Rems-Murr-Kreis

Das Remstal will klimaneutral werden - der spektakuläre Michael Bilharz hilft mit

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Der Mobilitäts-Lifestyle von Michael Bilharz ist, ähem, nicht ganz typisch. © Ralph Steinemann Pressefoto

Immer mehr Kommunen im Remstal bekennen sich: Sie wollen bis 2035 klimaneutral werden. Aber werden wir dann nicht alle in die Selbstkasteiungspflicht genommen, Opfer von Verbotspolitik, lauter ausgezehrte Asketen? Ein Aktionstag am Freitag in Waiblingen und Schorndorf offenbarte etwas völlig anderes: Mit diesem Vorhaben verbinden sich Aufbruchstimmung, Zukunftsmut und Enthusiasmus. Besonders beeindruckend: ein Mensch mit beachtlicher Wadengewalt, der noch nie geflogen ist ...

Dr. Michael Bilharz aus Dessau, 49, beruflich im Umweltbundesamt tätig, macht derzeit drei Monate lang unbezahlten Urlaub: Er klappert 200 Städte ab, quer durch die Republik, um für Klimaschutz zu werben. Und da er keinen Führerschein hat – vor 31 Jahren, damals schon klimabewegt, entschied er: Den Lappen brauch ich aus Prinzip nicht –, reißt er die 6000 Tourenkilometer mit dem Lastenfahrrad runter. Wann immer er unterwegs aber gefragt wird, wo derzeit etwas wirklich Besonderes passiere, antwortet er: „im Remstal“.

Klimaschutz im Fünferpack: Das Remstal bewegt sich

Fünf sogenannte „Klimaentscheid“-Bündnisse gibt es hier auf einer Strecke von kaum 20 Kilometern: in Schorndorf, Remshalden, Weinstadt, Kernen, Waiblingen. Diese Dichte dürfte bundesweit ziemlich einmalig sein. Alle fünf Gruppen wollen dasselbe: ihren Ort dazu bewegen, dass er sich offiziell aufs Ziel Klimaneutralität bis 2035 einschwört. Der Hebel: ein Einwohnerantrag. Wenn genug Unterschriften gesammelt werden, ist der Gemeinderat verpflichtet, das Thema zumindest auf die Sitzungstagesordnung zu heben.

Am Freitag radelten Vertreter der fünf Bündnisse von Schorndorf nach Waiblingen und glichen auf dem Zellerplatz ihre Fortschritte ab. Waiblingen: 1150 Unterschriften – im Oktober wird der Gemeinderat sich damit befassen. Schorndorf: Das dortige Gremium hat sein Ja zur Klimaneutralität schon gegeben. Auch in Kernen ist der kommunale Beschluss bereits eingetütet. Weinstadt: 1600 Unterschriften – fast fünfmal so viele, wie notwendig gewesen wären, um das Quorum zu erfüllen. Remshalden: Die Sammlung läuft.

Die Zeit scheint reif, die Bündnisse rennen vielerorts offene Türen ein. Am schönsten beschreibt das die Waiblinger Aktivistin Ulla Merkle – beim Treffen auf dem Zellerplatz erzählt sie: Seit Jahrzehnten kämpfe sie gegen alles Mögliche, gegen den Nordostring, gegen Stuttgart 21, den Oberbürgermeister wusste sie eher selten auf ihrer Seite – aber nun sei sie „ganz glücklich, dass ich mal für was kämpfen kann!“ Und diesmal steht sie Schulter an Schulter mit Andreas Hesky: Er hat sich schon vor vielen Jahren, anfangs noch gegen beträchtliche Widerstände, eingesetzt für Fotovoltaik auch auf Dächern der historischen Innenstadt. Auch für Windräder auf der Buocher Höhe hat er leidenschaftlich gekämpft, wenngleich in diesem Fall erfolglos. Dafür gibt es jetzt zwei CO2-neutrale Baugebiete – „bei den Grundstücken, die wir verkaufen, schreiben wir Fotovoltaik vor.“

Die Klimawette: Der umtriebige Herr Bilharz

2035 ist noch ein paar Jahre hin. Aber etwas, findet der Gast aus Dessau, ließe sich auch schon bis November 2021 erledigen – Michael Bilharz tourt derzeit durch die Republik, um Mitstreiter für eine Klimawette zu gewinnen: Lasst uns bis zum Start der UN-Klimakonferenz in Glasgow deutschlandweit mal schnell eine Million Tonnen CO2 sparen!

Erstens: Spende 25 Euro für eines der Projekte, die auf der Homepage www.3fuersklima.de gelistet sind. Zweitens:: Wirb weitere Spender an, die dann ihrerseits Mitmacher keilen. Drittens: Verkleinere deinen ökologischen Fußabdruck. „Wir fordern immer von der Politik – dann müssen wir das auch selber leben.“ Es gebe Unmassen von Möglichkeiten, im Alltag CO2 einzusparen. Mehr Rad fahren, weniger Fleisch essen. Mehr reparieren, weniger Neues kaufen. Mehr Strom sparen, weniger heizen ...

Er selber arbeite „bewusst Teilzeit“. So verdiene er zwar weniger, komme aber nicht in die Versuchung, „dauernd zu konsumieren“. Was der bescheidene Mensch nicht erzählt – man muss es recherchieren: Bereits als Jugendlicher hat er in Kenzingen bei Freiburg einen Car-Sharing-Verein gegründet. Und laut Wikipedia ist er in seinem Leben noch nie geflogen.

Ach herrje, muss jetzt jeder so leben? Nein, lacht Bilharz. Nicht jeder muss in drei Monaten 6000 Radkilometer abkurbeln. Die eigenen Grenzen darf „jeder selber definieren“. Es gehe schlicht darum, dass „jeder bei sich das macht, was er kann“.

Auf dem Weg zur Klimaneutralität: zum Beispiel Bärbel Baumgärtner

Wie das geht, erzählt die Urbacherin Bärbel Baumgärtner vom Klimaentscheid Schorndorf. Bis vor zwei, drei Jahren sei ihr das alles „nicht so wichtig“ gewesen. Aber sie ist „viel in der Natur“ – und als 2018 die große Dürre das Remstal heimsuchte, sah Baumgärtner, wo sie auch hinschaute, die düsteren Folgen. Und zog ihre Schlüsse.

Seit einem Jahr ist sie Vegetarierin und fährt alles, was geht, mit dem Fahrrad. „Das tut mir total gut!“ Dazu „hab ich ne Solaranlage aufs Dach gemacht“.

Berufspendlerin ist sie nach wie vor; sie fährt jeden Tag mit dem Auto nach Backnang und zurück. Den widerspruchsfreien Lebensentwurf gibt es nicht. „Das muss man aushalten“, sagt Baumgärtner. Aber „ich bleib weiter dran“.

Immer mehr Kommunen im Remstal bekennen sich: Sie wollen bis 2035 klimaneutral werden. Aber werden wir dann nicht alle in die Selbstkasteiungspflicht genommen, Opfer von Verbotspolitik, lauter ausgezehrte Asketen? Ein Aktionstag am Freitag in Waiblingen und Schorndorf offenbarte etwas völlig anderes: Mit diesem Vorhaben verbinden sich Aufbruchstimmung, Zukunftsmut und Enthusiasmus. Besonders beeindruckend: ein Mensch mit beachtlicher Wadengewalt, der noch nie geflogen ist ...

Dr.

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