die Knie.

Deshalb baut der Landkreis derzeit ein eigenes Schnelltestzentrum auf.

Ein Antigen-Schnelltest beantwortet die Frage, ob in einer Abstrich-Probe Corona-spezifische Proteine vorliegen – eine Aussage über die Viruslast erlaubt er im Gegensatz zum feineren, auf Labordiagnostik fußenden PCR-Test nicht. Dafür liegt das Ergebnis bereits nach 15 bis 30 Minuten vor, und es ist zur Auswertung kein Laborgerät erforderlich; man braucht nur geschultes Personal.

Geeignet ist der Schnelltest, um auf einen Schlag viele Leute – auch Menschen, die gar keine Symptome aufweisen – zügig durchzuscannen, zum Beispiel in Schulen oder Altenheimen. Bei den Leuten, die dabei als positiv auffallen, lässt sich dann zur Sicherheit noch ein PCR-Test draufsatteln.

So lassen sich sehr flott Lagebilder für ganze Einrichtungen gewinnen – und die Labore werden entlastet: Der Schnelltest schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe.

Corona - Indikator 2, die Lage in den Heimen: Hier steht die Ampel auf Gelb

Im Frühjahr kam es im Rems-Murr-Kreis zu dramatischen Nöten: In elf der damals 61 Altenheime mit gut 3800 Bewohnerinnen und Bewohnern griff das Virus um sich und forderte 42 Menschenleben.

Es wird im Herbst und im Winter verzweifelt darauf ankommen, derartiges zu verhindern – und zumindest derzeit zeichnen sich solche Tragödien auch noch nicht wieder ab.

Stark betroffen sind momentan zwar die Diakonie Stetten (31 Bewohner und zehn Mitarbeiter infiziert) und das AWO-Heim in Geradstetten (neun Bewohner und sieben Mitarbeiter positiv getestet) – ansonsten aber gebe es in den Rems-Murr-Heimen nur „eine gute Hand voll Einzelfälle“, verteilt aufs ganze Kreisgebiet, sagt Martina Keck, Pressesprecherin des Landratsamts.

Die Lage sei allerdings „volatil“, unbeständig, sie könne sich „stündlich ändern“.

Nicht gut: Das Virus nistet sich derzeit wieder etwas stärker in der besonders gefährdeten Altersgruppe Ü60 ein. Am 16. Oktober befanden sich 245 aktuell Infizierte in Isolation – nur etwa zehn Prozent waren 61 und älter. Stand 4. November waren 758 Angesteckte in Absonderung – gut 15 Prozent von ihnen 61 und älter.

Corona - Indikator 3, die Lage in den Kliniken: Hier steht die Ampel auf Grün

Prognostizieren zu wollen, wohin die Reise geht, wäre „Kaffeesatzleserei“, sagt Monique Michaelis, Pressesprecherin der Rems-Murr-Kliniken – das ist die aktuelle Momentaufnahme: 37 Covid-Infizierte mit stationärem Behandlungsbedarf in unseren Kliniken; aber nur fünf von ihnen sind so heftig erkrankt, dass sie auf der Intensivstation liegen müssen; vier der fünf werden beatmet. Aus den Krisenstäben hört Michaelis: Aktuell sei der Anteil der Infizierten „mit sehr schweren Verläufen geringer, als wir es im Frühjahr teilweise hatten“.

Das ultimative Corona-Schreckens-Szenario tritt ein, wenn Ärzte sich aufgrund fehlender Beatmungsgeräte und Intensivbetten zur Entscheidung gezwungen sehen, wen sie noch bestmöglich behandeln können und wem sie das volle Maß an Hilfe vorenthalten müssen. Solch eine tragische Situation aber blieb den Medizinern im Rems-Murr-Kreis und in ganz Deutschland im Frühjahr erspart – und auch im Herbst sieht es momentan nicht danach aus, als könne es zu einer derartigen Zuspitzung kommen.

Die Zahlen sind eindeutig: 61 Intensivbetten gibt es an den Rems-Murr-Kliniken – aber der Bestand ließe sich innerhalb von kurzer Zeit aufstocken, die Voraussetzungen dafür wurden bereits im März geschaffen. Auf bis zu etwa 90 Beatmungsgeräten können die Rems-Murr-Kliniken im Notfall zurückgreifen. Derzeit sind zwar 44 der 61 Intensivbetten belegt, aber eben größtenteils nicht mit Covid-Patienten.

Ähnlich das Lagebild für ganz Deutschland: Stand 3. November waren rund 21 500 Intensivbetten belegt (davon 2388 mit Corona-Fällen), weitere 7200 Intensivbetten waren noch frei – und es gibt einen schnell aktivierbaren Notpuffer von zusätzlich 12 700 Intensivbetten.

Die Infektionszahlen im Rems-Murr-Kreis sind weiterhin besorgniserregend hoch – aber das ist nicht der einzige Gradmesser, der uns hilft, die aktuelle Lage zu beurteilen. Es gibt zwei weitere wichtige Aspekte: Wenn wir sie unter die Lupe nehmen, dürfen wir ganz leise Zuversicht schöpfen. Zumindest fürs Erste.

Dies sind die drei Schlüssel-Indikatoren zur Bewertung der Situation - erst, wenn wir sie wie Puzzlesteine zu einem Gesamtbild verfugen, gewinnen wir einen differenzierten

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