Rems-Murr-Kreis

Das milliardenschwere Konjunkturpaket weckt bei der Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis große Hoffnungen

Corona-Pandemie: Gibt es Kurzarbeitergeld für Azubis?
Die Coronakrise hat die Wirtschaft im Rems-Murr-Kreis im Griff: Rund 60 000 Beschäftigte sind auf Kurzarbeit, die Arbeitslosigkeit lag im Mai um die Hälfte höher als im Vorjahr. Foto: © Jens Büttner

Die Arbeitslosigkeit steigt, rund 60 000 Beschäftigte sind allein im Rems-Murr-Kreis auf Kurzarbeit. Die Konjunkturaussichten sind düster. Dem Handel fehlen die Kunden, der Industrie und vielen Handwerkern gehen die Aufträge aus. Mit 130 Milliarden Euro versucht die Bundesregierung, die Wirtschaft wieder flottzumachen. Die von uns befragten Unternehmen, Verbände und Politiker haben hohe Erwartungen an dieses Konjunkturpaket namens Hoffnung.

Markus Beier von der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr begrüßt die gefundene Lösung. Sie sichere den Unternehmen kurzfristig Liquidität, lege den Schwerpunkt auf Forschung und Entwicklung und lasse den Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften nicht außer Acht. Der Geschäftsführer sieht im Konjunkturpaket auch ein „klares Signal an unsere Ausbildungsbetriebe, an der Ausbildung festzuhalten“. Denn die wirtschaftliche Lage vieler Mitgliedsbetriebe der Industrie- und Handelskammer sei dramatisch – abgesehen von ein paar wenigen Branchen leidet nicht nur die Gastronomie und Hotellerie, sondern auch der Handel und das produzierende Gewerbe. Er kennt jedoch Betriebe, die „aus der Not eine Tugend gemacht haben“ und neue Geschäftsfelder für sich entdeckten.

Schulen haben Nachholbedarf bei der Digitalisierung

Grundsätzlich ziele das Konjunkturpaket in die richtige Richtung, indem die Digitalisierung an den Schulen vorangetrieben wird, sagt Beier. Er weiß aus eigener Erfahrung als zweifacher Vater, dass in Schulen in Sachen Digitalisierung viel nachzuholen ist. Positiv wertet er die Möglichkeiten, dass Unternehmen ihre Gewinne aus den Vorjahren mit den absehbaren Verlusten verrechnen können, oder die Abschreibungskonditionen. Unterm Strich sei „eine gute Balance gefunden worden“.

„Das Konjunkturpaket verknüpft schnell wirksame Maßnahmen zur Krisenbewältigung und Konjunkturstärkung mit Investitionen zur Zukunftssicherung“, stellt der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), Rainer Reichhold, fest. Es setze wichtige, branchenunabhängige Impulse wie die Absenkung der Mehrwertsteuer zur Ankurbelung des privaten Konsums und die Entlastung von Betrieben durch sozialversicherungs- und steuerrechtliche Erleichterungen. „Dieser ganzheitliche Ansatz ist eine bemerkenswerte Antwort auf die Coronakrise – wenngleich aus baden-württembergischer Sicht eine stärkere Unterstützung des Kfz-Gewerbes und der Industrie wünschenswert gewesen wäre.“

Kfz-Gewerbe trauert der Abwrackprämie nach

Das Kfz-Gewerbe und die Autoindustrie hatten auf eine Abwrackprämie gehofft. Entsprechend nüchtern fällt das Fazit der Kfz-Innung Region Stuttgart aus: „Drei Prozent Mehrwertsteuersenkung sind bei einem 20 000-Euro-Auto rund 600 Euro Ersparnis, und zwar egal, ob Neuwagen oder Gebrauchter. So gesehen ist das schon so etwas wie eine variable Kaufprämie für Privatkunden“, sagt Christian Reher, Geschäftsführer der Kfz-Innung. Allerdings habe die Geschichte den Haken, dass die Steuersenkung erst ab 1. Juli gilt. „Da ist zu befürchten, dass die Kunden morgen kommen und ihre Verträge stornieren oder umdatieren wollen. Firmen haben von dieser Mehrwertsteuersenkung gar nichts.“

Obermeister Torsten Treiber befürchtet, dass die Förderung des E-Autos keinen konjunkturellen Effekt bringen werde. „Selbst wenn wir den Wert der zugelassenen E-Autos vervierfachen, dann wären das statt 35 eben 140 E-Auto-Neuzulassungen im Rems-Murr-Kreis im Monat.“ Verbrenner lägen in normalen Zeiten beim Zehn- bis 15-Fachen – die Gebrauchtwagen noch gar nicht mitgerechnet. „Das ist keine Konjunkturbelebung, die Wumms hat, wie Olaf Scholz sagt.“

Kärcher: „Auswirkungen der Rezession dämpfen“

Für Hartmut Jenner, Vorsitzender des Vorstands der Alfred Kärcher SE & CO. KG, stellt das von der Bundesregierung beschlossene Konjunkturpaket einen guten Kompromiss mit überwiegend richtigen Schwerpunkten dar. „Es kann uns dabei helfen, die Auswirkungen der Rezession abzudämpfen. Vor allem die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer kann dazu beitragen, den Konsum in kurzer Zeit anzukurbeln und die Binnennachfrage zu stärken.“ Nichtsdestotrotz komme es jetzt auch darauf an, angekündigte Zukunftsinvestitionen wie in digitale Infrastrukturprojekte schnell und zielgerichtet umzusetzen.

