Rems-Murr-Kreis

Früherer Einschulungs-Stichtag: Weniger Kinder in der Schule – mehr Probleme für die Kommunen im Kreis?

familienforum
Dieses kleine Mädchen hat noch rechtzeitig im Jahr Geburtstag gehabt: Es wird jetzt eingeschult. © Uwe Annas - Fotolia

Die Einschulung ist für viele Erstklässler ein Freudentag. Doch dieses Jahr haben's die Kleine längst nicht so gut wie die Jahrgänge zuvor. Corona macht den Schulfestivitäten zur Begrüßung den Garaus. Doch auch manche Kommunen seufzen. Denn in diesem Schuljahr werden zum ersten Mal weniger Kinder eingeschult. Wieso das schlimm sein soll? Um das zu klären, muss ein Bürokratie-Wortungetüm erklärt werden.

Am 4. April 2020 wurde das Schulgesetz geändert und damit trat die „Vorverlegung des Einschulungsstichtags“ in Kraft. Der Einschulungsstichtag ist jener Tag, der die Grenze zwischen den Kindern markiert, die eingeschult werden, und denen, die noch ein Jahr länger im Kindergarten bleiben. Vor vielen Jahren, im Schuljahr 2007/2008, wurde der Einschulungsstichtag auf den 30. September gelegt. Das bedeutete: Alle Kinder, die bis zum 30. September sechs Jahre alt wurden, wurden schulpflichtig. Wer noch nicht wollte, musste offiziell zurückgestellt werden beziehungsweise kam in die Grundschulförderklasse, die Klasse vor der ersten Klasse.

Die Sorge, dass den Kindern schon zu Schulbeginn die Puste ausgeht

Inzwischen haben sich Politik, gesellschaftliche Entwicklung und elterliches Wollen verändert: Der Wunsch nach einem schnellen Durchlaufen der Schulzeit, um international in Bezug auf den Eintritt ins Berufsleben nicht abgehängt zu werden, wurde abgelöst durch die Sorge, dass den Kindern schon zu Beginn ihrer Schulkarriere die Puste ausgeht. Sabine Hagenmüller-Gehring, Leiterin des Schulamts in Backnang und verantwortlich für alle Grundschulen im Rems-Murr-Kreis, sagt: Sowohl von den Eltern als auch von den Schulen gingen Signale aus, dass viele Kinder mehr Zeit bis zum Schuleintritt benötigten. „Diese Entwicklung merken wir nicht zuletzt auch daran, dass das Interesse an unseren Grundschulförderklassen vielerorts wieder zugenommen hat. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so.“

Und tatsächlich: Anders als bei der Forderung, das vielkritisierte G8, den um ein Jahr verkürzten Weg zum Abitur, wieder abzuschaffen, ist die Bildungspolitik dem Wunsch nach späterer Einschulung nachgekommen. Der Einschulungsstichtag wird in drei Schritten um drei Monate auf den 30. Juni vorverlegt. Mit diesem Schuljahr wird der erste Schritt gemacht: Eingeschult werden alle Kinder, die bis zum 1. September sechs Jahre alt werden. Die nächsten zwei Schritte erfolgen dann im nächsten und übernächsten Schuljahr.

In vielen Schulen werden die ersten Klassen nicht so voll sein wie sonst

Für viele Schulen – und vor allem für viele Kinder – ist das gar nicht so schlecht. Denn in diesem Schuljahr werden die ersten Klassen nicht ganz so voll sein, wie sie gewesen wären, wäre das Schulgesetz nicht geändert worden. Schließlich bleiben die Kinder, die vom 2. bis zum 30. September Geburtstag haben, noch in der Kita. So kann Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring auch ganz entspannt erklären: „Für unsere Schulen ist die Verlegung des Stichtags in drei Schritten kein allzu großes Problem.“ Die Änderung habe „keine gravierenden Auswirkungen“.

Für die eine oder andere Kommune hat’s die allerdings schon. Eben wegen der Kitas und Kindergärten. Dort nämlich wird das Regel-Aufnahmedatum nicht verändert, beziehungsweise gibt’s das ja schon gar nicht mehr. Und somit müssen die Kommunen jetzt mehr Kinder in den Kitas unterbringen. Waiblingen rechnet in diesem Schuljahr mit einem zusätzlichen Platzbedarf von 20 bis 30 Plätzen. Bis der Einschulungsstichtag im Schuljahr 2022/2023 dort angekommen ist, wo er bleiben soll, am 30. Juni, werden in Waiblingen, so wird gerechnet, 60 bis 90 Kinder jährlich mehr in die Kitas gehen. Waiblingen gibt sich entspannt und geht davon aus, dass der zusätzliche Bedarf „gedeckt werden kann“.

Weniger Plätze für Neuaufnahmen in den Kitas

Markus Weiß, Fachbereichsleiter Kindertagesstätten der Stadt Schorndorf, klingt deutlich ungehaltener. Die Vorverlegung des Einschulungsstichtags bedeute, dass mehr Kinder in den Kitas blieben, als angenommen. Und damit „stehen in den kommenden drei Jahren auch weniger Plätze für Neuaufnahmen zur Verfügung“. Weiß schreibt: „Die kurzfristige Umsetzung der Anpassung trifft uns besonders (wie alle Kommunen), da wir leider nicht in der Kürze ohne weiteres Plätze schaffen können.“

Die Vorverlegung des Einschulungsstichtags kommt die Kommunen auch teuer. Denn für jedes Kind, das ein Jahr länger einen Kitaplatz belegt, muss die Stadt auch ein Jahr länger „den städtischen Anteil der Platzkosten“ tragen.

Schorndorf rechnet in diesem Jahr mit rund 40 Kindern, die ein Jahr länger in den Kitas bleiben. Wenn in den kommenden zwei Jahren mit den nächsten zwei Vorverlegungen auch wieder jeweils so viele Kinder betroffen sind, wird Schorndorf insgesamt rund 120 Kita-Plätze zusätzlich schaffen müssen. Oder andere Kinder müssen daheim bleiben. Das schafft Frust.

Kinder sollen keine Misserfolgs- und Frustrationserlebnisse haben

Im Hinblick auf die Schulkinder und aus pädagogischer Sicht aber ist die Verlegung des Stichtags „eine durchaus sinnvolle Maßnahme“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring. Sie verweist auf die „gravierenden Auswirkungen“, die Überforderung oder gar Sitzenbleiben für das Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes haben können. „Es gilt, Misserfolgs- und Frustrationserlebnisse zu vermeiden.“

Die Einschulung ist für viele Erstklässler ein Freudentag. Doch dieses Jahr haben's die Kleine längst nicht so gut wie die Jahrgänge zuvor. Corona macht den Schulfestivitäten zur Begrüßung den Garaus. Doch auch manche Kommunen seufzen. Denn in diesem Schuljahr werden zum ersten Mal weniger Kinder eingeschult. Wieso das schlimm sein soll? Um das zu klären, muss ein Bürokratie-Wortungetüm erklärt werden.

Am 4. April 2020 wurde das Schulgesetz geändert und damit trat die „Vorverlegung

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper