Rems-Murr-Kreis

Ein kapitales Missverständnis: Armin Fischer, Fellbach, verlässt Die Linke

ArminFischer
Armin Fischer, vormals bei der Linken, jetzt bei der SPD. © Gaby Schneider

Der Fellbacher Armin Fischer war im Kreisvorstand der Linken. Jetzt ist er aus der Partei ausgetreten – wer ihn so erzählen hört, ahnt: Fischer und Die Linke, das war ein kapitaler Irrtum, ein riesengroßes Missverständnis; und zwar von beiden Seiten. Diese Geschichte ist aber auch symptomatisch über den Einzelfall hinaus: Sie erzählt vom ausgezehrten Zustand einer einst hoffnungvollen Partei.

Die Affäre begann voller Schwung und Schmackes: 2017 trat Fischer bei der Linken ein – 2019 war er schon im Führungsteam Rems-Murr.

Solche Blitzkarrieren sind meist ein Hinweis auf dünne Personaldecken. In diesem Fall ließ sich das Durchstarterphänomen aber auch wohlwollender erklären: als Indiz für einen entschlossenen - und überfälligen - Neuanfang.

Aufbruch: Armin Fischer, Reinhard Neudorfer und die Rems-Murr-Linke 2019

Bei der Vorstandswahl 2019 trat Reinhard Neudorfer, die graue Eminenz der Rems-Murr-Linken und seinerzeit bereits über 70, nicht mehr an. Er hatte sich zuvor schon öfter mal mehr oder weniger zurückgezogen, um dann doch immer wieder in die Bütt zu steigen, weil ohne ihn nicht viel ging.

Diesmal aber sah es besser aus: Sechs gleichberechtigte Genossinnen und Genossen wurden gewählt. Es roch nach Aufbruch.

Eine starke Vorstandsmannschaft: Annette Keles – sie sollte 2021 dann als Landtagskandidatin im Wahlkreis Backnang antreten; Sören Weber – erst Mitte 20, aber bald schon Bewerber für den Landtag im Wahlkreis Waiblingen; dazu Stephan Kober, Lisa Gronefeld, Claudia Kramer-Neudorfer.

Und, als Zuständiger für Kommunalpolitik, Ansprechpartner für den Ortsverein Unteres Remstal und Pressesprecher: Armin Fischer, Fellbach. Er habe sich anfangs „voll reingehängt“, sagt Fischer. Aber bald empfand er sich als „Fremdkörper in der Partei“.

Umstrittene Pressemitteilungen und politische Grundsatzfragen

Den Pressesprecher-Posten habe er übernommen, weil das sonst „keiner machen wollte“ – „Beleidigungen“ seien der Dank gewesen: Mal habe es geheißen, sein Entwurf für eine Pressemitteilung sei „peinlich“, mal habe die verbale „Umschmückung“, die Fischer einer Auflistung von Wahlkampfterminen verpasste, „kein Wohlgefallen erzeugt“ bei den anderen.

Er sei „linksliberal“, sagt Armin Fischer. Bei der Linken aber gebe es immer noch „Kommunisten“, die „von der Weltrevolution träumen“. Andere verstünden sich als „Bewegungslinke“, die den Schulterschluss mit außerparlamentarischen Strömungen suchten und selber gar nicht regieren wollten; „die braucht kein Mensch“.

Er habe auch kein „Marxismus-Seminar“ besucht; das „Kapital“ zu lesen wie „im Bibelkreis“, sei eine „große Herausforderung“. Sicher, „Kritik am Geldadel“ und der „Schere zwischen Arm und Reich“ übe auch er. Aber dauernd „Vermögensabgabe und Reichensteuer“ verlangen? Das könne man doch sowieso „nicht durchsetzen“.

Putins Krieg und eine naheliegende Frage an Armin Fischer

Und dann gehe es auch noch „laienhaft“ zu: Der Landesverband habe keinen Pressesprecher und arbeite nicht mit einer Werbe-Agentur zusammen. „Unprofessionell“, findet Fischer, „einfach dilettantisch“.

