Rems-Murr-Kreis

„Größter Menschenversuch“ aller Zeiten? Zwei Ärztinnen kämpfen gegen 5G

Smartphone 5G
Überall am Handy: Mit 5G soll alles noch viel schneller und besser laufen. Doch wie groß ist die Gefahr für die Gesundheit? © Adobestock/loreanto

Sollte 5G so kommen, wie es im Augenblick propagiert und vorangetrieben werde, dann wäre das „der größte Menschenversuch“, der je gemacht worden sei. Das sagt keine Esoterikerin, sondern die Schwaikheimerin Dr. Susanne Richter, Orthopädin und Unfallchirurgin am Nürtinger Krankenhaus. Sie und Dr. Cornelia Mästle, Internistin, Kardiologin und Psychotherapeutin aus Winterbach, klagen an: die Landesärztekammer, das Bundesamt für Strahlenschutz, die EU, die Industrie, die Bundesregierung, eine Institution namens International Commission on Non-Ionizing Ratiation Protection, kurz ICNIRP.

Um was geht’s?

Die fünfte Generation des Mobilfunks

„Change the Experience“, „Verändere die Erfahrung“, sagt die Werbung fürs neue Samsung Galaxy 5G. Samsung verspricht einen „Technologievorsprung“ und „Hyperfast-Geschwindigkeiten“ und die Revolutionierung des Tagesablaufs. Die Telekom erklärt, sie habe ihr 5G-Netz „in den letzten Wochen weiter mit Hochdruck ausgebaut“ – 40 Millionen Menschen könnten jetzt erreicht werden. Und Vodafone kündet von den ersten Masten im Rems-Murr-Kreis: in Murrhardt, Großerlach, Alfdorf, Korb, Waiblingen und Backnang. Mittelfristig solle die Region großflächig an das 5G-Netz angebunden werden.

Was aber ist eigentlich 5G? 5G ist die fünfte Generation des Mobilfunks, ein Standard, der seit 2019 aufgebaut wird und dessen Frequenzen unter medialem Wirbel teuerst versteigert werden. Mit 5G sollen Daten sehr viel schneller und in viel größerer Menge verschickt und empfangen werden können als mit den bislang verwendeten Standards.

Bei 5G werden sehr viel höhere Frequenzen und damit sehr viel kürzere Wellen verwendet. Sie sind leistungsfähiger als die niedriger frequenten Wellen der althergebrachten GSM-, UMTS- und LTE-Netzstandards. Allerdings ist ihr Wirkbereich wegen der kurzen Wellenlänge auch sehr viel kleiner. Die Folge: Für 5G muss ein sehr viel dichteres Antennen- und Sendemastennetz geknüpft werden. Die beiden Ärztinnen sprechen davon, dass sogar die sogenannten „Straßenmöbel“, also beispielsweise Laternenmasten, dafür genutzt werden sollen. Die jetzt schon vorhandenen Funkmasten können und dürfen, so sagen sie, umgerüstet werden.

Wofür 5G?

Schnelle Übertragung vieler Daten

5G wird überall da gebraucht, wo sehr große Datenmengen schnell übertragen werden müssen. Die Werbung verspricht dem Privatkunden ein ganz neues Streaming-Vergnügen für Filme, Computerspiele ohne Ruckeln und die Sicherheit, in Situationen, in denen alle Nachrichten verschicken, etwa an Silvester, trotzdem auch mit den eigenen Grüßen durchzukommen.

In der Industrie träumt man vom „Internet der Dinge“ und Geräten, die Informationen weiterleiten und sich gegenseitig quasi verstehen können. Industrieroboter können mit 5G in Echtzeit gesteuert werden. Die Landwirtschaft hofft aufs „Smart Farming“: Bodenbeschaffenheit, Düngezyklen, Wetterdaten, Schädlingsbefall und so weiter kommen beim selbstfahrenden Traktor an, der prompt reagiert. Auch das autonome Fahren soll mit dem neuen Funkstandard Wirklichkeit werden: Die Autos kommunizieren miteinander – der Mensch genießt.

Viele dieser Möglichkeiten sind auch mit den bislang angebotenen Frequenzen möglich und längst umgesetzt – mit 5G soll alles noch schneller, besser und größer werden.

Warum die Rage?

Die Ärztinnen fordern Alternativen

Susanne Richter und Cornelia Mästle hätten keinerlei Problem damit, wenn 5G, wie ursprünglich vorgesehen, vor allem die Industrie in die Zukunft katapultieren würde. In abgeschirmten Hallen, so sagen sie, wären ihnen die hochfrequenten Wellen herzlich egal. Sie missgönnen auch niemandem die bessere Qualität beim Filmgucken oder Spielen, auch wenn sie sich fragen, ob der Mensch das tatsächlich braucht. Und wenn er es braucht, ob er dann nicht einfach eine LAN-gebundene Technologie dafür nutzen kann. Die Glasfasertechnologie beispielsweise sei 5G mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Man hänge nur eben an einem Kabel. Und übrigens gebe es auch drahtlose Technologien, die ohne die gefährliche Strahlung auskämen: LiFi heißt das und arbeitet mit sichtbarem Licht oder Infrarotstrahlung.

