Rems-Murr-Kreis

Corona-Politik und Lockdown: Was, wenn die andern recht haben?!

Symbolfotoausgangssperre
Geschlossene Außengastronomie: War es richtig so? © Gaby Schneider

Die Inzidenz sinkt, die Impfquote steigt. Es sieht so aus, als hätten wir das Schlimmste hinter uns. Zeit für eine Zwischenbilanz: Was lief gut – und lagen die Kritiker der Corona-Politik nicht doch im einen oder anderen Punkt richtiger, als die Mehrheit sich bislang eingestehen will?

Corona und Todesfälle: Ein Teil der Wahrheit

Das wuchtigste Argument dafür, dass die deutsche Lockdown-Politik im Grundsatz richtig war, sind die grauenhaft harten Zahlen. Blick auf unsere Nachbarländer und einige besonders viel diskutierte Staaten – wie viele Menschen pro 100 000 Einwohner sind nach Infektion verstorben?

  • Dänemark: 41
  • Niederlande: 100
  • Deutschland: 104
  • Österreich: 118
  • Schweiz: 125
  • Schweden: 139
  • Frankreich: 160
  • Spanien: 169
  • Polen: 188
  • Vereinigtes Königreich: 192
  • Belgien: 217
  • Tschechien: 281

Zur Einordnung der Rems-Murr-Kreis: 81 Todesfälle pro 100.000 Einwohner, 348 insgesamt (Stand 21. Mai).

Hätte Corona uns so schwer getroffen wie Schweden, hätten wir im Kreis fast 600 Corona-Tote zu beklagen.

Hätte Corona uns so schlimm heimgesucht wie das Vereinigte Königreich, hätten wir deutlich über 800 Infizierte zu Grabe tragen müssen.

Hätte Corona uns so niederschmetternd ereilt wie Tschechien, müssten wir nun um etwa 1200 Virus-Tote trauern.

Die Wucht solcher Einschläge, wie andere Länder sie erlitten haben, vermögen wir uns kaum auszumalen. Aber welche Folgen Zaudern hat, das zumindest haben wir Deutschen im Herbst, als die zweite Welle Fahrt aufnahm, unter Schrecken gelernt. Dass wir im Oktober gar nicht, im November halbherzig und erst Mitte Dezember entschlossen handelten, haben wir fürchterlich teuer bezahlt: mit fast 50.000 Todesfällen in Deutschland allein zwischen Anfang November und Ende Januar. Binnen drei Monaten kostete die Pandemie damit weit mehr Menschenleben als in allen zwölf Monaten davor und danach zusammengezählt.

Niemand, der über Coronamaßnahmen redet, sollte diese Zahlen verdrängen. Sie enthalten einen wichtigen, vermutlich den wichtigsten Teil der Wahrheit. Aber nicht die gesamte.

Corona und Diskussionskultur: Eine Fehlentwicklung

Oft und sehr zu Recht haben wir uns empört über maßlose Kritiker der Coronaregeln: über ihre Verschwörungstheorien, dass Bill Gates hinter all dem stecke; ihre Tiraden, dass Impfung ein Verbrechen gegen die Menschheit und Maskenpflicht der Einstieg in den totalitären Staat sei; über ihre vor Großbuchstaben, Kursivdruck und Unterstreichungen wimmelnden Serienmails.

Befremdlich tönen längst aber auch Teile der Mehrheitsgesellschaft: Grotesk überzogen wirkte zum Beispiel das rhetorische Wutschäumen gegen die Schauspieler-Aktion #allesdichtmachen.

Neulich: ein Gespräch mit dem Schorndorfer Kinderarzt Dr. Ralf Brügel, der sich während des gesamten Pandemieverlaufs immer wieder durch differenzierte Wortmeldungen hervorgetan hat. Die Diskussionskultur, sagte Brügel, mache ihm „echt Sorgen“. Jan-Josef Liefers soll nicht mehr im Tatort mitspielen? „Wo sind wir denn?!“ Er habe doch „keine Kinderpornos auf dem Handy gehabt“, sondern schlicht eine „freie Meinung in einem freien Land“ kundgetan.

Binsenweisheit: Eine Pandemie ist ein wahnsinnig komplexes Geschehen, mit dem unsere deutsche Gegenwartsgesellschaft bis vor kurzem keinerlei Erfahrung hatte. Wie um Himmels willen sollte es also möglich oder überhaupt vernünftig sein, über den richtigen Weg durch die Krise nicht zu streiten? Ausgerechnet bei einer derart vielschichtigen Herausforderung sollten wir alle einer Meinung sein? Ernsthaft?!

