Rems-Murr-Kreis

Der Starkregen wird immer unbändiger: Wie steht's um den Remstäler Hochwasserschutz?

Rems
Am Wehr Remsmühle zwischen Hegnach und Hohenacker. © ALEXANDRA PALMIZI

Rund 20 Feuerwehrleute aus Auenwald, Schorndorf, Winterbach und Welzheim leisten Hochwasser-Katastrophenhilfe in Rheinland-Pfalz. Im Rems-Murr-Kreis hingegen ist aktuell alles im grünen Bereich, was Pegelstände und Wettervorhersagen angeht. Doch nicht nur Matthias Klopfer macht sich trotzdem Sorgen. Die Wetterkapriolen würden immer unvorhersehbarer und unbändiger.

„Was das kommunenübergreifende Großprojekt Hochwasserschutz im Remstal angeht, sind wir mittlerweile sehr gut aufgestellt mit Retentionsflächen und Rückhaltebecken. Und für die nächsten Tage werden laut Prognosen Hochdruckeinflüsse eher trockene Witterung zu uns bringen. Der zunehmende und plötzlich auftretende Starkregen ist es, mit dem wir uns jetzt zunehmend beschäftigen müssen“, sagt der Schorndorfer Oberbürgermeister und Vorsitzender des Wasserverbandes Rems.

Der Verband war nach einem Rems-Hochwasser im Februar 1990 mit Schäden von mehr als zehn Millionen Euro gegründet worden mit dem Ziel, solche Katastrophen zu verhindern.

Im September 2019 wurde das vierte Rückhaltebecken des interkommunalen Großprojekts zwischen Plüderhausen und Urbach fertiggestellt. Die anderen sind zwischen Schwäbisch Gmünd und Reichenhof, Lorch und Waldhausen sowie Schorndorf und Winterbach. Allein am Stauwehr Winterbach ist eine Retentionsfläche (Wasser-Rückhaltefläche) entstanden, die bis zum Tuscaloosa-Kreisel und von der B29 bis zur Bahnlinie Weiler reicht und auf 62 Hektar 1,15 Millionen Kubikmeter (Hoch)Wasser aufzunehmen vermag. Ein Hochwasserpumpwerk in der nahen Kläranlage sichert den Betrieb auch bei extremem Hochwasser.

Beweis der Funktionstüchtigkeit des Hochwasserschutzes am 9. Juli

„Dass wir hier funktionstüchtig sind, wurde am vergangenen Freitag (9. Juli) demonstriert“, sagt Klopfer. Wie berichtet, schwoll die Rems im Schorndorfer Raum und weiter flussabwärts mächtig an. Geflutet war in Urbach mal wieder die Unterführung unter der Bahn am Rems-Radweg.

Im Bereich unterhalb von Schwäbisch Gmünd war es zu Pegelständen wie seit zehn Jahren nicht mehr gekommen. An einer Brücke bei Lorch-Waldhausen wurde es kritisch, das Rückhaltebecken wurde aus Vorsicht aktiviert. 30 bis 40 Zentimeter Hochwasser flutete daraufhin agrarisch genutzte Landflächen, die mit Weizen und Mais voll im Saft stehen. Landwirte mit Feldern und Wiesen im Rückhaltebecken bekommen bei Schäden in so einem Fall eine finanzielle Entschädigung, berichtete Wasserverbands-Geschäftsführer Hans-Peter Sieg dieser Zeitung.

Eine schwer zu berechnende Gefahr seien zahlreiche, teils sehr große Bäume oder Baumstämme gewesen, die mit dem Hochwasser die Rems herunterschwammen, so Sieg. Man könne in solchen Fällen versuchen, durch geschickte Steuerung an den Wehren die Bäume so durchzuleiten, dass sie nicht hängen blieben. Das gelinge aber nicht immer: Eine riesige Weide blieb quer über den Fluss beim Urbacher Rems-Wehr liegen. Davon abgesehen war das Hochwasser vom vergangenen Freitag (9. Juli) für Hans-Peter Sieg in keinem Bereich wirklich kritisch.

