Rems-Murr-Kreis

Hitler, Georg Elser, sein Neffe Rudolf Hangs (Winterbach) und die Höllenmaschine

GeorgElser
Rudolf Hangs aus  Winterbach hat die Zeitbombenkonstruktion nachgebaut, mit der sein Onkel Georg Elser Hitler umbringen wollte. © Gaby Schneider

Kaum jemals in der Geschichte der Menschheit hat ein Einzelner im Alleingang den Lauf der Welt derartig fulminant zum Besseren verändert – beinahe. Dies ist die Geschichte des Hitler-Attentäters Georg Elser, erzählt von seinem Neffen Rudolf Hangs, der in Winterbach lebt und die Höllenmaschine des Onkels nachgebaut hat.

Verachtet: Georg Elser, der Anti-Stauffenberg

In den 70er Jahren hat man den Elser „noch verachtet“, sagt Rudolf Hangs. Die Familie habe über ihn „nicht gern gesprochen“, manche Verwandten waren nach dem Attentat „monatelang verhört“ worden und hatten Angstqualen durchlitten. Außerhalb der Sippe war Elser erst recht keiner, der was galt. Die einen erzählten Gerüchte, er sei in Wahrheit eine Marionette der Nazis gewesen, andere schmähten ihn als Spinner oder Kommunisten oder meinten, ihn moralisch schulmeistern zu können: Der habe Unschuldige auf dem Gewissen.

Georg Elser war „von Anfang an strikt“ gegen die Nazis, diese Verbrecher; „was man von manchen anderen nicht sagen kann“. Elser durchschaute das Regime schon, als ein Graf Stauffenberg noch im Dienste Hitlers Polen zu überfallen half und erklärte, dass „Juden und Mischvolk“ sich „nur unter der Knute“ wohlfühlen. Elser saß schon fünf Jahre im KZ, als dieser Stauffenberg endlich, 1944, auch noch zur Besinnung kam. Nach Stauffenberg aber wurden ab Mitte der 50er Jahre Straßen und Kasernen benannt. Elsers Geschichte wurde verdrängt und verfemt. Rollen wir sie auf. Die wörtlichen Zitate sind von seinem Neffen.

Charakterkopf: Georg Elser, eine Porträtskizze

Wenn der Führer ins Mikro bellt und die anderen verzückt am Radio hängen, als komme Opernmusik raus, dann trollt der Schorsch sich bruddelnd aus dem Zimmer. Wenn andere „Heil Hitler“ rufen, murmelt er „Mahlzeit“ und verweigert den diagonal versteiften Arm-Gruß. Georg Elser, Jahrgang 1903, ist in vieler Hinsicht eigen.

Ein genialischer Tüftler: Einmal gestaltet er eine Nähmaschine so um, dass man mit ihr Ähren dreschen kann. Ein virtuoser Kunstschreiner: baut Uhren, versteht sich auf Intarsien-Arbeiten. Ein Musiker: spielt Zither, Kontrabass, Akkordeon. Ein Dickschädel: Wenn er findet, dass das, was der Chef ihm bezahlt, nicht gerecht ist, schmeißt er den Bettel hin und zieht weiter, da ist er „ganz konsequent“.

Ein Sucher: Königsbronn wird ihm zu klein, er hat Sehnsucht nach Weite und besserem Lohn. Bis an den Bodensee und rüber in die Schweiz führt sein Weg. In Konstanz schließt er sich dem Rotfront-Kämpferbund an und schwängert eine Kellnerin. Überhaupt sind seine Beziehungen eher nicht ganz bürgerlich-wohlgeordnet: Später, zurück in Königsbronn, wird er eine Affäre mit einer verheirateten Frau beginnen.

Ein „freiheitsliebender Mensch“: In Konstanz wird er zum „Erfinder der Gleitzeit“. So „pünktlich und korrekt“ er sonst auch arbeitet – „jeden Mittag“ macht er lang Pause, um „im Bodensee zu schwimmen“. Die verpasste Stunde holt er abends nach.

Die Nazis, glaubt er, führen uns in einen neuen Krieg. Im Jahr 1938 reift in Elser ein Entschluss: Die Obersten von denen – nur so lässt sich Schreckliches verhindern – müssen alle weg! Aber wie?

