Rems-Murr-Kreis

Die Unbeugsame: Seyran Ates, die Linken, die AfD und die Moschee

Ates
Seyran Ates kämpft seit fast 40 Jahren für unterdrückte Frauen. © Maximilian Gödecke

Hier haben wir: eine Muslimin – und auch noch eine, die im Gespräch oft ziemlich linksliberal klingt –, der die AfD applaudiert! Wo gibt’s denn so was? Sendet sie etwa derart widersprüchliche Signale aus? Nicht im mindesten: Seit mehr als 30 Jahren kämpft Seyran Ates schlicht unter Einsatz ihres Lebens für das, was sie richtig findet. Ohne sich davon beirren zu lassen, wer sie dafür lobt. Porträt einer Unbeugsamen.

Der Alltag der Seyran Ates: Drohungen, ein Prügelangriff, ein Attentat

Freitags predigt sie zur Gemeinde in der Moschee. Dieser Tage sprach sie über den Tod. Sie wird ja öfter gefragt: Hast du keine Angst zu sterben? „Durch Menschenhand ermordet zu werden“? Wie fühlt sich das an, unter Polizeischutz zu stehen?

Nun ja, sagt Seyran Ates, sie lebe damit „seit 30 Jahren“. Das allerdings ist dezent untertrieben.

Seyran Ates – geboren 1963 in Istanbul, als Sechsjährige mit der Familie nach Berlin gekommen, mit 17 der versklavenden Enge des Elternhauses entflohen – war 21 Jahre alt, als sie zur Finanzierung ihres Jurastudiums in Kreuzberg türkische und kurdische Frauen betreute, die in ihren Familien unter häuslicher Gewalt litten. Eines Tages 1984 betrat während der Beratungszeit ein Mann das Büro, der sich später als türkischer Rechtsradikaler herausstellen sollte, erschoss eine Klientin und verletzte Seyran Ates lebensgefährlich, eine Kugel drang in ihren Hals. 37 Jahre ist das her.

2006 vertrat Ates, mittlerweile Anwältin, eine Frau bei ihrem Scheidungstermin. Der sich gekränkt fühlende Mann stellte die Juristin und ihre Mandantin auf offener Straße und schlug auf beide ein.

Ein Mordanschlag, eine Prügelattacke. Dazwischen und danach: Beleidigungen, Beschimpfungen, Verwünschungen. Als Seyran Ates 2017 in Berlin auch noch eine liberale Moschee eröffnete, in der Frauen, Lesben, Schwule volle Rechte genießen, stapelten die Morddrohungen sich so, dass die Frauenrechtlerin seither rund um die Uhr unter Bewachung steht. Selbst als sie auf dem Jakobsweg pilgerwanderte, stapften Personenschützer mit.

2008 erhielt sie für ihr Engagement den Schorndorfer Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit. Wie hält sie den Druck aus?

Ach, sagt Seyran Ates, „für viele Menschen in der Welt ist das der Normalzustand“, dass sie „mit Gewalt daran gehindert werden, ihr Leben zu leben, ihren Beruf auszuüben“. In den meisten Ländern „ist das Standard“.

Meinungsfreiheit: Ein hehrer Wert und sein Missbrauch

Wir in Deutschland aber leben jetzt in einer Diktatur, heißt es, wegen der Corona-Maßnahmen.

Diktatur: „Allein dieses Wort“, seufzt Ates. Diktatur, weil wir aus Infektionsschutzgründen im Supermarkt ein Stück Stoff vor Mund und Nase tragen und abends vorübergehend zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein müssen? „Der Wahnsinn. Ich kann seit vielen Jahren nicht einfach auf die Straße gehen“; jedenfalls nicht, ohne mit einer Kugel im Hals oder einer Faust im Gesicht rechnen zu müssen.

„Meinungsfreiheit.“ Sie halte dieses Wort sehr hoch. Wenn sie aber erlebe, wer derzeit alles diesen hehren Wert beschwört, „bin ich teilweise verwirrt“.

