Rems-Murr-Kreis

Die Bundestagskandidaten vom Wahlkreis Waiblingen: Das wollen sie (nicht)

Wahlkreiskandidaten Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion in der Schorndorfer Manufaktur: Peter Schwarz (Moderation), Anne Kowatsch (Grüne), Luigi Pantisano (Linke), Urs Abelein (SPD), Stephan Seiter (FDP), Christina Stumpp (CDU) (von links nach rechts). © Alexandra Palmizi

Die eine unterstellt der anderen Unehrlichkeit, der eine sagt, dass er das, was die anderen seit 30 Jahren sagen, nicht mehr hören könne. Wahlkampf-Endspurt. Was wünschen sich die Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Wahlkreis Waiblingen? Was ist ihr größter Albtraum? Und welches sind ihre Lieblingsfarben in Sachen Koalition? Fünf Geladene ackerten auf dem Podium der Schorndorfer Manufaktur das Thema Verkehr und Angrenzendes durch.

Auf einer Podiumsdiskussion wird viel geredet. Weil Moderator Peter Schwarz vom Zeitungsverlag Waiblingen ein straffes Zeitmanagement führte, wurde schnell geredet. Damit im Nachhinein nachvollziehbar ist, was die Kandidatinnen und Kandidaten zu sagen haben, wird hier die Diskussion knackig-kompakt zusammengefasst.

Das wollen sie – oder auch nicht:

Christina Stumpp (CDU) will auf keinen Fall ein Tempolimit auf den Autobahnen und die Tunnellösung beim Nord-Ost-Ring. Sie will explizit alle Mobilitätsformen ausbauen, erteilt dem Auto also keine Absage, doch sie will es CO2-neutral. Die Taktungen bei S-Bahn und Bus hätte sie gerne noch besser, denn der öffentliche Personennahverkehr soll attraktiv sein. Grundsätzlich fährt sie gern „mit der S-Bahn nach Stuttgart“ und nicht nur sie, sondern „die Menschen“ wollen Stuttgart 21, das habe die Volksabstimmung so ergeben. Stuttgart 21 werde „eine Bereicherung“ sein.

Stephan Seiter (FDP) erteilt dem Tempolimit eine „klare Absage“, man habe es „mit vernunftbegabten Menschen“ zu tun. Bei Stuttgart 21 gibt er sich fatalistisch: Man habe damit angefangen, jetzt müsse man’s zum Ende bringen. Zwecks Verkehrsberuhigung mancherorts – durchaus erwünscht – könne jeder bei sich selbst anfangen. Seiter denkt an Elterntaxis vor Schulen. Beim ÖPNV hätte er gerne eine engere Taktung, vom 365-Euro-Ticket hält er nichts. Stattdessen solle man „kreativ“ mit den zu fahrenden Wegen umgehen: Müsse man in Zeiten des Home-Office zum Beispiel täglich zur Arbeit fahren? Und was den Nord-Ost-Ring angeht: Mit dem wird’s vor 2030 und wahrscheinlich auch danach nichts. Es fehle das Geld und es gebe wichtigere Probleme. Zum Beispiel im Ahrtal.

Urs Abelein (SPD) findet, dass Tempo 130 auf der Autobahn genügt. Und Kommunen sollten befugt sein, innerorts Tempo 30 einzuführen, wo und wann sie es wollen. Halbieren will er den Autoverkehr nicht, aber reduzieren schon. Deshalb müsse der ÖPNV ausgebaut werden, und zwar bis raus ins letzte Dorf. Taktzahl in Spitzenzeiten: zehn Minuten. Stuttgart 21 hat Urs Abelein „noch nie gemocht“, aber man könne ja noch an der Leistungsfähigkeit des neuen Bahnhofs arbeiten. An Murr- und Remsschiene dürfe auch gerne gearbeitet werden. Wie wär’s mit drei Gleisen? Und was den Nord-Ost-Ring angeht: Da sehe man die falsch gelagerte Gewichtung. 1,4 Milliarden würde der Tunnel für dieses Stück Straße kosten. Im ganzen Land habe man für Radwege 1,4 Milliarden ausgegeben. In den letzten vier Jahren.

Luigi Pantisano (Linke) erklärt, dass Tempo 130 auf Autobahnen so viel CO2 einspare, wie alle Inlandsflüge innerhalb eines Jahres ausstoßen. Die Straßenverkehrsordnung will er auf links drehen: Aus dem bislang festgeschriebenen „Recht des Stärkeren“ solle das „Recht des Schwächeren“ werden. Fußwege müssten von Radwegen getrennt werden, Radwege von Autostraßen. Den Platz dafür zwackt er den Autos ab. Der Nord-Ost-Ring sei eine „Schnapsidee“ und mit Stuttgart 21 werde es gehen wie mit dem Berliner Flughafen BER: Der Bahnhof „wird nicht eröffnet werden können“. Die Feuerwehr werde es nicht erlauben. In Sachen ÖPNV will Pantisano ein 365-Euro-Ticket für alle, Schüler sollen ganz kostenlos fahren können.

