Rems-Murr-Kreis

Furios gewonnen, schwer geschlagen: Wütende, selige, resignierte, gerührte Stimmen zum Wahlausgang im Rems-Murr-Kreis

Gruennominierung
Fulminant, fast 30 Prozent – die Grüne Swantje Sperling hat im Wahlkreis Waiblingen gewonnen. © ALEXANDRA PALMIZI

Spektakuläre drei Direktmandate für die Grünen, zwei davon für Frauen; Jochen Haußmann, FDP, mit einem Traumergebnis; Alfonso Fazios Solo-Kampagne krachend gescheitert; Gernot Gruber, SPD, dermaßen stark – fast 19 Prozent! –, dass man ihn glatt zum nächsten Kanzlerkandidaten der gebeutelten Genossen ausrufen müsste; und ein Schock für die CDU-Männer aus dem Rems-Murr-Kreis: Die Gefühlspalette am Wahlabend reichte von Frust über blanke Wut bis zu reinster Glückseligkeit. 

Grün gegen Grün: Die Fazio-Sperling-Kontroverse, Teil 1

Bei 0,7 Prozent gestrandet ist Alfonso Fazio, unabhängiger Einzelbewerber aus Waiblingen, der seinen Hut in den Ring warf, nachdem die Grünen seine Tochter nicht als Kandidatin nominiert hatten.

Sein Kommentar dazu: „Ich möchte mich bei der Zeitung für die gute Berichterstattung der letzten Wochen bedanken.“

Herr Fazio, Sie klingen sarkastisch, oder? „Denken Sie ein bisschen nach, dann wissen Sie, wie es gemeint ist.“ Die Zeitungsvermutung, dass er nur „aus Trotz“ kandidiert habe, wegen „meiner Tochter – das war völlig daneben“. Sein Ziel sei es gewesen, der grünen Partei „einen Schuss vor den Bug“ zu verpassen, damit sie „darüber nachdenken, ob man alles tut für die Macht“. Er habe ein Zeichen gesetzt gegen „Parteifilz. Und mein Wahlkampf war nicht schlecht!“ Im Übrigen: „Ich bin stolz auf meine Tochter.“

Wird er jetzt bei den Grünen rausgeworfen oder womöglich selber austreten? „Vielleicht erleben Sie nächste Woche die eine oder andere Überraschung.“

Grün gegen Grün: Die Fazio-Sperling-Kontroverse, Teil 2

Die Frau, der Fazio mit seiner Kandidatur entscheidende Stimmen im Kampf ums Direktmandat wegnehmen wollte, ist derweil „sehr, sehr glücklich“. Swantje Sperling, Bewerberin der Grünen, die große Siegerin im Wahlkreis Waiblingen: 29,95 Prozent, mehr als fünf Prozentpunkte vor CDU-Konkurrent Siegfried Lorek! „Ich sitze auf dem Wohnzimmerboden meiner Wohnung in Leutenbach, mein Hund Loki sitzt auf dem Sofa. Irgendetwas habe ich falsch gemacht“, witzelte Sperling am Wahlabend gegen 20.40 Uhr – und „jetzt kommt gerade noch über den Ticker, dass es wohl mein grüner Kollege Ralf Nentwich im Wahlkreis Backnang auch geschafft hat! Das ist wirklich toll! Ich hatte mit Ralf noch am Samstag eine gemeinsame digitale Wahlkampfveranstaltung. Ein Pub-Quiz mit rund 35 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ich trank Most, Ralf Craft-Bier eines lokalen Herstellers. Die Quiz-Gewinner werden wir irgendwann bekochen.“

Und jetzt? „Montagmorgen um 8 Uhr habe ich erst einmal einen Zahnarzttermin. Ein während des Wahlkampfs entdecktes Loch in einem Zahn musste so lange warten.“ Abzuwarten sei auch, mit wem die Grünen koalieren werden. Wieder mit der CDU, die bei dieser Wahl deutlich verloren hat, oder doch die Ampel mit SPD und FDP? „Da bin ich persönlich ganz ergebnisoffen und lege mich nicht fest.“