Stihl: Die Nachfrage nach Gartenprodukten steigt

Das Konjunkturpaket der Bundesregierung enthält aus Sicht der Waiblinger Stihl-Gruppe viele richtige Impulse zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. „Insbesondere die Überbrückungshilfen in Form des Soforthilfepakets werden vielen schwer betroffenen Betrieben helfen, die Liquidität und damit Arbeitsplätze zu sichern“, heißt es in der Stellungnahme. Wichtig sei, dass diese Maßnahmen jetzt rasch und unbürokratisch umgesetzt werden. Die befristete Senkung der Mehrwertsteuer kann dabei helfen, den Konsum in Deutschland anzukurbeln. Der Vorteil dieser Maßnahme ist, dass sie allen Branchen hilft und nicht nur wenigen, die besonders im Fokus stehen.

Stihl, der Hersteller von Motorsägen und -geräten, beobachtet den Trend, dass viele Menschen aufgrund der Ausgangs- und Reisebeschränkungen mehr Zeit zu Hause verbringen und vermehrt in den heimischen Garten investieren. „Nachdem in vielen Ländern geschlossene Handelsgeschäfte wieder öffnen durften, verzeichnen wir seit Anfang Mai eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Gartenprodukten.“ Das Unternehmen hat in den vergangenen Monaten die Fertigung in Waiblingen zu jeder Zeit aufrechterhalten. Dank des weltweiten Produktionsverbundes habe Stihl in Deutschland auf die vorbereitete Kurzarbeit komplett verzichten können.

Landrat Richard Sigel: Die kommunale Familie erweist sich als stabilisierendes Element

Für grundsätzlich begrüßenswert hält auch Richard Sigel als Landrat des Rems-Murr-Kreises das Konjunkturpaket. „Indessen gehöre ich zu den Menschen, die vorsichtig sind bezüglich der Frage, was denn dann später auch tatsächlich von den Versprechen ganz oben auf den unteren Ebenen ankommt. Ich hoffe, da ergeben sich keine Divergenzen“, wird Sigel in der Backnanger Kreiszeitung zitiert. Die kommunale Familie habe sich derweil bereits im Krisenjahr 2009 als stabilisierendes Element bewiesen, darum sei er weiterhin zuversichtlich, dass die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Coronapandemie gemeinsam bewältigt werden können.

Besonders hervorzuheben im Zukunftspaket sei aus Sicht des Landratsamts auch die zugesagte finanzielle Hilfe bei der Grundsicherung der Arbeitsuchenden. Insgesamt sorge das Paket nicht zuletzt auch in den Reihen der Kreis- und Kommunalpolitik bei aller gebotenen schwäbischen Zurückhaltung dafür, dass sich der „ein oder andere beruhigt oder gar ermutigt fühlt, die Dinge wieder positiver anzugehen und in die Zukunft zu denken“.

Claus Paal: Das Land muss jetzt nachlegen

Claus Paal, der Schorndorfer Landtagsabgeordnete und wirtschaftspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, fordert über das Konjunkturpaket des Bundes weiteres Geld vom Land: „Wichtig ist es jetzt, genau zu prüfen, wo wir in Baden-Württemberg die Maßnahmen ergänzen und anpassen müssen, um den speziellen Bedürfnissen unserer kleinen und mittelständischen Unternehmen im Land gerecht zu werden“, so Paal. „Wo immer es nötig sein wird, werden wir die Hilfen des Bundes durch eine Co-Finanzierung des Landes erweitern. Eventuell müssen wir auch einige Bundesprogramme vorziehen, da viele kleine Unternehmen bereits jetzt unmittelbar vor dem Aus stehen.“ Paal regt eine große Initiative für ein umfassendes, branchenoffenes Digitalisierungsprogramm im Land im Umfang von 200 Millionen Euro an. „Das könnte Folgeinvestitionen bis zu 700 Millionen Euro auslösen.“ Ein Digitalisierungsprogramm des Landes könne die richtigen Anreize für einen langfristigen digitalen Strukturwandel setzen. „Unsere Unternehmen und der Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg würden so gestärkt aus der Krise hervorgehen.“

Die Arbeitslosigkeit steigt, rund 60 000 Beschäftigte sind allein im Rems-Murr-Kreis auf Kurzarbeit. Die Konjunkturaussichten sind düster. Dem Handel fehlen die Kunden, der Industrie und vielen Handwerkern gehen die Aufträge aus. Mit 130 Milliarden Euro versucht die Bundesregierung, die Wirtschaft wieder flottzumachen. Die von uns befragten Unternehmen, Verbände und Politiker haben hohe Erwartungen an dieses Konjunkturpaket namens Hoffnung.

Markus Beier von der IHK-Bezirkskammer

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