Weil Menschen, die von Coronadiktatur reden, Widerspruch ernten, ist ihre Meinungsfreiheit in Gefahr? Weil „anonyme Hasstiraden“ nicht immer ungeahndet bleiben, sondern ab und zu, wenngleich selten, tatsächlich verfolgt werden und zu Strafbefehlen führen, soll die Meinungsfreiheit vor die Hunde gehen?

So stellen es die Rechten dar. Und die Islamisten, erzählt Ates, machen es ähnlich: Sie erklären, dass diese Frau „in die Schranken gewiesen“ werden müsse und „eigentlich getötet gehört“; und tun das unter Berufung auf die Meinungsfreiheit.

„Feinde der Freiheit nehmen die Freiheit für sich in Anspruch.“ So werde dieses hohe Gut „lächerlich gemacht“.

Vereinnahmt: Seyran Ates, die Linken und die AfD

Neulich im Bundestag schlug der Waiblinger AfD-Abgeordnete Jürgen Braun den ganz hohen Ton an: Er pries Seyran Ates, diese „mutige Anwältin“, die aufbegehrt gegen den unterdrückerischen, gewalttätigen politischen Islam.

Wenige Minuten zuvor hatte derselbe Jürgen Braun sich geweigert, zu Claudia Roth „Frau Präsidentin“ zu sagen, er beharrte auf „Frau Präsident“. Die AfD veröffentlichte das Video der Rede auf ihrem Youtube-Kanal, seither stauen sich darunter – bis heute ungelöscht – die Hasskommentare. Roth solle „die Klappe halten, wenn ein Mann des Volkes die Wahrheit spricht“ – „in eine Zwangsjacke 4ever“ und „ab nach Syrien“ mit diesem „Warzenvogel von der Resterampe“! So lobte der AfD-Mann die Frauenrechtlerin, und darunter feierten seine Fans eine misogyne Orgie.

Seyran Ates kennt das, es ist wohl ihr Schicksal: Sie werde von allen „instrumentalisiert, wie es ihnen gefällt“. Linke schimpfen, wer so laut wie Ates gegen islamistische Parallelgesellschaften streite, spiele doch den rechten Hetzern in die Hände – und unterschlagen dabei, dass den Kampf gegen Ehrenmorde und Zwangsheiraten doch eigentlich „jede linke Feministin“ nachvollziehen können sollte. Rechte meinen, sich von Ates „bekräftigt fühlen zu dürfen in ihrem Islam-Hass“, ihren Ressentiments gegen Menschen mit Migrationsgeschichte – und unterschlagen dabei, dass diese Frau leidenschaftlich „für die Idee eines friedlichen Zusammenlebens in Diversität“ eintritt.

Kompliziert? Eigentlich ist es einfach: „Ich kämpfe für die Frauen und Mädchen, die ihre Stimme nicht erheben können.“ Manchmal, sagt Seyran Ates, könne sie sich „selber nicht mehr hören“, weil sie sich dauernd „wiederhole“.

Soll sie, die seit 37 Jahren mit ihrem Leben einsteht für Frauen, die Hilfe brauchen, allein deshalb schweigen zu dieser ständig mörderisch gekränkten Ehre von Männern, die Frauen wegsperren und verhüllen wollen, soll sie nur deshalb verstummen, weil jemand von der AfD daherkommen und sagen könnte: Jawoll, genau!?

Der Pakt: Wie Nationalisten und Islamisten einander bestärken

Es ist fast, als hätten Rechte und Islamisten einen heimlichen Pakt geschlossen. Sie spielen sich gegenseitig die Bälle zu.

Die Rechten tun so, als sei der Islam per se und immer böse; als gebe es nur Islamisten. Und die wiederum dürfen sich dadurch aufgewertet fühlen, sie bekommen förmlich die Deutungshoheit übertragen: Genau, wir und nur wir stehen für den einzig wahren Islam!

