Rems-Murr-Kreis

Drohungen und Geld-Kuverts: Der Grüne Willi Halder, Winnenden, im etwas anderen Interview

Willi Halder
Willi Halder, der von 2011 bis 2021 für die Grünen im Landtag saß. © Gabriel Habermann

Herr Halder, wollte man Sie auch mal kaufen? Was sagen Sie zu Joachim Pfeiffer? Wie halten Sie als Ex-Kommunist es in der Katholischen Kirche aus? Finden Sie die Antifa auch manchmal voll daneben? Und sind Ihre Grünen nicht bloß noch ein Kanzlerinwahlverein?  Müsste man ihn echt mal fragen - er hört ja jetzt auf, das lockert die Zunge ... Also los: Ein Gespräch mit dem Winnender Willi Halder, 62, der sich aus der aktiven Politik zurückzieht.

Herr Halder, nach dem Bereicherungsskandal bei der CDU/CSU um Schutzmasken, nach Korruptionsvorwürfen um Aserbaidschan-Connections, nach dem für September angekündigten Bundestagsrücktritt von Joachim Pfeiffer, CDU, der wegen seiner vielen undurchschaubaren Beraterjobs in die Kritik geraten ist – wie viele lukrative Nebengeschäfte sind für einen Parlamentarier angemessen?

Im Prinzip gar keine.

Haben Sie sich daran gehalten?

Ich habe nach meinem Einzug in den Landtag 2011 die Buchhaltung für die Buchhandlung Halder weitergemacht, bis zu ihrem Verkauf. Weil es kein anderer machen wollte. Am Wochenende und abends. Und im Verwaltungsrat der Kreissparkasse habe ich achthundert Euro irgendwas gekriegt im Monat. Und das konnte man auf der Homepage der Landtagsfraktion auch sehen! Der Rest war alles ehrenamtlich.

Aber wenn jemand ein Bauunternehmen oder eine Anwaltskanzlei hat und ins Parlament gewählt wird, kann man doch nicht von ihm verlangen, dass er den Laden verkauft oder sein Lebenswerk pleitegehen lässt.

Nein! Dass man neben dem Mandat das weitermacht, was dem Erhalt der Firma dient, ist völlig in Ordnung. Du bist ja, wenn du gewählt wirst, plötzlich raus aus dem bisherigen Umfeld. Da musst du schauen, dass die Sache weiterläuft. Das ist selbstverständlich. Man kann von niemandem verlangen, das aufzugeben.

Aber?

Es ist auffällig, dass oft Leute, die vorher gar kein Wirtschaftsunternehmen gehabt haben, erst eines schaffen, wenn sie ins Parlament gewählt wurden. Leute, die eigentlich gar nicht aus der freiberuflichen Wirtschaft kommen, fangen plötzlich an, Firmen zu gründen und eine große Wirtschaftstätigkeit zu entfalten. Leute, die ohne Mandat gar nicht die Möglichkeit gehabt hätten, die großen Deals zu landen, werden plötzlich Berater.

So war es auch bei Joachim Pfeiffer. Derlei legt den Eindruck nahe, dass das Mandat nebst den Kontakten, die es bringt, als Sprungbrett genutzt und versilbert wird. Aber haben Sie eigentlich auch unmoralische Angebote bekommen als Landtagsabgeordneter?

Ich habe während der Coronakrise eine E-Mail gekriegt von einer wichtigen Persönlichkeit des öffentlichen Lebens: Er kenne da jemanden, der könne mir Masken vermitteln aus China ... Ich habe treu und brav beim Staatsministerium Bescheid gegeben: „Prüft das!“

Rhetorische Frage: Mit Aserbaidschan hatten Sie aber nie was zu tun?

Doch.

Wie bitte!?

Als kirchenpolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion stand ich mit der armenischen Gemeinde in Baden-Württemberg in engem Kontakt, es ging um die Frage der Anerkennung des Genozids an den Armeniern 1915 durch das Osmanische Reich. Mein Engagement wurde offenbar wahrgenommen – denn irgendwann habe ich Einladungen bekommen von Institutionen aus Aserbaidschan ... Aserbaidschan liegt im Clinch mit Armenien wegen des Streits um die Region Bergkarabach.

Wollten die einen Armenien-Versteher wie Sie umdrehen?

Da kamen Einladungen zu Musikfestivals. Zu Empfängen in Botschaften. Pompöse Einladungen. Ich bin nie hingegangen. Ich habe jetzt erst vor kurzem erfahren, dass man bei diesen Gelegenheiten die weißen Umschläge mit Geld verteilt hat.

