Rems-Murr-Kreis

Das sagen Motorradfahrer, die von der Polizei kontrolliert wurden: „Biker nicht über einen Kamm scheren“

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Die Polizei kontrollierte am Wochenende (8./9.5.2021) Biker im Rems-Murr-Kreis. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Die Polizei kontrollierte am Wochenende (8./9.5.2021) Biker im Rems-Murr-Kreis. © Ralph Steinemann Pressefoto

Lauter verständige Motorradfahrer gehen der Polizei ins Netz. Kaum überraschend ist dies für Einsatzleiter Hans-Peter Drescher: „Der Kontrollpunkt ist innerhalb von zwei Minuten verbrannt, das macht sofort in den Gruppen die Runde“, sagt er. Wer jetzt hier vorbeifährt, habe eine weiße Weste oder keinen Handyempfang. An diesem Sonntagmittag (9.5.) hat sich die Polizei wieder einmal die sogenannte „Fischbachtalkurve“ zwischen Sulzbach an der Murr und Mainhardt für Biker-Kontrollen ausgesucht. Hier kommt es immer wieder zu schweren Unfällen. Zuletzt vor zwei Wochen hat sich hier ein Motorradfahrer schwer verletzt.

Von Sulzbach kommend kündigt aufheulender Motorradsound einen Fahrer an, der in Richtung Großerlach gerade am Beschleunigen ist, als er kurzerhand vom Gas geht – er hat die Polizeifahrzeuge gesichtet. „Man könnte mit derselben Geschwindigkeit um die Kurve kommen, aber er ist mit extra hoher Drehzahl unterwegs“, sagt Polizeihauptkommissar Hans-Peter Drescher. Der Fahrer ist außer Hörweite, da knattert von oben eine BMW herbei.

Macht erst lärmiges Fahren richtig Spaß? „Es muss nicht laut sein, aber der Sound sollte schon stimmen“, sagt der Fahrer mit BK-Kennzeichen. An seiner Maschine hatten die Kontrolleure nichts auszusetzen, er fahre mit dem Originalmotorrad, möchte aber nicht mit Namen in der Zeitung stehen. Am Straßenrand nehmen Kollegen der Verkehrspolizei in Backnang und der Bereitschaftspolizeidirektion in Göppingen vor allem die Technik ins Visier.

„Wurde an Ihrem Motorrad baulich etwas verändert?“ möchte die Kollegin auch vom nächsten Zweirad-Enthusiasten wissen. Seine Ducati Panigale klingt etwas lauter als die Fahrzeuge der Vorgänger. „Ich habe nichts manipuliert, ich habe es so im Laden gekauft, es hat TÜV, darum habe ich kein schlechtes Gewissen“, sagt der Fahrer des Sportmotorrads, der 61-jährige Jörg Bischnewski aus der Gemeinde Neuler.

Ihm gehen die Fahrer, die eine Landstraße mit dem Hockenheimring verwechseln, selbst auf den Zeiger. Eine gewisse Lautstärke müsse ein Motorrad zwar haben – schon aus reinen Sicherheitsgründen. „Wir sind die schmalsten im Straßenverkehr, werden schnell mal übersehen oder unsere Geschwindigkeit falsch eingeschätzt.“ Doch Aufmerksamkeit provozieren, just for fun, das lehne er ab. „Ich fahre normal, aus Rücksicht, das ist mit jedem Motorrad möglich.“ Fahrern, die ihm regelrecht „entgegengeflogen“ kommen, würde er gerne sagen, dass ihr Fahrstil nicht auf unsere Straßen gehört. „Wer Rennen fahren will, soll auf eine Rennstrecke gehen, dafür sind sie da.“

Der erste Blick von Polizeikommissarin Melissa Böltz richtet sich auf den Auspuff: „Wir überprüfen, dass der dB-Eater nicht ausgebaut wurde“, erwähnt sie einen Teil des Auspuffs, der für eine angepasste Lautstärke gemäß Lärmschutzvorschriften sorgt. Um aufzufallen, werde dieser von rücksichtslosen Fahrern gerne mal ausgebaut. Das gibt das laute, knallähnliche und besonders erschreckende Auspuffgeräusch.

