Rems-Murr-Kreis

Einsichten eines Jägers und Landschaftsökologen über die Jagd und den Klimawandel

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Die beschleunigten Verfahren bei der Erschließung regenerativer Energien sieht der Landschaftsökologe und Jäger Rene Greiner mit Sorge. © Jung

„Die Probleme, die wir heute im Wald sehen, sind zum absolut größten Teil dem Klimawandel geschuldet“, sagt Rene Greiner, Leiter des Bereichs Landschaftsökologie beim Landesjagdverband. Die Erderhitzung wird auch für die Jagd zur Herausforderung.

Greiner ist aktiver Jäger und betreut ein 500 Hektar großes Revier westlich von Murrhardt. Auch Offenland gehört dazu. Rehe und Hirsche knabbern die jungen Bäume an. Das gefährdet die natürliche oder die von Menschen gesteuerte Verjüngung des Waldes. Das ist nichts Neues, spielt aber in einem vom Klimawandel gestressten Wald eine besonders große Rolle. Auch im Revier von Rene Greiner sind die kleinen Eichensetzlinge mit einem Kunststoffschutz versehen. „Die Rehe biegen die Bäumchen manchmal um, um hinter die Ummantelung zu kommen“, sagt Greiner und fügt hinzu: „Dumm sind die ja auch nicht.“

Die Fichtenmonokulturen werden zunehmend von artenreichem Mischwald ersetzt. Hier gibt es mehr Versteckmöglichkeiten für das Wild, was eine Jagd erschwert. Greiner sieht das trotzdem positiv, er deutet auf einen Mischwald, der direkt gegenüber einer Fichtenschonung liegt. „Das sieht einfach schöner aus.“ Und es sei gut für die Klimaresilienz. So nennt man es, wenn die Natur sich gut auf den Klimawandel einstellen kann. „Der Waldumbau nur mit der Büchse greift zu kurz“, sagt Greiner. Bannwald, also Bereiche im Wald, die nicht von Menschen gestaltet werden, seien ein wichtiger Bestandteil eines gesunden Waldes. Er bietet Rückzugsmöglichkeiten für gefährdete Arten. „Die Mischung macht es“, sagt er. In der Hörschbachschlucht gibt es einen solchen Bannwald, dort wird nicht gejagt.

Schon mit 14 Jahren wuchs in Rene Greiner der Wunsch, Jäger zu werden. Während seines Zivildienstes im Naturschutz machte er dann den Jagdschein, auch „Grünes Abitur“ genannt. Das ist jetzt elf Jahre her. Anschließend studierte er Naturschutz und Landschaftsökologie in Nürtingen. „Meine Fachkompetenz ist der Feldhase“, sagt er und schmunzelt, weil das schon ein wenig lustig klingt. Er spricht von dem Respekt gegenüber dem Tier, aber auch von dem hochwertigen Fleisch, dem Ertrag für den Jäger. „Ich selbst entscheide in einem Moment über Leben und Tod eines Tieres“, sagt er, und diese Entscheidung sei nicht leichtfertig.

Ein anderer, nicht materieller Ertrag der Jagd ist die Beziehung zur Natur. Ein Jäger muss sich ganz auf sie einlassen, alle Sinne sind während der Jagd geschärft. „Ich erinnere mich, wie ich in den ersten Jahren als Jäger in einem Hochsitz saß und das Knabbern einer Wespe unglaublich laut hörte.“ Immer wieder betont er die Freiheit, in der die Tiere leben, bevor sie schnell und möglichst schmerzlos sterben. Wichtig sind Greiner Ruhezonen für das Wild. Es müsse gewährleistet sein, dass es auch Tiere gibt, die bis ins hohe Alter überleben. Eine sensible Jagd nimmt Rücksicht auf ökologische Zusammenhänge. Wenn Rehwild zum Beispiel im Januar bejagt wird, dann seien die überlebenden Tiere oft so geschwächt und gestresst, „die beißen alles weg“. Es komme darauf an, das tragfähige Maß an Wild immer wieder neu zu bestimmen.

Die Jagd befindet sich in einem komplexen Kräftefeld. Da sind die Forstwirtschaft, die Landwirtschaft, der Naturschutz, die Eigeninteressen der Jäger und jetzt auch der Klimawandel. Da geht es um sehr viel mehr als nur um das Abknallen von Wildtieren. Das seit 2015 in Baden-Württemberg bestehende Jagd- und Wildtiermanagementgesetz setzt auf die Vermittlung zwischen den einzelnen Interessensgruppen. Das hat nach Rene Greiner zu einer Versachlichung der Diskussion beigetragen. Der Landesjagdverband versteht sich nicht nur als Interessenvertretung der Jäger, sondern auch als Naturschutzverband - mit besonderem Fokus auf die Lebensräume der Arten. Insbesondere mit dem Nabu gibt es eine bewährte Zusammenarbeit.

Die beschleunigten Verfahren bei der Erschließung regenerativer Energien sieht Greiner mit Sorge. „Mit jedem Eingriff versiegeln wir Boden und beeinträchtigen Arten“, sagt er, „und während ein Windrad gebaut wird, ist an Jagd gar nicht mehr zu denken.“ Er stellt die Notwendigkeit eines schnellen Ausbaus von Windenergie und Solarparks nicht infrage, fordert aber Ausgleichsflächen vor Ort und die Berücksichtigung der Artenvielfalt und der Vernetzung der Biotope.

Die dichte Besiedlung erschwere es vielen Tieren, zwischen den Naturräumen zu wandern. Aus diesem Grund wurde der Generalwildwegeplan entwickelt. Es handelt sich um Korridore zwischen den naturnahen Gebieten. Greiner ist es wichtig, sicherzustellen, dass der Energieumbau diese wichtigen Verbindungswege nicht beeinträchtigt.

Während des Gesprächs mit Greiner wird Vroni, sein Hund, immer unruhiger. Er leidet sichtlich darunter, dass der Mann von der Zeitung hier alles aufhält. Mit voller Konzentration nimmt er mit seiner ständig schnüffelnden Nase Fährten auf. Die Jagdlust ist ihm anzusehen. Natur bei der Arbeit.

„Die Probleme, die wir heute im Wald sehen, sind zum absolut größten Teil dem Klimawandel geschuldet“, sagt Rene Greiner, Leiter des Bereichs Landschaftsökologie beim Landesjagdverband. Die Erderhitzung wird auch für die Jagd zur Herausforderung.

Greiner ist aktiver Jäger und betreut ein 500 Hektar großes Revier westlich von Murrhardt. Auch Offenland gehört dazu. Rehe und Hirsche knabbern die jungen Bäume an. Das gefährdet die natürliche oder die von Menschen gesteuerte Verjüngung des

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