Verpasst! Haben Sie sich nie bei Lobbyisten-Veranstaltungen durchgefuttert?

Ich war einmal bei den Buchhändlern – das Programm dauerte drei Stunden! (Lacht.) Und einmal war ich bei einem Termin der Rüstungsindustrie, weil dort der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe einen Vortrag hielt, der mich interessiert hat.

Sollte jemand, bevor er ins Parlament geht, beruflich eigentlich etwas anderes gemacht haben?

Das halte ich für eine ganz wichtige Sache. Ich wäre dafür, das vorzuschreiben: dass jemand nicht einfach von der Uni ins Parlament kann, sondern Berufserfahrung nachweisen muss, damit er Ahnung hat, um was es geht. Ich sehe, dass viele junge Leute nachrücken nach dem Motto: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Das ist der falsche Weg. Dass Leute Entscheidungen fällen, die eine gewisse Berufserfahrung haben, ist Sinn und Zweck des Parlaments.

Diese Mahnung muss jetzt aber auch an Ihre Grünen gehen – auch in Ihrer Partei gibt es solche Tendenzen.

So? Da fällt mir jetzt spontan niemand ein. (Grinst.)

Die Grünen mögen ja gute Ideen haben, aber organisatorisch sind sie ein vogelwilder Haufen – gegen die CDU hingegen kann man inhaltlich sagen, was man will, die wissen zumindest, wie Machtmanagement funktioniert: Das war mal die Regel. War. Im April 2016 aber zerfleischte sich die Landes-CDU – die Kretschmann-Grünen tüteten die Regierung ein. Und 2021: Söder intrigiert immer noch gegen Laschet, während Baerbock und Habeck das geräuschlos regeln. Verkehrte Welt! Wie konnte das passieren?

Wie es bei der CDU zu so einem radikalen Zerfall der Kultur kommen konnte, ist schwierig zu sagen. Bei den Grünen sind halt die Abläufe professioneller geworden. Vielleicht haben wir im Lauf der Jahre sogar von der CDU gelernt, wie man mit solchen Fragen umgehen muss. Die grüne Partei hat sich verändert. Früher hatten wir 8000, 9000 Mitglieder in Baden-Württemberg, jetzt sind es 15 000. Ich bin bei den Grünen quasi ein Auslaufmodell aus der Gründergeneration. Ich und meinesgleichen haben die grünen Ideen hochgehalten, als kein Mensch das wollte. Und jetzt sind wir halt die wichtigste Macht im Land – und bestimmt auch bald in Berlin. (Lacht.) Das war jetzt gut, oder?

Aber erkennen Sie Ihre Partei noch wieder? Früher galten Sie als Idealisten und spotteten über die Kohl-CDU, diesen inhaltsarmen Kanzler-Wahlverein. Heute sind die Grünen ein Ministerpräsidentenwahlverein, ein Kanzlerinwahlverein.

Ich sehe das schon auch skeptisch. Die vielen Leute, die bei uns jetzt Mitglied werden aus allen gesellschaftlichen Kreisen – ich weiß, dass einige sich einfach Karrierechancen ausrechnen. Manche von ihnen wären früher wohl bei anderen Parteien gelandet.

Womöglich auch bei der CDU.

Man hat das anfangs bei den Grünen ja nie aus Karrieregründen gemacht. Sondern, weil man gesellschaftlichen Wandel haben wollte. Ich hoffe, dieser Kern ist immer noch da: die Überzeugungstäter. Wir wollen ja die Gesellschaft verändern und nicht nur die Kanzlerin stellen.

Sie sind einst zu Enver Hoxha gepilgert, in die Sozialistische Volksrepublik Albanien: Sie waren in einer K-Gruppe! Einer kommunistischen Splittergruppe. Genau wie der heutige Landesvater Winfried Kretschmann.

Ja. Wobei er bei den Maoisten war, und bei mir waren es halt die Enveristen. Ich bin 1978 das erste Mal nach Albanien gekommen und habe das Land und die Menschen schätzen und lieben gelernt. Als Reiseleiter für Neckermann-Touristik habe ich tiefe Einblicke in das Land und das System bekommen. Das hat mich sehr schnell in die Realität zurückgeholt.

Maoisten, Enveristen. Allerfeinste Abstufungen ...

