Rems-Murr-Kreis

Die große Angst der Amelie: Wie Corona-Schulschließungen psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche in noch größere Nöte bringen

psychosomatische Beschwerden
Leider maskiert – aber so ist's halt in Corona-Zeiten, auch auf der psychosomatischen Station: Psychiaterin Dr. Eva Kreuchauf und Psychotherapeut Uwe Knillmann vor den Frohmacher-Farben des Klinikums in Winnenden. © ALEXANDRA PALMIZI

Die Pandemie-Situation mit ihren Schul- und Klassenschließungen ist für Kinder und Jugendliche, die sich schwertun mit dem täglichen Gang in die Schule, eine Katastrophe. Durch die Unterbrechungen, so sagen Dr. Eva Kreuchauf, Psychiaterin, und Uwe Knillmann, Psychotherapeut, können sich die psychischen Erkrankungen verstärken, die hinter dem stecken, was umgangssprachlich als „Schulangst“ bezeichnet wird. Und gleichzeitig erfahren diese Schülerinnen und Schüler immer häufiger Zurecht- und Zurückweisungen, weil sie scheinbar dem so verwerflichen Schulschwänzen, Lügen und Faulsein frönen.

Vor der Schule immer Bauchweh, in der Schule Panik

So wie zum Beispiel Amelie (Name von der Redaktion geändert). Sie hat schwere Zeiten hinter sich. Schmerzhafte Zeiten. Zeiten der Angst. Wenn sie morgens in die Schule sollte, hatte sie Bauchweh, sie musste erbrechen. Wenn sie dann vor der Schule stand, bekam sie Panik. Wenn sie’s bis ins Klassenzimmer schaffte, rannte sie nach fünf Minuten wieder raus. Sie verbrachte die Schulstunden dann im Krankenzimmer. Oder ließ sich gleich von der Mutter abholen. Amelie ist heute 17 Jahre alt. Sie geht wieder zur Schule. Sie macht das nicht einfach so. Aber sie sagt: „Ich geh halt“. Ihr ist schlecht? Sie schiebt das beiseite, bis sie mittags heimkommt. Und dann ist’s ja wieder vorbei. Das ist, sagt sie, „ein gutes Gefühl“. „Ich muss trainieren“, sagt sie.

Das, was Amelie über Jahre plagte, ist diese „Schulangst“. Wobei der Begriff keiner ist, der unter medizinischen Gesichtspunkten greift. Die „Schulangst“ als Krankheit gibt es nicht. Experten sprechen deshalb lieber von „Schulvermeidung“. Und selbige ist tatsächlich eher das Ergebnis verschiedenster möglicher Erkrankungen: Depression fällt zum Beispiel darunter oder soziale Phobien. Diese psychischen Erkrankungen eint eines: Sie machen den Betroffenen das Leben schwer und hindern sie daran, ihr jeweiliges Tagwerk zu tun.

Auf der psychosomatischen Station werden die jungen Patienten oft über viele Wochen aufgenommen

Eva Kreuchauf und Uwe Knillmann können das erkennen. Beide arbeiten in der Kinderklinik des Rems-Murr-Klinikums Winnenden auf jener Station, die Kinder und Jugendliche teilweise über viele Wochen aufnimmt, beherbergt, behandelt, beschult, damit die Probleme, die aus der Seele kommen und den Körper krank machen, irgendwann ein Ende finden. Sie arbeiten auf der Station für Psychosomatik.

Amelie war dort. Dreimal und über viele Wochen. Denn ihre Probleme wurden immer schlimmer. Aus der Angst, wenn die Schule ins Blickfeld geriet, wenn Klassenarbeiten anstanden, aus der Angst, dass die anderen sich über sie lustig machen, sie blöd oder hässlich finden könnten, wurde eine tägliche Traurigkeit. Und plötzlich auch Angst vor dem Autofahren, vor einem Kinobesuch. Und dann kam die Angst vor der Angst. Am Ende konnte Amelie eigentlich gar nichts mehr machen. Und Sprüche wie „Stell Dich nicht so an“ oder „Du willst ja nur Aufmerksamkeit“, Hänseleien wie „Amelie kriegt wieder Extrawurst“ rissen sie immer tiefer.

