Rems-Murr-Kreis

E-Fahrzeug per App: Die Waiblinger shareX AG und das Mobilitätsnetz der Zukunft

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Hier lang geht’s in die e-mobile Zukunft, in der man das Fahrzeug, sei es E-Roller, E-Bike oder E-Mini-Car, nicht mehr kauft, sondern mal eben kurz bucht: Markus Graf, Vorstand der Waiblinger Firma shareX. © Benjamin Büttner

Ja, sagt Markus Graf, stimmt: „Ist ‘ne Wette auf die Zukunft. Eine abgefahrene Geschichte.“ Graf ist Vorstand der Waiblinger shareX Mobility AG, und was er erzählt, klingt zunächst ein bisschen nach Science-Fiction. Dabei ist die Grundidee der Firma intuitiv eingängig und überhaupt nicht kompliziert: Es geht schlichtweg darum, wie wir künftig vernünftig von A nach B kommen.

Der Wahnsinn: Ganz normale Mobilitätsauswüchse

ShareX bietet eine „maßgeschneiderte E-Mobility-Lösung inklusive Fuhrpark, Abstellanlage und Ladeinfrastruktur, kombiniert mit modernster App-Technologie“. Halt, um Himmels willen! Was heißt das?

Um das shareX-Konzept zu verstehen, müssen wir etwas ausholen und uns mal wieder bewusstmachen, was wir eigentlich alle längst wissen, aber viel zu oft verdrängen: Unsere Mobilitätsgepflogenheiten sind hirnrissiger Wahnsinn wider jede wirtschaftliche und ökologische Vernunft.

Stellen wir uns einen Berufspendler vor: Mit seinem Auto fährt er morgens 20 Minuten zur Arbeit und abends zurück. Dazwischen ist der Wagen acht Stunden geparkt.

Nach Feierabend fährt der Mann zum Einkaufen und auf den Sportplatz; macht zehn Minuten hin, zehn zurück – und dazwischen weitere zwei Stunden Parkzeit.

Von der Phase 20 bis 7 Uhr aber schweigen wir. Oder müssen wir echt erwähnen, dass der Bolide da in der Garage gammelt?

24 Stunden hat der Tag; eine Stunde lang wurde das Auto bewegt. Ferner hat der Mann noch ein E-Bike – für die eine Tour am Wochenende. Falls das Wetter mittut.

„90 Prozent der Zeit steht mein Eigentum ungenutzt rum“, bilanziert Markus Graf. shareX hingegen will Mobilität zur Dienstleistung machen. Teilen statt haben. Nutzen statt besitzen ... Stopp! Immer noch zu kompliziert. Werden wir konkret.

Der Container: Blick in eine E-Mobilitätsstation

Da steht er stolz vor einem seiner Container – Markus Graf führt eine shareX-Station vor. „Mobil. Transportabel. Modular erweiterbar. Völlig autark“, via Solarstrom auf dem Dach. Mit „Pufferbatterien“, damit immer „absolut ausreichende Energie“ da ist, auch wenn die Sonne nicht scheint. Innen drin: E-Roller, E-Bike, ein elektromobiles Lastenfahrrad; ein Mini-E-Car, das 45 Sachen fährt, würde auch reinpassen.

So eine Station nennt sich „Hub“: Knotenpunkt. Sie könnte zum Beispiel am Schorndorfer Bahnhof stehen. Oder im Sommer vor dem Waiblinger Freibad. Oder auf einem Firmenparkplatz.

Wer eines der Fahrzeuge buchen will, öffnet eine App; sie zeigt an, ob der Roller aktuell frei, das E-Bike aufgeladen ist und welche Reichweite das Mini-Car hat.

Mit der Kreissparkasse ist Graf schon in Verhandlungen, sie will zwei solche Container aufstellen für ihre Beschäftigten, einen in Waiblingen, einen in Schorndorf.

