Rems-Murr-Kreis

Das Unwetter vom Montag im Rems-Murr-Kreis: Superzelle mit Verbrüderungstendenz

Symbolfotowetterwolken
Unwetter im Anmarsch: So sah der Himmel am Dienstagnachmittag, 29. Juni, in Richtung Fellbach-Schmiden aus. © Gaby Schneider

Das Unwetter, das am Montag den Rems-Murr-Kreis mit Wassermassen und Orkanböen heimgesucht hat, war ein „Superlativ“. Viel mehr geht nicht mehr. Zwei Dinge kamen zusammen: Erstens war die Gewitterzelle eine „Superzelle“ und zweitens kam’s noch zur Verbindung mehrerer Gewitterzellen. Selbst der Tornado-Beauftragte des Deutschen Wetterdienstes Andreas Friedrich blickt beeindruckt auf solch ein Phänomen. Was geht hier bei uns gerade ab? Ist das alles noch Wetter? Oder schon Klimawandel?

Die aktuellen Unwetter sind „besondere Wetterlagen“, aber ...

An dieser Frage, sagt Andreas Friedrich, sei durchaus was dran. Aber grundsätzlich haben wir es im Rems-Murr-Kreis zurzeit schlicht mit einer „besonderen Wetterlage mit Unwettern und Starkregen“ zu tun. Das war am Montag so und am Dienstagnachmittag auch. Am Dienstag zogen Sturm und Starkregen, die über dem Rems-Murr-Kreis und dem Ostalbkreis wüteten, einige Einsätze von Feuerwehr und Rettungsdienst nach sich. Für den Rems-Murr-Kreis wurden 51 Notrufe registriert. Überwiegend ging es um umgestürzte Bäume, überflutete Keller, umgestürzte Bauzäune oder mit Erdreich oder Geröll verunreinigte Straßen. Eine Autofahrerin wurde in Bittenfeld verletzt: Ein Baum stürzte auf ihr Auto.

Dennoch: Die Ursache für diese Ereignisse ist zuerst mal eine Wetterlage. Klima bezeichnet das Wetter über viele Jahre. Da geht’s um 30 Jahre und mehr. Festzustellen sei, dass seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 die Durchschnittstemperatur bei uns um 1,6 Grad Celsius gestiegen ist, dass die Sommer im Durchschnitt trockener geworden sind. Ausnahmen sind stets möglich und werden miteinberechnet.

Seit etwa 20 Jahren werden Starkregen flächendeckend und rund um die Uhr registriert

Seit rund 20 Jahren, sagt Andreas Friedrich, gibt’s auch ein Radarsystem in Deutschland, mit dessen Hilfe Starkregen lückenlos verfolgt werden können. Und da ist festzustellen: Seit dieser Zeit fällt selbiger immer häufiger und stärker. „Das passt schon in den Klimawandel.“

Der Regenguss vom Montag war beeindruckend: Er brachte vor allem in der Gegend um Kernen Wassermassen, die nur knapp die 55 Liter pro Quadratmeter nicht erreichten, ab denen der Fachmann von einem 100-jährlichen Regen spricht. Orkanböen mit Windgeschwindigkeiten bis zu 107 Kilometern in der Stunde kamen hinzu. Das Gewitter war eine sogenannte „Superzelle“. Eine Superzelle ist eine sehr starke Gewitterzelle, die außerdem rotiert. Hinzu kommt: Eine Superzelle ist schräg nach oben geneigt. Eine normale Gewitterzelle, sagt Andreas Friedrich, wachse gerade nach oben. Oben kühle die warme Luft ab, das in ihr enthaltene Wasser vereise und falle dann ebenfalls gerade wieder runter, durch die noch unten liegenden, warmen Gewittermassen hindurch. Dadurch kühlt sich das Ganze selbst ab, die Energie schwindet, das Gewitter verebbt.

Bei einer Superzelle klappt diese Selbstberuhigung nicht. Sie hängt ja schräg in der Luft. Oben, sagt Friedrich, werde der Wind dadurch immer stärker. Diese Gewitterwolken könnten sich viel länger halten als ein normales Gewitter. Oft mehrere Stunden lang. Es komme zu starken Niederschlägen, oft mit schlimmem Hagel. Orkanböen fegten über das Land. Im schlimmsten Fall entstehe ein Tornado.

Die Superzelle verband sich mit anderen Gewittern

Tornado und Hagel kamen am Montag glücklicherweise nicht über den Rems-Murr-Kreis. Dafür aber verband sich die Superzelle unterwegs mit weiteren Gewitterzellen zu einem Riesengewitter, das eine große Landfläche überdeckte. Und so kam’s, dass es zwischen 20 Uhr und 21 Uhr von Waldorfhäslach bis fast nach Wüstenrot, von hinter Leonberg bis hinter Winterbach tobte.

Was am Montag war, sagt Tornado-Experte Andreas Friedrich, habe es auch schon vor 40 Jahren gegeben. Genauso heftig. Jetzt aber werde solch ein Unwetter den Rems-Murr-Kreis wohl häufiger erwischen. Denn: Je wärmer die Luft, desto mehr Feuchtigkeit tragen auch die Wolken, die ebenfalls wärmer nach oben steigen. Und desto mehr Hagel und Regen kommen am Ende runter. Das immer wieder, das sei dann nicht mehr nur Wetter, das sei dann tatsächlich die Auswirkung des Klimawandels.

Das Unwetter, das am Montag den Rems-Murr-Kreis mit Wassermassen und Orkanböen heimgesucht hat, war ein „Superlativ“. Viel mehr geht nicht mehr. Zwei Dinge kamen zusammen: Erstens war die Gewitterzelle eine „Superzelle“ und zweitens kam’s noch zur Verbindung mehrerer Gewitterzellen. Selbst der Tornado-Beauftragte des Deutschen Wetterdienstes Andreas Friedrich blickt beeindruckt auf solch ein Phänomen. Was geht hier bei uns gerade ab? Ist das alles noch Wetter? Oder schon

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