Rems-Murr-Kreis

Der Remstäler Kinderarzt und die rechtsextreme Festschrift: Eine Recherche im Milieu der Geschichtsverdreher

Festschrift von Kemmerich
Rolf Kosiek gilt als rechtsextremer Multifunktionär – warum schrieb an einer Festschrift zu seinen Ehren auch ein angesehener Remstäler Mediziner mit? © Benjamin Büttner

Großes Echo hat unlängst ein Artikel in unserer Zeitung ausgelöst: „Wie kommt der Kinderarzt zum Volksverhetzer?“ Es ging um einen geplanten, letztlich indes abgesagten Vortragsauftritt des Weinstädter Mediziners Rudolf Kemmerich, Jahrgang 1936, in Weinheim; Veranstalter gewesen wäre der bekannte NPD-Aktivist Günter Deckert. Haben wir mit dem Text einen honorigen Remstäler unfair vorgeführt, nur weil er einem Rechtsaußen-Promi versehentlich zu nahe gekommen ist? Oder steckt mehr dahinter?   

Rudolf Kemmerich selber erklärte zu all dem in einem Telefonat zunächst: Ihm sei gar nicht bekannt gewesen, wer dieser Herr Deckert sei. In einem Leserbrief ergänzte Kemmerich: Seit 45 Jahren halte er medizinische Fachvorträge – nie habe er „nachgeprüft, ob der Veranstalter eine politisch korrekte Weltanschauung vertritt“. Seine „positive Einstellung zum deutschen Grundgesetz und zur demokratischen Grundordnung“ habe er „ein Berufsleben lang“ durch seinen“ Einsatz für die seelische und körperliche Gesundheit des Kindes bewiesen“; und „ich bin und ich war niemals Mitglied der NPD. Ich habe mit dieser Partei überhaupt nichts zu schaffen.“

Auch mehrere Leser haben sich gemeldet: Rudolf Kemmerich habe sich immer „in einzigartiger Weise“ um seine jungen Patienten gekümmert, einen solchen Arzt könne man „wohl lange suchen“. Es sei eine „bodenlose Ungerechtigkeit“, diesen Mann – „ganz sicher zu Unrecht“ – in rechtes Zwielicht zu rücken.

Wir haben keinerlei Anlass, an Rudolf Kemmerichs Lebensleistung als Kinderarzt zu zweifeln. Spuren ins weit rechte Milieu aber gibt es nun einmal.

"Eine Feder für Deutschland" und ein rechtsextremer Verlag

2009 erschien Rudolf Kemmerichs Buch „Das Kind braucht die Familie“ im Hohenrain-Verlag. Das Landesamt für Verfassungsschutz schreibt: Hohenrain gehöre zu den bedeutendsten „rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland“, wiederholt seien „Veröffentlichungen wegen Volksverhetzung“ eingezogen worden.

Weshalb hat Kemmerich ausgerechnet hier sein Buch herausgebracht?

Er hat sich zu dieser Frage per Leserbrief geäußert: Das Manuskript „habe ich mehreren Verlagen angeboten. Ich habe lauter Absagen erhalten. Schließlich hat der Hohenrain-Verlag in Tübingen das Manuskript angenommen.“

Kemmerich hat allerdings noch einen weiteren Text im Hohenrain-Verlag veröffentlicht: einen Aufsatz in der 2014 zu Ehren von Rolf Kosiek erschienenen Festschrift „Eine Feder für Deutschland“.

Eine Festschrift ist ein Buch, das einem Gelehrten gewidmet wird, zum Beispiel zu einem runden Geburtstag: Freunde, Kollegen, Schüler steuern Texte bei und bezeugen so dem Wirken des Jubilars Respekt.

Wer aber ist die „Feder für Deutschland“, wer ist dieser Rolf Kosiek?

Rolf Kosiek, die NPD und die Gaskammer von Auschwitz

Kosiek, Jahrgang 1934, saß in den 70er Jahren im baden-württembergischen Landtag für die NPD, war ihr stellvertretender Landesvorsitzender, zeitweise Mitglied des NPD-Bundesvorstands.

Er machte indes nicht nur als Partei-Aktivist von sich reden, sondern vor allem als intellektueller Netzwerker und extremer Vielschreiber. Kosiek zählte unter anderem zum Führungskreis der „Gesellschaft für freie Publizistik“, über die das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz schreibt: „Ihr gehören vor allem rechtsextremistische Verleger, Buchhändler, Redakteure und Schriftsteller an. Sie ist die größte rechtsextremistische Kulturvereinigung in Deutschland.“

Vollends den Status eines Chef-Intellektuellen der Rechtsaußen-Szene erschrieb sich Kosiek mit dem fünfbändigen, mehrtausendseitigen Monumentalwerk „Der große Wendig“. Es handle sich dabei, so der Untertitel, um „Richtigstellungen zur Zeitgeschichte“. Ein besonders widerwärtiges Beispiel für „Richtigstellungen“ nach Kosiek-Art dreht sich um die „Gaskammer in der Auschwitzer Entlausungsanlage“ ...

