Rems-Murr-Kreis

Die tödliche Dimension des Coronavirus im Rems-Murr-Kreis

Coronatest
Symbolfoto. © ZVW/Benjamin Büttner

Der erste Mensch, der in Deutschland einer Corona-Infektion erlag, war – auch wenn die meisten Quellen anderes besagen – wohl ein Mann aus dem Rems-Murr-Kreis: Der 67-Jährige aus Remshalden verstarb nach Angaben des Landratsamtes am 4. März; fünf Tage vor einem 78-Jährigen aus dem Landkreis Heinsberg und einer 89-Jährigen aus Essen, die als die ersten Corona-Toten in der Republik gelten.

Der Heinsberger und der Essener Befund allerdings wurden bereits am 9. März öffentlich bekannt. Der Remshaldener Bürger hingegen war vor seinem Tod überhaupt nicht getestet worden – eine Infektion wurde erst nachträglich via Obduktion nachgewiesen und am 12. März offiziell bestätigt.

 

Warum ein posthumer Corona-Test? Die elsässische Spur

Dass es zu solch einer posthumen Untersuchung kam, liegt daran, dass wenige Tage nach dem Tod des Mannes seine Ehefrau, 70, mit einschlägigen Symptomen zur stationären Behandlung in eine Klinik eingeliefert und positiv auf Corona getestet wurde. Bald gab es eine konkrete Vermutung, wo sie sich angesteckt haben könnte: Sie war, wie das Landratsamt formuliert, mit ihrem Mann im Elsass bei einer „größeren Veranstaltung“ gewesen. Auf Nachfrage bestätigt die Kreisverwaltung, dass es sich um ein „kirchliches“ Treffen gehandelt habe, bei dem sich „mehrere Teilnehmer“ infiziert hätten.

Wir können das Bild an dieser Stelle nicht scharfstellen – aber die Spekulation, dass es sich bei der „größeren kirchlichen Veranstaltung im Elsass“ um die Fastenwoche einer Freikirche in Mulhouse um den 20. Februar herum gehandelt haben könnte, liegt zumindest nicht fern. Dieses Treffen, bei dem mehr als 2000 Menschen zusammenkamen und tagelang beieinanderblieben, gilt mittlerweile als sogenanntes „Superspreader-Event“, als Ereignis, bei dem das Virus in kurzer Zeit weit gestreut wurde.

Nachdem die Ehefrau positiv getestet worden war, lag die Vermutung nahe, dass auch beim Tod ihres Mannes eine Infektion eine Rolle gespielt haben könnte. Die Obduktion bestätigte den Verdacht. Kurz darauf verstarb auch die Gattin.

Das zeitversetzte Ansteigen der Corona-Sterbezahlen

Ungeachtet dieser aufwühlenden Entwicklungen blieb die Zahl der Todesfälle im Rems-Murr-Kreis zunächst sehr niedrig – auch, als die Zahl der Infektionen bereits recht hoch war.

Als aber ab Anfang, Mitte April die täglich diagnostizierten Neuansteckungen bereits wieder weniger zu werden begannen, wurden die Sterbemeldungen immer mehr.

Diese auffällige Ungleichzeitigkeit lässt sich näher veranschaulichen, indem wir vier Momentaufnahmen im 14-Tages-Rhythmus nebeneinanderhalten:

  • Stand 23. März gab es erst einen einzigen Todesfall im Kreis bei insgesamt bereits 209 Infektionen – demnach waren bis zu diesem Zeitpunkt weniger als 0,5 Prozent der Angesteckten verstorben.
  • Stand 6. April gab es insgesamt 11 Todesfälle bei insgesamt 809 Infektionen – knapp 1,4 Prozent der Angesteckten waren verstorben.
  • Stand 20. April gab es insgesamt 34 Todesfälle bei insgesamt 1140 Infektionen – rund 3 Prozent der Angesteckten waren verstorben.
  • Stand 4. Mai gab es insgesamt 54 Todesfälle bei insgesamt 1369 Infektionen – beinahe vier Prozent der Angesteckten waren verstorben.