Wer den deutschen Weg tendenziell richtig findet, ist deshalb noch lange kein gleichgeschalteter Normopath. Wer am deutschen Kurs allerlei auszusetzen hat, ist deshalb nicht gleich ein Halbnazi. Die Debatte ist zu oft auf einen einzigen Gegensatz eingeschnurrt: Die einen sind für strenge Maßnahmen – und wer das nicht will, ist ein Corona-Verharmloser. Die anderen sind für Freiheitsrechte – und wer widerspricht, ist ein Diktatur-Propagandist. Unsinn, beides.

Denn die deutsche Corona-Politik war mitnichten so eindeutig. Sie war teils womöglich zu hart und teils vielleicht zu sanft. Schauen wir also genauer hin.

Widersprüche der Corona-Politik: Schulen hier, Betriebe da

Mitte März 2020 wurden im Rems-Murr-Kreis die Schüler heimgeschickt, im Juni durften sie wieder kommen, Ende Juli ging es in die Ferien, von Mitte September bis November durften sie zum Unterricht erscheinen, im Dezember folgte wieder Fernunterricht. Ende Februar: die nächste Teil-Öffnung. Ende April: die nächste Schließung. Seit Montag haben wir nun erneut Wechselunterricht, abgesichert durch ein ausgeklügeltes Schnell- und PCR-Test-Konzept. Schulbesuch trotz Inzidenz über 100 verlässlich zu ermöglichen: Dazu haben wir mehr als 14 Monate gebraucht.

14 Monate: So lange hat es auch gedauert, bis endlich, Ende April, verschärfte Home-Office-Auflagen für Betriebe kamen! In die Bildung der Jugendlichen haben wir ganz schnell und heftig eingegriffen, ins Erwerbsleben vieler Erwachsener ganz spät und dezent. War es richtig so? Oder grundfalsch? Man darf streiten!

Gastronomen, Musiker, Veranstaltungstechniker wurden auf null gestellt – in vielen Industriebetrieben liefen die Geschäfte einfach weiter. Stihl hat einen Alltime-Umsatzrekord erzielt; sicher, das Unternehmen führte gute Schutz-Maßnahmen ein, aber gute Konzepte hatten auch viele Gastronomen in der Schublade. War das okay? Oder zutiefst ungerecht? Man darf streiten!

Den Lockdown haben wir einigermaßen konsequent durchgezogen – die Einführung der Corona-App 2020 aber jämmerlich halbherzig betrieben, die Auszahlung von Coronahilfen teilweise übel bürokratisch verschnarcht und den Start der Impfkampagne peinlich in den Sand gesetzt. Stimmen da die Prioritäten? Man darf streiten!

Prioritäten der Corona-Politik, oder: Nichts ist alternativlos

In einem lesenswerten Interview – für das die Gesprächspartner via Twitter selbstverständlich sofort aufs Rüdeste geschmäht wurden – haben in der „Zeit“ der Schriftsteller Daniel Kehlmann, die Autorin Juli Zeh und die Philosophin Thea Dorn auf die Fülle der Abwägungsprozesse hingewiesen, die Unmenge an Prioritätensetzungen, die in der Corona-Politik stattfanden. Unser Bedürfnis nach physischer Gesundheit und unser Bedürfnis nach Seelenheil – wie gewichten wir das? Die Nöte der Jugendlichen, die Sorgen der Alten – wie tarieren wir das aus? Wirtschaftliche Belange, kulturelle Sehnsüchte – was zählt wie viel? Darüber darf, nein, muss man streiten!

Kehlmann sagte: „Es ist unbestritten, dass Männer häufiger an Covid 19 sterben als Frauen. Man würde die Pandemie schneller besiegen, wenn man erst die Männer, dann die Frauen in jeder Altersgruppe impfen würde.“ Wissenschaftlich sei das begründbar. Gesellschaftlich wäre es natürlich indiskutabel. Oder? Darüber haben wir nicht einmal gestritten.

Während der ersten Welle im Frühjahr ist es nicht gelungen, die Altenheime zu schützen. Schrecklich viele Todesfälle waren dort zu beklagen, auch im Rems-Murr-Kreis. Als aber ein halbes Jahr später die zweite Welle hochschwappte, sind wir vielerorts in dieselbe Katastrophe getaumelt. Allein in einem einzigen Altenheim in Schwäbisch Gmünd gab es binnen weniger Wochen 22 Corona-Tote. Hätten wir uns insgesamt als Gesellschaft mehr Freiheiten gönnen können, wenn die Politik alles Geld und alle Kraft radikal in den Schutz der Gefährdetsten gesteckt hätte? Die Frage ist bis heute unbeantwortet.

Corona und Wissenschaft: Gewissheiten und Unschärfen

Tücke der Wissenschaft: Sie kann nicht alles gleich gut messen.