Um „die Bevölkerung und sich“ vor Epidemien zu schützen, die durch Läuse übertragen werden, hätten die Deutschen im Osten „in den großen Lagern für Kriegsgefangene und Zivilisten“ Gaskammern eingerichtet; zur „Desinfektion der Kleidung“. Dass heute, wenn die Worte Gaskammer und Auschwitz fallen, viele Leute gleich eine „Gedankenverbindung“ zum Holocaust herstellen, sei „ein Beispiel für die geistige Verengung, die mehrere Jahrzehnte der Umerziehung“ angerichtet hätten.

„Volksgemeinschaft“ und „Umerziehung“: Was alles in der Festschrift steht 

Mehr als 30 „Fachkollegen und Mitarbeiter, Gefährten und Kameraden“ Kosieks haben an „Eine Feder für Deutschland“ mitgewirkt, wie es im Klappentext des Buches heißt; darunter Rudolf Kemmerich. Die Liste der Co-Autoren reicht von Reinhard Uhle-Wettler (der zu Ehren des Holocaustleugners David Irving eine Festschrift herausgab mit dem Titel „Wagnis Wahrheit“) über Olaf Rose (den die NPD 2012 als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten benannte) bis zu Fred Duswald (der einmal die Überlebenden des KZ Mauthausen als „Landplage“ bezeichnete).

Ist Rudolf Kemmerich arg- und ahnungslos in diese Runde geraten oder wusste er, in welch eine Gesellschaft er sich mit seinem Beitrag zu der Festschrift begab? Nur er selbst könnte die Frage beantworten. Aber er hat ein schriftliches Gesprächsangebot so höflich wie bestimmt abgelehnt.

Viele Aufsätze in dieser Festschrift sind verstörend. Die „deutsche Volksgemeinschaft“ sei in den 30er Jahren von einer „gewaltigen Aufbruchstimmung“ ergriffen worden, ist da unter anderem zu lesen, die Feinde aber hätten das Ziel verfolgt, das „deutsche Volk“ als „Konkurrent“ auszuschalten. Die Niederlage im Zweiten Weltkrieg habe „zum Schwund der deutschen Kultur“ und zu einer „jahrzehntelangen Umerziehung“ geführt. Eine Schlüsselrolle bei dieser Umerziehung spiele Auschwitz als „klassischer Mythos“, der den Deutschen „unablässig“ Schuldgefühle „einhämmern“ solle. Die deutschen Politiker seien bei der Umerziehung „willige Erfüllungsgehilfen der Besatzungsmächte“, die Bundesrepublik sei ein „Protektorat“, ein „Land der glücklichsten Sklaven“.

Mit dieser „Lähmung der Deutschen“ aber müsse Schluss sein, sonst sei der „Volkstod“ zu fürchten. Ein „individuell einklagbares Recht auf Asyl“ dürfe „es nicht mehr geben“, Ziel sei die „Wiederinkraftsetzung der Reichsverfassung“.

Ausdrücklicher Hinweis: Die Tatsache, dass Kemmerichs Beitrag neben solchen Texten steht – und zwar genau zwischen einem von Volkmar Weiss (der einen Staat, „einheitlich in Sprache, Religion und Rasse“, propagiert) und einem von Thor von Waldstein (der gegen deutsches „Multikultistan“, deutsche „Menschenrechtsduselei“ und deutschen „Vergangenheitsbewältigungsstaat“ schäumt) –, bedeutet nicht automatisch, dass Rudolf Kemmerich diese kruden Positionen teilt. Was hält er von solchen Sprüchen, von dieser bizarren Festschrift? Wir hätten ihn gern gefragt.

Kind und Familie: Rudolf Kemmerichs Texte unter der Lupe

Kemmerichs eigener Festschriftaufsatz klingt anders, das sei deutlich betont. Er trägt den Titel „Familie ist Zukunft – Zur Notwendigkeit der kleinsten Gemeinschaft“ und knüpft an die Argumentation an, die Kemmerich 2009 im Buch „Das Kind braucht die Familie“ entwickelt hat.