Auf der psychosomatischen Station haben die Jugendlichen viel Zeit, über ihre Probleme zu sprechen. Denn wer spricht, der erkennt. Sie müssen verstehen: Warum verhalte ich mich, wie ich mich verhalte? Das Problem tatsächlich benennen zu können ist der erste Schritt dazu, es irgendwann, mit den richtigen, trainierten Verhaltensweisen bewältigen zu können. So wie es Amelie heute macht: „Einfach tun“ lautet ihre Devise. Wenn’s nicht klappt, dann wieder probieren. Immer wieder. Und irgendwann geht es besser. Aber da ist ja Corona. Und Amelie merkt: Das tut mir nicht gut. Ich sitze so viel zuhause. Ich will rausgehen, mich mit Freunden treffen. Dass die Schule sich auch den Corona-Regeln beugen muss, das macht Amelie nicht so viel aus. Es werde viel gestrichen, sagt sie. Das mache alles etwas entspannter.

Schulschließungen verstärken psychische Probleme

Genau das aber sehen die Experten kritisch: Durch die viele Zeit zu Hause, dadurch, dass beispielsweise bei Infektionsfällen in der Klasse die Schülerinnen und Schüler viele Tage lang nicht den Weg in die Schule gehen, dass bei den bereits im Frühjahr durchgeführten und jetzt wieder angeordneten Schulschließungen alles auf Null gestellt wird, wird die Schwelle, dann, nach der Unterbrechung, wieder in die Schule zu gehen, immer höher. Die Angst, die geforderte Leistung nicht erbringen zu können, wird größer. Während der Quarantäne, sagen Eva Kreuchauf und Uwe Knillmann, ist der ganze Druck weg. Und danach braucht’s viel mehr Mut.

Ein Lockdown, eine Schulschließung warum auch immer, schiebe im Übrigen auch Essstörungen an, sagen Eva Kreuchauf und Uwe Knillmann. Magersüchtige beispielsweise könnten in der vielen Zeit zu Hause ganz viel Sport machen. Sich voll aufs Kalorienzählen, aufs Essen-Vermeiden konzentrieren. Durch die Isolation zu Hause, sehen Kreuchauf und Knillmann bei ihrem täglichen Tun, komme es zu einem Beschleunigungseffekt. Die Symptome beispielsweise einer Depression oder einer sozialen Phobie verstärkten sich und legten sich auf die anderen Probleme noch obendrauf. Alles wird immer schlimmer – bis ohne Hilfe gar nichts mehr geht.

Amelie kann ihr Leben wieder meistern

Amelies schlimmste Zeiten waren noch vor Corona. Jetzt, in der Krise, bricht sie nicht mehr zusammen. Sie kann ihr Leben wieder meistern. Sie hat gelernt, über sich selbst nachzudenken: Warum bin ich jetzt verletzt? Hat der andere die Bemerkung wirklich böse gemeint? Oder denke nur ich das? Auch der viele Streit mit den Eltern – die machten sich Sorgen, konnten Amelies Verhalten nicht verstehen – ist vorbei. Das ist gut. Bei ihrem letzten Klinikaufenthalt war Amelie schon nicht mehr nur Patientin, sondern auch Ansprechpartnerin für die Kleineren, die Neulinge auf Station. Und Amelie hat ihren Realschulabschluss geschafft, ein soziales Jahr gemacht und geht jetzt aufs Berufskolleg. Ihr großer Traum ist es übrigens, Grundschullehrerin zu werden.

Die Pandemie-Situation mit ihren Schul- und Klassenschließungen ist für Kinder und Jugendliche, die sich schwertun mit dem täglichen Gang in die Schule, eine Katastrophe. Durch die Unterbrechungen, so sagen Dr. Eva Kreuchauf, Psychiaterin, und Uwe Knillmann, Psychotherapeut, können sich die psychischen Erkrankungen verstärken, die hinter dem stecken, was umgangssprachlich als „Schulangst“ bezeichnet wird. Und gleichzeitig erfahren diese Schülerinnen und Schüler immer häufiger Zurecht- und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper