Rems-Murr-Kreis

Der Hass und der gewisse Kick: Warum er zusammenschweißt und wer die Opfer sind

Hass im Internet
Symbolfoto. © stock.adobe.com/Stevanovic Igor

Bald geht’s um Liebe, zunächst noch um Hass. Gier war schon.

Das Stuttgarter Haus der Geschichte widmet diesen drei Emotionen, dem Hass, der Liebe und der Gier, eine Ausstellungstrilogie. Vermutlich wär’ der Weltenlauf anderen Wendungen gefolgt, käme nicht dem Hass und der Gier, seltener der Liebe, diese Macht über Menschen zu.

Der Hass ist aktuell dran in der Trilogie. Noch bis 24. Juli zeigt das Haus der Geschichte rund 200 Hassobjekte aus 200 Jahren. Erst danach ist die Liebe dran.

Die Macht des Hasses wächst, seit jede(r) die digitale Welt mit einem beachtlichen Repertoire an Schimpfwörtern belästigen und Gewaltfantasien freien Lauf lassen kann. „Gezielte Steinwürfe“ schlägt ein Facebook-Nutzer vor, der sich an einem Artikel dieser Zeitung abarbeitet. Es geht um Motorradlärm, ums Rasen. „Und das geile ist, das macht mal richtig Laune“, findet der Kommentator, „wie die’s immer gar nicht blicken, woher der Stein kam, bei Tempo 100 im Ort.“

Morddrohungen gegen Politiker und Journalisten

Lokalpolitiker/-innen sehen sich Morddrohungen ausgesetzt, Journalist/-innen ebenfalls, die Polizei muss bei Kontrollen mit heftiger Gegenwehr rechnen. Luigi Pantisano, der in Waiblingen die preisgekrönte Veranstaltungsreihe „Bunt statt braun“ ins Leben rief und im Wahlkreis Waiblingen bei der Bundestagswahl 2021 für die Linken antrat, sah sich jahrelang mit rechtsextremistischen Morddrohungen konfrontiert.

Übelsten Drohungen war ein Redakteur dieser Zeitung ausgesetzt, der in der Querdenker-Szene recherchierte und über deren Auswüchse berichtete. „Sie sind der absolute Abschaum“ – solche Sätze von Maskenverweigerern aus dem Rems-Murr-Kreis im Telegram-Chat zählten noch nicht zu den schlimmsten, die gegen ZVW-Redakteur Alexander Roth gerichtet waren.

Ungezählte Male beleidigt und mit dem Tode bedroht worden ist, um ein weiteres Beispiel aus dem Rems-Murr-Kreis zu nennen, der Rudersberger Journalist Alfred Denzinger. Er fand seinen Namen auf derselben „Schwarzen Liste“ im Internet, auf welcher auch der CDU-Politiker Walter Lübcke aufgeführt war. Ein Rechtsextremist tötete den Kasseler Regierungspräsidenten am 1. Juni 2019.

Gruppen-Hass schweißt zusammen

Woher kommt der Hass?

Im Portal „Seele und Gesundheit“, für das laut Impressum Dr. Michael Depner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Hattingen, verantwortlich zeichnet, sind bemerkenswerte Hinweise zu finden: „Je geringer das eigene Selbstwertgefühl, desto radikaler muss die Abwertung anderer sein, um überhaupt einen wirksamen Kontrast zu schaffen“, heißt es dort, und weiter: „Es gilt zu verstehen, dass äußere Auslöser nur etwas auslösen, was im Inneren bereitliegt. Verantwortlich für Hass ist nicht das Ziel, auf das er sich ausrichtet, sondern der Täter, der den Bogen spannt.“ Eine weitere Idee lässt aufhorchen: „Zuweilen ist fanatischer Glaube an eine Idee nichts anderes als Dankbarkeit dafür, dass sie Hass erlaubt oder ihn gar schürt.“

Von einer „zusammenschweißenden Wirkung“ des Hasses in der AfD sprach vor einiger Zeit Franziska Schreiber bei einer Podiumsdiskussion im Haus der Geschichte. Sie war 2013 in die AfD eingetreten, stieg bereits im Folgejahr zur Vorsitzenden der Jungen Alternative auf, war Pressesprecherin der Partei – und erklärte im selben Jahr ihren Austritt, in welchem sie in den Bundesvorstand aufgerückt war. Das war 2017. Im Buch „Inside AfD“ rechnet sie mit der Partei ab.