So arbeiten beide an einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Je mehr die Rechten die Ausgrenzung muslimischen, ja, überhaupt fremdstämmigen Lebens betreiben, desto größer wird die Gefahr, dass junge Männer darauf mit Radikalisierung reagieren und sich dem politischen Islam an den Hals werfen als identitätsstiftendes Angebot.

Rechte wie Islamisten: Beide Bewegungen „wachsen bequem in diesem Feuchtgebiet der Angst“.

Unter die Räder kommen die Liberalen. Dabei, sagt Ates, spiele Religion für die allermeisten Muslime bei weitem nicht die riesenhafte, allbeherrschende Rolle, wie besorgte Abendlandsretter tun. Eine aktuelle Studie über muslimisches Leben in Deutschland zeigt: 70 Prozent der muslimischen Frauen hierzulande tragen nicht mal ein Kopftuch.

Seyran Ates tritt dafür ein, dass Menschen „wie ich das Recht haben, sich als Deutsche zu bezeichnen“; während AfD-Gauland mal bei einer Wahlkampfveranstaltung unter Jubelrufen empfahl, die deutsche Staatsbürgerin Aydan Özoguz, seinerzeit Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, „in Anatolien zu entsorgen“.

In der Moschee: Seyran Ates und der Anfang der Freiheit

Seyran Ates wirbt nicht für Multikulturalität; das dürfte der AfD gefallen. Seyran Ates wirbt – und da dürfte es mit der Zustimmung von rechts auch schon wieder vorbei sein – für „Transkulturalität“. Ates plädiert nicht dafür, dass viele verschiedene Kulturen sortenrein nebeneinander existieren, sondern dafür, dass sie sich miteinander verbinden, vermischen sollten, ineinanderfließen, auf dass nicht jede für sich in ihrem angeblich unabänderlichen Identitätssaft schmore.

Es bedarf dabei aber eines Bindemittels. Eine Gemeinschaft, an der alle teilhaben, gleich, welcher Tradition sie entstammen, kann sich nur bilden, wenn sich alle unbedingt auf eines verpflichten: „Verfassungspatriotismus, Demokratie.“

In der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, deren Mitbegründerin Seyran Ates ist, nimmt diese Idee Gestalt an: Die Moschee ist das Labor eines Islam, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt, wie unsere Verfassung es lehrt, eines Islam, der sich um zeitgemäße, geschlechtergerechte Auslegung des Korans bemüht.

Frauen und Männer beten hier gemeinsam. Frauen halten Predigten. Schwule, Lesben, Transgender-Menschen, alle sind willkommen und Sunniten genau wie Schiiten, Aleviten, Sufis.

Wie ist es möglich, dass ein Mensch, dem seit Jahrzehnten so viele den Tod wünschen, derart unverbittert wirken kann? Denn das fällt im Online-Interview mit Seyran Ates sofort auf: wie austauschfreudig sie ist, wie neugierig, wie erzähl- und zuhörfreudig, wie viel Lust am Lachen sie hat. Wie geht das? Man muss es sich wohl so erklären: Sie ist im Lot mit dem, was sie tut.

Neulich war eine junge Frau in der Moschee. Sie sprach mit Seyran Ates über Freiheit, sie sagte, sie verzichte hier auf so vieles, sie erhoffe sich im Jenseits, im Paradies sehr viel mehr Freiheit. „Den Tod über das Leben stellen?“ Auf die Freiheit warten, bis man stirbt? Mit dem Freisein, findet Seyran Ates, sollten wir vorher anfangen.

Hier haben wir: eine Muslimin – und auch noch eine, die im Gespräch oft ziemlich linksliberal klingt –, der die AfD applaudiert! Wo gibt’s denn so was? Sendet sie etwa derart widersprüchliche Signale aus? Nicht im mindesten: Seit mehr als 30 Jahren kämpft Seyran Ates schlicht unter Einsatz ihres Lebens für das, was sie richtig findet. Ohne sich davon beirren zu lassen, wer sie dafür lobt. Porträt einer Unbeugsamen.

Der Alltag der Seyran Ates: Drohungen, ein Prügelangriff, ein

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