Rems-Murr-Kreis

Die seltsame weiße Welle im Wald

Baum kaputt
Hans-Joachim Bek, verantwortlich für den Staatswald rund um Backnang, markiert immer wieder ganze Baumgruppen mit solchen weißen Wellen. In Kommunalwäldern ist das Zeichen auch zu finden. Dieser Habitat-Baum hat eine Höhle und bietet somit geschützten Wohnraum für Tiere. © Gabriel Habermann

Weiße Wellen an Baumstämmen mitten im Wald – wird die Nordseeküste verlegt? Das ist natürlich Quatsch! Es droht an diesen Stellen auch keine sonstige Überflutung und die Bäume werden nicht auf besonders bewegte Weise gefällt. Ganz im Gegenteil!

Die weiße Welle ist ein Kennzeichen, das dem Waldfachmann signalisiert: Finger weg! Bäume mit der weißen Welle sind Teil von kleinen Naturschutz-Inseln, die zum Alt- und Totholzkonzept gehören.

Der Staatswald, erklärt Hans-Joachim Bek, Förster und bei Forst BW, dem Forstamt des Landes, zuständig für den Bereich rund um Backnang, brauche ein Naturschutzkonzept, damit die international anerkannten Zertifizierungen erhalten bleiben. Dazu gehört das Alt- und Totholzkonzept.

Früher zum Wegwerfen, heute höchst wertvoller Lebensraum

Hans-Joachim Bek sucht in seinem Wald Bäume, die früher wohl rausgeschlagen worden wären. Heute bewertet sie der Fachmann für den Wald als höchst wertvoll. Sie bieten in irgendeiner Form schon ein Refugium für Tiere oder andere Pflanzen. Die Bäume bergen entweder Nester in den Kronen, oder sie haben Löcher im Stamm, die als Nistplatz für Vögel oder Unterschlupf für Fledermäuse dienen. Oder sie sind morsch, so dass der Specht sich eine Nisthöhle zimmern kann. Morsches Holz, Totholz, ist Lebensraum für unzählige Tiere und Insekten – der durch Stuttgart 21 berühmt gewordene Juchtenkäfer, der in Baumhöhlen lebt, ist nur einer davon.

Die weiße Welle markiert „Habitatbaumgruppen“, wie der Fachmann sagt. „Habitat“ heißt Lebensraum – es geht also um Baumgruppen, in denen schützenswerter Lebensraum liegt. Zum Habitat erklärt werden kann, so Bek, durchaus auch mal ein einzelner, besonders alter, großer, fürs Ökosystem wichtiger Baum. Zum Beispiel eine uralte Eiche. Üblicherweise aber umfasst ein Habitat rund 15 Bäume. Einen wichtigen, zum Beispiel mit Nisthöhlen bestückten oder schon absterbenden Baum guckt sich der Förster aus, um diesen Baum herum werden dann noch weitere Bäume ausgesucht. Die Bäume gehören zum alten Bestand – sie haben schon 90 bis 120 Jahre mitgemacht.

Die Bäume dieser Baumgruppen werden in Karten eingetragen – dank Handy oder Tablet kein Problem – und genau beschrieben. Und dann überlässt sie der Förster sich selbst. Sie durchleben die natürliche Alterung, bis sie irgendwann absterben und zerfallen. Erst, wenn sich alles in Brösel und Humus aufgelöst hat, wird die Habitatbaumgruppe aufgelöst und eine neue an anderer Stelle gegründet.

Regelmäßig kontrolliert der Förster den Zustand dieser Bäume, beobachtet die Entwicklung, die Besiedelung und dann den Niedergang.

Etwa alle drei Hektar, also alle 30 000 Quadratmeter soll sich im Wald solch ein Habitat finden. „Trittsteinkonzept“ heißt das: Vor allem Insekten können meist keine sehr weiten Wege zurücklegen. Damit die Tiere dennoch das eigene Refugium verlassen, wandern und zueinanderfinden können, müssen immer wieder lebensfreundliche Plätze in der Landschaft zu finden sein. Die Habitate sind quasi die kleinen Inseln zwischen den ein bis drei Hektar großen „Waldrefugien“. Die Bäume in diesen Gebieten werden vom Förster dauerhaft aus der Bewirtschaftung genommen. Man spricht dann auch vom Bannwald.

Bis 2020 sollten die Habitatbaumgruppen landesweit eine Fläche von 2300 Hektar einnehmen. Geht man von einer Kronengröße von 50 Quadratmetern pro Baum aus, wären rein rechnerisch etwa 460 000 Bäume Teil eines Habitats.

Hans-Joachim Bek hat auf seiner 1634 Hektar großen Waldfläche zurzeit 189 Habitate ausgewiesen.

Das Forstamt des Landratsamts, das Kommunal- und Privatwälder im Rems-Murr-Kreis betreut, hat auf diesen Flächen rund 200 Habitatbaumgruppen angelegt.

Wie kommt’s, dass bei dieser doch beachtlichen Menge das weiße Wellenzeichen so unbekannt ist? Weil diese kleinen Oasen meist nicht zu sehen sind – sie liegen sehr abgelegen. Dort, wo normalerweise die Spaziergänger laufen, können sie nur ausnahmsweise ausgewiesen werden. Zu groß die Gefahr, dass ein morscher Ast nach unten stürzt.

Weiße Wellen an Baumstämmen mitten im Wald – wird die Nordseeküste verlegt? Das ist natürlich Quatsch! Es droht an diesen Stellen auch keine sonstige Überflutung und die Bäume werden nicht auf besonders bewegte Weise gefällt. Ganz im Gegenteil!

Die weiße Welle ist ein Kennzeichen, das dem Waldfachmann signalisiert: Finger weg! Bäume mit der weißen Welle sind Teil von kleinen Naturschutz-Inseln, die zum Alt- und Totholzkonzept gehören.

Der Staatswald, erklärt Hans-Joachim Bek,

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