Gegenrede allein reicht bei weitem nicht

In Stuttgart zeigte sich Franziska Schreiber durchaus selbstkritisch: Ihr eigener Hass sei von Angst gespeist gewesen, und sie habe sich eingeredet, sie selbst sei okay – das Problem sei die Welt da draußen. Heute beschreibt sie das Hassgefühl als regelrecht „süchtig machend“, zumal dann, wenn man in der Gruppe hasst. „Im Moment des Hassens fühlt sich das Gefühl ja nicht schlecht an“, so die AfD-Aussteigerin: Sie selbst erlebte einen regelrechten „Endorphinrausch.“

Wenn das so ist: Kann man jeden Menschen so sehr aufstacheln, bis er hasst?

„Ja, das Gefühl können Sie in jedem Menschen auslösen“, mutmaßte Prof. Dr. Tobias Keber bei der Podiumsdiskussion. Der Jurist gehört dem Leitungsgremium des Instituts für Digitale Ethik an der Hochschule der Medien Stuttgart an.

Hassbotschaften verbreiten, ohne die eigene Identität zu verschleiern

Sicherlich verläuft jene Grenze, an welcher Hass in eine strafbare Handlung mündet, bei jedem und jeder woanders. Die Scheu, mit Klarnamen versehene Hassbotschaften auf Internet-Plattformen in alle Welt hinauszuposaunen, scheint jedenfalls kleiner geworden zu sein. Von einer „ganz großen Zahl“ sprach Keber mit Blick auf jene, die etwa bei Facebook Hass verbreiten, ohne ihre Identität zu verschleiern.

Wer sich traut und zur Gegenrede ansetzt, könnte das schnell bereuen: „Es kann sein, dass der hassende Mob über sie herfällt. Das kann ganz, ganz schnell gehen“, so Keber.

Als am 31. Januar 2022 eine Polizistin und ein Polizist bei einer Fahrzeugkontrolle im Landkreis Kusel in Rheinland-Pfalz erschossen wurden, beklatschten nicht wenige die feige Tat im Netz. Die Polizei richtete seinerzeit eigens eine Ermittlungsgruppe namens „Hatespeech“ ein, die 399 Fälle von Hassrede und Hetze im Zusammenhang mit der Tötung der Polizisten zählte. Mehr als 100 davon wurden als strafrechtlich relevant eingestuft.

Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz, bereits seit Oktober 2017 in Kraft, zielt darauf ab, Hasskriminalität, strafbare Falschnachrichten und andere strafbare Inhalte in sozialen Netzwerken wirksamer zu bekämpfen. Die Plattformen müssen solche Aussagen entfernen – theoretisch. In der Praxis nützt das Gesetz Betroffenen wenig, bemängeln Kritiker/-innen seit langem. Sehr schwierig bleibt es, Grenzen zu definieren, ab welchem Punkt eine Äußerung noch unter Meinungsfreiheit fällt oder bereits als strafbare Hassbotschaft zu betrachten ist.

Die Justiz tut sich schwer: Der Fall Künast

Die Justiz selbst tut sich schwer mit einer Einordnung, wie Renate Künasts Fall eindrucksvoll zeigte: Die frühere Bundesministerin klagte sich durch alle Instanzen. 2019 hatte das Landgericht Berlin geurteilt, die Grünen-Politikerin müsse beleidigende Äußerungen auf Facebook hinnehmen; die Anfeindungen seien als freie Meinungsäußerungen zu werten. Das Bundesverfassungsgericht sah's anders: Beleidigungen im Netz können nicht einfach als sachlicher Beitrag in der politischen Debatte gewertet werden, stellte das höchste deutsche Gericht klar – und hob den Berliner Beschluss auf.

Dennoch: Mit Gesetzen kommt man dem Hass nicht bei, diese Befürchtung äußerte Dr. Benno Köpfer, Islamismusexperte beim Landesamt für Verfassungsschutz, bei der Podiumsdiskussion. Von einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe sprach Tobias Keber. Es brauche Gegenrede, Rechtsdurchsetzung, Ethik, Digitalkompetenz und andere Algorithmen, die Hass nicht höher ranken, weil Hass den Plattformen Reichweite verschafft – sprich: An „sehr vielen interdisziplinären Schräubchen“ sei zu drehen.

