Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr: Die auffällig krasse Kluft zwischen Ost und West

Krater in Thüringen
Nach einem Erdrutsch riss im November 2010 in Schmalkalden ein Krater auf. Das Foto ist symbolträchtig: Es veranschaulicht die Kluft, die sich in der Corona-Krise zwischen den weniger heimgesuchten westlichen und und den schwerer getroffenen östlichen Bundesländern auftut. Archivfoto: Benker/dpa © Wolfgang Benker

Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind mitnichten überall gleich gut – das zeigt sich an vielen Strukturdaten; es offenbart sich krass auch in der Coronakrise. Die östlichen Bundesländer sind ungleich schlimmer betroffen. Der Blick auf einige Rems-Murr-Partnerstädte offenbart die Corona-Kluft, die durch diese Republik läuft.

Bestandsaufnahme: Corona und Todesfälle

Erklärungsansätze für die aufwühlenden Phänomene, um die es im Folgenden geht, gibt es noch kaum – wir werden wohl erst nach Jahren der epidemiologischen Forschung klarer sehen. Der nachstehende Text wirft wuchtige Fragen auf; einfache Antworten enthält er nicht. Für Erste muss es genügen, sich die verstörenden Tatsachen zu vergegenwärtigen. Datengrundlage: Zahlen des Robert-Koch-Instituts, Stand Anfang August 2021.

Rems-Murr-Kreis:

  • Einwohner: 427.248
  • Infektionen: 20.512
  • Todesfälle: 360
  • Infektionsquote: 4,8 %
  • Sterblichkeit nach Infektion: 1,7 %
  • Todesfälle pro 100.000 Einwohner: 84

Landkreis Meißen, Sachsen (Partnerlandkreis des Rems-Murr-Kreises):

  • Einwohner: 241.717
  • Infektionen: 17.239
  • Todesfälle: 602
  • Infektionsquote: 7,1 %
  • Sterblichkeit nach Infektion: 3,5 %
  • Todesfälle pro 100.000 Einwohner: 249

Erzgebirgskreis, Sachsen (hier liegt Auerbach, Partnerstadt von Welzheim):

  • Einwohner: 334.948
  • Infektionen: 32.003
  • Todesfälle: 902
  • Infektionsquote: 9,6 %
  • Sterblichkeit nach Infektion: 2,8 %
  • Todesfälle pro 100.000 Einwohner: 282

Saale-Holzland-Kreis, Thüringen (hier liegt Kahla, Partnerstadt von Schorndorf):

  • Einwohner: 82.950
  • Infektionen: 4765
  • Todesfälle: 127
  • Infektionsquote: 5,7 %
  • Sterblichkeit nach Infektion: 2,7 %
  • Todesfälle pro 100.000 Einwohner: 153

Landkreis Schmalkalden-Meiningen, Thüringen (hier liegt die Stadt Schmalkalden, zu der Waiblingen freundschaftliche Beziehungen unterhält):

  • Einwohner: 124.916
  • Infektionen: 10.050
  • Todesfälle: 371
  • Infektionsquote: 8,0 %
  • Sterblichkeit nach Infektion: 3,7 %
  • Todesfälle pro 100.000 Einwohner: 297

Den Schmerz unserer Partnerstädte, dessen Konturen sich durch den Grauschleier der nüchternen Zahlen abzeichnen – haben wir ihn überhaupt schon ernsthaft zur Kenntnis genommen? Der Rems-Murr-Kreis ist – man muss es so hart sagen – vergleichsweise äußerst glimpflich davongekommen; bei allem Leid, das auch hier zu tragen war.

All die Vergleichsdaten zeigen zweierlei. Erstens: Bei unseren ostdeutschen Partnern wurden durchweg mehr Menschen infiziert. Zweitens: Von denjenigen, die sich infiziert hatten, starben mehr.

Rund 91.600 Corona-Todesfälle bei gut 83 Millionen Einwohnern: 110 Tote pro 100.000 Einwohner – das ist die Bilanz der Bundesrepublik. Deutschland aber hat 16 Bundesländer – und elf von ihnen unterschreiten den Durchschnittswert von 110!