 

Noch frappierender wird das Bild, wenn man bedenkt: Vom 20. April bis zum 4. Mai wurden nur noch 229 Neu-Infektionen diagnostiziert – aber 20 neue Todesfälle offiziell gemeldet.

 

Coronavirus: Das Phänomen der Zeitverschiebung

Das Virus entfaltet seine tödliche Wirkung also mit beträchtlicher Verzögerung. Warum? Mehrere Gründe spielen eine Rolle:

  • Vom Moment der Ansteckung über das Aufkeimen erster Symptome bis zum Tod vergehen oft mehrere Wochen.
  • Todesfälle gehen oft mit deutlicher Zeitverzögerung in die Statistik ein – nämlich erst, wenn sowohl ein positiver Sars-CoV-2-Befund vorliegt als auch der behandelnde Arzt eine entsprechende Todesbescheinigung ausgestellt hat.
  • In den ersten Corona-Wochen Anfang, Mitte März waren viele jüngere und entsprechend robuste Menschen, die sich das Virus beim Skifahren oder Fasching geholt hatten, unter den Infizierten.
  • Im Laufe der Wochen steckten sich verstärkt ältere Menschen an – und das Virus drang in die Altenpflegeheime vor. Mehr dazu siehe unten.

 

Vor allem ältere und alte Menschen sind gefährdet, das macht der Blick auf die Corona-Toten im Rems-Murr-Kreis deutlich:

  • Keinen Todesfall gab es bislang bei Menschen unter 50 Jahren.
  • Einen Todesfall gab es in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre.
  • Sieben Todesfälle gab es in der Altersgruppe 60 bis 69 Jahre.
  • Zwölf Todesfälle gab es in der Altersgruppe 70 bis 79 Jahre.
  • 24 Todesfälle gab es in der Altersgruppe 80 bis 89 Jahre.
  • Zehn Todesfälle gab es in der Altersgruppe ab 90.

Von den 54 aktuell „aktenkundigen“, also sowohl via Positivtest als auch per Arztbescheinigung bestätigten Corona-Todesfällen ordnet das Landratsamt bislang 20 den Alten- und Pflegeheimen zu.

  • 13 Infizierte gestorben sind im Haus Röder Schorndorf.
  • Sieben Infizierte gestorben sind im Stiftungshof Haubenwasen Alfdorf.
  • Fünf Infizierte gestorben sind im Landhaus Sonnenhalde Weinstadt.
  • Fünf Infizierte gestorben sind im Haus Edelberg Kernen.
  • Drei Infizierte gestorben sind im Alexanderstift Großaspach.
  • Jeweils einen Corona-Todesfall gab es im Haus Elim Bittenfeld, im Haus Edelberg Schorndorf und im Kronenhof Großerlach.

Wie geht es weiter? Eine Hoffnungsperspektive

All dies sind bedrückende Befunde, die deutlich belegen, dass das Virus viel Leid über die Menschen bringt. Es gibt aber auch eine Hoffnung: So, wie die Zahl der wöchentlichen Todesfälle erst zeitversetzt anzusteigen begann, so ist nun zu erwarten, dass sie ebenfalls zeitversetzt langsam wieder absinken wird.

Denn die Ansteckungsrate im Rems-Murr-Kreis ist seit Wochen niedrig – und seit Anfang Mai gar fast verschwindend gering: In den vergangenen vier Tagen hat das Landratsamt insgesamt nur noch 17 Neu-Infektionen für den gesamten Landkreis gemeldet.

Der erste Mensch, der in Deutschland einer Corona-Infektion erlag, war – auch wenn die meisten Quellen anderes besagen – wohl ein Mann aus dem Rems-Murr-Kreis: Der 67-Jährige aus Remshalden verstarb nach Angaben des Landratsamtes am 4. März; fünf Tage vor einem 78-Jährigen aus dem Landkreis Heinsberg und einer 89-Jährigen aus Essen, die als die ersten Corona-Toten in der Republik gelten.

Der Heinsberger und der Essener Befund allerdings wurden bereits am 9. März öffentlich bekannt.

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