Rems-Murr-Kreis

Drama am Fellbacher Schwabenlandtower: Wurden die Wanderfalken vergiftet?

Fellbacher Wanderfalke
Dieses Bild eines der Fellbacher Wanderfalken entstand im Mai 2018. Damals war noch alles gut. Jetzt sind mindestens zwei der Tiere tot. © Michael Eick/Nabu

Große Trauer bei den Fans der Wanderfalken vom Fellbacher Tower: Das Falkenweibchen Perenelle und eines ihrer Jungen sind tot, die anderen Tiere wurden schon so lange nicht mehr gesehen, dass die Nabu-Fachleute auch von deren Tod ausgehen. Bei den zwei aufgefundenen Vögeln wurde ein Insektizid festgestellt, das seit Jahren verboten ist. Wurden die streng unter Naturschutz stehenden Tiere vorsätzlich vergiftet?

Seit 2018 nistete das Wanderfalkenweibchen Perenelle auf dem Fellbacher Schwabenlandtower und zog Jahr für Jahr mit dem Partner die Jungen auf. Vogelfreunde beobachteten das Leben der Tiere über eine Webcam, für die Wanderfalken wurde eigens eine Internetseite eingerichtet. Und dann passierte das: Am 23. Juni 2021 beobachtete eine in der Nachbarschaft des Towers wohnende Frau, wie Perenelle im Flug von Krähen angegriffen wurde. Dass Krähen das wagen, ist äußerst ungewöhnlich und kommt nur vor, wenn der Falke bis ins Mark geschwächt ist. Denn sonst wäre eine solche Attacke für die Krähen lebensgefährlich. Dann fiel das Falkenweibchen geradezu vom Himmel und auf die Terrasse der Anwohnerin. Ein sofort hinzugerufener Fachmann vom Falkenteam des Fellbacher Nabu beobachtete noch, wie der Vogel die Fänge verkrampfte. Am Schnabel bildete sich Schaum. Innerhalb weniger Minuten starb das Tier.

Ein paar Tage danach, am 8. Juli 2021, wurde der Jungvogel am Fuß des Towers gefunden. Er lag allem Anschein nach schon einige Tage dort.

Strafanzeige wegen vorsätzlicher Tötung einer streng geschützten Vogelart

Michael Eick vom Fellbacher Nabu ist fest davon überzeugt: Die beiden Vögel wurden vorsätzlich vergiftet. Der Nabu hat Strafanzeige gegen unbekannt wegen vorsätzlicher Tötung einer streng geschützten Vogelart erstattet.

Doch ist das wirklich wahr? Beide Tiere wurden den Veterinärmedizinern des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Fellbach übergeben. Dort wurde festgestellt: Die Falken litten unter hochgradigem Parasitenbefall. Perenelle hatte Haarwürmer, Bandwürmer und Luftsackwürmer. Durch die Bandwürmer hatte sie einen Darmverschluss. Der Jungvogel war von Einzellern, Kokzidien genannt, befallen und hatte eine Blutvergiftung. Dr. Andreas Hänel, Fachtierarzt für Mikrobiologie, schreibt: „Diese Diagnosen sind als Todesursache bei weitem ausreichend und werden bei Greifvögeln öfters gestellt“.

Tatsächlich aber stellte die Toxikologie im Freiburger Institut des CVUA bei den beiden Falken Gift fest. Es handelt sich um Carbofuran, ein Insektizid, das seit Ende 2008 in der gesamten EU nicht mehr verwendet werden darf. Carbofuran sei „der am häufigsten in Giftködern oder getöteten Greifvögeln nachgewiesene Giftstoff“, heißt es in der Broschüre „Illegale Greifvogelverfolgung – Ein Leitfaden für Naturfreunde und Behörden“, herausgegeben vom Nabu, dem Landesbund für Vogelschutz und dem Komitee gegen den Vogelmord e.V. Das Vorwort hat Barbara Hendricks geschrieben, die ehemalige Bundesministerin für Umwelt und Naturschutz. Carbofuran, heißt es in der Broschüre, ist ein starkes Nervengift. Vergiftete Tiere sterben an einem akuten Herz-Kreislauf-Versagen. Und: Carbofuran ist der am häufigsten in Giftködern nachgewiesen Stoff.

