Rems-Murr-Kreis

Corona Rems-Murr-Kreis: Der Booster schädlich?! Tücken der Pandemie-Mathematik

zum Thema: Hochsensible Kinder, das sind Kinder mit besondes dünner Haut (bildlich gesprochen); sie nehmen Reize von außen viel
Manchmal geht es uns Mathe-Laien in der Zeitungsredaktion während dieser Pandemie wie dem Jungen auf dem Bild: Es ist zum Haareraufen mit all den Zahlen. © goldencow_images - Fotolia

Kann es sein, dass zweifach Geimpfte besser gegen schwere Covid-Verläufe geschützt sind als dreifach Geimpfte? Dieser irritierende Befund, hat uns ein Leser geschrieben, ergebe sich aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts – wir sollten dem mal nachgehen. Haben wir getan. Die Daten legen tatsächlich Verstörendes nahe; auf den ersten Blick. Bei genauem Hinsehen zeigt sich indes: Es ist und bleibt sinnvoll, sich boostern zu lassen.

Vorbemerkungen: Wir Journalisten und Mathe – ein Drama

Wir haben es uns im Lauf der Pandemie zur Gewohnheit gemacht, auf Leserhinweise einzugehen. Das hat uns geholfen, selber ein schärferes Bild von den Corona-Geschehnissen zu gewinnen. Deshalb waren und sind wir ausdrücklich dankbar auch für kritische Einwände, die uns zur vertieften Reflexion zwingen. Und auch Gerüchte haben wir zunächst ernstgenommen - wenngleich sie sich dann in der Regel als haltlos herausstellten, wie hier und hier und hier nachzulesen ist.

Wenn Sie ein Mathe-Fex sind, ist Ihnen das Folgende womöglich zu schlicht.

Wenn Sie ein Mathe-Hasser sind, wird Ihnen das Folgende womöglich zu kompliziert.

Vielleicht geht es Ihnen aber auch wie dem Schreiber dieses Artikels: Der hat in den Jahrzehnten seit der Schulzeit so ziemlich alles außer den Grundrechenarten verlernt, sieht sich aber seit März 2020 gezwungen, als professioneller Dilettant Pandemie-Mathe zu betreiben.

Sofern hier also eine Mathe-Lehrkraft mitliest – schicken Sie Ihre Verbesserungsvorschläge, wie man das, was folgt, rechnerisch präziser und eleganter aufdröseln könnte, bitte gerne per Mail an peter.schwarz@zvw.de.

Irritierende Zahlen: Booster und Todesfälle

Das sind die Zahlen aus einem Wochenbericht des RKI, Datenstand 29. März, auf die der Leser uns hingewiesen hat: In einem bestimmten Meldezeitraum des Jahres 2022 waren in der Altersgruppe 60 und älter 324 Todesfälle mit Covid-Symptomen zu beklagen. Davon aber waren …

  • 158 Betroffene (oder 48,8 Prozent) ungeimpft,
  • 45 (oder 13,9 Prozent) „grundimmunisiert“, also doppelt geimpft, und
  • 121 (oder 37,3 Prozent) geboostert.

Oha – lebt man geboostert gefährlicher als doppelt gepikst? Müsste man dann nicht, wie der Leser uns nahelegte, die Booster-Kampagne (die momentan allerdings sowieso schon ziemlich eingeschlafen ist) sofort abblasen?

Moment, treten wir einen Schritt zurück. Sind die drei genannten Gruppen überhaupt gleich groß? Nein. Das ist die Impfquote laut RKI, Stand 5. April:

  • 88,9 Prozent der Gruppe 60 und älter sind mindestens einmal geimpft,
  • 88,8 Prozent aber bereits auch ein zweites Mal geimpft und
  • 79,0 Prozent sogar schon dreimal geimpft.
  • 11,1 Prozent hingegen sind, das ergibt sich im Umkehrschluss, noch ungeimpft.

