Rems-Murr-Kreis

Es ist noch ein langer und mühevoller (Rad-)Weg zu fahrradfreundlichen Städten und Gemeinden im Rems-Murr-Kreis

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ADFC-Aktion „Mehr Platz fürs Rad!“ in Waiblingen. Mit „Pool-Nudeln“ machten Radfahrer deutlich, in welchem Abstand Autos Radfahrer überholen müssen. © Ralph Steinemann Pressefoto

Weshalb fahren nicht mehr Menschen im Alltag Rad? Sind’s die Hügel? Ist’s das Wetter oder die eigene Bequemlichkeit? Nein, sagt Andreas Schwager. Es ist die Angst. Es ist die aus seiner Sicht durchaus berechtigte Sorge, beim Fahrradfahren von einem Auto oder Lastwagen überrollt zu werden. Andreas Schwager, Vorstandsmitglied der ADFC Rems-Murr, fordert deshalb zuallererst sichere Wege für Radfahrer.

„Mobilitätswende gestalten – Fahrradfreundliche Landkreise und Kommunen“ war am Donnerstagabend eine Online-Konferenz überschrieben, die der Allgemeine Fahrradclub Deutschland (ADFC) und die Allianz Mobilitätswende für Baden-Württemberg veranstaltet haben. Die Stadt Fellbach ist eines der Gründungsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft Fahrradfreundliche Kommune, der inzwischen 80 Städte, Gemeinden und Kreise im Land angehören. Der Abschied von der autogerechten Stadt fällt schwer – und wird nicht so einfach werden, weiß Baubürgermeisterin Beatrice Soltys. Sie kennt die Debatten im Gemeinderat, selbst wenn es nur um zwei Dutzend Parkplätze geht, die zugunsten von Fußgängern und Radfahrern verschwinden sollen. Immerhin, sagt Soltys anerkennend über den Paradigmenwechsel, sind diese Diskussionen über alle Fraktionen hinweg heute möglich und kein Tabu mehr.

Fellbach will fahrradfreundliche Kommune werden

In Fellbach wird der Umstieg aufs Rad nicht dem Zufall überlassen. Im Rathaus gibt es eine eigene Stabsstelle und in der Radstrategie 2020-2030 ist aufgelistet, was alles zu tun ist: vernetzte Radwege, Radstationen und, und, und ... Zu einem Wahrzeichen für die Radlerstadt Fellbach könnte das vollautomatische Fahrradparkhaus am Bahnhof werden. Mangels Platz türmt sich das Parkhaus auf kleiner Grundfläche stolze 16 Meter in die Höhe. Die paternosterartige Konstruktion beherbergt 76 Räder.

Es gibt nicht d e n Weg zu einer fahrradfreundlichen Kommunen oder einem Landkreis. Es müssen viele Wege eingeschlagen und die richtigen Weichen gestellt werden. Landrat Richard Sigel nennt drei Bausteine: attraktive Angebote, Bürgerbeteiligung und Verhältnismäßigkeit. Der Rems-Murr-Kreis hat eine Reihe von Angeboten geschaffen, die den Umstieg aufs Rad erleichtern. Er nennt als Beispiel die Huckepack-Busse („Fahrrad2Go“), mit denen Radfahrer die Hügel zwischen Winnenden und Remshalden (Linie 333), Berglen und Winterbach beziehungsweise Schorndorf (244 und 245) sowie Backnang und Rudersberg (393) ohne Schweiß überwinden können.

Mehr Sicherheit für Kinder und ältere Pedelecfahrer

Als einen wichtigen Punkt nennt Sigel jedoch auch die Sicherheit beim Radfahren. Die Unfallzahlen steigen, vor allem Pedelecfahrer verunglücken immer häufiger. Der Kreis nimmt am Modellprojekt „Sicher E-Biken“ teil, das sich speziell an das Klientel der älteren Pedelec-Umsteiger richtet. Sigel hat sich selbst zum Radspaß-Trainer ausbilden lassen. Coronabedingt ausgefallen sind in diesem Jahr die Fahrradkurse der „Radhelden“, bedauert Sigel. Die Aktion des Württembergischen Radsportverbandes wendet sich an Kinder und Jugendliche. Auf den kniffligen Parcours wird deren Motorik verbessert, was Kindern nicht nur Spaß macht, sondern ihnen im Alltag mehr Sicherheit auf zwei Rädern bringt.

