Rems-Murr-Kreis

Den Sprach-Kitas im Rems-Murr-Kreis droht das Aus

Kindergarten
Bundesweit ist rund jede achte Kita eine Sprach-Kita, allein im Wahlkreis Waiblingen wären 27 Einrichtungen vom Aus des Bundesprogramms betroffen. © Alexandra Palmizi

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel der Welt ist“ soll vom kommenden Jahr an nicht mehr gefördert werden, so sieht es zumindest der Entwurf für den Bundeshaushalt 2023 vor. Das Programm richtet sich an Kitas mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf. Inhaltliche Schwerpunkte sind die alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik, Elternarbeit und seit 2021 der Einsatz digitaler Medien. Für jede Sprach-Kita stellt das Programm eine zusätzliche Fachkraft zur Verfügung. Bundesweit ist etwa jede achte Kita eine Sprach-Kita. Allein im Wahlkreis Waiblingen gibt es davon 27.

Sprachfachkräfte müssten sich eine neue Stelle suchen

Was bedeutet das Ende der Sprach-Kitas konkret für die Einrichtungen und die Sprachfachkräfte? „Wenn das Programm nicht mehr gefördert wird, wird mein zum Ende des Jahres auslaufender Vertrag nicht verlängert und ich müsste mir ab 1. Januar eine neue Stelle suchen“, sagt Melanie Odidika, Sprachfachkraft im Kinderhaus Brunnenstraße in Schwaikheim.

Womöglich würde die Erzieherin sich dann beruflich ganz anders orientieren und der Kinderbetreuung den Rücken kehren, denn: „Es gibt zwar viele Stellen im Gruppendienst, aber darauf liegt derzeit nicht mein Fokus.“ Sowohl was Arbeitszeitgestaltung als auch inhaltliche Schwerpunkte angeht, ist dies für die Mutter zurzeit keine Option. Auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen hätten sich bewusst für die Tätigkeit als Sprachfachkraft entschieden und wollten nicht (mehr) im Gruppendienst arbeiten.

Denn ihre aktuelle Stelle unterscheidet sich davon in vielen Punkten. Melanie Odidika arbeitet mit den anderen Fachkräften zurzeit daran, wie die Einrichtung noch inklusiver werden kann, konkret geht es vor allem um die bessere Integration von Kindern aus unterschiedlichen Kulturen und Familienmodellen. „Meine Aufgabe ist es, die Fachkräfte zu unterstützen.“ Sie habe die Zeit, sich Hintergrundwissen anzueignen und aufzubereiten. Im Kita-Alltag ermöglicht die zusätzliche Fachkraft beispielsweise die Arbeit in Kleingruppen, ist bei Elterngesprächen dabei oder wirft einen gezielteren, neutralen Blick auf einzelne Kinder.

Wichtige Projekte und Hilfe im Alltag

„Natürlich helfe ich auch spontan einem Kind beim Toilettengang oder springe ein, wenn kurzfristig jemand ausfällt.“ Kurzum: Der Einrichtung würde mit dem Ende des Programms eine 50-Prozent-Stelle fehlen, bei der in nahezu allen Kindertageseinrichtungen ohnehin angespannten Personallage ist das ein Problem. Das ist auch Melanie Odidikas größte Sorge: „Ich habe Angst, dass die Qualität der Kindertageseinrichtungen wegen Personalknappheit leidet. Das Projekt Sprach-Kitas ist aus meiner Sicht gerade jetzt wichtig, weil viele Kinder aus anderen Ländern zu uns kommen, die häufig schlimme Erlebnisse mitbringen.“

Durch die zusätzlichen Fachkräfte könnten wichtige Projekte umgesetzt werden, sagt Michael Tretter, Leiter der Abteilung Kindertageseinrichtungen bei der Stadt Waiblingen. Dort wurden beispielsweise Tablets angeschafft. Da digitale Medien in vielen Familien zum Alltag gehören, soll in den Kitas der kindgerechte Umgang mit altersentsprechenden Medien gelebt werden, nennt er ein Beispiel. Durch das Auslaufen des Bundesprogramms würden die entsprechenden zusätzlichen Fachkräfte in den Einrichtungen fehlen, so dass die Angebote nur eingeschränkt weiterlaufen können. Es gehe aber nicht nur um konkrete Projekte. Das Programm sei auch eine Art Multiplikator, weil durch die Sprachfachkräfte die Erzieherinnen und Erzieher laufend weiterqualifiziert werden könnten. Bei der Stadt Waiblingen gibt es 14 Sprach-Kitas.

