Rems-Murr-Kreis

Finden sich in unserem Trinkwasser Spuren der gefährlichen PFC-Chemikalien?

Hitze
Unser Trinkwasser ist PFC-frei. © ALEXANDRA PALMIZI

PFC ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien. An PFC führt kein Weg vorbei. Wir Menschen sind ständig mit ihnen in Kontakt. PFC sind nämlich ausgesprochen praktisch. Sie finden sich in unserer wasser- und schmutzabweisenden Outdoor- oder Arbeitskleidung, sie stecken in Imprägniermitteln drin,  in Pappbechern oder in der Beschichtung einer Teflonpfanne. In unserem Körper haben die extrem langsam abbaubaren PFC jedoch nichts verloren. In Tierversuchen erwies sich die Chemikalie als leberschädigend und vermutlich krebserregend.

Auf Antrag der SPD-Kreistagsfraktion legte Simon Kistner, Leiter des Amts für Umweltschutz beim Landratsamt des Rems-Murr-Kreises, einen Bericht vor, wie es um die PFC-Belastungen im Kreis steht. Kistner signalisierte im Umwelt- und Verkehrsausschuss Entwarnung. Die Chemikalien stellten keine Gefahr dar. Schon gar nicht, wenn jemand PFC-haltige Kleidung am Leib trage. Der Mensch nehme die Chemikalien nur übers Trinkwasser oder über Lebensmittel auf. Und keine der 220 untersuchten Trinkwasserquellen erwies sich als problematisch. Doch hatte Kistner für die Kreisräte gleichwohl einen Rat parat, mit der sie die Umwelt schonen könnten, ohne auf die modischen Outdoor-Klamotten verzichten zu müssen: „Tragen Sie Ihre Funktionskleidung so lange wie möglich; waschen Sie sie so selten wie möglich; und wenn Sie sie imprägnieren, benutzen Sie ein PFC-freies Imprägniermittel.“

Überhaupt nichts zu suchen hat PFC im Trinkwasser. Und es fanden sich tatsächlich nur geringe Spuren der PFC-Chemikalien in den rund 220 Messstellen des Trinkwassers zwischen Rems und Murr. Nirgends sei der Schwellenwert für PFC überschritten worden. Wohl aber im Abwasser. Bei vier Betrieben wurden per- und polyfluorierte Chemikalien dort gefunden. Allerdings auch dort in einem erträglichen Maße.

PFC im Löschschaum der Feuerwehr

Das Amt für Umweltschutz lässt aktuell ein Gutachten für alle Betriebsgelände im Rems-Murr-Kreis erarbeiten, auf denen Unternehmen zwischen den Jahren 2015 und 2018 ihren Betrieb aufgegeben haben. Mit einbezogen in die gutachterliche Betrachtung dieser Altlasten werden auch Brandereignisse, bei denen PFC-haltige Löschschäume verwendet wurden. „Nach derzeitigem Kenntnisstand gibt es keine Anhaltspunkte für einen größeren Schadstoffeintrag“, heißt es in der Sitzungsvorlage für die Kreisräte.

Anlass für die großräumige Untersuchung im Rems-Murr-Kreis war ein Fall in Rastatt im Jahr 2012. Die Stadtwerke Rastatt stellten zufällig erhöhte PFC-Werte im Trinkwasser fest. Daraufhin veranlasste weitere Proben ergaben Verunreinigungen in Wasser, Boden und Lebensmitteln. Als Sofortmaßnahme wurden ein Wasserwerk und drei Tiefbrunnen stillgelegt. Für die erhöhten Werte war offenbar ein Komposthändler aus Baden-Baden verantwortlich, der zwischen den Jahren 1998 und 2008 Abfälle aus der Papierindustrie mit Kompost vermischte und sie Landwirten im Raum Baden-Baden, Rastatt und Mannheim kostenfrei als Dünger anbot. Seitdem intensivierte die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) im Auftrag der Landesregierung ihre Untersuchungen des Grundwassers, der Böden und der Gewässer im Hinblick auf PFC.

Per- und polyfluorierte Chemikalien werden seit über 50 Jahren in zahlreichen Industriezweigen eingesetzt. Durch sie bekommen unter anderem Pfannen, Regenjacken oder Teppiche ihre wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften. Und PFC ist beziehungsweise war in der Vergangenheit auch in Löschschäumen der Feuerwehren enthalten.

Die meisten Fluorverbindungen sind nicht oder nur extrem langsam abbaubar. PFC mit langen Fluorcarbonketten können sich daher im Körper von Mensch und Tier anreichern und hier leberschädigend und krebserregend wirken. Zudem kann zu viel PFC im Blut die Wirkung von Impfungen vermindern oder die Cholesterinwerte erhöhen, heißt es in der Sitzungsvorlage des Kreistages. PFC wird jedoch nicht über Hautkontakt, zum Beispiel durch Tragen einer Regenjacke, sondern über Lebensmittel und Trinkwasser aufgenommen.

EU: „Besonders besorgniserregend“

Einige Fluorverbindungen wie Perfluoroctansäure (PFOA) hat die Europäische Union (EU) bereits als „besonders besorgniserregend“ eingestuft. Seit dem 4. Juli 2020 dürfen sie daher bis auf wenige Ausnahmen in der EU nicht mehr hergestellt oder in den Verkehr gebracht werden.

Das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg hat zuletzt im August 2018 sogenannte Geringfügigkeitsschwellenwerte für bestimmte PFC festgelegt. Zwischen 2015 und 2018 hat die LUBW an 52 eigenen Messstellen und 179 Messstellen des Kooperationsmessnetzes Wasserversorgung im Rems-Murr-Kreis das Grundwasser auf PFC beprobt. An keiner Messstelle sei eine Überschreitung der Schwellenwerte festgestellt worden.

Zwischen August 2017 und Dezember 2018 fand auf Veranlassung des Landes eine Beprobung der Abwässer von Betrieben aus der Metall- und Textilindustrie statt. Bei allen vier Betrieben im Rems-Murr-Kreis lagen PFC im Abwasser lediglich knapp über der Nachweisgrenze. – Wie gesundheitsgefährdend PFC für Menschen sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Das baden-württembergische Sozialministerium schreibt, dass diese Frage aufgrund der Verschiedenartigkeit der PFC-Verbindungen wissenschaftlich noch nicht abschließend beantwortet werden könne. Verschiedene Studien deuteten auf einen Zusammenhang von PFC-Belastungen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei Menschen hin. So bestehe der Verdacht, dass einige PFC die Fruchtbarkeit von Frauen und die männliche Spermatogenese negativ beeinflussen können. Es gebe auch Hinweise, dass der Langzeitschutz von Tetanus- und Diphtherieimpfungen abgeschwächt werden könnte. Zudem wurden Wirkungen auf den menschlichen Stoffwechsel bereits bei relativ niedrigen PFC-Belastungen beschrieben.

PFC ist die Abkürzung für per- und polyfluorierte Chemikalien. An PFC führt kein Weg vorbei. Wir Menschen sind ständig mit ihnen in Kontakt. PFC sind nämlich ausgesprochen praktisch. Sie finden sich in unserer wasser- und schmutzabweisenden Outdoor- oder Arbeitskleidung, sie stecken in Imprägniermitteln drin,  in Pappbechern oder in der Beschichtung einer Teflonpfanne. In unserem Körper haben die extrem langsam abbaubaren PFC jedoch nichts verloren. In Tierversuchen erwies sich die

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