Rems-Murr-Kreis

Ein Terror-Freund im Polizeidienst - Prozess um die Gruppe S. von der Hummelgautsche Alfdorf: Der schillerndste Angeklagte

Prozess gegen «Gruppe S.»
Terrorprozess in Stuttgart-Stammheim, Blick in den Gerichtssaal. © dpa

Zu einer für die Sicherheitsbehörden hochnotpeinlichen Aussage könnte es nächste Woche, am 20. April, im Prozess um die Terrorgruppe von der Alfdorfer Hummelgautsche kommen: Einer der Angeklagten will aussagen – von Beruf ist er: Regierungsamtsinspektor bei der Polizei. Seinen Dienst konnte er dort tun, obwohl er seit Jahren mit rechtsextremen Tendenzen aufgefallen war und unter anderem die Reichskriegsflagge gehisst hatte.

Massaker in Moscheen: Die Ideen der Gruppe S.

Seit Montag läuft in Stammheim der Terrorprozess gegen zwölf Männer, die geplant haben sollen, Massaker unter muslimischen Gläubigen in Moscheen anzurichten. Das Gründungstreffen der sogenannten Gruppe S. fand im September 2019 auf einem Grillplatz bei Alfdorf statt. Anführer: Werner S., geboren in Schwäbisch Gmünd, wohnhaft zuletzt bei Augsburg.

Es wäre interessant zu erfahren, ob Werner S., Jahrgang 1966, seine rechtsextremistische Sozialisation in einem braunen Biotop irgendwo im Raum Gmünd/Alfdorf erfahren hat; denkbar ist es: Just, als er jung war, bildete sich genau in unserer Gegend eine rege Neonazi-Szene heraus, mit Bands wie den 1987 gegründeten Noien Werten und der 1990 aus der Taufe gehobenen Combo Triebtäter aus Mutlangen. Allerdings: Am Mittwoch, dem zweiten Verhandlungstag, hat Werner S. über seinen Anwalt ausrichten lassen, er werde vorerst weder zur Person noch zum Tatvorwurf Angaben machen. So wollen es auch die meisten anderen Angeklagten halten.

Reichskriegsflagge und Neonazi-Zeitungen: Der Fall Thorsten W.

Der 61-jährige Thorsten W. hingegen, der bis zu seiner Verhaftung im Februar 2020 als Verwaltungsbeamter beim Polizeipräsidium Hamm in Nordrhein-Westfalen arbeitete, sucht sein Heil offenbar in einer Aussage. Sie ist auf kommenden Dienstag, 20. April, angesetzt. Hitlers Geburtstag – das nennt sich wohl kalendarische Ironie.

Man schaudert, wie lange sich Thorsten W. weitgehend unbeanstandet, teilweise womöglich auch wohlwollend geduldet im Polizeidienst halten konnte. Unauffällig, was rechte Neigungen betrifft, war er nämlich über viele Jahre hinweg ganz und gar nicht. Mehrere Medien, unter anderem Spiegel, Tagesschau und westfälische Zeitungen, haben die bizarren Fakten zusammengetragen. Die folgende Skizze stützt sich auf ihre Recherchen.

Möglicherweise lässt sich Thorsten W.s Nähe zur extrem rechten Szene bis in die frühen 90er Jahre zurückverfolgen – spätestens 2018 aber sei nicht mehr zu übersehen gewesen, wie er tickte. Auf seinem Balkon habe er die Reichskriegsflagge und eine Pegida-Fahne gehisst, zur Arbeit sei er im Thor-Steinar-Pullover gekommen (die Marke ist in der Szene beliebt), in seinem Polizei-Büro habe er stapelweise rechte und rechtsextremistische Zeitungen gelagert, im Internet die rechtsextreme Identitäre Bewegung gelobt, auf Youtube Filmchen unterm Pseudonym Thor-Tjark gepostet (Thor ist ein nordischer Donnergott), und auf seinem Briefkasten habe der Hinweis geprangt: „Keine Lügenpresse einwerfen“.

Deutschland eine "linksradikale Stasi-Diktatur"? Niemand schritt ein

Angeblich sollen Vorgesetzte wegen all dem mal ein Gespräch mit ihm geführt haben – zu einem schriftlichen Eintrag in die Personalakte aber kam es offenbar nie. W. machte weiter: Noch am 2. Februar 2020, wenige Tage vor seiner Verhaftung als mutmaßliches Mitglied einer terroristischen, den Massenmord an Muslimen planenden Vereinigung, soll er auf Facebook die Bundesrepublik als „Drecksland“ und „linksradikale Stasi-Diktatur“ bezeichnet haben.

Herbert Reul (CDU), der nordrhein-westfälische Innenminister, hat mittlerweile immerhin das Offenkundige ausgesprochen: „Das geht so nicht. Es ist für mich einfach nicht nachvollziehbar, dass über sehr, sehr viele Jahre hinweg Anzeichen für die rechtsextreme Gesinnung eines Verwaltungsangestellten unserer Polizei vorhanden waren und diese auch den diversen Vorgesetzten und Kollegen bekannt waren. Trotzdem wurde nicht konsequent eingeschritten“. Nicht konsequent eingeschritten? Das ist dezent formuliert – mit mindestens zwei Kollegen des Polizeipräsidiums Hamm soll W. in einer intensiven Chat-Korrespondenz Nazi-Propaganda und rassistische Sprüche ausgetauscht haben. Grußformel: „Heil“.

Besonders verstörend: Thorsten W. hatte offenbar Zugriff auf polizeiliche Informationssysteme. So soll er ein vertrauliches Lagebild zum „Auswertungsschwerpunkt Reichsbürger“ abgegriffen und an seine private E-Mail-Adresse geleitet haben.

Zuletzt arbeitete er im Verkehrskommissariat – davor aber war Thorsten W. im Bereich „Waffenrechtliche Erlaubnisse“ tätig gewesen. Ein Rechtsextremist prüft, wer vertrauenswürdig ist, und stellt Waffenscheine aus? Beklemmend.

Versteckte Kamera: Badezimmer-Videos von der eigenen Tochter

Als die Gruppe S. aufflog und W. festgenommen wurde, durchsuchten die Ermittler seine Wohnung und sein Handy. Sie fanden neben 170 Gramm Marihuana und 17 Joints (die den Spiegel zur Überschrift „Bekiffter Krieger“ inspirierten) auch äußerst schräge Videos: Thorsten W. hatte seine Frau und seine Tochter heimlich im Badezimmer gefilmt; mit einer in einem Radiowecker versteckten Kamera.

Zu einer für die Sicherheitsbehörden hochnotpeinlichen Aussage könnte es nächste Woche, am 20. April, im Prozess um die Terrorgruppe von der Alfdorfer Hummelgautsche kommen: Einer der Angeklagten will aussagen – von Beruf ist er: Regierungsamtsinspektor bei der Polizei. Seinen Dienst konnte er dort tun, obwohl er seit Jahren mit rechtsextremen Tendenzen aufgefallen war und unter anderem die Reichskriegsflagge gehisst hatte.

Massaker in Moscheen: Die Ideen der Gruppe S.

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