Und was sagt sie zu Fazio? „In unserem Wahlkampf spielten die anderen Kandidaten eigentlich gar keine Rolle. Wir haben uns auf uns, auf die grünen Politikziele konzentriert.“

Zwei vom selben Schlag: Jochen Haußmann und Gernot Gruber

Jochen Haußmann lobt: Es sei, sagt der FDP-Mann aus Kernen, ein sehr spezieller, aber fairer Wahlkampf gewesen. Und weil auch Haußmann fair ist, feiert er sich erst mal nicht selber für seine glänzenden 16,3 Prozent, sondern gratuliert zunächst Petra Häffner, der Schorndorfer Grünen, zum Direktmandat, bevor er in aller Bescheidenheit das Offenkundige ausspricht: Sein Engagement in den letzten fünf Jahren sei von den Wählerinnen und Wählern anerkannt worden. Vor allem in seiner Heimatgemeinde schneidet er wieder sehr gut ab.

Nun würde sich Jochen Haußmann über eine Einladung zum Gespräch freuen: von Winfried Kretschmann natürlich, der als Ministerpräsident und „klarer Wahlsieger“ als Erster das Recht dazu habe. Jochen Haußmann und seine FDP wären dabei, wenn eine Ampelkoalition die Geschicke in Baden-Württemberg in den kommenden fünf Jahren lenken sollte.

Nicht nur Haußmann ist dafür belohnt worden, dass er sein Mandat mit großem Fleiß wahrgenommen und dabei seine Rolle immer eher als Anwalt seines Wahlkreises und der dort lebenden Menschen interpretiert hat, weniger als telegener Polit-Zampano in der Stuttgarter Parlamentsbütt. Auch Gernot Gruber, SPD, ist einer von diesem Schlag: Er sei „ganz gerührt“, sagt der Backnanger Stimmenkönig – 25 Komma noch was Prozent in seiner Stadt –, fühlt sich „geehrt“, freut sich über „große Zustimmung“ und „breite Wertschätzung“ und über diesen großen „Vertrauensbeweis“. Und – da strahlt das Glücksgrinsen durch die Telefonleitung durch – SPD-Spitzenkandidat Andreas Stoch, bei der letzten Landtagswahl noch gute zehn Prozentpunkte vor ihm, hat jetzt nur noch einen Prozentpunkt Vorsprung.

Es sei eben, sagt Gernot Gruber, sehr wichtig, bei den Leuten vor Ort zu sein und sich auch um die kleinen Probleme zu kümmern. Das sei vielleicht auch der Grund, weshalb er so ganz entgegen dem Trend der Landespartei abgeschnitten hat und einige derer, die bei der vergangenen Landtagswahl aus Protest die AfD gewählt hatten, doch wieder zu ihm zurückgekehrt sind.

Dass Jochen Haußmann, der Kernener FDPler, auch abgeräumt hat, das freut Gruber. „Wir zwei mögen uns sehr.“

Direktmandat! Petra Häffner und das Zauberwort Zuhören

Gegen 21.15 Uhr am Sonntagabend wusste die Schorndorfer Grüne Petra Häffner: Sie hatte es zum dritten Mal in Folge in den Landtag geschafft, zum zweiten Mal per Direktmandat. „Die Startlöcher waren gut, das Rennen war gut, auf der Zielgeraden hatte mich aber dann doch die Demut gepackt. Von den vielen positiven Rückmeldungen, die ich kurz vor dem Wahlsonntag bekommen hatte, wusste ich: Die machen ja nur einen gewissen Prozentsatz aus. Und zu große Hoffnungen auf ein sehr gutes Wahlergebnis könnten trügerisch sein.“

Den erneuten grünen Wahlerfolg sieht sie vor allem darin begründet: „Wir haben allen voran mit Winfried Kretschmann einen anderen Stil in die Politik gebracht, und der ist nachhaltig bei der Bevölkerung angekommen. Zuhören, gehört werden, Bürgerbeteiligung. Wir machen einfach eine grüne ehrliche Politik.“ Was Kretschmann sagt, dahinter stehe er auch, das glaube und meine er auch so. „Selbst wenn er mal sagt, das weiß er nicht oder dazu könne er noch nichts Genaues sagen.“ Das sei auch ihr Politikstil, sagt Petra Häffner. „Wir sind an der Sache orientiert und nicht daran, bei Presseterminen Publicity zu kriegen.“