Prominente Betroffene: Ricarda Lang

Mehr als nur ein Schräubchen bewegt Hate-Aid, das ist eine Beratungsstelle für Menschen, die sich digitaler Gewalt ausgesetzt sehen. Eine von ihnen ist Ricarda Lang, die im Wahlkreis Backnang / Schwäbisch Gmünd für den Bundestag kandidierte und mittlerweile als Co-Bundesvorsitzende der Grünen im Rampenlicht steht. Noch vor der Bundestagswahl im September 2021 hatte sie in einem Gespräch mit dieser Zeitung berichtet, sie nutze die Dienste von Hate-Aid. Eine erneute Interviewanfrage dieser Zeitung zum Thema Hassrede lehnte sie ab: Sie wolle sich dazu momentan nicht äußern, teilte ihr Schwäbisch Gmünder Wahlkreisbüro mit.

Die Organisation Hate-Aid begreift sich als „Schutzschild“ und unermüdliche Mahnerin: „Wir erleben in unserer Beratung seit Jahren, dass Betroffene von Polizei und Strafverfolgungsbehörden nicht ernst genommen werden und mit dem Hass allein bleiben“, heißt es in einer Mitteilung von Hate-Aid. Digitale Gewalt werde noch immer verharmlost. Die Ergebnisse eines Experiments, das ein Team um den Satiriker und Moderator Jan Böhmermann auf den Weg gebracht hatte, verwundern Hate-Aid nicht. Die Beratungsstelle war selbst am Experiment beteiligt. Man hatte Hasskommentare gesammelt und in allen 16 Bundesländern gleichzeitig angezeigt. In einem von sieben Fällen wurde den Angaben zufolge ein Täter ermittelt und in der Folge verurteilt. Zahlreiche andere Verfahren seien eingestellt worden.

Diskussionskultur in Gemeinderäten: Beklagenswert schlecht

Nicht direkt um Hass, doch um eine Vorstufe davon geht es in einer bemerkenswerten Studie, deren Ergebnisse die Körber-Stiftung kürzlich veröffentlicht hat. Im Auftrag der Stiftung hatte ein Meinungsforschungsinstitut Kommunalpolitiker/-innen zur Diskussionskultur in den Gremien befragt. „Der seit Jahren immer rauer werdende Ton, zunehmende verbale Angriffe und Beleidigungen schwächen die Entscheidungskraft und Motivation der meist ehrenamtlichen Räte“ – das ergab die Studie einer Mitteilung der Körber-Stiftung zufolge, und weiter: „Zudem beeinflussen die verstärkte Fraktionierung sowie konfliktsuchende Einzelpersonen die Diskussionskultur negativ. Eine spürbare Verschlechterung und Polarisierung ordnen die Befragten auch dem Einzug populistischer Parteien in die kommunalen Räte zu. Vor allem Frauen sind von sexistischen Grenzüberschreitungen betroffen und empfinden die Diskussionskultur in der Kommunalpolitik als dominant männlich.“

In der Ausstellung im Haus der Geschichte sind rote Schuhe aufgereiht als Symbol für strukturellen Hass gegen Frauen, der statistisch an jedem dritten Tag in Deutschland eine Frau das Leben kostet.

Hass als Triebfeder, um gegen Tyrannen aufzustehen?

Ob es eine Art guten Hass geben kann, einen Hass, der als Triebfeder wirkt, damit eine Gesellschaft aufbegehrt gegen Unterdrückung und Tyrannei – auch diese Frage wirft die Ausstellung im Haus der Geschichte auf, und mit Blick auf den Angriffskrieg Russlands erhält sie eine bedrückende Aktualität. Georg Herweghs Gedicht aus dem Jahr 1841 feiert den Hass bereits im Titel. Im „Lied vom Hasse“ heißt es:

„Die Liebe kann uns helfen nicht,

Die Liebe nicht erretten;

Halt du, o Haß, dein jüngst Gericht,

Brich du, o Haß, die Ketten!

Und wo es noch Tyrannen gibt,

Die laßt uns keck erfassen;

Wir haben lang genug geliebt,

Und wollen endlich hassen!“

Bald geht’s um Liebe, zunächst noch um Hass. Gier war schon.

Das Stuttgarter Haus der Geschichte widmet diesen drei Emotionen, dem Hass, der Liebe und der Gier, eine Ausstellungstrilogie. Vermutlich wär’ der Weltenlauf anderen Wendungen gefolgt, käme nicht dem Hass und der Gier, seltener der Liebe, diese Macht über Menschen zu.

Der Hass ist aktuell dran in der Trilogie. Noch bis 24. Juli zeigt das Haus der Geschichte rund 200 Hassobjekte aus 200 Jahren. Erst danach ist die

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