Rems-Murr-Kreis

Es gibt einfach zu wenig Lehrer

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Sabine Hagenmüller-Gehring würde ihren Rektoren gerne helfen, findet aber auch fürs kommende Schuljahr nicht genügend Lehrerinnen und Lehrer. © ZVW/Benjamin Büttner

Backnang. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft GEW verlangt fünf Prozent mehr Lehrer als Vertretungsreserve. Und das sofort. Sabine Hagenmüller-Gehring, Backnanger Schulamtsdirektorin, würde ja gerne, doch sie kann niemanden finden. Obwohl sie sogar über die Agentur für Arbeit sucht.

Einen „Ausbau der Vertretungsreserve“ fordert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft als „Sofortmaßnahme“. 5700 Lehrerinnen und Lehrer haben baden-württembergweit bei einer Umfrage der Gewerkschaft mitgemacht. Das Fazit: Es herrsche „große Unzufriedenheit der pädagogischen Profis mit der Bildungspolitik von Grünen und CDU“. Vor allem über Zeitmangel, die kaum zu bewältigende Leistungsbandbreite der Schüler und Disziplin- und Verhaltensprobleme klagen die Pädagogen. „Im September 2018 haben 2000 Gymnasiallehrkräfte keine Stelle bekommen“, schreibt Roland Theophil von der GEW Rems-Murr. Daher solle die Vertretungsreserve an dieser Schulart „sofort ausgebaut werden“.

Es sieht katastrophal aus

Bei der letzten Erhebung zum Unterrichtsausfall des Kultusministeriums wurde festgehalten: An den Gymnasien im Rems-Murr-Kreis fällt inzwischen eine von zwölf Schulstunden aus. Für die Gymnasien ist das Kultusministerium in Stuttgart verantwortlich. Für die Grundschulen, Hauptschulen, Werkreal- und Realschulen sowie die Gemeinschaftsschulen ist das Schulamt in Backnang zuständig. Die Leitende Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring kann sich im Hinblick auf die Grundschulen noch entspannen – die Ausfallquote hier ist marginal.

Doch bei allen anderen Schularten sieht es katastrophal aus. Hagenmüller-Gehring und ihre Rektorinnen und Rektoren stellen sich seit mehreren Schuljahren quasi auf den Kopf, um das Problem halbwegs in den Griff zu bekommen. Doch es wird nicht besser. Ja, es wird wohl, so hat Sabine Hagenmüller-Gehring jetzt öffentlich gemacht, auch im nächsten Schuljahr gerade so weitergehen wie bisher.

Es gebe, schreibt Sabine Hagenmüller-Gehring, „auf dem Arbeitsmarkt keine arbeitslosen Lehrkräfte, die sich für den Schuldienst entscheiden würden“. Zumindest habe sich niemand auf einer Einstellungsliste beworben oder auf einer Vertretungsliste registrieren lassen.

Das Schulamt Backnang ging lange Zeit davon aus, dass es arbeitslose Lehrkräfte gebe. Und so wurde auf der Homepage ein Aufruf geschaltet, sogar bei der Agentur für Arbeit wurden offene Stellen gemeldet.

Von 60 ausgeschriebenen Stellen konnten nur 40 besetzt werden

Sabine Hagenmüller-Gehring wird ganz deutlich: Um den Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern in den Grundschulen, Gemeinschaftsschulen und Werkrealschulen im nächsten Schuljahr decken zu können, hat das Schulamt Backnang insgesamt 60 Stellen ausgeschrieben. „Davon konnten nur 40 besetzt werden.“ Es gab nicht genügend Bewerber. In der Folge wurden nochmals 33 Stellen ausgeschrieben. Für etwa die Hälfte fand sich dann ein Kandidat.

Sabine Hagenmüller-Gehring sieht die Chancen schwinden, ihren Schulen doch noch die benötigten Lehrer beschaffen zu können. Mögliche Kandidaten binden sich mit jeder Woche, die verstreicht, irgendwo anderweitig auf dem Arbeitsmarkt.

„In den letzten Jahren wurden zu wenig Lehrkräfte ausgebildet“

Schon vor ein paar Jahren ist man beim Schulamt dazu übergegangen, auch Lehrerinnen und Lehrer einzustellen, die nur das erste Staatsexamen gemacht haben. Das heißt: Sie haben ihre Ausbildung nicht vollständig abgeschlossen. Sie haben – aus welchen Gründen auch immer – kein Referendariat gemacht und werden als „Nichterfüller“ bezeichnet. „Einige von ihnen haben wirklich gute Arbeit geleistet“, schreibt Sabine Hagenmüller-Gehring. Andere aber haben die an sie gestellten Anforderungen tatsächlich nicht erfüllt und mussten wieder gehen.

Die Qualität der schulischen Arbeit nämlich will Hagenmüller-Gehring bei allem Lehrermangel nicht aus den Augen verlieren. Alle einzustellen, die „irgendwie möglich sind“, und gleichzeitig über Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung zu sprechen, brächte das Ganze „in eine Schieflage“. Sie sagt ganz klar: „Tatsächlich“ wurden „in den letzten Jahren zu wenig Lehrkräfte ausgebildet“.


Arbeitsbedingungen nicht optimal

Für hier studierte, angehende Lehrerinnen und Lehrer gibt es diverse Gründe, nicht in Baden-Württemberg in den Schuldienst einzutreten. Beispielsweise gibt es bezüglich des Gehalts und auch der abzuarbeitenden Stunden etwa in der Schweiz, aber auch in anderen Bundesländern, deutlich bessere Bedingungen.

Außerdem werden Lehrer, die als Krankheitsvertreter eingestellt werden, regelmäßig vor den Sommerferien wieder entlassen und erst nach den großen Ferien wieder eingestellt. Das heißt, diese Lehrer müssen sich jedes Jahr aufs Neue arbeitslos melden. Das ist weder attraktiv noch der geleisteten Arbeit dieser Lehrerinnen und Lehrer angemessen.

An diesen Bedingungen kann das Schulamt aber nichts ändern. Das Schulamt kann nur suchen und einstellen.

Es würde, schreibt Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring, „tatsächlich politisches Handeln erforderlich machen, um diese Bedingungen zu verändern“.