Rems-Murr-Kreis

Digi-Sigi: Der Winnender CDU-Abgeordnete Siegfried Lorek, ein Fall fürs Museum

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"Sigi GO!!" Ein museumsreifes Computerspiel.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Siegfried Lorek ist jetzt ein Fall fürs Museum, und mit ihm wird der Waiblinger Ex-Grüne Alfonso Fazio gleich mit ins Haus der Geschichte verfrachtet. Ins Depot eingelagert werden allerdings nicht die Originale, sondern nur ihre Abbilder: ein unermüdlich nach rechts rennender Digi-Sigi und ein ebenso unerschöpflich schimpfender Pixel-Fonze.

„Born digital“: Das Haus der Geschichte meldet sich

Neulich kam die Mail: „Sehr geehrter Herr Lorek, das Haus der Geschichte Baden-Württemberg sammelt seit seinen Anfängen Objekte zur Geschichte des deutschen Südwestens“, über 80 000 Stücke zur Landeshistorie seit 1789 seien zusammengekommen, darunter auch Plakate, Flyer und andere Werbematerialien, die von Landtagswahlkämpfen künden. 2021 fiel den Historikern ein sogenanntes „Born-Digital-Objekt“ auf, „wie wir sie in Zukunft gerne verstärkt sammeln wollen“: ein originär digitales Stück – das Jump-'n'-Run-Game Sigi GO!!

„Ich möchte Sie daher fragen“, hieß es weiter in der Mail, ob man das Spiel in die „digitale Sammlung übernehmen und damit auch langzeitarchivieren“ dürfe. Es handle sich um das zweite Born-Digital-Museumsobjekt nach dem „Virtuellen Parteitag der Grünen Baden-Württemberg“.

Oha, das wirft ja ein völlig neues Licht auf den Landtagswahlkampf 2021 – aus musealer Sicht scheint er ein historisches, weil von der digitalen Revolution zeugendes Ereignis gewesen zu sein, der grüne Online-Parteitag war jüngst gar eines der aufwühlenden Themen bei der Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes! Unter Journalisten hingegen galt das 21er-Wahlkämpfle bislang als historisch langweilig.

Tobias Schneider, Digi-Sigis Schöpfer

„Sigi GO!!“ ist ein Daddelspiel mit einem Politiker in der Hauptrolle, der unschwer erkennbar ist an den Trademarks, die auch den Real-Lorek definieren: schwarze Brille, weiße Schuhe. Der Held muss CDU-Stimmzettel einfangen, grünen Vögeln, gelben Bananenschalen, roten Baustellenkegeln und braunen Kothäufchen ausweichen, saust durch Fellbach und die Remstäler Weinberge, bis er schließlich in Waiblingen einem Pixel-Rumpelstilzchen begegnet: dem wutrasenden Alfonso Fazio. Der galt mal als örtliche Grünen-Legende, bevor er im Zorn aus der Partei austrat.

Auf diesem Spiel ruht ganz offensichtlich ein Segen: Programmiert hat es der Schwaikheimer Tobias Schneider, Pfarrer im evangelischen Bildungszentrum in Stuttgart-Birkach – er ist der Bruder von Michael, Pfarrer in Endersbach, und Sohn von Inge, vormals Präsidentin der evangelischen Landessynode.

Er habe „Sigi GO!!“ aus „einer Laune heraus“ im Urlaub während der Lockdown-Zeit um die Jahreswende 2020/21 gebastelt, erzählt Schneider. Der Charme des Spiels: Es handelt von der Zukunft, indem es die fortschreitende Digitalisierung der Politik versinnbildlicht – aber mindestens genauso, ach was, noch viel mehr handelt es von der Vergangenheit; von einer versunkenen Zeit. Dies ist ein Kleinod der Nostalgie.

Einst habe er „zur Konfirmation einen Computer gekriegt“ und „am nächsten Tag angefangen zu programmieren“, erinnert sich Schneider. Das war 1992. Von damals, als es noch keine Suchmaschine namens Google gab und als Daten nicht auf Sticks gespeichert wurden, sondern auf Lappen (sogenannte Floppy Discs), erzählt letztlich das Spiel „Sigi GO!!“

Pixlig mit viel schönem Pling-Plong: Stil und Sound der 90er Jahre

Seufz, werden Enddreißiger bis Mittvierziger beim Daddeln denken, genau so war unsere Jugend, von den immerfort emsig deppert Richtung Abgrund wuselnden „Lemmings“ bis zur ersten Inkarnation Super-Marios war alles genau so schön grobpixelig, und genau so hirnperforierend ploinkte, dengelte, funzte damals die Game-Hintergrundmusik (im Sigi-Fall handelt es sich übrigens um eine Acht-Bit-Nintendo-Version von „Preisend mit viel schönen Reden“, dem Württembergerlied, das die CDU immer beim politischen Aschermittwoch in Fellbach vollanalog tirilliert).

In der Tat, sagt Schneider, sein Werk stehe „in der Tradition der Spiele“ aus den frühen 90er Jahren. „Sigi GO!!“ ist gnadenlos retro, authentisch digitalsteinzeitlich, kurzum: ausgesprochen gut schlecht.

Es ist nicht Schneiders erster Coup dieser Art: Zur 500-Jahr-Feier der Reformation entwickelte er 2017 gemeinsam mit Schülern den „Pixel Luther“. Was jetzt noch fehlt, ist ein alle Konfessionsgrenzen überwindendes Ökumene-Projekt: Protestant Schneider könnte ein ähnlich wie Lorek aufs Wesentliche reduziertes Männchen – weißes Wallegewand, weißes Papstmützchen – programmieren, das unermüdlich Reformen hinterherjagt. Titel: „Franzi GO!!“

Der CDU-Landtagsabgeordnete Siegfried Lorek ist jetzt ein Fall fürs Museum, und mit ihm wird der Waiblinger Ex-Grüne Alfonso Fazio gleich mit ins Haus der Geschichte verfrachtet. Ins Depot eingelagert werden allerdings nicht die Originale, sondern nur ihre Abbilder: ein unermüdlich nach rechts rennender Digi-Sigi und ein ebenso unerschöpflich schimpfender Pixel-Fonze.

„Born digital“: Das Haus der Geschichte meldet sich

Neulich kam die Mail: „Sehr geehrter Herr Lorek, das Haus

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