Nun kommen aber eben die immer unbändigeren Wetterkapriolen, sagt Matthias Klopfer. „Das Starkregen-Risikomanagement stellt uns auch im Remstal vor immer größere Herausforderungen. Das ist unser Hauptproblem mittlerweile. Wir haben uns zusammen mit den anderen Kommunen und dem Regierungspräsidium Stuttgart des Themas angenommen. Jede Kommune benennt einen Starkregen-Beauftragten. Da müssen nun Ingenieure beauftragt werden, die Berechnungen, Prognosen und Pläne erstellen. Am weitesten mit dem Starkregen-Risikomanagement ist die Stadt Gmünd, die ja 2016 zwei Hochwasser-Todesopfer zu beklagen hatten.“

In Schwäbisch Gmünd ist mittlerweile mit dem Forschungsprojekt „Resi Extrem – Resilienzbildung nach Extremereignissen“ eine Starkregengefahrenkarte erarbeitet worden, einsehbar seit 12. Juli für die Bürgerschaft. Diese kann sich dort aktuell über Überflutungshöhen und Fließwege im Gmünder Stadtgebiet informieren, abrufbar über www.schwaebisch-gmuend.de im Geodatenportal mit Interpretationshilfe.

Im August startet in Schwäbisch Gmünd „Resi Extrem II“. Mit dem zweiten Teil des Forschungsprojektes soll das Wissen über Starkregen stärker in die Stadtentwicklung integriert werden. „Nur so stehen wir zukünftige Extremwetter durch“, sagte der Leiter des Projektes, Joachim von Streit, der Gmünder Tagespost.

Warum gibt es die fortgesetzten Wetterkapriolen und Starkregen?

Fortgesetzte Tiefdrucklagen über Europa mit verheerenden Starkregen nehmen nach Meinung der Meteorologen aufgrund einer durch den Klimawandel bedingten Störung des „Jetstreams“ immer mehr zu.

Ein ZDF-Wetterexperte erklärte dies so: „Die Erddrehung und die Temperaturunterschiede zwischen den Subtropen und der Arktis treiben regelmäßige Westwinde. Es bildet sich ein Starkwindband in etwa fünf bis zehn Kilometer Höhe: der Jetstream. Er beeinflusst die Zugbahnen der Hochs und Tiefs, und diese beeinflussen ihrerseits auch seine Lage. Durch das Abtauen des arktischen Eises wird dieses Windband schwächer und beult sich immer häufiger sehr stark aus. Diese Wellen haben dann die Tendenz, sich kaum mehr zu bewegen, die Hochs und Tiefs stecken fest.“

Die Folge: Konstante Wetterlagen. Und bei feststeckendem Tief: Unwetter, die nicht mehr wandern, sondern sich an einer Stelle entladen. Starkregen also.

Rückhaltebecken Oberndorf wird endlich am 29. Juli eingeweiht

Deshalb ist es laut Matthias Klopfer auch so wichtig, dass endlich das Rückhaltebecken Oberndorf an der Wieslauf in Betrieb genommen wird. Die Baumaßnahme hatte sich immer wieder verzögert. „Vom Welzheimer Wald fließen enorme Wassermengen runter in die Rems.“ Das hat in der Vergangenheit immer wieder zu Ungemach geführt. So zuletzt im Januar 2019, als bei einem beinahe zehnjährlichen Hochwasser mit Pegelständen von über vier Metern in Schorndorf Gartenschau-Projekte in Mitleidenschaft gezogen wurden. So spülte es den „Remsstrand“ an der Häckermühle in Großheppach weg.

„Wir sind froh, dass das Rückhaltebecken Oberndorf übernächste Woche, am 29. Juli, eingeweiht wird“, sagt Matthias Klopfer. Das Starkregen-Risikomanagement stehe im Remstal indes leider noch am Anfang und müsse auch flussabwärts forciert werden, so wie in Schwäbisch Gmünd.

Rund 20 Feuerwehrleute aus Auenwald, Schorndorf, Winterbach und Welzheim leisten Hochwasser-Katastrophenhilfe in Rheinland-Pfalz. Im Rems-Murr-Kreis hingegen ist aktuell alles im grünen Bereich, was Pegelstände und Wettervorhersagen angeht. Doch nicht nur Matthias Klopfer macht sich trotzdem Sorgen. Die Wetterkapriolen würden immer unvorhersehbarer und unbändiger.

„Was das kommunenübergreifende Großprojekt Hochwasserschutz im Remstal angeht, sind wir mittlerweile sehr gut aufgestellt

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