Rems-Murr-Kreis

Grünen-Chefin Ricarda Lang im Gespräch: Warum Panzer-Lieferungen vertretbar sind

Ricarda Lang
Die grüne Bundessprecherin Ricarda Lang im Gespräch mit ZVW-Chefredakteur Frank Nipkau. © ALEXANDRA PALMIZI

Sie ist erst 28 Jahre alt, aber schon Bundesvorsitzende der Grünen, und all die Hasser und Hetzer, die Ricarda Lang wegmobben wollen, sollten sich keinen Illusionen hingeben: Die Frau ist gekommen, um zu bleiben. Dieser Tage gastierte sie auf ein Redaktionsgespräch im Zeitungsverlag.

Ricarda Lang und der Hass: „Ich bin nicht bereit, mich zu verstecken“

Es gibt wohl keinen Menschen in der aktuellen Politikszene, der so ausdauernd mit derart erbärmlichen Beleidigungen und alle Anstandsgrenzen zersetzendem Unflat überzogen wird wie die Grünen-Chefin. Man gewährte den Schmähern zu viel der Ehre, auch nur eine einzige der Bösartigkeiten zu zitieren, die im Netz kursieren. Im Oktober in Crailsheim und in Ellwangen plärrte ein Mob ihr „Hau ab! Hau ab! Hau ab!“-Sprechchöre entgegen.

Ricarda Lang aber tourt weiter unverdrossen von Termin zu Termin. „Ich bin nicht bereit, mich zu verstecken. Wenn Demokraten aus der Öffentlichkeit verschwinden, gewinnen diejenigen, die die Demokratie ablehnen.“ Unerschrocken: Das ist der erste Eindruck in diesem Gespräch.

Der zweite: Hier sitzt ein politrhetorischer Vollprofi. Wer sich als Journalist der Hoffnung hingäbe, sie mit irgendeiner Frage auf dem falschen Fuß zu erwischen, sähe sich bitter enttäuscht.

Zum einen hat das mit einer natürlichen Schlagfertigkeit zu tun, die Lang bisweilen aufblitzen lässt: Die Zustimmungswerte für die Ampel seien schlecht, sagt ZVW-Chefredakteur Frank Nipkau; dabei seien die Leute sich doch weitgehend einig, dass die CDU es auch nicht besser machen würde ... „Ich glaube“, antwortet Lang lächelnd, bevor der Satz verklungen ist, „da haben die Bürgerinnen und Bürger recht.“

Alles schon mal gehört: Ricarda Lang und die Journalistenfragen

Zum anderen: Mit Journalisten reden beschlagene Politiker derart oft, dass sie jede denkbare Frage sowieso schon gehört haben. Die Arbeit der Ampelregierung verteidigen? Die leichteste Übung: Hunderte von Milliarden an Entlastungsgeldern locker gemacht, Strom- und Gaspreisbremse aufgesetzt, Flüssiggasterminal in Rekordzeit gebaut, Gasspeicher gefüllt, binnen eines Jahres rund 100 Gesetze verabschiedet, zählt Lang auf – aber ja, „an unserer Kommunikation können wir noch arbeiten“.

Lang kennt offensichtlich auch jeden Einwand, der da kommen könnte. Zum Beispiel diesen: Ist die Strom- und Gaspreisbremse nicht Hilfe mit der Gießkanne? Schließlich bekommt der Millionär dieselbe Hilfe wie die Rentnerin!

Stimmt, sagt Lang. „Im nächsten Jahr“ werde es darum gehen, „zielgerichteter zu werden“. Aber „zielgerichtet heißt langsam“. Eine alle Gerechtigkeitsnuancen austarierende Preisbremse, gestaffelt nach Einkommen, hätte zu „ellenlangen Anträgen“ geführt und wäre frühestens im Herbst 2023 umsetzungsreif gewesen. Also: erst helfen; nachjustieren später.