Was die beiden Ärztinnen fürchten, sind gesundheitliche Risiken, ausgelöst durch die elektromagnetischen Felder, die sich durch die Mobilfunkfrequenzen aufbauen. Die würden, so sagen sie, in Deutschland quasi ignoriert. Deutschland habe, was die Emission von Wellen angehe, viel höhere Grenzwerte als andere Länder in der EU. Was die Immission, also das, was beim einzelnen Menschen ankommt und durch ihn hindurchfließt, angeht, gebe es überhaupt keinen Höchstwert.


Die beiden Ärztinnen geben allein beim Pressegespräch Informationen mit, die einen Papierstapel von mehreren Zentimetern bilden. Darunter ein Briefing des Wissenschaftlichen Diensts des Europäischen Parlaments, Erläuterungen des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur und des Bundesministeriums für Umwelt und Naturschutz zum Ausbau des Mobilfunks, ein investigativer Artikel des Tagesspiegels, 16 „praktische Handyregeln, die die zyprische Ärztekammer, das zyprische Nationale Komitee für Umwelt und Kindergesundheit, die österreichische Ärztekammer und die Ärztekammer für Wien gemeinsam veröffentlicht haben.

Für den Lesestoff, durch den sich die beiden noch gefressen haben, reicht vermutlich nicht mal ein ganzer Meter.

Die beiden Ärztinnen haben zusammen mit 67 weiteren Ärztinnen und Ärzten verschiedenster Fachrichtungen „in großer Sorge um die Gesundheit unserer Patienten und der Bevölkerung“ einen Offenen Brief an Ministerpräsident Kretschmann geschrieben. Zwölf der Unterzeichnenden waren aus dem Rems-Murr-Kreis.

Erkrankungen?

Es droht Krebs und vieles andere

Die wissenschaftliche Gemeinschaft ist geteilter Meinung: Eine Gruppe erklärt, dass nur dann Gefahr durch elektromagnetische Felder drohe, wenn die Temperatur im den Wellen ausgesetzten Körper steigt. Das aber sei bei 5G nicht der Fall. Die ausgestrahlte Energiemenge sei zu niedrig. Andere Wissenschaftler weisen darauf hin, dass es in diesem Fall nicht um die Energiemenge, sondern um die Zahl der Impulse, also um die Frequenz gehe. Die ist bei 5G sehr hoch und bei einer flächendeckenden Versorgung mit 5G werden die Menschen diesen Frequenzen ständig in hohem Maße ausgesetzt sein. Weil nämlich wegen der kurzen Frequenzen das Antennennetz so dicht sein muss, dass im schlimmsten Fall an jeder Straßenecke gepulst wird. Die Wissenschaftler sprechen von DNA-Schäden, in deren Folge Krebserkrankungen auftreten werden, von einer Schädigung der männlichen Spermien, von Auswirkungen auf die Haut, die Augen, das Immunsystem, von einer Beeinträchtigung der Insulinproduktion, deren Folge Diabetes sein kann, sogar von Antibiotikaresistenzen. Auch unspezifische Symptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Tinnitus, Konzentrationsschwierigkeiten oder Herzrhythmusstörungen werden auf die Exposition gegenüber elektromagnetischen Feldern zurückgeführt. Diese sogenannte „Elektrohypersensibilität“, sagen die beiden Ärztinnen, sei freilich sehr schwer zu beweisen. Auf die krebsfördernde Wirkung von Mobilfunkstrahlung aber hätten zahlreiche Studien längst deutlich hingewiesen.

Gegenwehr?

In anderen Ländern gibt’s ernste Kritik

Nun, in anderen Ländern passiert schon einiges: Der General Court des US-Bundesstaats New Hampshire zum Beispiel hat Anfang November ein Memorandum zu 5G verabschiedet. Darin wird eine umfangreiche Schutzpolitik eingefordert. Unter anderem wird gefordert, dass regelmäßig im Radio, Fernsehen, Internet und in Printmedien vor den mit der Strahlenbelastung verbundenen Gesundheitsrisiken gewarnt wird. Mit 5G-Antennen bestückte Masten müssen deutlich beschildert sein; Schulen und Bibliotheken sollen von drahtlos auf kabelgebunden umstellen oder auf optische, also lichtgestützte Verbindungen umrüsten. Überhaupt soll für alle gewerblichen und öffentlichen Grundstücke Glasfaser bereitgestellt werden. In Kommunen soll die Stärke der Signale von Mobilfunkanlagen regelmäßig gemessen werden, bei Überschreitung der Grenzwerte darf die Gemeinde abschalten. Das Memorandum fordert hochfrequenzfreie Zonen, mehr Forschung und die Ausrüstung aller Mobiltelefone mit einer Software, die bei Körperkontakt den Sender deaktiviert.

