Rems-Murr-Kreis

Die Grüne Jugend Rems-Murr - was denkt sie über den Krieg und Habecks Katar-Gas?

Grüne Jugend,
Sara Schmalzried und Max Raucamp von der „Grünen Jugend Rems-Murr“. © ALEXANDRA PALMIZI

Wie sieht die „Grüne Jugend Rems-Murr“ die aktuelle Lage? Fährt sie mit dem Zug, ernährt sie sich fleischarm? Ist ihr die Mutterpartei radikal genug? Wie hält sie den Ukraine-Krieg aus und Habecks Gas-Kooperation mit Katar? Ein Gespräch mit dem Vorstandsduo: Sara Schmalzried, 19, aus Fellbach; Max Raucamp, 21, aus Schorndorf.

Fridays for Future und die Grünen: Trägt das noch?

Klimaschutz. Natürlich schwebt das Thema über allem. Als die „Fridays for Future“-Bewegung wuchs, fand Max Raucamp: „Ich sollte eigentlich selber auch aktiv werden.“ Und Sara Schmalzried: „Wir haben halt nur eine Welt. Es geht darum, sie zu schützen.“

Eine Frage, die sich da aber aufdrängt: Wie zufrieden ist der grüne Nachwuchs eigentlich mit der Kretschmann-Baerbock-Habeck-Partei? Es gibt ja durchaus kritische Stimmen, gerade aus der Fridays-Szene.

Carla Reemtsma, eine der Frontfrauen der Bewegung, erklärte jüngst: „Die Grünen tragen Entscheidungen mit, die nicht vereinbar sind mit dem, was sie sagen – insbesondere nicht mit dem 1,5-Grad-Ziel.“ Und die Frankfurter FfF-Gruppe twitterte gar mal vor einer Kundgebung Richtung Grüne: „Wir demonstrieren nicht mit euch, sondern gegen euch. Nur so zur Info.“

Ja zu den Fridays – und ein wacher Blick auf politische Sachzwänge

„Wofür sich Fridays for Future einsetzt“, sagt Raucamp, „ist hundertprozentig richtig.“ Nur: „Man ist ja nicht alleine.“ Und Schmalzried: In einer Koalition „kann man nicht immer genau das sofort umsetzen, wie man es gerne hätte.“ Wer nicht regiert, kann nicht entscheiden, wer regiert, muss Kompromisse machen: die alte Spannung.

Die beiden neigen aber auch aus anderem Grunde nicht zu Maximalismus: Verbote und die deutsche Auto-Liebe – das sind „sehr sensible Themen in der Bevölkerung. Es führt nicht zum Ziel, wenn man Wähler abschreckt.“ Und deshalb antwortet Schmalzried auf die Frage, ob Winfried Kretschmann eigentlich okay sei, zwar erst nach langer Nachdenkpause, dann aber doch entschlossen: „Ja!“ Er erreiche nun mal auch „andere Wählergruppen“.

Sara Schmalzried, Studentin der Politik und Soziologie in Tübingen, Max Raucamp, Volkswirtschaft in Nürtingen – die zwei haben einen wachen Blick für die gegenwärtigen Grenzen grüner Visionen: „Es gibt im Rems-Murr-Kreis Ortschaften, wo nur ein- oder zweimal am Tag der Bus kommt.“ Man kann den Leuten dort „nicht einfach sagen: Ihr müsst jetzt auf das Auto verzichten.“

Die Grünen einst und heute: Die "Spinner" haben Recht behalten

Interessant, wie deutlich spürbar wird, dass hier eine neue grüne Generation spricht. Für Altgediente der Partei wie den Winnender Willi Halder war es einst ja selbstverständlich, regelmäßig als spinnerter Träumer verspottet zu werden. Es gab Zeiten, da belehrten honorige Politiker im Expertenton: Es sei schlicht unmöglich, mehr als 0,8 Prozent des deutschen Strombedarfs über Windkraft zu decken, und wer was anderes behaupte, erbaue ein Wolkenkuckucksheim. Auch Hermann Scheer, Solarpapst der SPD, erntete oft Hohn, wenn er warnte: Die fossile Energieversorgung werde in gefährliche Abhängigkeiten führen.