Manchmal muss man „liebgewordene Grundsätze über die Reling hängen“

Niemand bei den Grünen hat sich das vor der Bundestagswahl so ausgemalt: Sobald wir mitregieren, lassen wir Atomkraftwerke, die abgeschaltet werden sollten, in den Streckbetrieb gehen, werfen eingemottete Kohlekraftwerke noch mal an und bitten den Emir von Katar um Flüssiggas ... Tja. In dieser Koalition, sagt Lang, müsse jede Partei „liebgewordene Grundsätze nicht über Bord werfen, aber zumindest ein bisschen über die Reling hängen“. Allein, „man macht ja nicht Politik für die Welt, die man sich gewünscht hat“, sondern für die Welt, wie sie ist; eine Welt, in der ein Autokrat das Unausdenkliche verbrochen und einen Krieg in Europa angezettelt hat. Ein „gewisser Pragmatismus in der Notsituation“ sei da unausweichlich.

Gerade der Bau des Flüssiggas-Terminals aber habe doch gezeigt, wie schnell etwas gelingen kann, wenn man bürokratische Hemmnisse abbaut und Genehmigungsverfahren entschlossen beschleunigt – und diese gute Erfahrung lasse sich nun auf den nötigen „Turbo“-Ausbau von Windkraft und Photovoltaik übertragen. Wenn sie mit Wirtschaftsbossen rede, höre sie immer wieder: „Frau Lang, bitte bauen Sie die erneuerbaren Energien aus! Das ist in Zukunft der Standortfaktor schlechthin!“

Ricarda Lang über die Ukraine, Panzer und Putin

Und Waffenlieferungen an die Ukraine? Es gab Zeiten, da hätten Grüne mit derlei gehadert; die Partei wurzelt ja historisch in der Friedensbewegung. Lang sagt: „Wenn Menschen ermordet werden“, könne man nicht „mit verschränkten Armen danebenstehen“ und auf Seite XY irgendeines Grundsatzprogramms verweisen. „Wenn wir uns zurückhalten, dann wird Putin sich zurückhalten?“ Das sei ein „Irrglaube“; der Kremlchef eskaliere dennoch weiter.

Und deshalb: Klar, „wir dürfen keine Kriegspartei werden, wir schicken keine Truppen hin“ – aber wer Panzer liefere, werde „dadurch nicht Kriegspartei!“

Ist so ein Politgespräch verschwendete Arbeitszeit, weil sowieso nie etwas auch nur ansatzweise Überraschendes herauskommt? Man kann es auch anders sehen: Von der Person, die da spricht, vermittelt sich doch jedes Mal ein durchaus markantes Bild. In Langs Fall: immer freundlich; unerschütterlich; und in Gmünd warten schon der Zeitungskollege von der „Tagespost“ und der nächste Pressetermin.

Nur einmal muss sie dann doch kurz überlegen.

Zusatzaufgabe: Christian Lindner loben

„Was“, fragt Nipkau, „haben Sie von Christian Lindner gelernt?“ Ricarda lang hält inne. Schweigt. Lobt die „gute Frage“. Und antwortet: Von Lindner lasse sich lernen, dass „freiheitliche Demokratie“ bisweilen wehrhaft „verteidigt“ werden muss – Waffenlieferungen für die Ukraine habe er früh als richtig erkannt ... Das aber gilt auch für Ricarda Lang. Und so hat sie es nach einem Moment des Nachdenkens nicht nur geschafft, Lindner zu würdigen; sondern auf vorbildlich subtile Art zwischen den Zeilen auch gleich noch sich selbst mit zu loben.

Sie ist erst 28 Jahre alt, aber schon Bundesvorsitzende der Grünen, und all die Hasser und Hetzer, die Ricarda Lang wegmobben wollen, sollten sich keinen Illusionen hingeben: Die Frau ist gekommen, um zu bleiben. Dieser Tage gastierte sie auf ein Redaktionsgespräch im Zeitungsverlag.

Ricarda Lang und der Hass: „Ich bin nicht bereit, mich zu verstecken“

Es gibt wohl keinen Menschen in der aktuellen Politikszene, der so ausdauernd mit derart erbärmlichen Beleidigungen und alle

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