Kommunen können die zusätzlichen Stellen nicht finanzieren

Das drohende Aus für das Bundesprojekt Sprach-Kitas trifft auch drei Schorndorfer Kitas. Das ist eine Enttäuschung: „Die mit den Bundesmitteln finanzierte Fachkraft Sprache nimmt in den Einrichtungen eine ganz besondere Rolle ein, da sie durch Beobachtungen, Auswertungen, Rückmeldungen und fachliche Inputs das gesamte Team permanent für das Thema Sprache sensibilisieren kann“, sagt Markus Weiß, Leiter des Fachbereichs Kindertagesstätten. Auch in der Zusammenarbeit mit den Eltern seien die Sprachfachkräfte sehr wichtig, die Corona-Pandemie habe die Bedeutung dieses Austauschs gezeigt.

Auch wenn die inhaltlichen Schwerpunkte des Programms zum pädagogischen Selbstverständnis der Erzieherinnen und Erzieher gehörten, sei die zusätzliche Fachkraft von unschätzbarem Wert. „Ohne diese zusätzliche Stelle ist die Qualität in diesen Bereichen in Anbetracht des vorherrschenden Fachkräftemangels kaum zu halten“, sagt Weiß. „Aus fachlicher Sicht sollte es in jeder Kita eine solche zusätzliche Fachkraft haben. Für Kommunen ist eine vollständige eigenständige Finanzierung ohne Fördermittel nicht möglich. Dass nun auch noch die Förderung des Bundes wegfällt, ist bitter für die Mitarbeitenden, aber vor allem auch für die Kinder und ihre Familien.“

Petition beim Bundestag eingereicht

Noch ist das Aus für das Programm nicht besiegelt: Der Bundeshaushalt 2023 wird noch diskutiert. Unter anderem gibt es eine beim Deutschen Bundestag eingereichte Petition, initiiert von der Leiterin einer Sprach-Kita aus Mecklenburg-Vorpommern. Fast 145.000 Unterschriften für den Erhalt der Sprachkitas sind dort (Stand 15. September) bereits zusammengekommen. Das bedeutet, dass es eine verpflichtende Anhörung im Petitionsausschuss des Bundestages unter Teilnahme der zuständigen Ministerien geben wird.

Auch die CDU/CSU-Bundestagsfraktion hat beantragt, die Sprach-Kitas zu retten und das Förderprogramm weiterzuführen. Die Waiblinger Bundestagsabgeordnete Christina Stumpp sagt: „Die Ampel hält nicht Wort und benachteiligt Kita-Kinder: Während sie im Koalitionsvertrag noch vollmundig die Weiterentwicklung der Sprach-Kita-Förderung angekündigt hat, wird die Bundesfamilienministerin nur acht Monate später zur Erfüllungsgehilfin des Bundesfinanzministers. Das ist eindeutig an der falschen Stelle gespart.“

Das Bundesprogramm „Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel der Welt ist“ soll vom kommenden Jahr an nicht mehr gefördert werden, so sieht es zumindest der Entwurf für den Bundeshaushalt 2023 vor. Das Programm richtet sich an Kitas mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil von Kindern mit sprachlichem Förderbedarf. Inhaltliche Schwerpunkte sind die alltagsintegrierte sprachliche Bildung, inklusive Pädagogik, Elternarbeit und seit 2021 der Einsatz digitaler Medien. Für jede Sprach-Kita

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