Rems-Murr-Kreis

"Halbherzig", "provozierend", "schäbig": Rems-Murr-Altenheime zur Impfpflicht

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Altenpflege ist personalintensiv – schon vor der Corona-Krise waren viele Einsatzpläne auf Kante genäht. © Fotolia

Diese Regel sei „halbherzig“, „provozierend“, „inkonsequent“ – auch das Wort „schäbig“ fällt. Streitfall einrichtungsbezogene Impfpflicht: Viele Pflegeheime im Rems-Murr-Kreis sind von der Politik enttäuscht. Wie viel Unmut sich angestaut hat, wurde uns klar, nachdem wir einen Fragenkatalog an die Heime gemailt hatten; teilweise kamen lange Briefe zurück. Sie handeln von Not, Frust, Wut, aber auch von Leidenschaft, Stärke, Berufsehre. Klar wird eines: Corona hat die Probleme der Pflegebranche nicht ausgelöst, sondern nur in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar gemacht.

Zu wenig, zu spät: Vom Kleinmut der Politik

Wenn du etwas als richtig erkennst, musst du auch den Mut haben, dazu zu stehen; um „Wohlergehen und Gesundheit unser Bewohner“ zu garantieren, hat die Evangelische Heimstiftung – sie betreibt unter anderem das Spittlerstift in Schorndorf oder das Winnender Haus im Schelmenholz – „bereits im Dezember entschieden, die Impfpflicht konsequent umzusetzen“, erzählt Pressesprecherin Dr. Alexandra Heizereder: Pünktlich ab dem 16. März werden „wir nur noch Mitarbeitende in unseren Einrichtungen beschäftigen, die zumindest einmal geimpft sind oder ein ärztliches Attest mit entsprechender Kontraindikation vorlegen“. Folge: Aktuell sind „über 95 Prozent der Mitarbeitenden immunisiert, Tendenz steigend. In einigen Einrichtungen sind schon alle Beschäftigten geimpft.“

Die Politik hingegen habe „zu spät und nur halbherzig“ agiert. „Es wäre schon letztes Jahr nötig gewesen, eine allgemeine Impfpflicht einzuführen, um die vierte und fünfte Welle zu verhindern.“

Nicht einmal bei der einrichtungsbezogenen Impfpflicht zeigt die Politik Rückgrat: Sicher, jede Kraft, die nach dem 16. März womöglich fehlt, „ist schmerzlich“, räumt Martin Kleinschmidt ein, Geschäftsführer der Kranken- und Seniorenpflege KSP in Schorndorf (97 Beschäftigte; 91 geimpft) – aber wenn die Politik das „möchte, muss sie auch konsequent sein. Das vermisse ich!“ Das Gesetz sei doch „unzweideutig formuliert: Alle Beschäftigten in den Gesundheitsbereichen müssen geimpft sein. Aber leider wird das nun nicht umgesetzt und aufgeweicht – es gibt Anweisungen an die Gesundheitsämter, nicht konsequent zu kontrollieren, Ministerpräsidenten, die eine Aussetzung favorisieren ...“ Ob die neue Regel überhaupt ernsthaft wahr gemacht wird, werde man „erst in zwei bis drei Monaten“ wissen; „vielleicht“.

Schäbig: Und plötzlich Persona non grata?

„Aus der Politik werden uns Aufgaben vor die Füße geworfen, die wir zu erledigen haben“, schimpft Alexander Flint vom Seniorenheim Kronenhof in Großerlach. „Ganz stolz verkündet man in Stuttgart, dass man tolle Handreichungen zur Durchsetzung der Impfpflicht für die Einrichtungen gemacht habe.“ Aber „faktisch“ seien das nur „ein paar schlaue Zettelchen“, auf denen „die wirklich spannenden Themen“ nicht mal „ansatzweise“ angepackt werden.

Von den 90 Kronenhof-Beschäftigten sind etwa 15 Prozent nicht geimpft; angenommen, die dürfen demnächst nicht mehr mitmachen –„wer arbeitet dann die 15 Prozent mehr? Wo bekomme ich das Personal her, das zuvor schon nicht leicht zu bekommen war?“ Vor diesen Fragen gehen „alle vermeintlich Verantwortlichen vorsorglich in Deckung. Das ist enttäuschend und auch unsolidarisch.“