Sterbefälle gelten unter Epidemiologen als ausgezeichneter Indikator, um eine Krise einzuordnen. Denn Leben oder Tod, sagen sie, ist nicht nur ein Merkmal von „allerhöchster Patientenrelevanz“ – die Zahlen dazu sind auch noch hervorragend genau: Kein Toter in Deutschland bleibt unerfasst. Wir wissen, was die Pandemie in dieser Hinsicht angerichtet hat, wir spekulieren nichts ins Blaue hinein. Wir haben zum bedrängendsten Thema der Pandemie jederzeit tagesaktuell präzise Daten.

Zu möglichen Nebenwirkungen und Folgeschäden der Lockdown-Zeit haben wir größtenteils nur Schätzungen.

Welchen Preis müssen wir für den derzeitigen Bewegungsmangel der Jugendlichen langfristig zahlen? 400.000 Menschen unter 30 Jahren seien binnen eines einzigen Pandemiejahres beim sogenannten Body-Mass-Index eine Kategorie nach oben gerutscht, Richtung Übergewicht also: Darauf hat dieser Tage der Sportmediziner Prof. Perikles Simon in unserer Zeitung hingewiesen.

Übergewicht reduziert die Lebenserwartung. „Geschätzt sind durch die Maßnahmen 1,3 Millionen Lebensjahre verloren gegangen. Das betrifft nur die Übergewichtsproblematik.“ Simons schwungvolle Schätzung wirkt zwar etwas frivol, denn es ist ja überhaupt nicht ausgemacht, ob wir als Spätfolge des Lockdowns in 20 oder 30 Jahren mit viel mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu kämpfen haben werden oder ob die jungen Leute nächstes Jahr größtenteils schon wieder abnehmen. Dennoch zeigt das Beispiel: Selbst bei einem derart harten Indikator wie Mortalität ist nicht alles so eindeutig, wie wir es gerne hätten.

Im Juni 2020 gaben die Remshaldener Lehrerin Katrin Ellwanger und ihr Kollege Michael Gomolzig unserer Zeitung ein Interview, aus dem sich noch heute zu zitieren lohnt: Schon die „kurzfristigen Folgen“ der Schulschließungen seien „sehr unterschiedlich, weil die Voraussetzungen zu Hause sehr unterschiedlich sind. Extrembeispiele sind die Flüchtlingskinder. Viele haben zu Hause in dieser Zeit kein Wort Deutsch gesprochen. Ihre Eltern konnten ihnen wenig bis gar nicht bei den Schulaufgaben helfen. Es gab an den Grundschulen Kinder, die wir nicht erreicht haben, die für uns praktisch abgetaucht sind.“

Was aber die langfristigen Folgen betrifft: Wir wissen es nicht.

Unser Kurs durch die Pandemie ist nicht gerecht – gerade, indem er allen Kindern dasselbe zumutet, belastet er die Schwachen besonders stark. Unter den erschwerten Bedingungen des Home-Schoolings zerbröselt die Chancengleichheit: Kinder aus wohlhabendem Akademiker-Hause leiden tendenziell weniger, Kinder armer, ungebildeter Eltern krasser. Wie werden wir als Gesellschaft diese Ungerechtigkeit abmildern? Die Antwort steht noch aus.

Corona, und nun? Keine Bilanz - aber eine Hoffnung

Wir nähern uns dem Ende der pandemischen Akutphase. Aber bei der Bestandsaufnahme, erst recht der Bewältigung der Schäden stehen wir ganz am Anfang. Ob der Lockdown richtig war, wird sich erst beantworten lassen, wenn sich offenbart, wie entschlossen wir mit den Nebenwirkungen umgegangen sein werden. Eine Bilanz lässt sich derzeit schlicht noch nicht ziehen; erst in Jahren, vielleicht in Jahrzehnten.

Wie wird sie ausfallen? Das hängt davon ab, welche Entscheidungen die Politik, die Gesellschaft nun trifft. In solch einer Lage aber sind Debatten unersetzlich! Sie können nur produktiv gelingen, wenn alle Seiten bereit sind, für möglich zu halten, dass zumindest im einen oder anderen Punkt vielleicht auch mal der andere recht haben könnte.

Allerhöchste Zeit, dass wir zur Diskussionskultur zurückfinden.

Die Inzidenz sinkt, die Impfquote steigt. Es sieht so aus, als hätten wir das Schlimmste hinter uns. Zeit für eine Zwischenbilanz: Was lief gut – und lagen die Kritiker der Corona-Politik nicht doch im einen oder anderen Punkt richtiger, als die Mehrheit sich bislang eingestehen will?

Corona und Todesfälle: Ein Teil der Wahrheit

Das wuchtigste Argument dafür, dass die deutsche Lockdown-Politik im Grundsatz richtig war, sind die grauenhaft harten Zahlen. Blick auf unsere

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