Rems-Murr-Kreis

Corona: Metall- und Elektroindustrie im Rems-Murr-Kreis befürchtet weitere Entlassungen

südwestmetall
Michael Kempter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr. © Alexandra Palmizi (Archiv)

Die Liquiditätsmaßnahmen des Staates und das große Kurzarbeiterprogramm haben Insolvenzen und Entlassungen bisher verhindert, sagt Michael Kempter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr. Doch das dicke Ende kommt erst noch. Kempter erwartet mit Blick auf die Arbeitsmarktzahlen für den Mai, dass es in absehbarer Zeit auch in den Betrieben in der Metall- und Elektrogruppe zu Kündigungen und Entlassungen kommen wird. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin Winterling.

Herr Kempter*, die Arbeitslosigkeit ist im Mai gestiegen, in vielen Betrieben im Rems-Murr-Kreis wird kurzgearbeitet. Welchen Anteil daran hat die Metall- und Elektroindustrie?

Die Entwicklung bereitet mir große Sorgen. Kurzarbeit ist weiterhin auch in unserer Branche ein großes Thema. Im Land ist rund die Hälfte der Beschäftigten in Kurzarbeit, im Rems-Murr-Kreis ist die Situation vergleichbar. Was das Thema Entlassungen und Arbeitslosigkeit angeht, befürchte ich einen starken Anstieg, sobald die Kurzarbeit nicht mehr greift. Aktuell sind wir hier vor Ort in mehreren Firmen beratend tätig, was das Thema Umstrukturierung und Personalanpassung angeht. Noch sind Kündigungen nicht ausgesprochen, aber das wird die nächsten Wochen und Monate leider unvermeidbar sein. Landesweit rechnet fasst die Hälfte unserer Mitglieder mit betriebsbedingten Kündigungen in den nächsten Monaten.

Ist die gesamte Branche betroffen oder gibt es ein paar Lichtblicke?

Für das Gesamtjahr 2020 rechen die Firmen landesweit derzeit mit einem Umsatzminus von 22 Prozent. Es kommen drei Dinge zusammen: die Transformation, die generell schwierige wirtschaftliche Lage schon vor der Pandemie - und jetzt eben noch „Corona“. Wir haben zwar einige wenige Firmen z.B. im Bereich Medizintechnik, die etwas gegen den Strom schwimmen können, auch eine Firma, die nun temporär auf die Produktion von Spuckschutzscheiben umgestiegen ist - aber das Gros ist von der Krise stark getroffen. Und damit meine ich nicht nur den Bereich Automotive, sondern etwa auch den Maschinenbau.

Wie beurteilen Sie den Export, der in der Metall- und Elektroindustrie im Kreis ja eine große Rolle spielt?

Viele unserer wichtigsten Absatzmärkte wurden besonders heftig von der Corona-Pandemie getroffen, wie etwa die USA, Italien, Frankreich und Großbritannien. Es wird daher noch einige Zeit dauern, bis sich die Nachfrage erholt und die Exportzahlen wieder steigen. In den meisten Ländern wird allerdings der Shutdown nun wieder schrittweise gelockert. Es ist also zumindest ein Silberstreif am Horizont zu sehen. Das zeigt sich auch in den vom Ifo-Institut abgefragten Exporterwartungen der deutschen Industrie. Der entsprechende Indikator hat sich im Mai auf minus 26,9 Punkte von minus 50,2 im Vormonat erholt. Das bedeutet zwar, dass die pessimistischen Erwartungen noch immer überwiegen, aber eben nicht mehr so deutlich.

Befürchten Sie gravierende Umbrüche in der Branche durch die Coronakrise?

Das hängt stark davon ab, wie schnell es uns gelingt, unsere Wirtschaft nach dem Ende des Lockdown wieder ins Laufen zu bringen. Hier setzen wir auch einige Hoffnungen in das Konjunkturpaket der Bundesregierung. In der großen Finanz- und Wirtschaftskrise von rund zehn Jahren ist es uns mit konjunkturstimulierenden Maßnahmen gelungen, die Wirtschaftsleistung rasch wieder auf das Vor-Krisen-Niveau zu bringen und langfristige Schäden für unsere Unternehmen zu vermeiden. Das kann auch jetzt wieder funktionieren. Zentral wird sein, dass es zu keiner zweiten Infektionswelle mit einem erneuten Shutdown der Wirtschaft kommt. Deshalb müssen wir alle weiterhin wachsam sein und die nötigen Hygiene- und Abstandsregeln beachten.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem gigantischen Konjunkturprogramm der Europäischen Union?

Unsere exportorientierte Industrie wird sich nur erholen können, wenn auch die Wirtschaft in den anderen EU-Mitgliedstaaten möglichst schnell wieder auf die Beine kommt. Europa ist unser wichtigster Markt. Ein solidarisches Konjunkturpaket auf EU-Ebene kann hier helfen, wobei natürlich die Frage der Finanzierung erst noch geklärt werden muss. Wichtig wird sein, dass sich alle Mitgliedstaaten möglichst rasch auf ein faires Kompromisspaket verständigen können, damit die Mittel rasch fließen. Denn wir brauchen jetzt schnell einen europaweiten Startimpuls, damit sich die Wirtschaftskrise nicht verfestigt.