„Wir werben sehr für das Impfen“, sagt Flint. „Ich selbst war als Betreiber der Erste, der sich beim Impfen anbot, um ein Signal zu geben.“ Mit der Impfpflicht für die Pflege hadert er dennoch schwer. „Wir haben in unserer Einrichtung Stand heute keinen einzigen positiven Fall seit Beginn der Pandemie unter den Bewohnern zu beklagen. Dieses Ergebnis kann nicht besser werden. Demnach ist aus unserer Sicht auch keine weitere Maßnahme erforderlich. Wir wissen, was wir tun, und setzen das auch sorgfältig um. Zu diesem phänomenalen Ergebnis haben auch die ungeimpften Mitarbeiter beigetragen, indem sie die von uns angeordneten Maßnahmen penibel mitgetragen haben. Es ist schäbig, diesen Leuten jetzt zu signalisieren, dass sie zu Personae non gratae werden. Und noch schäbiger, den geimpften Beschäftigten einfach mal 15 Prozent Mehrarbeit aufzusatteln, ohne für entsprechenden Ersatz sorgen zu können.“

Impfquote hoch: Gelassenheit vor dem 16. März

„Keine Probleme zu erwarten“: Bei der Evangelischen Altenheimat, die zum Beispiel das Philipp-Paulus-Heim in Fellbach und das Seniorenzentrum Schmiden betreibt, sieht man dem 16. März gelassen entgegen: „In unseren Einrichtungen haben wir aktuell erfreulicherweise eine Impfquote von 98 Prozent“, teilt Pressesprecherin Dr. Inge Deborre mit. Geholfen hätten „stete Aufklärungsarbeit“, aber auch „zusätzliche seelsorgerische Angebote und Supervisionen, um die Mitarbeitenden mit ihren Sorgen und Ängsten gut zu begleiten“. Die Evangelische Altenheimat habe sich für das Engagement der Beschäftigten in der Pandemiezeit „vielfach dankbar gezeigt mit Aufmerksamkeiten, Massagen, zusätzlichen Urlaubstagen und anderem“.

„Keine signifikanten personellen Engpässe“ drohen: So sieht es auch Nicola Philipp vom Altenhilfeträger „Die Zieglerschen“, der im Rems-Murr-Kreis das Evangelische Marienstift und das Karlsstift in Schorndorf sowie das Seniorenzentrum Haus am Brunnenrain in Plüderhausen betreibt. Dort sind insgesamt 271 Mitarbeitende beschäftigt. Die Impfquote liege derzeit bereits „bei rund 90 Prozent. Von Anfang an haben wir für eine Impfung bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Bewohnerinnen und Bewohnern geworben. Und wir sind intensiv mit unseren – noch – ungeimpften Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Austausch und sind zuversichtlich, dass sich die Impfquote in den kommenden Wochen weiter erhöhen wird.“

Lösung Leasing? Tiefere Nöte, Teil 1

„Wir hätten uns zeitnah und rechtzeitig eine allgemeine Impfpflicht gewünscht“, sagt Sibylle Kessel, Pressesprecherin der Großheppacher Schwesternschaft. Nur manche Gruppen herauszupicken, „wirkte provozierend und verursachte viel Frust, denn nach zwei Jahren im Ausnahmemodus sind die Angestellten in der Pflege vielfach am Ende ihrer Nerven“. Sarkastisch ausgedrückt: „Wir pflegen Ihre Eltern und müssen uns dafür impfen lassen – Sie können solange zu Demos der Impfgegner gehen.“

Doch der Kern des Problems ist das nicht; so wenig wie die Tatsache, dass von 96 Beschäftigten im Wohn- und Pflegestift Wilhelmine-Canz-Zentrum in Großheppach zwölf noch keinen vollen Impfschutz haben. Es geht um viel Grundsätzlicheres: den Personalmangel in der Pflege.

„Wir spüren die Belastung der letzten zwei Jahre – Krankheitsausfälle und längerfristige Krankenstände häufen sich. Einige unserer Mitarbeiterinnen sind in Mutterschutz und Elternzeit. Wir erleben momentan, dass sich freie Stellen nicht mehr besetzen lassen. Ein alarmierendes Zeichen ist auch, dass uns für den Ausbildungsbeginn am 1. April deutlich weniger Bewerbungen vorliegen als in den Jahren zuvor.“

Bewerbungen „erreichen uns hauptsächlich aus dem Ausland, darunter Nicht-EU-Ländern wie beispielsweise Tunesien. Wir unterstützen diese Anfragen“, die „Pflege-Teams sind bereits heute multinational besetzt. Wir sind froh um Leute mit Migrationshintergrund!“ Der Mehraufwand beim Einlernen aber „ist nicht refinanziert“; und öfters würden diese Kräfte, kaum habe man sie durch die Anerkennungszeit gelotst, „von Krankenhäusern abgeworben“.

