Rems-Murr-Kreis

Die musikalische Risikogruppe: Ein Interview mit Stefan Hiss über das 25-jährige Bestehen seiner Band, Corona und das Ende der Wurst

Stefan Hiss
Stefan Hiss – eigentlich hätte er dieser Tage in Waiblingen spielen sollen. Leider coronabedingt abgesagt. Dafür jetzt eben ein Interview. © Gabriel Habermann

Wie hält sich ein Musiker in der Zeit von Corona über Wasser? Darf man in einer Polka das N-Wort singen? Und helfen gegen 80 Prozent aller Leiden wirklich Bier, Wurst und Tanzmusik? Ein Interview über diese und andere Fragen mit Stefan Hiss - der Akkordeon-Meister feiert in diesem vermaledeiten Virenjahr das 25-jährige Bestehen seiner Band. Zum Jubelprogramm hätte auch ein Auftritt in Waiblingen gehört ...

Journalistische Offenlegung: Bei der Gruppe Hiss bin ich nicht neutral. Ich finde und kann’s nicht ändern, dass von allen Bands aller Zeiten und aller Länder, die sich jemals, auf jedes Reinheitsgebot pfeifend, im multikulturell-musikalischen Grenzgebiet zwischen Polka und Rock 'n' Roll, Jazz und Folk, Texas und Mexiko, Balkan- und Latin-Groove herumgetrieben haben, um der schamlosen Stilpaarung zu frönen, die Gruppe Hiss die zweitcoolste, zweitlässigste, zweithinreißendste ist nach dem Sir Douglas Quintet. Dessen Bandleader aber ist seit 21 Jahren tot; weshalb Hiss als die Größten unter den Lebenden übrig bleiben.

Jubiläum: Seit 25 Jahren gibt es die Band. Acht Alben haben sie seit 1995 aufgenommen und 2487 Auftritte gespielt. Dieser Tage hätten sie im Waiblinger Kulturhaus Schwanen gastieren sollen.

Das lange vorher schon ausverkaufte Konzert aber fiel, wie all die anderen Kulturereignisse, die wir eigentlich gerade derzeit so seelennötig bräuchten, Corona zum Opfer. Perdu, abgesagt, ein Elendsmist.

Ersatzweise hier wenigstens ein Interview mit Sänger und Akkordeon-Meister Stefan Hiss, 54, über Corona, Bandscheibenvorfälle, Ernährungsreligion und andere Zumutungen.

Fragerunde 1: Hiss, Corona und Musik

Ihr seid eine Risikogruppe.

Mit all den gesammelten Vorerkrankungen, die man sich im Lauf der Zeit erworben hat, lässt sich das nicht ganz wegdiskutieren. Der Bassist ist 65, der Mundharmonikaspieler 64, der Gitarrist ist 60 geworden dieses Jahr. Weshalb wir uns so verhalten, wie es die Epidemiologen fordern. Nur der Schlagzeuger ist weit unter 50. Der Neue. Er spielt erst seit acht Jahren bei uns.

Gibst du jetzt eigentlich Akkordeon-Unterricht, um dich durchzuschlagen?

Nein. (Grinst angewidert.) Nee.

Aber es sind schwere Zeiten für freischaffende Musiker ohne Auftritts-Chance.

Bei uns ist die Existenzangst immer noch überschaubar. Bisher ist es für uns einigermaßen glimpflich abgegangen. Für die ersten drei Corona-Monate haben wir fünf vom Land zunächst 9000 Euro Soforthilfe erhalten, also 600 Euro pro Kopf und Monat. Das wurde dann noch um 580 Euro pro Kopf und Monat aufgestockt auf 1180. Wenn wir auch für die zweiten drei Monate kriegen, was der Steuerberater beantragt hat, wäre es immerhin von März bis September ganz okay gewesen. In Baden-Württemberg funktioniert das durchaus. Wer in Rheinland-Pfalz lebt, wo nur die laufenden Kosten übernommen werden, hat ein ganz anderes Problem.

Im Prinzip kann man von einer Band wie Hiss, gäbe es kein Virus, ordentlich leben?

Man kann recht entspannt davon leben, wenn man ziemlich bescheiden ist. Wenn man nur die Auftrittsgagen und die CD-Verkäufe hat, ist es nicht besonders üppig, aber bei mir kommt dazu ein relativ großer Teil der Einkünfte – nahezu ein Drittel – von der GEMA. Wir spielen ja schwerpunktmäßig meine eigenen Sachen. Für mich lief es dieses Jahr gut: Die GEMA hat ausgeschüttet, was letztes Jahr eingenommen wurde. Dafür wird es halt nächstes Jahr scheiße sein.

Und wie verbringt ihr derzeit einen durchschnittlichen Corona-Tag?