Es gab hunderttausend Abspaltungen. Allen war eins gemeinsam: das Sektierertum, dieses In-sich-abgeschlossen-Sein. Das war das grundlegende Problem. Ich habe etwas gelernt dabei, genau wie der Ministerpräsident: dass es nicht gut ist, wenn man nur auf seine Gruppe konzentriert ist, nur noch mit den gleichen Leuten zu tun hat, nur mit Gleichgesinnten. Man verbaut sich damit selber eine gewisse Offenheit. Diese Erfahrung hat dazu geführt, dass wir das hinter uns gelassen haben.

Wenn Ex-Maoisten bei den Grünen neu anfangen dürfen, müssten demnach nicht auch Ex-Neonazis bei der AfD oder gar der CDU akzeptabel sein?

Es gibt sicher Leute, die aus der rechten Szene kommen und jetzt das Grundgesetz zu schätzen wissen. Ihnen eine Chance zu geben, da spricht nichts dagegen.

Oha. Damit machen Sie sich nicht beliebt bei vielen Linken.

Mag sein. Aber ich sehe auch mit großem Unbehagen, wie in der linken Szene der derzeit laufende Prozess in Stuttgart glorifiziert wird.

Angeklagt sind Antifa-Leute, die ein Mitglied des Zentrums Automobil krankenhausreif verletzt haben sollen, einer rechten Gegengewerkschaft, in der sich Leute mit belegbarer Neonazi-Vorgeschichte tummeln. In ihrer Szene werden die Angeklagten als „politische Gefangene“ verklärt, die sich „konsequent antifaschistisch“ verhalten hätten.

Da ist einer fast zu Tode gekommen. Das war ein krimineller Überfall. Versuche, das zu verharmlosen, finde ich nicht okay. Gewalt ist keine Methode der politischen Auseinandersetzung. Es gibt keine gute Gewalt.

Auch dafür werden Sie keinen stürmischen Applaus von links ernten.

Lustigerweise bin ich zweimal in meinem Leben unter Polizeischutz gestanden – beides Mal wegen massiven Drohungen aus dem linken Spektrum! Zum Beispiel, als wir Grünen die Polizeireform mitgetragen haben, den Einsatz der Body-Cam. Das ist mein Schicksal (lacht): Ich bin immer bloß von den Linken bedroht worden.

Ganz bitter für einen Linken, der Sie ja nach wie vor sind. Es ist doch edler, von Rechten bedroht zu werden. Aber im Ernst: War das nicht aufwühlend?

Es gab Drohungen, die Polizei fuhr dann öfters auf Streife vorbei und hat in den Hauseingang geschaut, dass da kein Päckchen liegt. Damit kann ich umgehen.

Sie waren kaum volljährig, da sind Sie aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Mit über 50 traten sie wieder ein. Bereuen Sie das mittlerweile?

Ich habe den Schritt nie bereut. Es ist meine innere Überzeugung. Damit bin ich im Lot.

Aber Ihr Laden hat mit Massenaustritten zu kämpfen. In manchen Gegenden gibt es Wartelisten, weil die Austrittssachbearbeiter nicht mehr hinterherkommen.

Ich sehe das mit großer Gelassenheit. Das zeigt: Die Amtskirche muss sich verändern, weil sie sonst irgendwann nichts mehr hat außer ihrem Apparat. Die Amtskirche kann diese Krise nicht aussitzen. Die vielen offenen Fragen. Die Missbrauchsfälle. Den Umgang mit Frauen. Wenn die Kirchenmächtigen keine Antworten geben, werden sie irgendwann zwar mit ihrem großen Hirtenstab dasitzen, aber ohne Schäfchen. Aber ich gehöre ja nicht zur Kirchen-Obrigkeit. Ich bin nur ein Schaf unter Schafen.

Was für ein zitierfähiges Schlusswort! Ich danke fürs Gespräch.

Darf ich mich noch bei meinen Wählerinnen und Wählern und allen Bürgern für die zehn Jahre im Landtag bedanken?

Grüße ausrichten?! Seufz. Na gut, solange Sie nicht noch der Oma und den Nachbarn zuwinken. Legen Sie los.

Es war mir eine Ehre!

Herr Halder, wollte man Sie auch mal kaufen? Was sagen Sie zu Joachim Pfeiffer? Wie halten Sie als Ex-Kommunist es in der Katholischen Kirche aus? Finden Sie die Antifa auch manchmal voll daneben? Und sind Ihre Grünen nicht bloß noch ein Kanzlerinwahlverein?  Müsste man ihn echt mal fragen - er hört ja jetzt auf, das lockert die Zunge ... Also los: Ein Gespräch mit dem Winnender Willi Halder, 62, der sich aus der aktiven Politik zurückzieht.

Herr Halder, nach dem

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