Kann der Giftstoff wirklich zum Tod geführt haben?

Hänel jedoch erklärt: „Die nachgewiesene Menge Carbofuran ist ... zu gering, um als Todesursache in Betracht zu kommen“. Eine Einschätzung, die Michael Eick und seine Nabu-Kollegen sowie Spezialisten von der Arbeitsgemeinschaft Wanderfalkenschutz Baden-Württemberg AGW aufgrund der Gesamtsituation „verwunderlich“ finden. Die zur Einschätzung der Lage hinzugezogene Sondereinheit der Kantonspolizei Zürich, die „Sicherheitspolizei-Spezialabteilung Tier-/Umweltschutz“, die sich, so Michael Eick, in den letzten Jahren eine „große Expertise“ speziell bei Vergiftungen von Greifvögeln erworben habe, widerspricht den Fellbacher Überlegungen nicht. Und gibt zu bedenken: „Alleine die Verwendung von Carbofuran stellt in jedem Fall ein Vergehen dar, da dieser Wirkstoff in der EU seit Dezember 2008 verboten ist (letzte Aufbrauchfrist). Eine Strafuntersuchung ist somit unumgänglich“.

Michael Eick ist vom Vogelmord überzeugt. Denn: Am 20. August 2021 wurden, ebenfalls auf dem Fellbacher Tower, die Überreste einer toten Taube gefunden. Um sie herum lagen Reste anderer Beutetiere der Falken. Auch bei dieser Taube wurde das Insektizid Carbofuran nachgewiesen. Da Carbofuran in der Landwirtschaft seit 14 Jahren nicht mehr angewendet werden darf, sei, erklärt Eick, eine „zufällige“ Vergiftung „so gut wie ausgeschlossen“. Alle Nachweise dieser Substanz in der jüngeren Vergangenheit hätten im Zusammenhang mit illegalen Giftanschlägen auf Greifvögel gestanden. Die Taube muss ein für die Falken präparierter Ködervogel gewesen sein. Außerdem seien rund um Fellbach keine Berichte über andere vergiftete Vögel bekannt.

Achtung: Carbofuran ist auch für Menschen hochgiftig

Dass das CVUA nur noch ganz geringe Spuren des Giftes nachweisen konnte, ist für Eick logisch. Carbofuran hat eine sehr kurze Halbwertzeit. Im Boden beträgt sie acht bis 13 Tage. Und bis die Tiere auf Gift hin untersucht wurden, dauerte es eine ganze Zeit. Der toxikologischen Untersuchung gingen die Obduktion in Fellbach und der Transport nach Freiburg voraus.

„Für uns“, erklärt Michael Eick, „ist dieser Vorfall schockierend und rätselhaft“. Und Eick warnt: Carbofuran ist auch für Menschen höchst gefährlich. Der Nabu bittet um große Vorsicht: Wer tote Greifvögel finde, dürfe sie auf keinen Fall mit bloßen Händen anfassen. Besonderes Misstrauen müsse auch bei sich seltsam verhaltenden Tauben oder Hühnern oder anderem Geflügel mit Verletzungen oder unnatürlichen Gefiederverfärbungen gelten. Oder bei Funden von toten Tieren mit solchen Auffälligkeiten. Die Polizei sei in solchen Fällen der richtige Ansprechpartner.

Große Trauer bei den Fans der Wanderfalken vom Fellbacher Tower: Das Falkenweibchen Perenelle und eines ihrer Jungen sind tot, die anderen Tiere wurden schon so lange nicht mehr gesehen, dass die Nabu-Fachleute auch von deren Tod ausgehen. Bei den zwei aufgefundenen Vögeln wurde ein Insektizid festgestellt, das seit Jahren verboten ist. Wurden die streng unter Naturschutz stehenden Tiere vorsätzlich vergiftet?

Seit 2018 nistete das Wanderfalkenweibchen Perenelle auf dem Fellbacher

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