So fühlt sich halt Rente an. Du sitzt daheim, und guckst, dass eingekauft ist und das Essen rechtzeitig auf dem Tisch steht.

In der Musikszene könnte Corona schwere Verheerungen hinterlassen.

Neulich habe ich erfahren: Der Schlagzeuger der Folk-Gruppe Schandmaul, die im Lauf der Jahre eine Million Tonträger verkauft hat, arbeitet jetzt wieder in einem Ingenieurbüro. Es wird bis April sehr schwer bleiben – und dann muss man sehen, was im Herbst nächsten Jahres passiert. Bis dahin werden einige Läden auf der Strecke geblieben sein, und es wird manchen Bands das Genick gebrochen haben.

Fragerunde 2: 25 Jahre Hiss- wie konnte es so weit kommen?

Corona hin oder her – es ist verblüffend, dass ihr 25 Jahre durchgehalten habt mit einer Musik, die ja wahrlich nicht das Übliche und marktgängig Nächstliegende ist.

Los Lobos gibt es sogar seit mehr als 40 Jahren. Aber 25: Grundsätzlich ist das schon mal beeindruckend – bei all den Verwerfungen, die es zwischendurch auch gab.

Verwerfungen?

Die kamen bei uns früh. Wir fühlten uns am Anfang ziemlich schnell ziemlich sicher, wir hatten einen Plattenvertrag bei Intercord, und der SDR hat uns ziemlich viel im Radio gespielt und unsere Konzerte präsentiert – aber um die zweite Platte herum wurde uns plötzlich klar, dass die Plattenfirma nicht mit uns weitermachen will; und dass der Sender fusioniert.

SDR und SWF wurden damals zu SWR. Aber inwiefern war das für euch ein Problem?

Vorher haben die angerufen und gefragt, ob sie uns präsentieren dürfen. Jetzt mussten wir anrufen und bekamen zur Antwort: Nee, wir machen nur noch große Sachen. Joe Cocker und Tina Turner waren das Einzige, worauf sich Stuttgart und Baden-Baden einigen konnten. Und es hieß: Bloß nichts Regionales spielen, weil es womöglich den Proporz beeinträchtigt!

Ihr habt euch seither – ohne große Plattenfirma, ohne gewaltiges Radio-Echo, aber mit einem sehr treuen Publikum – eine gut ausgebaute Nische eingerichtet. Hat euer Mundharmonikaspieler, der, wie ich mich erinnern kann, ja schon vor 40 Jahren genial den Blues spielen konnte, eigentlich nie gesagt, jetzt reicht es mir endgültig mit der Polka?

Ach nein, er ist dafür viel zu faul. Da müsste er ja neue Leute kennenlernen und sich eine andere Gruppe suchen. Wir haben uns alle grundlegend genug an diese andere musikalische Welt angenähert, um die Puristen, die zu Bluesbands erscheinen, zu verschrecken. Wir haben uns ziemlich freigespielt im Lauf der Zeit. Bei den ersten zwei Platten waren wir noch im Findungsprozess. Wir hatten das Zweite-Platte-Problem: ein größeres Budget. Und das hört man dem Album an. Es klingt alles so groß, unrumpelig, unfolksy, unauthentisch. Aber ab der dritten Platte wussten wir, was wir wollten und was wir sind.

Akkordeon zu spielen – fandest du das nie seltsam? Daneben?

Voll daneben war’s nie. Aber in meiner ersten Band habe ich ein Wurlitzer-E-Piano gespielt und dann eine Hammond-Orgel.

So ein richtiges Schrankmöbel?

Das war tatsächlich so ein Ding. Live vor dem Leslie zu sitzen, dem schwirrenden Rotor-Lautsprecher, im Sound zu stehen, einen Ton entstehen zu lassen ... das passiert mit dem Akkordeon einfach nicht. Aber das Akkordeon ist so viel praktischer!

Fragerunde 3: Die Tücken im Kampf gegen den Rassismus

Ein Lied von euch hat es sogar in Schulbücher geschafft, es ist sozusagen pädagogisch wertvoll: Der Text ist eine einzige brutale Beleidigung gegen Afrikaner – bis am Ende alles als boshaftes Geschwätz eines Rassisten entlarvt wird. Das Lied heißt „Negerpolka“. Der Text ist wuchtig, fast schockierend – ich frage mich, ob man das heute noch spielen könnte.

Tatsächlich haben wir letztes Jahr gesagt: Wir spielen im Jubiläumsjahr mal wieder die Negerpolka. Wir haben ein bisschen geprobt, dran rumgemacht; und beschlossen: Ach nee, das macht einfach keinen Spaß. Man weiß nie genau, wie das rezipiert werden wird: ob die Leute es aus den richtigen Gründen gut finden. Die Botschaft ist eine ganz klare und antirassistische – aber sie kommt erst rüber, wenn man den ganzen Song bis zum Ende gehört hat. Es gibt manche Sachen, die ich heute nicht mehr so gern spiele.