Petra Häffner strebt erneut an, sich innerhalb der Grünen-Fraktion um die Politikbereiche Sport und Polizei kümmern zu wollen. „Das ist mein Wunsch, da habe ich Erfahrung drin und auch schon Netzwerke gebildet.“ Sie habe es als grüne, blonde Frau bei ihren Besuchen bei der Polizei anfänglich nicht einfach gehabt. „Ich denke aber, es ist uns gelungen, nachhaltig mit dem Mythos aufzuräumen, grün und Polizei passten nicht zusammen.“ Die Polizei habe schnell gemerkt, „die Häffner“ höre zu.

Mit welcher Partei sollen die Grünen koalieren? „Da lege ich mich nicht fest. Das werden die Verhandlungen zeigen, mit wem wir unsere grünen Themen am besten durchbringen können.“

Nentwich im Glück: Sogar im Wahlkreis Backnang gewinnen diesmal die Grünen

Dass Häffner ihren Coup von 2016 wiederholen würde, war absehbar – aber auch ihr Kollege hat es gepackt, in einem traditionell von der CDU beherrschten Revier, wo 2016 der schwarze Kandidat Wilfried Klenk noch mehr als fünf Prozentpunkte Vorsprung hatte: „Das war so was von knapp!“, stöhnt Ralf Nentwich, der frischgebackene grüne Landtagsabgeordnete des Wahlkreises Backnang. „Ich bin schweißgebadet. Meine Gefühlswelt reichte am Sonntagabend von himmelhochjauchzend bis hin zu Tode betrübt“ – bis der Sieg mit rund einem Prozentpunkt Vorsprung gegen Georg Devrikis (CDU) feststand.

Seinen Wahlerfolg sieht Nentwich, 39, vor allem als Erfolg seines gesamten Wahlkampfteams. „Die über 50 Ehrenamtlichen haben einen supertollen Job gemacht. Ich bin jeder und jedem absolut dankbar. Wir haben einfach unsere Chance gewittert, nun endlich den schwarzen Wahlkreis Backnang einmal zu knacken, weil Wilfried Klenk ja nicht mehr angetreten ist.“ Natürlich habe zuletzt aber auch der landesweite Trend zugunsten der Grünen auf ihn mit abgefärbt und die Maskenaffäre der CDU/CSU-Bundestagsfraktion seinem Wettbewerber Devrikis womöglich ein wenig geschadet.

Eine Koalition kann sich Nentwich vor allem mit der SPD vorstellen. „Ob die FDP mit dazukommt, das wird von den endgültigen Ergebnissen abhängen.“ Bei der SPD sehe er einfach die meisten Berührungspunkte, was politische Inhalte angeht. „Gerade mit dem SPD-Abgeordneten Gernot Gruber im Wahlkreis Backnang komme ich sehr gut auf der Arbeitsebene zurecht, wir würden sicherlich hervorragend zusammenarbeiten und zwei starke Stimmen für den Wahlkreis Backnang bilden. Wenn es der CDU-Kollege Devrikis auch in den Landtag schaffen würde, wäre das natürlich noch besser, dann wären wir zu dritt in Stuttgart.“

Auch eine Zusammenarbeit und Koalition mit der CDU könnte sich Nentwich vorstellen, nur: „Die müssten beim Thema Klimaschutz endlich mal Gas geben und weniger bremsen.“

In Not: Ein schwarzer Tag für die CDU

Stand 22 Uhr: Siegfried Lorek geht davon aus, sein Mandat behalten zu können, ganz sicher ist es aber noch nicht. Er liegt mit einem Stimmenanteil von 25,15 Prozent über dem Landesschnitt der CDU – was aus seiner Sicht „dem engagierten Wahlkampf der CDU vor Ort“ geschuldet ist. Vielschichtig seien indes die Gründe, weshalb die CDU bei dieser Wahl Rückgänge hinzunehmen hatte. Stichwort Corona: „Egal, was wir machen“, das war Loreks Erfahrung – es kam heftige Kritik von verschiedenen Seiten. Mit diesem Problem habe vor allem die CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann zu kämpfen gehabt, zumal die Frage, ob und wann die Schulen zu öffnen seien, eine „höchst emotionale“ sei. Der Bundestrend „war auch nicht gerade unser Freund“, so Lorek weiter. Die Masken-Affäre habe „mit reingespielt“, aber nicht den Ausschlag gegeben.