„Lern- und Verhaltensstörungen, Neurosen, dissoziale Störungen, Drogenmissbrauch und Kriminalität bei Kindern“ hätten vor allem eine Ursache, heißt es 2009 im Buch: „Mangel an familiärer Geborgenheit“. Von Übel seien Kindertagesstätten – wer „der frühzeitigen Fremdbetreuung anstelle der Familienbetreuung das Wort“ rede, vergehe sich „an den biologischen Gesetzmäßigkeiten“. Man könne „schon von weitem“ erkennen, „dass ein Kind die Krippe besucht“: an der „gelbgrünen Rotzglocke“, die ihm „aus der Nase“ hänge.

Im Festschrift-Aufsatz führt Kemmerich das weiter aus: Die potenziell „schlimmen Folgen“ von Kitas „legen zwingend die Forderung nahe, das Kind vor einer frühen Fremdbetreuung zu schützen.“ Ein „Volk“, das so „verwirrt“ sei, dass es die Familie, die „große Erfolgseinrichtung der Evolution“, verwirft, laufe Gefahr, dass es „verschwindet von dieser Welt“.

Wer aber ist schuld daran, dass die außerfamiliäre Betreuung um sich greift? „Weltfremde Liberale, blinde Konservative und eifernde Neomarxisten, geeint nur in ihrer Wirklichkeits- und Familienferne“.

„Vor vierzig Jahren“, heißt es ferner, gegen die 68er-Bewegung zielend, im Buch von 2009, „wurde die autoritär einengende Erziehung an den Pranger gestellt“ und „als die Quelle allen Übels gebrandmarkt – sicher in den meisten Fällen zu Unrecht. Denn eben diese angeblich autoritär geschädigte Generation hat die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit erfolgreich durchgestanden und Deutschland wieder aufgebaut. Heute hingegen begegnen uns Kinder, die keine Grenzen mehr kennen.“

Darf man so etwas schreiben? Selbstverständlich. Man darf allerdings auch darüber irritiert sein, was hier alles ausgeblendet bleibt: Sicher, die deutsche Weltkriegsgeneration hat Schrecken „durchgestanden“ – aber hat sie nicht auch Schrecken angerichtet? Autoritäre Erziehung mag die Menschen gehärtet haben für die Mühen des Wiederaufbaus – aber schuf sie zuvor nicht die Basis für katastrophalen Kadavergehorsam? Ja, Kinder heute übertreten manchmal Grenzen – aber kannten nicht vor allem jene, die in den Vernichtungslagern mordeten, „keine Grenzen mehr“?

Die Zeitschrift "Nation Europa", oder: Alte Schreib-Kameraden

Das Bemerkenswerteste steht bisweilen im Kleingedruckten. Seinen Ausführungen in der Kosiek-Festschrift hat Rudolf Kemmerich eine Fußnote hinzugefügt und darin auf einen eigenen, bereits 40 Jahre früher in einer Zeitschrift erschienenen Text zu genau demselben Thema verwiesen:

Das Monatsheft „Nation Europa“ (NE) wurde 1951 gegründet von Alt-Nazis wie Arthur Ehrhardt (einem vormaligen Hauptsturmführer der Waffen-SS), Herbert Böhme (ehemals SA-Obersturmführer) und Helmut Sündermann (der SS-Obersturmbannführer hatte als stellvertretender Reichspressechef zum nahen Umfeld Hitlers gehört). Eine Veröffentlichung des Bundesamtes für Verfassungsschutz zählt „Nation Europa“, das bis 2009 erschien, zuletzt unterm leicht geänderten Namen „Nation und Europa“, zu den „rechtsextremistischen Publikationsorganen“ mit einem „höheren intellektuellen Anspruch“.

Eine Doktorarbeit von Christian Meyer nennt als Autoren, die für „Nation Europa“ schrieben, unter anderem: Alain de Benoist, Andreas Mölzer, Harald Neubauer, Jürgen Schwab, Reinhard Uhle-Wettler, Rudolf Kemmerich. Die sechs haben eines gemeinsam: Sie wirkten viele Jahre später alle auch an „Eine Feder für Deutschland“ mit.

Im Übrigen verfasste auch Rolf Kosiek Texte für die Zeitschrift. Und noch einer gehörte zu den Autoren dort: der Weinheimer Kemmerich-Vortrag-Veranstalter und NPD-Mann Günter Deckert.

Großes Echo hat unlängst ein Artikel in unserer Zeitung ausgelöst: „Wie kommt der Kinderarzt zum Volksverhetzer?“ Es ging um einen geplanten, letztlich indes abgesagten Vortragsauftritt des Weinstädter Mediziners Rudolf Kemmerich, Jahrgang 1936, in Weinheim; Veranstalter gewesen wäre der bekannte NPD-Aktivist Günter Deckert. Haben wir mit dem Text einen honorigen Remstäler unfair vorgeführt, nur weil er einem Rechtsaußen-Promi versehentlich zu nahe gekommen ist? Oder steckt mehr dahinter? 

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