Nun ein wichtiger Hinweis: Aus dieser Auflistung folgt nicht, dass die Gruppe der einmal Geimpften die größte, die Gruppe der doppelt geimpften die zweitgrößte und die Gruppe der Geboosterten die drittgrößte ist!

Die größte Gruppe sind eindeutig die Geboosterten: 79,0 Prozent – also 79 von 100 Leuten – haben das volle Impfprogramm durchgezogen: erstens, zweitens, drittens.

Damit bleiben noch 21 Prozent übrig - sie verteilen sich folgendermaßen:

  • 11,1 Prozent sind noch gänzlich ungeimpft.
  • 0,1 Prozent haben sich einmal stechen lassen, auf die zweite Dosis dann aber aus welchen Gründen auch immer verzichtet.
  • 9,8 Prozent haben sich zweimal impfen lassen, aber keinen Booster angehängt.

Nun erscheint die anfangs irritierende Todesfall-Verteilung in anderem Licht:

  • Auf die 11,1 Prozent Ungeimpften entfallen 48,8 Prozent der Todesfälle. Nur ein gutes Zehntel der Leute – aber fast die Hälfte der Sterbe-Ereignisse: Für diese Gruppe ist das Risiko exorbitant überdurchschnittlich.
  • Auf die 9,9 Prozent einfach oder doppelt Geimpften entfallen 13,9 Prozent der Todesfälle. Das Sterberisiko ist hier also bereits viel niedriger.
  • Auf die 79,0 Prozent Geboosterten aber entfallen nur 37,3 Prozent der Todesfälle. Mehr als drei Viertel der Leute – nur ein gutes Drittel der Sterbe-Ereignisse: Der dritte Stich bringt gegenüber der bereits sehr hilfreichen Doppelimpfung noch einmal einen immensen Zuwachs an Sicherheit.

Aber schützt der Booster auch gut gegen eine einfache Omikron-Infektion?

Interessant sind die Zahlen, die das RKI vorlegt, aber auch noch in anderer Hinsicht – wenn wir nämlich nicht die schwersten Verläufe betrachten, sondern die relativ leichten: Infektionen, die zwar eindeutig mit Symptomen einhergingen, aber sich nicht so stark auswirkten, dass ein Krankenhausaufenthalt nötig wurde.

Hier hatten wir in der Meldeperiode bei der Gruppe 60 und älter insgesamt 46.403 Infektionen – davon entfielen  ...

  • auf die 11,1 Prozent Ungeimpften 19,3 Prozent der Infektionen (nämlich 8950),
  • auf die 9,9 Prozent einfach und doppelt Geimpften 11,4 Prozent der Infektionen (nämlich 5313),
  • auf die 79,0 Prozent Geboosterten 69,3 Prozent der Infektionen (32.140).

Man sieht: Zwar sind Geimpfte auch gegen eine einfache Infektion mit harmlosem Verlauf immer noch besser geschützt als Ungeimpfte; aber der Effekt schwächt sich hier gewaltig ab.

Fazit: Unter Omikron-Bedingungen liefert eine Dreifach-Impfung nur noch einen mäßigen Schutz gegen die bloße Ansteckung. Die Gefahr, als Geboosterter nach Omikron-Infektion zu sterben, ist aber verschwindend gering.

Es ist so und bleibt dabei: Die Impfung ist, wie schon hier und hier am Beispiel der Rems-Murr-Kliniken belegt, ein Segen.

Kann es sein, dass zweifach Geimpfte besser gegen schwere Covid-Verläufe geschützt sind als dreifach Geimpfte? Dieser irritierende Befund, hat uns ein Leser geschrieben, ergebe sich aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts – wir sollten dem mal nachgehen. Haben wir getan. Die Daten legen tatsächlich Verstörendes nahe; auf den ersten Blick. Bei genauem Hinsehen zeigt sich indes: Es ist und bleibt sinnvoll, sich boostern zu lassen.

Vorbemerkungen: Wir Journalisten und Mathe – ein

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