Zum Beispiel?

Wir hatten das Lied von der „Hausband im Bordell zum kleinen Tod“, es jonglierte mit dem Bild von Jazz und Blues, die ja im Rotlichtmilieu entstanden sind, mit dieser verruchten Romantik. Aber ich kann heute, finde ich, in Industrie-Nationen schlecht an Prostitution denken, ohne Zwangsprostitution mitschwingen zu hören. Ich habe irgendwie keinen Bock mehr, das zu singen.

Wobei die Negerpolka moralisch ja im Grunde nicht angreifbar ist.

Ja, aber es ist eigentlich eher ein Wortbeitrag mit Musik unterlegt als ein Song. Und wenn wir das spielen – predigen wir dann nicht sowieso nur zu den Bekehrten? Sicher tut es auch manchmal gut, sich gegenseitig zu versichern, dass man auf der richtigen Seite steht. Aber ich weiß nicht, ob man die korrekte politische Botschaft auf diese Art jeden Tag vor Publikum loswerden muss und was das helfen würde. Die Leute, die es erreichen sollte, erreicht es sowieso nicht.

Fragerunde 4: Ernährungsreligion und Bandscheibenvorfall  - es geht um die Wurst

Einer meiner Hiss-Lieblingstexte ist ernährungspolitisch und medizinfachlich locker auf dem Niveau von Corona-Leugnung: „Die Mehrheit aller Paare lässt sich scheiden / Die meisten Deutschen sind zu dick / Doch gegen achtzig Prozent aller Leiden / Helfen Bier und Wurst und Tanzmusik.“ Kann man wirklich so leben?

Nee, kann man nicht. Ich hab seit letztem Jahr einen Stent. Deshalb ist Wurst jetzt vom Speiseplan gestrichen. Aber man soll den Ratschlag ja auch nicht eins zu eins übernehmen. Es geht in dem Lied eher darum, dass es so viele Menschen gibt, die sich über die extrem spezielle Art, wie sie sich ernähren, definieren. Weizen tötet! Gluten, das Übel der Welt! Es gibt immer verbreiteter diese moralische Pflicht, sich zu mäßigen und sich viel zu bewegen – und einen ganz großen Trend zum schlechten Gewissen, wenn man das nicht tut. Darin steckt etwas Quasi-Religiöses. Dagegen sagt das Lied: Entspann dich mal.

Ich hoffe, wenigstens Bier und Tanzmusik bleiben erlaubt.

Tanz ist eine Spitzensache: ein gemeinschaftliches Bewegungserlebnis, ohne in Leistungssport auszuarten! Und Bier ist ein Grundnahrungsmittel. Aber Wurst ist halt Fleischabfall.

Macht die Gruppe Hiss, wenn eines Tages wieder Konzerte möglich sind, weiter?

Ja, ich habe den festen Plan. Realistisch sind in der Besetzung noch etwa zehn Jahre. Wenn Volker am Bass um die 80 ist, wird es langsam schwierig. Man hat ja auch nicht immer zwei Aufbauhelfer zur Hand. Man bekommt sie immer nur dort, wo man sowieso nur an die Rampe fahren und seine Sachen auf die Bühne stellen muss. Aber in der Kofferfabrik in Fürth, wo man alles erst zwei steile Treppen hochwuchten muss, gibt es nie Helfer. Und mit all den Bandscheibenvorfällen ...

Gleich mehrere?!

Ich habe zwei Bandscheibenvorfälle gehabt, aber da hab ich trotzdem weiter gespielt. Es tut ja gut, wenn man ein bisschen Adrenalin im Körper hat. Tennisarme, Sehnenscheidenentzündungen, Karpaltunnelsyndrome: Verteilt auf die Band ist einiges zusammengekommen. Und Volker hat einen Cumbia-Daumen.

Um Himmels willen, was ist das?

Cumbia ist ein kolumbianischer Rhythmus, der in einem unserer Lieder vorkommt. Nach vier Auftritten hintereinander mit diesem Lied spürt Volker seinen Daumen.

Wie hält sich ein Musiker in der Zeit von Corona über Wasser? Darf man in einer Polka das N-Wort singen? Und helfen gegen 80 Prozent aller Leiden wirklich Bier, Wurst und Tanzmusik? Ein Interview über diese und andere Fragen mit Stefan Hiss - der Akkordeon-Meister feiert in diesem vermaledeiten Virenjahr das 25-jährige Bestehen seiner Band. Zum Jubelprogramm hätte auch ein Auftritt in Waiblingen gehört ...

Journalistische Offenlegung: Bei der Gruppe Hiss bin ich nicht neutral. Ich

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