Attentat auf Hitler: Ein Plan nimmt Gestalt an

Jedes Jahr feiern die Nazis in den 9. November rein, den Gedenktag des Hitlerputsches von 1923. Sie treffen sich am Abend des 8. im Bürgerbräukeller München, Hitler schwingt eine Rede. Alle sind sie da beieinander, die ganze Bagage. Elser fährt nach München, das will er sich ansehen.

Am Abend des 8. November 1938 kommt er zwar nicht in den Saal, aber am anderen Morgen sieht er sich dort um. Das Rednerpult, an dem Hitler alljährlich sein Geschrei aufführt, steht direkt vor einer Säule.

Elser fährt zurück nach Hause; schafft „zwei Monate lang in einem Steinbruch“, wo er sprengen lernt und Dynamit abzweigt; jobbt nebenher in einer Fabrik, wo er Munition mitgehen lässt. Im Juli 1939 experimentiert er auf einer abgelegenen Wiese: Er zieht an einer Schnur, es kracht, die Luft wird schwarz von Qualm und aufgewirbelter Erde, in der Wiese klafft ein Krater.

Im August zieht Elser um nach München, ab Oktober sitzt er jeden Abend „im Bürgerbräukeller als Gast“, nimmt für 60 Pfennig eine einfache Mahlzeit zu sich und trinkt „a Bierle“. Allabendlich, nachdem er bezahlt hat, tut er, als gehe er heim. In Wahrheit schleicht er sich hoch auf die Empore und versteckt sich in einer Besenkammer. Wenn die Wirtschaft gegen 22 Uhr schließt und alle weg sind, macht er sich an die Arbeit.

Bürgerbräukeller: Die Vorbereitungen

Die Säule beim Rednerpult hat eine Holzverkleidung – Elser modifiziert sie zu einer wegklappbaren Geheimtür. Dahinter beginnt er, den Backsteinpfeiler auszuhöhlen, mit einfachstem Werkzeug, „Hammer, Meißel und Handbohrer“. Weil er sich sorgt, dass jemand das nächtliche Klopfen hört, arbeitet er immer nur alle zehn Minuten für kurze Zeit, solange die automatische Wasserspülung geht; die ist „saumäßig laut“. Den Schutt sammelt er in einer Schachtel, die er morgens, wenn er sich davonstiehlt, mit rausschmuggelt. Er kippt die Brocken in die Isar. 30 Nächte lang geht das so. Es ist kaum begreiflich, dass er nie erwischt wird. Was muss der Kerl für Nerven haben, das wieder und wieder durchzuziehen.

Tagsüber arbeitet er an der Höllenmaschine. Eine Uhr gibt den Takt an, ihr Schlagwerk soll die Explosion initiieren, und zur Sicherheit schaltet Elser noch eine zweite Uhr dazu. Ein hölzernes Kammrad in der Uhr ist versehen mit Zapfen. Alle zwölf Stunden sorgt ein am Stundenzeiger befestigter Hebel dafür, dass das Kammrad um einen Zapfen weiterspringt.

In der Nacht vom 5. auf den 6. November setzt er die Zeitbombe in die Säule und kleidet den Hohlraum mit Kork aus, damit kein Ticken nach außen dringt. Am 8. November um 21.20 Uhr soll dies geschehen: Ein 0,8 Millimeter dünnes Drahtseil soll sich straffen und an einem Bolzen ziehen, ein Stahlklotz, bestückt mit drei spitzgefeilten Nägeln, soll nach vorne sausen, die Nägel sollen sich in drei Munitionspatronen bohren ... und dahinter ist alles voll mit Schwarzpulver und Dynamit – fahr zur Hölle, Hitler, und nimm deine Bande mit!

Explosion: 8. November 1939 - die Höllenmaschine geht los

Etwa 2000 Leute drängen sich am Abend des 8. November 1939 im Bürgerbräukeller. Am Rednerpult steht Hitler. Um ihn her, dicht gedrängt: seine wichtigsten Schergen, von Goebbels über Hess bis Himmler. Nazis, nur Nazis sind im Saal, kein Wirtshauspersonal, denn der Führer duldet weder Gläsergeklirr noch umhereilende Bedienungen, während er seine Hetzphrasen drischt. Auch das hat Elser vorab recherchiert. Er will ja keine Unbeteiligten umbringen.

