Rems-Murr-Kreis

Die Seifensiederin aus Cronhütte: Kathrin Marotta und ihre "Mini-Revolution"

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Seifensieden
Kathrin Marotta (Dritte von rechts) leitet die Teilnehmerinnen ihres Seifensiedekurses an: Die Zutatenmischung muss stimmen. © Gabriel Habermann
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Wohlig duftend: Kronseifen. © Gabriel Habermann

„Muss ich irgendjemand aus dem Universum zurückholen?“ Kathrin Marotta schaut prüfend in die Runde. Der Ton ihrer Klangschale scheint noch im Raum zu schweben. Die Meditation ist zu Ende, alle schauen die Profi-Seidensiederin erwartungsvoll an. Mit „gebotenem Respekt und Ruhe“ werde man nun an den kniffligsten Teil des Abends herangehen, kündigt Kathrin Marotta an.

In den nächsten Minuten dreht sich alles um „kaustisches Soda“. Das klingt schöner als „Ätznatron“, ist aber dasselbe. Mit Augenschutz ausgestattet und unter strenger Anleitung der Chefin des Hauses – „Da bin ich wie ein Feldwebel“ – verrühren die Frauen das reichlich unangenehm riechende Zeugs mit Wasser. Die Mischung dampft draußen aus, das ist besser für die Atemwege, erklärt Kathrin Marotta.

Sie selbst hat ungezählte Male schon mit dem Stoff hantiert, und sie musste sich in der einen oder anderen Apotheke bereits unangenehme Fragen stellen lassen: Kaustisches Soda kann man auch für andere Dinge verwenden als für die Herstellung von Seifen.

Der harten Zahlenwelt den Rücken gekehrt

Kathrin Marotta betreibt in Kaisersbach-Cronhütte eine Naturseifen-Manufaktur. Tritt man über die Schwelle ihres Hauses, sieht man sich einem betörenden Duftgemisch ausgesetzt. Man gewöhnt sich schnell ans intensive Riecherlebnis und findet sich, sofern Kathrin Marotta für diesen Abend zum Seifensiedekurs geladen hatte, flugs auf Hockern im Kreise sitzend wieder. Die Seifensiederin verspricht, man könne sich „heute Abend einfach fallenlassen“.

Ausschließlich Frauen sitzen in der Runde, und sie müssen auf die eigentliche Handwerksarbeit noch eine Weile warten. Es gilt erst Fragen zu beantworten im Stile von „Welche drei Personen haben dich besonders beeinflusst“, „Welche drei Dinge haben dir besonders viel Energie gegeben“ und „Was war deine beste Entscheidung?“

Für einen weitreichenden Schritt hatte sich die Kursleiterin selbst 2019 entschieden: Die gelernte Bankfachwirtin kehrte der harten Zahlenwelt den Rücken, zettelte eine, wie sie in einem Interview einmal sagte, „Minirevolution“ an – und erhob ihre Passion, die Seifensiederei, zum Beruf. In einem alten Häuschen lebt sie mit Mann und Kindern idyllisch und stellt „Kronseifen“ her.

Handyempfang nur auf der Straße

In Cronhütte muss man auf die Straße hinaus, damit man Handyempfang hat, und das nahe Naturschutzgebiet wird einen an warmen Sommerabenden mit so vielen Bremsen und sonstigem Stechgetier konfrontieren, dass man zwischendurch vergisst, die unvergleichliche Schönheit dieses Fleckens Erde gebührend zu würdigen.

Kathrin Marotta spürt eine enge Verbundenheit mit diesem Wald, mit den Kräutern, mit den Kräften der Natur, das spürt deutlich, wer ihr nachfolgt. Die Fachfrau führt ihre Gruppe mitten hinein ins Urtümliche, Naturbelassene, Verbundene. Welche Kräuter an welcher Stelle wachsen, wie sie wirken und welche Geschichten ihnen innewohnen, erzählt die Seifensiederin mit Hingabe: „Man hört hier das Raunen der alten Zeit.“

Beinwell wächst am Wegesrand, der große Wiesenknopf auch. Wie man vom Eisengehalt der Brennnessel, zeitig im Frühjahr gesammelt, am besten profitiert, wussten die Menschen in früheren Zeiten genau. Der Schafgarbe widmet Kathrin Marotta eine Ode, während sie Labkraut und Spitzwegerich am Wegesrand pflückt, doch nur in ganz kleinen Mengen: „Keinen Raubbau betreiben“, mahnt sie, und Seltenes wird sie nicht anrühren. „Im Einklang mit Mensch und Natur werden unsere Manufaktur-Produkte mit Bedacht erschaffen“, heißt es auf Kathrin Marottas Homepage.

Ab mit den Kräutern in den Topf

Zurück in ihrer kleinen Seifensiedeküche, beginnt der eigentliche Prozess. Die gesammelten Kräuter landen später mit im Topf, doch zuerst wiegen die Frauen emsig Zutaten ab. Kokosöl und Kakaobutter, Olivenöl sowie ätherische Öle gilt’s sorgfältig zu dosieren: Jeweils 15 Gramm Zitronen-, Orangen- und Zitronengrasöl sollen mit ins Gefäß, und am Duft der ätherischen Öle hat man noch lange danach seine Freude.

Damit im Topf nicht zu heiß wird, was nicht zu heiß werden darf, führt die Seifensiederin in ihrer Küche Regie. Farbpigmente namens „Nearly nude“ oder „Fiery fusion“ gelangen mit Hilfe ausgeklügelter Rührtechnik relativ zum Schluss in die Masse, und jetzt lässt sich, schon vergleichsweise spät am Abend, ein Hauch von Stressgefühl nicht vermeiden: Die Masse ist zügig in Silikonformen zu füllen, bevor sich ihre Konsistenz ungünstig verändert. „Mädels, schafft schneller“, mahnt Kathrin Marotta: „Wenn es aussieht wie Kürbiscremesuppe, dann ist es fertig.“

"Verseifung" geschieht nicht von heute auf morgen

Bis aus der Suppe benutzbare, wohlduftende Seifen geworden sind, wird niemand in Cronhütte warten können: Vier Wochen dauert’s noch, dann trifft die Seife per Post ein. Zuvor durchläuft sie den langwierigen Prozess der „Verseifung“, im Zuge dessen diverse Moleküle allerlei Beziehungswechsel wagen.

Ums gute Miteinander geht’s zum Schluss des Seifensiedekurses nach getaner Arbeit: Eine durchaus emotional herausfordernde „Wohlfühldusche“ hat die Unternehmerin noch für ihre Gäste vorbereitet, bevor die Frauen zu später Stunde den Kurs ausklingen lassen. Überwältigt vom Duft Cronhüttener Kronseifen.

„Muss ich irgendjemand aus dem Universum zurückholen?“ Kathrin Marotta schaut prüfend in die Runde. Der Ton ihrer Klangschale scheint noch im Raum zu schweben. Die Meditation ist zu Ende, alle schauen die Profi-Seidensiederin erwartungsvoll an. Mit „gebotenem Respekt und Ruhe“ werde man nun an den kniffligsten Teil des Abends herangehen, kündigt Kathrin Marotta an.

In den nächsten Minuten dreht sich alles um „kaustisches Soda“. Das klingt schöner als „Ätznatron“, ist aber dasselbe.

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