Neun der elf liegen im Westen, nur zwei im Osten: Berlin, das aufgrund seiner jungen Bevölkerung eine Ausnahme darstellt; und Mecklenburg-Vorpommern, das am dünnsten besiedelte deutsche Bundesland.

Nur fünf Bundesländer überschreiten den Schnitt von 110 Toten pro 100.000 Einwohner – wobei die Abweichung im Falle Hessens (121) moderat ausfällt. Aber dann:

  • Brandenburg: 152
  • Sachsen-Anhalt: 158
  • Thüringen: 206
  • Sachsen: 249

Viel ist in der Corona-Krise über ein „Nord-Süd-Gefälle“ berichtet worden – und das ist tatsächlich tendenziell zu beobachten. Schleswig-Holstein (56) kam am besten durch die Not, vor Bremen (72), Mecklenburg-Vorpommern (73), Niedersachsen (73). Die Unterschiede zu Bayern (79) oder Baden-Württemberg (94) sind allerdings nicht sehr groß. Das wahrhaft aufwühlende Gefälle besteht zwischen West und Ost.

Zufall? Wurde zum Beispiel Sachsen schlicht aufgrund der Nachbarschaft zu Tschechien so schwer getroffen, wo das Infektionsgeschehen im Herbst 2020 komplett aus dem Ruder lief und herübergeschwappt sein könnte? Möglich. Nur: Die bayrisch-tschechische Grenze ist ähnlich lang. Und Nordrhein-Westfalen grenzt an Belgien, einen der Hotspots schlechthin in der Krise. Das Erklärungsmodell überzeugt also allenfalls in Maßen.

Ein schlüssigeres haben wir auch nicht anzubieten. Zwei Aspekte aber verdienen eine Erwähnung.

Welche Rolle spielen ärztliche Versorgung und Altersstruktur?

Erstens: Möglicherweise gibt es ein West-Ost-Gefälle auch bei der hausärztlichen Versorgung. Sie liege, berichtete der MDR bereits 2019, in 23 sächsischen Regionen unter dem Bedarf. „Besonders gravierend ist die Situation im Erzgebirge.“ Die Freie Presse Chemnitz berichtete 2020: „Im Erzgebirgskreis gibt es 64,5 offene Hausarztstellen.“ Ähnliches – wenngleich weniger drastisch – gilt für Thüringen.

Zweitens: Die Altersstruktur im Osten ist kapital anders als im Westen. Gut 21 Prozent der Rems-Murr-Bürger und etwa 20,5 Prozent der Einwohner Baden-Württembergs sind 65 und älter (Datenstand: Januar 2019). Das ist viel; wir haben uns deshalb angewöhnt, von einer alternden Gesellschaft zu reden. Wir sind aber Jungspunde im Vergleich zu Thüringen oder Sachsen, wo jeweils etwa 26 Prozent der Menschen zur Altersgruppe 65 plus gehören! Kreis Meißen? Gut 27 Prozent. Erzgebirgskreis? Fast 30 Prozent.

Lag im Erzgebirgskreis das Durchschnittsalter Anfang der 90er Jahre, kurz nach der Wende, noch bei 39,5 Jahren und damals in etwa noch auf dem baden-württembergischen Niveau, stieg es bis zum Jahr 2000 auf 43,1 (Baden-Württemberg: 40,4) und bis Ende 2017 auf 48,8 (Baden-Württemberg: 43,4). Grund: Viele junge Leute wanderten aufgrund der mauen ökonomischen Chancen ab, in manchen Orten blieben fast nur die Alten.

Es ist zu früh für klare Schlüsse, wir wissen so vieles noch nicht. Eines aber sehen wir schon jetzt: Nimmt man die Corona-Daten zum Maßstab, dann ist die Bundesrepublik ein geteiltes Land.

Die Lebensverhältnisse in Deutschland sind mitnichten überall gleich gut – das zeigt sich an vielen Strukturdaten; es offenbart sich krass auch in der Coronakrise. Die östlichen Bundesländer sind ungleich schlimmer betroffen. Der Blick auf einige Rems-Murr-Partnerstädte offenbart die Corona-Kluft, die durch diese Republik läuft.

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Erklärungsansätze für die aufwühlenden Phänomene, um die es im Folgenden geht, gibt es noch kaum – wir werden

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