Rems-Murr-Kreis

Der antifaschistische Familienzwist

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Alfred Denzinger © ZVW/Gabriel Habermann (Archiv)

Waiblingen. Gegen Nazis sind sie alle. Aber ob das reicht als Gemeinsamkeit? Im Rems-Murr-Kreis gärt ein Zwist in der antifaschistischen Familie: Die einen finden die anderen zu halbherzig, die anderen finden die einen zu linksradikal.

Ja, ja, er weiß, was die anderen über ihn erzählen, „das ist mir bekannt“: Er provoziere, sei ein Kommunist, hole antifaschistische Krawalldemonstranten aus Stuttgart in den Rems-Murr-Kreis. „Blödsinn“, sagt Alfred Denzinger. Der 53-Jährige ist Aktivist der Initiative „Weiler schaut hin“ und der neuen Gruppierung „Rems-Murr nazifrei“. „Ich bin nicht gewaltbereit. Ich hab noch keinen geschlagen. Aber ich bin auch nicht bereit, mich aufs Maul hauen zu lassen. Und schon gar nicht von einem Nazi.“ Ja, er sei froh, dass zu Mahnwachen vor der Weilermer Neonazi-Kneipe Linde auch schon Stuttgarter gekommen sind – „wenn ich mich auf die Leute aus Schorndorf verlassen hätte, wäre ich schon im Krankenhaus.“ Er ein Kommunist? Denzinger lacht grimmig. „Ich fahr Porsche, ich fahr ein dickes Motorrad, ich bin in keiner Partei. Dieser Vorwurf ist so was von spinnig.“ Ja, er habe eine „kritische Einstellung, was dieses Wirtschaftssystem angeht. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, über 30 Jahre selbstständig zu sein“ als erfolgreicher Versicherungsmakler. „Und ich schäme mich nicht dafür.“

Und doch gilt Denzinger manchen als Reizfigur im antifaschistischen Familienzwist. Bei „Weiler schaut hin“ hat die ursprüngliche Führungsriege aufgehört – der ehemalige Vorsitzende Wilhelm Pesch findet, Denzinger habe „eine gewisse Radikalität“ hineingetragen. Im Flecken gründe sich deshalb derzeit eine neue Initiative, „Weiler gegen rechts“. Und das Schorndorfer „Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“, das für den 1. Juli eine Kundgebung plant, hat Denzingers Mannschaft dazu bisher nicht eingeladen.

Auch wenn es keine Seite so deutlich sagt – zwischen den Zeilen glaubt man bisweilen durchhören zu können, was die einen über die anderen denken und die andern über die einen: Ihr seid wachsweiche Pseudo-Protestler, die bloß ab und zu ein bisschen auf betroffen machen – und ihr schürt linken Rabatz, ihr sucht die Eskalation.

Auf der Rems-Murr-nazifrei-Homepage steht: „Uns reicht es nicht, Symbole zu setzen, weit weg von den Nazis.“ Nötig seien „Demonstrationen und Mahnwachen“ direkt vor den „Treffpunkten und Veranstaltungsorten“ der Nazis. Bloß irgendwo ein paar „Kerzen gegen Brandstifter“ aufstellen? Zu wenig, sagt Denzinger. „Wir suchen die Nester auf, wo die sitzen, und zeigen mit dem Finger drauf: Da sind sie!“

Auf der Homepage findet sich auch ein Bericht über eine „kämpferische Spontandemo“ der Antifaschistischen Initiative Leonberg: „Während der gesamten Demonstration zeigten sich die TeilnehmerInnen offensiv und brachten mit Pyrotechnik und einem Abschlusssprint einen entschlossenen Ausdruck auf die Straße.“ Wer das liest, kann sich gut vorstellen, was sich die Leute in Korb oder Winterbach dazu denken: So was wollen wir bei uns aber nicht.

„Wir wollen in die Mitte der Gesellschaft hineinwirken“, sagt Hans-Martin Tramer vom Schorndorfer Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit. Er habe nichts gegen die Antifa, die „machen auch gute Sachen“ – aber „wir wollen die Bürgerlichen auf den Marktplatz bringen“; Vereine, Kirchen. Und dabei seien womöglich Gruppen von außen „nicht unbedingt hilfreich“.

Weiteres trägt zur Entfremdung bei: Neulich am Infostand von „Rems-Murr nazifrei“ in Korb wunderten sich Passanten über Flugblätter der Gruppe „Gegen die Strömung“ – dieses „Organ für den Aufbau der Revolutionären Kommunistischen Partei Deutschlands“ preist im Internet Stalin und beklagt, dass sich in der deutschen „Anti-Nazi-Bewegung eine sozialdemokratisch-revisionistische staatstreue Einflussnahme“ breitmache.

„Ich kann nicht jedes Flugblatt angucken“, antwortet Denzinger genervt. Richtig sei allerdings: „Ich schließe niemanden aus.“ Gewaltfrei gegen Nazis zu sein, „das ist der Konsens, auf dem man arbeitet“ – was jemand „sonst denkt, ist mir egal. Ich habe auch kein Problem, mit CDUlern auf die Straße zu gehen gegen Nazis“.

Und dann das Thema Polizei. Denzinger wurde bei einer Mahnwache vor der „Linde“ mal von Rechtsradikalen als „Kommunistenschwein“ beschimpft, „am Kragen gepackt und geschüttelt“. Später sei die Polizei gekommen und habe sich geweigert, Anzeige aufzunehmen. „Begründung: Wir wären ein Kindergarten. Wortwörtlich.“ Mit den Nazis dagegen hätten die Beamten sich „relativ freundschaftlich unterhalten“.

Die Rems-Murr-Polizei hegt klammheimliche Sympathie für Faschisten? „Total abwegig“, sagt Wilhelm Pesch. Auch Hans-Martin Tramer findet diese „grundsätzliche Anti-Haltung zur Polizei“ befremdlich.

Ein Mittwochabend, eine Sitzung von „Rems-Murr nazifrei“ in Korb: 20 Engagierte sind gekommen, junge Antifa-Leute mit Gesichtern voller Dringlichkeit, ein Rentner von der Gewerkschaft, einer von der Marxistisch-Leninistischen Partei – und als Gäste drei Vertreter der örtlichen SPD. Es ist ein Abtasten voll höflicher Behutsamkeit.

Und doch, man spürt eine Kluft aus Fremdheit und Skepsis – manchmal drückt sie sich aus in kleinen Gesten: Eine SPD-Frau runzelt die Stirn, als Denzinger den Rücktritt von Bürgermeister Müller fordert, weil der die NPD-Parteitage in Korb nicht öffentlich machte. Einem Antifaschisten unterläuft ein freudloses Lächeln, als die SPD-Frau erklärt: Müller sei ein „guter Bürgermeister“, auch wenn er „einen Fehler gemacht“ habe.

„Super“, dass hier alle gegen Nazis sind, sagt ein Antifaler. Die drei von der SPD nicken. Immerhin, eine Gemeinsamkeit. Aber ob das reicht?