Wie sehen Sie die Aussichten für die Metall- und Elektroindustrie? Gibt’s ein kleines Licht am Ende des vielleicht sehr langen Tunnels?

Wenn die Konjunkturpakete auf nationaler wie auf europäischer Ebene nun relativ zeitnah an den Start kommen, wird auch unsere Industrie wieder Wind unter die Flügel bekommen. Wir müssen alles daran setzen, dass aus dem zeitweiligen Runterfahren der Wirtschaft kein langfristiger Schaden für unseren Standort entsteht. Der erklärte Wille der Politik, jetzt beherzt und tatkräftig zu handeln, stimmt mich dabei optimistisch, trotz der aktuell negativen Zahlen. Wir haben die schwere Wirtschaftskrise vor rund zehn Jahren gut bewältigt. Die Situation ist schwierig, aber wir werden alles tun, damit uns dies nun wieder gelingt.

Wie beurteilen Sie die Hilfsprogramme, mit denen die Bundesregierung die Wirtschaft unterstützt? Reichen die aus?

Die Maßnahmen zur Sicherung der Liquidität und das große Kurzarbeiterprogramm haben großflächige Insolvenzen und Entlassungen zum Glück bislang verhindern können. Hilfreich ist hier auch, dass das Land noch ergänzend zum Bund hilft. Aber Liquiditätsmaßnahmen schaffen eben keine Nachfrage. Deshalb ist es so wichtig, dass die Politik jetzt in einem zweiten Schritt mit einem Konjunkturpaket Anreize für Verbraucher und Betriebe schafft, ihre momentane Kauf- beziehungsweise Investitionszurückhaltung aufzugeben. Dann sind die Unternehmen auch nicht mehr auf Liquiditätsmaßnahmen des Staates angewiesen, sondern können ihre Einnahmen wieder selbst erwirtschaften. Konjunkturstimuli würden am Ende also auch die Staatskasse deutlich entlasten. Entscheidend ist jedoch, dass diese Initialzündung stark genug ausfällt, damit der Wirtschaftsmotor auch wirklich ins Laufen kommt. Deshalb hilft es, wenn das Programm auch eine Auto-Kaufprämie enthält, die sich nicht nur auf Elektroautos, sondern auch auf moderne Verbrenner erstreckt.

Musste Südwestmetall seine Mitglieder bei der Beantragung unterstützen?

Wir waren sehr aktiv bei den Themen Kurzarbeit und vielen anderen arbeits- und sozialrechtlichen Themen. Wir helfen hier vor Ort bei all diesen Fragestellungen - vom Antrag bis zur Umsetzung. Südwestmetall ist gut vernetzt, so dass wir bei den Hilfsprogrammen auch auf unsere Partner aus der Fachkräfteallianz im Rems-Murr-Kreis, kurz „F.A.I.R“, verweisen konnten. Die IHK, die Agentur für Arbeit, die Kreishandwerkerschaft und die Wirtschaftsförderung etwa haben hier wirklich Tolles geleistet. Wir kooperieren hier bestens und die Unternehmen schätzen das.

Eigentlich wäre derzeit die Tarifrunde 2020 ein zentrales Thema. Mit welchen Forderungen geht Südwestmetall in die nächste Runde? Welche Rolle wird die Coronakrise spielen?

Dazu lässt sich noch nichts Genaues sagen. Denn niemand kann derzeit wirklich prognostizieren, in welchem Zustand sich unsere Industrie im Herbst befinden wird. Wir hoffen natürlich alle, dass wir bis dahin wieder in einer einigermaßen stabilen Aufwärtsbewegung sind. Aber das ist derzeit eine Rechnung mit vielen Unbekannten.

Letzte, etwas provokante Frage: Halten Sie es eigentlich für gerechtfertigt, dass Unternehmen auf der einen Seite kurzarbeiten und staatliche Hilfen erhalten, jedoch auf der anderen Seite Dividenden an ihre Aktionäre beziehungsweise Anteilseigner ausschütten?

Lassen Sie mich erst einmal grundsätzlich auf etwas hinweisen: Kurzarbeitergeld ist kein Geschenk des Staates an die Unternehmen. Dieses Geld stammt aus Beiträgen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, mit denen die Bundesagentur für Arbeit Rücklagen für genau diesen Zweck gebildet hat. Mit staatlichen Hilfen aus der Steuerkasse sieht das natürlich anders aus, das kann man durchaus diskutieren. Insgesamt lässt sich Ihre Frage nach Dividenden-Zahlungen aber nicht pauschal beantworten. Es kommt immer auf die spezifischen Umstände des betroffenen Unternehmens an.

* Michael Kempter ist Geschäftsführer der Südwestmetall Bezirksgruppe Rems-Murr. Der Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie betreut im Rems-Murr-Kreis 96 Mitgliedsbetriebe mit knapp 20 000 Beschäftigten.

Die Liquiditätsmaßnahmen des Staates und das große Kurzarbeiterprogramm haben Insolvenzen und Entlassungen bisher verhindert, sagt Michael Kempter, Geschäftsführer der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rems-Murr. Doch das dicke Ende kommt erst noch. Kempter erwartet mit Blick auf die Arbeitsmarktzahlen für den Mai, dass es in absehbarer Zeit auch in den Betrieben in der Metall- und Elektrogruppe zu Kündigungen und Entlassungen kommen wird. Die Fragen stellte unser Redaktionsmitglied Martin

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