Rems-Murr-Kreis

Corona-Pandemie: Wie Wandern zum Trendsport wurde

Lust am Wandern
Roland Luther kennt viele schöne Strecken im Remstal, hier läuft er durch die Talaue in Waiblingen. © ALEXANDRA PALMIZI

Lange galt Wandern als Hobby für Senioren. Kniebundhosen und Kniestrümpfe erschienen unwillkürlich vor dem inneren Auge, liebenswert, aber angestaubt war das Bild. Doch das Image hat sich geändert. Wandern ist cool. Immer mehr Leute schnüren am Wochenende Turn- oder Wanderschuhe und gehen raus.

Wo genau ein Spaziergang endet und eine Wanderung beginnt, ist so individuell wie die Wahl der Strecke und des Tempos. Genau das macht den Charme der Trendsportart aus. Für jedes Alter und jedes Fitness-Level gibt es den passenden Weg. Wer sich sportlich betätigen will, steigt einen Berg hinauf, wer es gemächlicher mag, wählt den Weg durchs Tal.

Wandern bedeutet ja auch nicht nur marschieren. Herumwandern kann man auch durch eine Stadt, es geht dabei auch ums Flanieren, Sich-Treibenlassen.

Allen Wanderern, Spaziergängern und Flaneuren gemein ist die Lust an der Bewegung an der frischen Luft. Atmen, Natur beobachten, vom stressigen Alltag abschalten, den Kopf frei kriegen. Die Stuttgarter Autorin Nina Ayerle beschreibt in ihrem kürzlich im Reclam-Verlag erschienen Essay „Wandern“, warum Wandern guttut so: „Die Stille und die Vielfalt der Natur wirken beruhigend auf uns. Beim Gehen denken wir zwar noch vielleicht über unseren Alltag nach, doch je länger wir unterwegs sind, desto mehr lassen wir unsere Sorgen zurück, sie relativieren sich.“ Wandern sei „quasi Yoga und Meditation plus Natur“.

Wandern hat durch die Corona-Pandemie einen Aufschwung erlebt

Sorgen gab und gibt es in den vergangenen gut zwei Jahren und aktuell genug. Und tatsächlich hat die Corona-Pandemie den Hype verstärkt. Denn Wandern geht immer, es gibt weder Zugangsbeschränkungen noch Lockdowns in der Natur. Wandern ist längst ein Lifestyle, statt Kniebundhosen und Kniestrümpfen tragen die Wanderer von heute neonfarbene Funktionsshirts und Zip-off-Hosen, die sich mit einem Ratsch von einer langen in eine kurze Hose verwandeln lassen.

„Das Wandern an sich hat einen Aufschwung erlebt“, beobachtet Roland Luther, Vorsitzender des Rems-Murr-Gaus des Schwäbischen Albvereins. Natürlich sei auch der gesamte Albverein zu Beginn der Corona-Pandemie kurz in eine Art Schockstarre gefallen. Doch schnell sei auch klar gewesen: Die Menschen, egal ob alleinstehend oder Familien, wollen raus. Und wie sollte das bei einer Pandemie besser und gefahrloser gehen als beim Wandern an der frischen Luft? „Die Ortsvereinsvorsitzenden haben sich genauso wie alle anderen Gedanken gemacht, was erlaubt ist und was nicht, was man tun kann und was nicht.“

Zwölf-Stunden-Wanderung und Schnitzeljagd

Aus dem ersten Schock und der starken Isolierung vor allem während des ersten Lockdowns seien neue Ideen entstanden. „Bei Zwölf-Stunden-Wanderungen nehmen teilweise bis zu 800 Menschen teil, so etwas wäre vor der Pandemie kaum denkbar gewesen“, sagt Luther begeistert. Die Wanderverbände hätten ein neues, großes Angebot, das bei den Ortsgruppen gut ankomme. Dazu zählen zum Beispiel Waldbaden, Schnitzeljagden oder Stationswanderungen. Auch seien manche isolierte Bürger neu zum Verein gestoßen, mitlaufen darf man übriges auch ohne Mitglied zu sein.

Insgesamt aber habe der Schwäbische Albverein vom Wanderhype nur wenig profitiert. Vor allem jüngere Wanderer organisierten sich selbst mit Hilfe ihrer Smartphones. Es ist eher die ältere Generation, die sich gerne von einem Wanderführer leiten lässt. „Wie viele andere Vereine verlieren auch wir Mitglieder“, sagt Luther.

Zur Kehrseite der Entwicklung gehören Müll und überfüllte Parkplätze

Zu tun haben die verbliebenen Mitglieder durch den Wanderboom allerdings mehr denn je mit der Pflege der Wanderwege oder auch dem Beschildern neuer Routen. Gerade das Wandern direkt vor der Haustür sei durch die Pandemie sehr beliebt geworden, sagt Luther. Viele hätten jetzt erst gemerkt, wie schön der Rems-Murr-Kreis sei.

Dass sich immer mehr Menschen auf Schusters Rappen durch die Natur bewegen, hat aber natürlich auch eine Kehrseite. „Vor allem die Highlights sind überlaufen, die Wanderparkplätze überfüllt“, nennt Luther ein Beispiel. Immer wieder komme es deshalb zu Konflikten mit Bauern, auch die Jäger seien nicht erfreut über Wanderer, die Tiere aufscheuchten oder gar wild campierten. Dass mehr Menschen in der Natur unterwegs sind, zeigt sich auch an mehr Müll am Wegesrand: Häufiger als früher räumen Mitglieder der Ortsgruppen diese Hinterlassenschaften auf.

Insgesamt zieht Roland Luther dennoch ein positives Fazit: „Die Corona-Pandemie war keine einfache Zeit, weil Feste, Ehrungen, Mitgliederversammlungen ausgefallen sind und es viele rechtliche Fragen zu klären gab. Doch wir haben mehr gewonnen als verloren.“

Lange galt Wandern als Hobby für Senioren. Kniebundhosen und Kniestrümpfe erschienen unwillkürlich vor dem inneren Auge, liebenswert, aber angestaubt war das Bild. Doch das Image hat sich geändert. Wandern ist cool. Immer mehr Leute schnüren am Wochenende Turn- oder Wanderschuhe und gehen raus.

Wo genau ein Spaziergang endet und eine Wanderung beginnt, ist so individuell wie die Wahl der Strecke und des Tempos. Genau das macht den Charme der Trendsportart aus. Für jedes Alter und

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