Mehrfachnutzung: Ein paar Ideen für die Zukunft

Offenlegung: Eigner von shareX ist Ullrich Villinger, Geschäftsführer des Zeitungsverlags Waiblingen. Das ist kein reiner Zufall. Denn Zeitungsverlage müssen Tag für Tag eine logistische Mammutaufgabe bewältigen. Jeden Morgen fahren Sprinter die Zeitungspakete aus dem Druckhaus an Abladestellen, die Zustellung übernehmen Austrägerinnen und Austräger. Pro Jahr kommen so beim ZVW fast 750.000 Kilometer zusammen. Oder, wie es im Häschen-Buch „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab’?“ heißt: bis zum Mond und wieder zurück.

Die Kosten für die Zusteller aber steigen, die Abstände zwischen den Abonnenten-Briefkästen werden größer in Zeiten, da viele Leute statt der gedruckten die digitale Ausgabe oder das Internet-Angebot nutzen.

Stellen wir uns vor, der Zeitungsverlag baut eine Struktur aus Hubs auf. Sagen wir: 50 Stück, verstreut über das Verbreitungsgebiet. Lieferwagen bringen die Zeitungen dorthin, die Zusteller öffnen den Container per App, packen ihre Ladung aufs E-Lastenrad oder ins Mini-E-Car – und los.

So weit, so gut. Zwischen 4 und 6 Uhr morgens wären die Hubs ausgebucht und ausgelastet, genutzt pauschal und exklusiv vom Zustelldienst des ZVW. Den Rest des Tages aber könnten andere buchen. Seien es rasende Reporter, sei es ein Apotheken-Lieferservice. Oder man könnte die Zustellertätigkeit zum Vollzeitjob ausbauen ...

„Fünf verschiedene Transportdienstleister“ – von UPS über DHL, Hermes, DPD bis GLS – fahren an ein und demselben Tag in ein und dasselbe Dorf. Was, wenn sie die Pakete in den Hubs abladen würden, und die ZVW-Leute übernähmen als „Last-Mile-Logistiker“ e-mobil den letzten Kilometer? Das wäre viel umweltfreundlicher, die Fahrzeuge wären nun schon bis elf, zwölf Uhr ausgelastet, und es blieben immer noch viele Stunden für andere Nutzer.

Zeitungsverlage, sagt Graf, „sind die besten Logistiker: kennen die Kunden, kennen die Straßen, kennen die Bürgermeister, kennen die Unternehmen“. Wo wäre ein Hub nötig? Wer hat Lust auf eine Zusammenarbeit? „Hey, wir kennen unsere Stadt!“

Autofrei: Eine Perspektive für unsere Städte

Wie beschreiben wir Markus Graf? Am besten als stilistisches Gesamtkunstwerk: dunkelblaue Socken, himmelblauer Anzug, dunkelblaues Brillengestell, weißes Hemd, weiße Turnschuhe. Kurzum: wie wir uns schon immer einen Start-up-Dynamiker vorgestellt haben. Und er redet auch entsprechend schwungvoll.

„Ich glaube, spätestens in fünf Jahren werden unsere Innenstädte autofrei sein.“ Wumms. „Und ich rede da in der Tat nicht nur von Stuttgart.“ Wusch. „Irgendwann werden wie in die Innenstädte nicht mehr reinfahren können.“ Krabauz.

Große Worte. Aber Grafs Vision ist nicht so abgefahren, wie sie aufs erste Hören klingen mag. Früher war der 49-Jährige bei den Stadtwerken Waiblingen, jetzt kooperiert er bei shareX mit Mobilitäts-Vordenkern der Unis Sankt Gallen und Aachen – und die erzählen ihm, wohin die Reise geht ...

Helsinki will bis 2025 Autos komplett aus der Innenstadt verbannt haben. Oslo, Madrid, Kopenhagen, Barcelona: Viele sind auf einem ähnlichen Weg. Elektromobile Hubs könnten dabei eine Schlüsselrolle spielen, denn sie ermöglichen das Fortkommen von den Haltestellen des ÖPNV.