Anne Kowatsch (Grüne) könnte sich Tempo 120 auf Autobahnen vorstellen. Und innerorts will sie grundsätzlich nur Tempo 30. Damit die Jugend erst gar nicht aufs Auto umsteigt, möge man sie mit einem tollen ÖPNV-Ticket locken: ein Euro pro Tag fürs ganze Land. Radlern sollen Radschnellwege zur Verfügung stehen, die nicht plötzlich irgendwo enden, sondern ein Netz bilden. Neue Trassen, ganz gleich ob fürs Rad oder den Zug, seien aber wohl abzuwägen: Es geht um die Versiegelung des Bodens. Deshalb sollte auch längst die Frage nach dem Nord-Ost-Ring hinfällig sein. Und in Sachen Stuttgart 21 solle man den Mut haben, das ganze Projekt noch zu stoppen.

Da zeigt sich Emotion:

Christina Stumpp erklärt, dass sie das Ausfüllen des CO2-Rechners, das alle Bundestagswahlkreiskandidaten zeitungsöffentlich hinter sich bringen mussten, in aller und der größten Ehrlichkeit gemeistert habe. Während sie hinter die Auswertung von Anne Kowatsch – trägt sie wirklich immer Secondhand-Klamotten? – ein großes, stimmlich moduliertes Fragezeichen stellt.

Luigi Pantisano fordert bei der Diskussion um Klimaschutz und CO2-Ausstoß Ehrlichkeit ein und sagt, dass, seitdem er politisch aktiv sei – mit 16 Jahren hat er in einer Arbeitsgruppe der Agenda 21 in Waiblingen angefangen – FDP und CDU immer das Gleiche wiederholten. „Ich kann es nicht mehr hören.“

„Oh Mann, ey“, konstatiert genervt Stephan Seiter, nachdem Luigi Pantisano erklärt hat, dass Stuttgart 21 kein Schienenausbauprojekt, sondern schon immer ein Immobilienprojekt gewesen sei, nicht für den Bürger, sondern zur Freude der Freunde und Spender von CDU und FDP.

„Also Frau Stumpp“, erregt sich Anne Kowatsch , nachdem Christina Stumpp erklärt hat, dass sie nicht versteht, dass alle den besseren ÖPNV-Ausbau predigen, aber gleichzeitig Stuttgart 21 ablehnen. Es gehe doch um die Frage: „Wie baue ich aus“, sagt Anne Kowatsch. Es müsse finanziell Sinn machen, sie wolle keine Investoren unterstützen – „Also liebe Frau Kowatsch“, erregt sich Christina Stumpp.

Urs Abelein– ist die Ruhe in Person.

Diese Farbwahl treffen sie:

Anne Kowatsch kneift und will ihre Lieblingsfarbkombination nicht nennen. Sie lässt aber zu, dass Moderator Peter Schwarz ihre Aussage, dass der Klimaschutz brenne und ihre Übereinstimmung mit anderen Parteien in einem sehr roten Bereich sei, so interpretiert: Rot-Grün-Rot.

Luigi Pantisano ist in Sachen Farbwahl schmerzfrei und hemmungslos: Rot-Grün-Rot.

Urs Abelein hätte gerne Rot-Grün, wobei er nicht zu sagen wagt, wie rot das Rot sein wird.

Stephan Seiter geht über das Ausschlussverfahren: auf keinen Fall Blau, kein Rot-Rot-Grün. Dafür aber so viel Gelb wie möglich.

Christina Stumpp bevorzugt ganz viel Schwarz und will definitiv kein Rot-Rot-Grün. Welchen Farbakzent sie neben ihr Schwarz gern setzen würde, sagt sie nicht. Sie will aber „die Partei, die auch keine Steuererhöhungen will“. Hätte sie auch gleich Gelb sagen können.

Die eine unterstellt der anderen Unehrlichkeit, der eine sagt, dass er das, was die anderen seit 30 Jahren sagen, nicht mehr hören könne. Wahlkampf-Endspurt. Was wünschen sich die Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Wahlkreis Waiblingen? Was ist ihr größter Albtraum? Und welches sind ihre Lieblingsfarben in Sachen Koalition? Fünf Geladene ackerten auf dem Podium der Schorndorfer Manufaktur das Thema Verkehr und Angrenzendes durch.

Auf einer Podiumsdiskussion wird viel geredet. Weil

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