Der Schweizer Kanton Genf hat im Februar ein dreijähriges Moratorium, also einen Aufschub, für die Mobilfunkgenerationen 4G+ und 5G beschlossen. Im griechischen Petras lehnte die Stadtverwaltung ein Projekt der Athener Regierung, nachdem dort 5G getestet werden sollte, ab. Die Begründung: Die Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung seien nicht geklärt.


Was ist bei uns?

Es gibt wohl ungute Verquickungen

In Deutschland würden unabhängig voneinander gestartete wissenschaftliche Versuche, die die tumorerzeugende Wirkung der Hochfrequenzstrahlung beweisen, sagen Cornelia Mästle und Susanne Richter, einfach negiert. Die WHO, kritisieren die beiden, stufe die Strahlung nach wie vor nur als „möglicherweise“ und nicht als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Verantwortlich machen die beiden – und weitere Ärzte, Journalisten, Verbraucher- und Umweltschützer – die Verquickung von Politik, Forschung und Wirtschaft. Beispielsweise residiere das Sekretariat der ICNIRP, einer Vereinigung von Wissenschaftlern, die die Gesetzgebung zum Schutz der Bevölkerung vor Hochfrequenzstrahlung maßgeblich beeinflusst, im Bundesamt für Strahlenschutz, wie Investigativ-Journalisten des Tagesspiegels recherchiert haben. Und zwar mietfrei.

In einem wissenschaftlichen Ausschuss zu neuen Gesundheitsrisiken der EU-Kommission, der die Gefahren der Hochfrequenzstrahlung beurteilen sollte, fanden sich Mitglieder der ICNIRP. Außerdem sollen Mitglieder berufliche Beziehungen zu verschiedenen Telekommunikationsunternehmen gepflegt haben oder seien sogar von diesen finanziert worden, heißt es im Briefing des Wissenschaftlichen Dienstes des EU-Parlaments.

Der Ärztearbeitskreis Digitale Medien Stuttgart forderte in einer Handlungsempfehlung, die an die Landesregierung ging, dringend die Neubewertung der Studienlage zu Auswirkungen des Mobilfunks auf die Gesundheit mit Hilfe „wirtschaftsunabhängiger Wissenschaftler“. Mit der „industrienahen ICNIRP“ solle es dagegen keine Zusammenarbeit geben.

Übrigens: Der Schorndorfer Gemeinderat hat im Februar dieses Jahr mit hauchdünner Mehrheit ein zweijähriges Moratorium durchgesetzt. „Sicherheit geht vor Schnelligkeit“ hieß es damals im CDU-Antrag. 5G sei auch nach Einschätzung des Umweltministeriums bezüglich möglicher gesundheitlicher Risiken noch nicht genügend erforscht.

Zu spätes Wissen

Vom Traum zum Alptraum?

Der Präsident der Österreichischen und der Wiener Ärztekammer Prof. Dr. Thomas Szekeres, Humangenetiker und Facharzt für klinische Chemie und Labordiagnostik, hat auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Zukunftsinfrastruktur 5G: Vom digitalen Traum zur Wirklichkeit“ eine Rede gehalten. Er sagte, die Diskussion um 5G sei eine sehr wichtige und die Verantwortlichen hätten dafür zu sorgen, dass sich der Traum nicht als Alptraum entpuppe.

Was 5G mit seiner hochfrequenten Strahlung mit den Menschen – und im Übrigen auch mit anderen Lebewesen – anrichte, sagen Susanne Richter und Cornelia Mästle, werde man wohl erst in vielen Jahren in den Krebsstatistiken ablesen können. Dann sei es aber zu spät. Damit sie ruhig schlafen können, haben beide Ärztinnen zumindest ihre Schlafzimmer mit speziellen Wandfarben gestrichen und mit besonderen Vorhängen ausgestattet. Auf dass sie wenigstens nachts keiner Strahlung ausgesetzt sind.

Sollte 5G so kommen, wie es im Augenblick propagiert und vorangetrieben werde, dann wäre das „der größte Menschenversuch“, der je gemacht worden sei. Das sagt keine Esoterikerin, sondern die Schwaikheimerin Dr. Susanne Richter, Orthopädin und Unfallchirurgin am Nürtinger Krankenhaus. Sie und Dr. Cornelia Mästle, Internistin, Kardiologin und Psychotherapeutin aus Winterbach, klagen an: die Landesärztekammer, das Bundesamt für Strahlenschutz, die EU, die Industrie, die Bundesregierung, eine

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