Zwei Faktoren, sagt Graf, beschleunigen den Trend weg von der radikal individualisierten Automobilität. Erstens: Der Sprit wird immer teurer. Zweitens: Corona hat beim Home-Office zu einem Innovationsschub sondergleichen geführt. Die Leute haben zwei Jahre lang zu Hause gearbeitet und gemerkt: Das geht. Das überkommene Modell – jede Kleinfamilie leistet sich mindestens ein, eher zwei Autos – wird dadurch noch fragwürdiger, als es sowieso schon ist.

Firmen könnten die Treiber des Umdenkens werden, glaubt Graf: Firmen sind natürliche Hubs, Knotenpunkte, wo Menschen morgens hin- und abends wegstreben; Firmen haben Parkplätze, wo ein E-Mobilitäts-Container leicht unterzubringen ist; Firmen könnten ihren Leuten sagen: „Hör zu, du kommst nur noch zweimal die Woche her und kriegst von uns das Fahrzeug, das du dafür brauchst.“

Das Netz: Eine Rems-Murr-Vision

Zurück auf Anfang: „Ist ‘ne Wette auf die Zukunft“, hat Markus Graf gesagt. Denn letztlich geht es bei all dem natürlich auch darum, „wie veränderungsbereit die Gesellschaft ist“. Können wir uns die Welt nur vorstellen, wie sie ist? Oder entwickeln wir ein Gespür für Möglichkeiten?

Den Verkehr in der Stadt einschränken. Parkplätze umwidmen. Radwege bauen. Autofreie Zonen schaffen ... Bei solchen Perspektiven warnt vielerorts der Einzelhandel: Das mindert den Umsatz! Wir sind doch sowieso schon unter Druck durchs Internet! Geschäftsschädigend! Am Ende sind die Innenstädte menschenleer!

Nur gibt es mittlerweile stapelweise Studien, die das glatte Gegenteil belegen. Nur zwei Beispiele: Madrid startete bereits 2019 ein Experiment mit autofreien Einkaufsstraßen – in der Gran Vía im Herzen der Stadt kletterten die Verkaufszahlen im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent. Toronto strich in der Bloor Street 136 Autoparkplätze und machte einen Radweg daraus – danach kamen mehr Shopper als vorher, auch Bars und Restaurants profitierten.

Eigentlich logisch: Flanieren und bummeln macht so einfach mehr Spaß. Erst recht, wenn ein gut ausgebauter ÖPNV die Hauptadern bedient, auf denen viele unterwegs sind; und individuell buchbare, e-mobile Anschlussangebote das gezielte Weiterkommen ermöglichen, bis haargenau zum angepeilten Ziel.

„Ganz viele Punkte in unseren Städten schaffen“, sagt Graf, „wo Menschen Mobilität nehmen, wenn sie sie brauchen“: Das ist die Vision. Der komplette Rems-Murr-Kreis überspannt von einem Netz aus Hubs ... Die Zukunft aber beginnt in der Gegenwart. Die erste Muster-Mobilitätsstation von shareX kommt ins Gewerbegebiet Ameisenbühl, direkt beim Zeitungsverlag.

Ja, sagt Markus Graf, stimmt: „Ist ‘ne Wette auf die Zukunft. Eine abgefahrene Geschichte.“ Graf ist Vorstand der Waiblinger shareX Mobility AG, und was er erzählt, klingt zunächst ein bisschen nach Science-Fiction. Dabei ist die Grundidee der Firma intuitiv eingängig und überhaupt nicht kompliziert: Es geht schlichtweg darum, wie wir künftig vernünftig von A nach B kommen.

Der Wahnsinn: Ganz normale Mobilitätsauswüchse

ShareX bietet eine „maßgeschneiderte E-Mobility-Lösung

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