Den Rest gab ihm Putins Angriffskrieg. „In der Partei gibt es eigentlich nur Pazifisten. Ich bin auch eigentlich ein militanter Pazifist“, aber wegen der Ukraine habe er sich „eines anderen besonnen“. Die Linke kritisiere das 100-Milliarden-Sondervermögen für die Rüstung – Fischer hingegen findet mittlerweile: „Putin lässt sich vom Schweigekreis der Friedensinitiative Schorndorf nicht beeindrucken.“

Es war „alles too much irgendwie“. Armin Fischer beschloss, „zur SPD zu gehen“. Genauer: zurück zur SPD. Bei den Sozis war er nämlich früher schon mal gewesen, von 2000 bis 2014. Und „bei den Grünen war ich auch“: von 1990 bis 1996.

Uff. Durchatmen. Herr Fischer, mal eine Frage: Warum sind sie 2017 überhaupt eingetreten bei der Linken?

Er hält inne. Denkt nach. Sagt: „Es gab einen Grund.“ Und ergänzt nach erneutem Sinnieren: „Aber ich hab ihn gerade gar nicht auf dem Schirm.“ Schließlich, nach weiterem Grübeln: „wegen der prominenten Politiker. Sahra Wagenknecht.“ Wobei: Die kann er heute auch nicht mehr gut finden. (Kritik an Wagenknecht üben prominente Rems-Murr-Linke schon lange - hier ein Beispiel.)

Abbruch: Armin Fischer, Reinhard Neudorfer und die Rems-Murr-Linke 2022

Es war, der Schluss drängt sich auf nach diesem doch etwas verstörenden Gespräch, wirklich ein kapitaler Irrtum, als Armin Fischer sich der Linken anschloss; und es war wirklich ein monumentales Missverständnis, als die Rems-Murr-Linke ausgerechnet diesen Armin Fischer zu einem ihrer führenden Köpfe gewählt hat. Ein Einzelfall? Einfach mal dumm gelaufen für beide Seiten? Oder ein Symptom für die gnadenlose personelle Auszehrung der Linken hier bei uns? Denn wie muss es um die regionale Manpower dieser Truppe bestellt sein, wenn sie schnurstracks einen zum Pressesprecher macht, der sich offenbar gar nicht recht klargemacht hat, wofür diese Partei bekanntlich so ungefähr steht?

Das ist aus dem vor drei Jahren eingeleiteten Neuanfang bei der Linken Rems-Murr geworden – Fischer: ausgetreten; Landtagskandidatin Annette Keles: berufsbedingt nicht mehr aktiv hier bei uns; Landtagskandidat Sören Weber: abgetaucht; Stephan Kober: auch nicht mehr im Vorstand.

Übrig geblieben vom Aufbruch-Sextett: Lisa Groneberg und Claudia Kramer-Neudorfer. Dazu hat sich Wolfgang Helbig gesellt. Und, damit sie wenigstens zu viert sind im Vorstand: Reinhard Neudorfer. Mittlerweile ist er Mitte 70.

Armin Fischer aber will bei der SPD diesmal „möglichst lange“ bleiben. Ein Platz im Kreisvorstand? Fürs Erste „utopisch“. Ein Amt im Ortsverein Fellbach? Das könne er sich vorstellen. „Vielleicht Pressearbeit.“

Der Fellbacher Armin Fischer war im Kreisvorstand der Linken. Jetzt ist er aus der Partei ausgetreten – wer ihn so erzählen hört, ahnt: Fischer und Die Linke, das war ein kapitaler Irrtum, ein riesengroßes Missverständnis; und zwar von beiden Seiten. Diese Geschichte ist aber auch symptomatisch über den Einzelfall hinaus: Sie erzählt vom ausgezehrten Zustand einer einst hoffnungvollen Partei.

Die Affäre begann voller Schwung und Schmackes: 2017 trat Fischer bei der Linken ein – 2019

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