Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr, 27.1.: Pandemie paradox - Inzidenz: 1176, Intensivpatienten: 4

Labor Klinikum
PCR-Tests. © Benjamin Büttner

Pandemie paradox: Die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis rast weiter hoch, in den Intensivstationen merkt man davon immer noch nichts. Ist die Lage harmloser, als sie aussieht? Oder gefährlicher? Der Pandemiebeauftragte Dr. Jens Steinat ordnet ein.

Verrückt, wie sich die Zeiten ändern: Dieser Tage schnellte im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz über 1000, am 27. Januar steig sie gar auf 1171 - und kaum jemanden hat das noch sonderlich aufgewühlt. Dass wir mit Omikron im Januar und Februar 2022 Mondwerte bekommen würden, darauf konnten wir uns lange genug vorbereiten. Und früh zeichnete sich auch ab, dass die Zahlen nicht mehr dasselbe bedeuten würden wie früher: Denn diesmal trifft eine zwar ansteckendere, aber harmlosere Virusvariante auf eine weitgehend geimpfte Bevölkerung.

Jens Steinat, Arzt aus Oppenweiler und Pandemiebeauftragter der Ärzte im Rems-Murr-Kreis, gehört zu den herausragenden regionalen Persönlichkeiten der Krise. Ihn als Journalist zu erreichen, ist zwar nicht immer einfach – aber wenn man ihm die Fragen schriftlich schickt, bekommt man immer zuverlässig und ausführlich Antwort per Mail; gerne auch mal um 23:07 Uhr.

Was womöglich auf uns zukommt – und was wohl eher nicht

Herr Steinat, ist die Lage so heftig, wie die Inzidenz nahelegt, oder so entspannt, wie der Blick auf die Klinikdaten vermuten lässt? „Wir werden in dieser Welle primär eine hohe Belastung der ambulanten Strukturen haben. Das bedeutet, dass Arztpraxen, die Normalstationen im Krankenhaus und die Notfallambulanzen stark frequentiert sind und sein werden.“ Wichtige Einschränkung: „Es bleibt abzuwarten, ob die hohen Absolutzahlen der Infektionen sich im Verlauf dann doch noch in höheren Intensivbelegungen widerspiegeln.“

Das kann geschehen; aber so richtig in der Luft liegt es momentan nicht. Bereits in den ersten beiden Januarwochen liefen im Rems-Murr-Kreis mehr als 3600 Infektionen auf – nach früheren Pandemiemaßstäben eine ungeheuerliche Zahl. Wenn man bedenkt, dass sich erfahrungsgemäß etwa zwei Wochen später die schweren Krankheitsverläufe zu häufen beginnen, müsste davon derzeit in unseren Kliniken bereits etwas zu bemerken sein. Aber da ist nichts.

Stand 27. Januar, lagen in den Rems-Murr-Kliniken 28 Covid-Patienten; der Wert pendelt nun schon seit Anfang Januar zwischen 25 und 30. Von diesen 28 aber sind nur vier auf der Intensivstation – so wenige wie seit Monaten nicht. Und landesweit? 276 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. Der Wert sinkt und sinkt; wenngleich mittlerweile langsamer als noch Anfang, Mitte Januar.

Immer mehr Hilfesuchende, immer weniger Helfende: Ein Szenario

Die größte Gefahr, schätzt Steinat deshalb, „liegt jetzt in der Überlastung der ambulanten Strukturen und der Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit der kritischen Infrastrukturen.“ Ob bei der Polizei, der Feuerwehr oder im Gesundheitswesen: Was, wenn dort demnächst reihenweise Leute ausfallen wegen Infektion? Vor allem in der hausärztlichen Versorgung könnte es „zu einer kritischen Zunahme“ der Patientenzahlen „bei gleichzeitigem deutlichen Personalausfall“ kommen. Immer mehr Hilfesuchende, immer weniger voll leistungsfähige Praxen – „dann könnte die gewohnte ambulante Versorgung nicht mehr aufrechterhalten werden.“ Die „Regelversorgung“ müsste „zugunsten der Notfallversorgung reduziert werden“.

Ein denkbares Szenario; keine gesicherte Prognose. „Momentan ist die Lage noch stabil“, sagt Steinat. „Die stark ansteigenden Inzidenzen machen eine Belastungslage aber wahrscheinlicher.“ Um Infektionen des Personals zu vermeiden, gilt deshalb „seit kurzem eine FFP2-Masken-Pflicht für Patienten in den Arztpraxen“.

Herr Steinat, bis wann haben wir diesen ganzen elenden, verdammten Pandemie-Mist endlich hinter uns? „Ich würde Ihnen jetzt gerne sagen, dass das alles im Sommer hinter uns liegt.“ Nur habe die Erfahrung der vergangenen zwei Jahre leider „gezeigt, dass ein mutationsfreudiges Virus unkalkulierbar ist“. Umso wichtiger sei es, „trotz Corona zu einer gewissen Normalität zurückzukommen“. Und das „schaffen wir insbesondere durch Erhöhung der Impfquoten und Auffrischimpfungen“.

Was das betrifft, hat Steinat nie drumherum geredet. Bereits im Januar 2021 hielt er in unserer Zeitung ein glühendes Plädoyer für die Impfung, zwei Monate später schob er einen „Aufruf zur Geschlossenheit“ nach: „Es liegt doch auf der Hand“, schrieb er damals – „Masken, Abstand, Kontaktreduktion, Testungen und Impfungen sind unsere Werkzeuge, diese gesundheitliche und wirtschaftliche Krise zu bewältigen.“

Wir schaffen das: Wenn wir aufeinander Rücksicht nehmen

Dieser Tage gehörte Steinat zu den Erstunterzeichnern des „Backnanger Appells“ (wir berichteten). Musikvereinsvorsitzende, Sportvereinschefs, Schulleiterinnen, Politiker vom Gemeinderat bis zum Bundestag – die halbe Stadt quasi – haben gemeinsam noch einmal klargemacht, worauf es ankommt: „aufeinander achten“; Abstand halten, Masken tragen, Kontakte reduzieren, sich impfen und boostern lassen. „Nur so schützen wir uns selbst und all diejenigen, die älter oder vorerkrankt sind“, hieß es im Appell, „nur so sind wir auch solidarisch mit den Jüngeren, denen wir den Besuch der Schule und Freizeitangebote unserer Vereine sichern wollen“.

Genau so sei es, sagt Jens Steinat: „Die Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes sind Solidarität, Demokratie und Rücksichtnahme. Die Berücksichtigung dieser Werte sollte uns auch durch die nächsten Monate bringen.“

Pandemie paradox: Die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis rast weiter hoch, in den Intensivstationen merkt man davon immer noch nichts. Ist die Lage harmloser, als sie aussieht? Oder gefährlicher? Der Pandemiebeauftragte Dr. Jens Steinat ordnet ein.

Verrückt, wie sich die Zeiten ändern: Dieser Tage schnellte im Rems-Murr-Kreis die Inzidenz über 1000, am 27. Januar steig sie gar auf 1171 - und kaum jemanden hat das noch sonderlich aufgewühlt. Dass wir mit Omikron im Januar und Februar 2022

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