Die Gewissheiten angeblicher Realisten von gestern aber hat der Zahn der Zeit kurz und klein genagt: Als weltfremde Naivlinge stehen heute eher diejenigen da, die sowohl die Gefahren der fossilen Energieversorgung als auch die Chancen der Erneuerbaren verkannten. 2021 gingen in Deutschland rund 20 Prozent der Bruttostromerzeugung aufs Windkraftkonto. Und der Ukraine-Krieg nebst Streit um Putins Gas offenbart brutal, wie prophetisch richtig Scheer mit seiner Idee von der Energieautonomie auf Basis von Sonne, Wind & Co lag.

Für Raucamp und Schmalzried indes sind die Schmähungen, denen die Halders und Scheers sich ausgesetzt sahen, Geschichten aus ferner Zeit. Dass der Klimawandel eine Menschheitsbedrohung ist und die Erneuerbaren die Zukunft verkörpern, sei doch „gesellschaftlicher Konsens. Schon mal gut! Es sagt ja jeder, man muss was machen.“ Jetzt gehe es darum, „sich auszutauschen: Wie erreichen wir das?“

Russland, Katar und die Herausforderung, neu denken zu müssen

Für viele Alt-Grüne ein Schmerz: Der Ukraine-Krieg zwingt dazu, unverrückbar scheinende Leitplanken neu ziehen zu müssen. Ja zu mehr Rüstung? Kein Spaß für eine Partei, bei der Friedenspolitik zur DNA gehört. Habeck handelt jetzt mit Katar Gaslieferungen aus? Schlimmer geht’s nimmer.

Auch das aber ordnen die beiden jungen Leute mit gelassener politischer Reife ein: Für die Grünen sei auch „Freiheit“ immer ein wichtiger Wert gewesen. „Irgendwie haben wir Freiheit als gegeben angenommen“ – und nun stellen wir fest, dass sie bisweilen auch verteidigt sein will.

Und natürlich ist es bitter, dass nun ausgerechnet ein grüner Wirtschafts- und Klimaschutz-Minister fossile Energie von einer Sklavenhalter-Monarchie beziehen muss. Aber dass wir auf Katar-Gas angewiesen sind, habe ja nicht Habeck uns eingebrockt. Wenn seit 2005 in 16 langen Bundesregierungsjahren ohne grüne Beteiligung „mehr passiert wäre“ beim Ausbau der erneuerbaren Energien, dann „wäre jetzt die Abhängigkeit nicht so groß“.

Vor allem aber bauen sie auf ihre eigene Generation. „In quasi jeder Schulklasse“ gebe es eine Gruppe, die sich für Klimaschutz einsetzt; Sara Schmalzried hat „letztes Jahr angefangen, nur noch regional einzukaufen“, Auto fahre sie „fast gar nicht“; Max Raucamp war „letztens in Belgien im Urlaub, da bin ich mit dem Zug hingefahren“, und er schwärmt von veganen Falafel-Gerichten in Mojo’s Foodbar in Schorndorf. Man sollte die Jugend von heute nicht unterschätzen, legen die beiden nahe: „Die jungen Leute sind schon sehr aufgeweckt.

Wie sieht die „Grüne Jugend Rems-Murr“ die aktuelle Lage? Fährt sie mit dem Zug, ernährt sie sich fleischarm? Ist ihr die Mutterpartei radikal genug? Wie hält sie den Ukraine-Krieg aus und Habecks Gas-Kooperation mit Katar? Ein Gespräch mit dem Vorstandsduo: Sara Schmalzried, 19, aus Fellbach; Max Raucamp, 21, aus Schorndorf.

Fridays for Future und die Grünen: Trägt das noch?

Klimaschutz. Natürlich schwebt das Thema über allem. Als die „Fridays for Future“-Bewegung wuchs,

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