Im Rems-Murr-Kreis sind zwei Radschnellwege in der Mache – Fellbach-Schorndorf und Waiblingen-Ludwigsburg. Darüber hinaus soll ein Radwegenetz entstehen, das dem täglichen Pendler schnelle und sichere Verbindungen von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort ermöglicht. Zuständig im Landratsamt ist dafür eine eigene Radwegekoordinatorin. Karen Fischer plant nicht nur die Radwege, für die der Landkreis selbst zuständig ist, sondern unterstützt auch die Städte und Gemeinden bei ihren Bemühungen, den Radverkehr zu fördern.

Ausgerichtet hat die Konferenz „Mobilitätswende gestalten – Fahrradfreundliche Landkreise und Kommunen“ die Allianz Mobilitätswende für Baden-Württemberg, ein Zusammenschluss umwelt- und verkehrspolitischer Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, kirchlichen Institutionen und vielen Einzelpersonen. Das Ziel der Allianz ist, bis 2035 die Kurve in Richtung Klimaneutralität zu bekommen. Dafür müsse die Mobilitätskultur jetzt schnell geändert werden, erläuterte deren Sprecher Romeo Edel, der Wirtschafts- und Sozialpartner der Evangelischen Landeskirche. Das Motto mit Blick auf die Landtagswahl im März 2021 lautet: „Eine Milliarde Euro für Baden-Württemberg.“ Eine Milliarde Euro, mit denen Busse und Bahnen, der Rad- und Fußverkehr vorangebracht wird, der Wirtschaftsstandort gesichert und weiter gute Arbeit ermöglicht werden soll.

Als Forderungen nannte Romeo Edel unter anderem, den Kfz-Verkehr bis 2035 zu halbieren und im Gegenzug den Personennahverkehr zu verbessern und mehr Fuß- und Radwege zu schaffen.

40 kleine Fahrrad-Werkstätten zwischen Rems und Murr

Wie mühsam es im Alltag ist, die Verantwortlichen vom Rad zu überzeugen und Verbesserungen der Radinfrastruktur auf den Weg zu bringen, weiß Andreas Schwager vom ADFC Rems-Murr aus eigener Erfahrung. Die Radlerlobby ist mit ihren über 1000 Mitgliedern vielfältig unterwegs. Als Pluspunkte verbucht er die 40 Fahrradreparaturstationen zwischen Rems und Murr, an denen Radfahrer kleine Reparaturen machen oder nur ihre Reifen aufpumpen können. „Wir sind der erfolgreichste Kreis im Land.“ Wo sich die Stationen befinden, lässt sich bei einer Panne unterwegs im Internet nachschauen (www.adfc-bw.de/rems-murr).

Weniger erfolgreich waren die Bemühungen, die Radinfrastruktur insgesamt zu verbessern. Die ADFC-Forderung für eine Verkehrswende heißt schlicht: „Mehr Platz fürs Rad!“ Das führe zwangsläufig zu einem Verteilungskampf zwischen Auto- und Radfahrern, weiß Andreas Schwager, denn den Platz gibt es eben nur ein einziges Mal. Während in den Niederlanden und in Dänemark schon in den 70er Jahren begonnen wurde, dem Rad- Vorrang vor dem Autoverkehr zu geben, stehe Deutschland noch am Anfang. Umso wichtiger sei, „mit dem Umdenken zu beginnen“. Und zwar jetzt.

Weshalb fahren nicht mehr Menschen im Alltag Rad? Sind’s die Hügel? Ist’s das Wetter oder die eigene Bequemlichkeit? Nein, sagt Andreas Schwager. Es ist die Angst. Es ist die aus seiner Sicht durchaus berechtigte Sorge, beim Fahrradfahren von einem Auto oder Lastwagen überrollt zu werden. Andreas Schwager, Vorstandsmitglied der ADFC Rems-Murr, fordert deshalb zuallererst sichere Wege für Radfahrer.

„Mobilitätswende gestalten – Fahrradfreundliche Landkreise und Kommunen“ war am

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