„Der Sound ist so schon klarer, kerniger, das Fahrgefühl ist cooler“, sagt Marc Ruppel aus Ilshofen. Doch kein Grund, an Grenzen zu gehen und die Motorleistung auszureizen bis zum Gehtnichtmehr. „Es ist nun mal unser Hobby, aber die meisten versuchen, so untertourig wie möglich vorbeizufahren, weil wir wissen, dass Anwohner nicht erfreut sind.“ Sein dB-Killer ist ordnungsgemäß eingebaut. Die ausgetauschten Bremshebel haben die Prüfnummer des Kraftfahrzeugbundesamts, Stabilität und damit die Sicherheit seien gewährleistet, er darf weiterfahren.

Mit einem Paar spricht die Kontrollkraft etwas ausführlicher. „Sie hatten einen Unfall und haben einen neuen Lenker montiert, der nicht eingetragen war im Fahrzeugschein.“ Für sie passe der Umbau, da beide Lenker baugleich seien. „Ich habe ihm empfohlen, das neue Teil nachträglich eintragen zu lassen, dann tut er sich bei kommenden Kontrollen leichter.“

Jede Kontrolle erfülle eine gewisse Erziehungsfunktion. Je weniger Verstöße registriert werden, desto mehr zeige sich, dass sich ein Großteil der Fahrer an die Regeln hält. So auch der 23-jährige Dominik aus Schwäbisch Hall, der unterwegs ist mit seinem 20-jährigen Bruder Dennis. „Man sollte Motorradfahrer nie über einen Kamm scheren“, meint er. „Wenn ich mir anschaue, wie die Leute teilweise unterwegs sind, und zigmal hoch- und runterrasen, dabei die Knie nahe am Asphalt.“ Bei ihnen habe die ganze Familie Benzin im Blut. Klar drehen sie gern mal auf. „Aber wenn, dann auf der Autobahn“, sagt Dennis. „Ich möchte auch weiterhin auf schönen Straßen fahren und nicht, dass sie wegen einiger schwarzen Schafe irgendwann für alle gesperrt oder nur noch für bestimmte Klassen erlaubt sind.“

Die Kontrolleure haben zu tun. Der sommerliche Wonne-Maitag lädt unzählige Fahrer ein, ihr Motorrad zu bewegen. Auch bergaufwärts wird kontrolliert: Ein Zivilfahrzeug mit Videokamera an Bord fährt die drei Kontrollstellen im Rems-Murr-Kreis ab und folgt stichprobenartig Fahrern, die durch schnelle oder spezielle Fahrmanöver auffallen, etwa durch Zick-Zack-Fahren, um „die Reifen warmzufahren“, wie es nach Auskunft von Drescher in der Zweiradszene heißt. Die technischen Trickkisten der PS-Rowdys sind den Polizisten bestens bekannt: An den Abgasanlagen könne manipuliert werden, auch das Ausbauen des Katalysators bringe Leistung. Aus optischen Gründen würden Spiegel, Lenker und Bremshebel durch nicht zugelassene Bauteile ausgetauscht, die im Internet für einen Appel und ein Ei gekauft werden, aber das Risiko von Sollbruchstellen bergen. Auch Blinker, die nicht dieselbe Leuchtkraft aufweisen können wie die zugelassenen, könnten zur Gefahr werden. Insbesondere Motorradfahrer seien besonderen Risiken ausgesetzt, bei Verkehrsunfällen schwere oder tödliche Verletzungen davonzutragen.

Selbst wenn die absolute Zahl an Unfällen, an denen Motorradfahrer beteiligt sind, rückläufig sei – „jeder Verletzte oder Getötete ist einer zu viel“, so Pressesprecher Jonas Ilg. Die Unfallstatistik für den Rems-Murr-Kreis zeige, dass weiterhin Handlungsbedarf besteht. Mit gegenseitiger Rücksichtnahme und Vorsicht kann Rad- und Motorradfahren sicherer werden.

Lauter verständige Motorradfahrer gehen der Polizei ins Netz. Kaum überraschend ist dies für Einsatzleiter Hans-Peter Drescher: „Der Kontrollpunkt ist innerhalb von zwei Minuten verbrannt, das macht sofort in den Gruppen die Runde“, sagt er. Wer jetzt hier vorbeifährt, habe eine weiße Weste oder keinen Handyempfang. An diesem Sonntagmittag (9.5.) hat sich die Polizei wieder einmal die sogenannte „Fischbachtalkurve“ zwischen Sulzbach an der Murr und Mainhardt für Biker-Kontrollen ausgesucht.

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