Um Engpässe abzufedern, „bleibt uns nur der Einsatz von Leasingkräften. Auch diese Mehrkosten“ – „viel Geld für kurze Einsätze“, vermittelt über Personalfirmen, die „hohe Gebühren“ nehmen – sind „nicht über die Pflegesätze refinanziert“. Leiharbeitskräfte sind eine teure Notlösung: Sie identifizieren sich nicht mit der Einrichtung, „leben keine Kollegialität, auf die wir im Haus Wert legen“, knüpfen kaum tragfähige Beziehungen zu den Pflegebedürftigen.

Bitter: „Den Weg, freiwerdende stationäre Pflegeplätze nicht nachzubelegen, müssen wir wohl oder übel in Erwägung ziehen.“

Fachkräftemangel: Tiefere Nöte, Teil 2

Eine „allgemeine Impfpflicht“ wäre „die bessere Lösung“, findet, wie so viele, Steffen Wilhelm, Pressesprecher der Diakonie Stetten. Corona ist ein „gesamtgesellschaftliches Thema“ – warum nur „die ohnehin schon stark belasteten Mitarbeitenden in der Pflege und Betreuung“ in die Verantwortung nehmen?

Dann wird auch Wilhelm grundsätzlich: „Den Fachkräftemangel haben wir schon vor Corona deutlich gespürt. Nach mittlerweile zwei Jahren Pandemiezeit und vier Wellen sind unsere Mitarbeitenden sehr erschöpft.“ Es koste mittlerweile „große Mühe, die Angebote aufrechtzuerhalten“. Zu schaffen sei das nur noch dank „viel Solidarität und Zusammenhalt in der Mitarbeiterschaft“.

Rund 530 Leute arbeiten „in den im Rems-Murr-Kreis liegenden Pflegeeinrichtungen unseres Altenhilfeträgers Alexander-Stift“ – die Impfquote liege bei etwa 90 Prozent. Wenn es ab Mitte März tatsächlich zu impfpflichtbedingten Ausfällen kommt, „würde uns das vor große Probleme stellen. Das wäre ein zusätzlicher Faktor, der unsere ohnehin schon angespannte Personalsituation noch weiter verschärfen würde.“

Diese Pandemie habe „die Schwächen unseres Gesundheitswesens überdeutlich offengelegt, insbesondere im Hinblick auf den Fachkräftemangel. Ganz grundsätzlich wünschen wir uns von der Politik, dass dieses Problem konsequent angegangen wird.“ Ein bloßes „Lippenbekenntnis“ reiche nicht. „Die Attraktivität sozialer und pflegerischer Berufe muss angesichts der demografischen Herausforderungen deutlich verbessert werden; auch über Corona hinaus.“

Es ist ungerecht: Ein kurzes Fazit

Die Impfquote in den Rems-Murr-Altenheimen ist durchweg hoch, zwischen 85 und 100 Prozent. Würde die gesamte Gesellschaft sich so entschlossen zur Impfung bekennen, stünden wir alle viel besser da. Für viele Einrichtungen gilt aber auch: Die Personaldecke ist schon lange so dünn, der Fachkräftemangel so drückend, die Belastung mit oft gewaltigen Überstundenzahlen so hoch, dass jeder weitere Ausfall ab dem 16. März brutal wehtäte. Es wäre ein weiterer ... nein, kein Tropfen; ein weiterer Eimer in ein Fass, das seit Jahren auf Sumpfboden steht, weil es dauernd überläuft.

Und noch etwas muss zu diesem kurzen Fazit gehören: Es war – das lassen viele Wortmeldungen aus Rems-Murr-Pflegeeinrichtungen durchklingen – ungerecht, bequem und feige von der Politik, die Impfpflicht ausgerechnet nur genau jener Gruppe aufs Auge zu drücken, die sowieso schon seit März 2020 mit die größte Last trägt.

Diese Regel sei „halbherzig“, „provozierend“, „inkonsequent“ – auch das Wort „schäbig“ fällt. Streitfall einrichtungsbezogene Impfpflicht: Viele Pflegeheime im Rems-Murr-Kreis sind von der Politik enttäuscht. Wie viel Unmut sich angestaut hat, wurde uns klar, nachdem wir einen Fragenkatalog an die Heime gemailt hatten; teilweise kamen lange Briefe zurück. Sie handeln von Not, Frust, Wut, aber auch von Leidenschaft, Stärke, Berufsehre. Klar wird eines: Corona hat die Probleme der

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