Tieftraurig klingt Georg Devrikis am Telefon und redet kein bisschen um den heißen Brei: „Sehr enttäuscht“ sei er, nicht das Direktmandat errungen zu haben. Denkbar knapp ist es ausgegangen im Wahlkreis Backnang; der grüne Kandidat Ralf Nentwich liegt weniger als einen Prozentpunkt vor dem CDU-Bewerber Devrikis. „Ich hätte mir ein besseres Ergebnis gewünscht“, gibt Devrikis unumwunden zu. Warum es letzten Endes nicht gereicht hat – „ich weiß es nicht“, sagt der CDU-Mann resigniert.

23.45 Uhr: Gespannt wartet Christian Gehring (CDU), Wahlkreis Schorndorf, aufs endgültige Ergebnis – noch immer ist unklar, ob er in den Landtag einziehen wird. Fürs Erste bleibt ihm nichts, als Jochen Haußmann zum „fulminanten Ergebnis“ und Petra Häffner zum Direktmandat zu gratulieren. Das Ergebnis der CDU aber müsse „zwingend reflektiert werden“; man solle sich dabei „mit Schnellschüssen zurückhalten“. So eine Reflektion bedürfe „einer genauen Analyse“, und im Anschluss könne die CDU auch wieder zu neuer Stärke zurückfinden.

Einen ersten Reflektionsbaustein hat Gehring aber schon parat: Was es der CDU bei dieser Wahl schwer gemacht hat, sei die Person Winfried Kretschmann – eine „außergewöhnliche Figur im Land“.

Gegen 0.40 Uhr dann steht das Teildebakel fest. Lorek und Gehring retten sich wenigstens übers Zweitmandat in den Landtag - im bislang als sicher schwarz geltenden Wahlkreis Backnang aber bietet sich ein absonderliches Bild: Gruber (SPD), Nentwich (Grüne), und auch Daniel Lindenschmid (AfD) ziehen ins Parlament ein, Devrikis (CDU) muss draußen bleiben.

Die AfD raunt von der "Herrschaft der Angst"

Er aber klagt über die Ungerechtigkeit der Welt: Jürgen Braun, Bundestagsabgeordneter und Kreisvorsitzender der AfD, die rund ein Drittel ihrer Stimmen von 2016 verloren hat. Woran lag es?

Aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz sickerte, dass die AfD als Ganzes beobachtet wird: „ein absolut undemokratisches, verfassungswidriges Foulspiel“. Die Kritik an rechten Umtrieben in der AfD: „eine Diffamierungskampagne“. Dazu kamen „die linksextremistischen Angriffe auf Stände“.

Die CDU hingegen habe jetzt erleben müssen, dass es sich für sie nicht auszahle, „ein Jahr lang die Menschen in Angst zu halten“ wegen Corona – denn „die Herrschaft der Angst wird von den Grünen besser beherrscht. In Sachen Angstmache sind die Grünen die großen Meister.“

Aber hat die AfD selber denn gar nichts falsch gemacht? Braun denkt nach. Je nun, sagt er schließlich, es gebe immer was, das man „noch besser“ machen könne; aber eigentlich: „Im Wesentlichen nein.“

Spektakuläre drei Direktmandate für die Grünen, zwei davon für Frauen; Jochen Haußmann, FDP, mit einem Traumergebnis; Alfonso Fazios Solo-Kampagne krachend gescheitert; Gernot Gruber, SPD, dermaßen stark – fast 19 Prozent! –, dass man ihn glatt zum nächsten Kanzlerkandidaten der gebeutelten Genossen ausrufen müsste; und ein Schock für die CDU-Männer aus dem Rems-Murr-Kreis: Die Gefühlspalette am Wahlabend reichte von Frust über blanke Wut bis zu reinster Glückseligkeit. 

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