Punkt 21.20 Uhr geschieht das Staunenswerte: Die Bombe – auf die Minute, wie Elser es geplant hat – geht wirklich hoch; und richtet tatsächlich potenziell weltverändernden Schaden an, ein Chaos aus Rauch und Trümmern, Schreien und Stöhnen.

Und doch war alles umsonst. Denn am Abend ist schwerer Nebel aufgezogen. Der Nachtflieger zurück nach Berlin werde nicht abheben können, hat es geheißen, der Führer müsse einen Sonderzug nehmen und deshalb viel früher aufbrechen als geplant.

Um 21.07 Uhr hat er den Bürgerbräukeller verlassen, mit seinen engsten Getreuen. Nur das Nazi-Fußvolk ist noch da, als die Höllenmaschine detoniert. Acht Tote: vier von der SA, der brutalen Schlägertruppe; drei langjährige NSDAP-Mitglieder; und – weil ab dem Moment, als Hitler ging, wieder gesoffen werden durfte – die 30-jährige Aushilfskellnerin Maria Henle, Mutter zweier kleiner Kinder.

Vom Schicksal verhöhnt: Georg Elsers Ende

Er hat alles so unfassbar minuziös geplant, alles! Außer dem Wetter. Und der eigenen Flucht. Als sich Georg Elser in die Schweiz absetzen will, kann er zwar eine Grenzkarte aus seiner Zeit am Bodensee vorweisen, aber sie ist abgelaufen. Hoppla, denkt der Kontrolleur und schaut in Elsers Tasche. Darin liegen eine Ansichtskarte des Bürgerbräukellers und Teile eines Zünders. Und unterm Rockaufschlag trägt Elser ein Abzeichen des Rotfrontkämpferbundes.

Sein Plan, das Land vor den Nazis zu retten, war ihm so wichtig, seine Konzentration muss derartig besessen auf die hochkomplexe Attentatsaufgabe fixiert gewesen sein, dass er darüber das eigene Wohl vernachlässigt, die banalsten Vorsichtsmaßnahmen versäumt hat. Elser wird verhört, gefoltert, ins KZ Dachau verschleppt und dort, nach jahrelanger Haft, am 9. April 1945 umgebracht.

Es ist, als habe das Schicksal beschlossen, ihn dreifach zu verhöhnen: An läppischen 13 Minuten ist das Attentat gescheitert; lächerliche 30 Meter haben an der Grenze bis zum Schweizer Boden gefehlt; und nur 20 Tage nach Elsers Ermordung befreien US-Truppen die Dachauer Häftlinge.

Was wäre, wenn? Gedanken zum Lauf der Welt

Mehrere Forscher haben mit den Jahrzehnten an der überfälligen Neubewertung des allzu lange Verachteten gearbeitet. Auch Elsers Neffe Rudolf Hangs hat zur Umbesinnung Verdienstvolles beigetragen: Der gelernte Maschinenbautechniker hat anhand der Beschreibung in den Verhörprotokollen die Höllenmaschine nachgebaut.

Drei Jahre, von 2012 bis 2015, brauchte Hangs, bis er alles theoretisch ganz durchdrungen und praktisch voll umgesetzt hatte. Erst diese Rekonstruktion macht in vollem Ausmaße begreifbar, was für ein Wunder an Tüftelkunst Elser da ersonnen und realisiert hat, unter schwierigsten Bedingungen, mit zusammengeklautem Zeug, ohne Vorbild, ohne Anleitung, ohne Helfer.

Was wäre, wenn an jenem 8. November 1939 kein Nebel aufgezogen, was wäre, wenn an jenem Abend Hitler umgekommen wäre und mit ihm Goebbels, Himmler und viele andere? Hätte es dann einen Zweiten Weltkrieg gegeben? Vielleicht. Aber ob die Nazis aus der zweiten Reihe die Entschlossenheit, Skrupellosigkeit und Unvernunft aufgebracht hätten, erst 1940 Frankreich und dann 1941 auch noch Russland anzugreifen, darf man bezweifeln. Wäre es zum Holocaust gekommen, zum millionenfachen Mord an den europäischen Juden? Ziemlich sicher nicht. Dieses welthistorisch maßstabslose Monumentalverbrechen ist ohne die wahnsinnig treibende Rassenhasskraft Hitlers schwer vorstellbar.

Es ist, wie Rudolf Hangs sagt: Man kann sich kaum ausmalen, was dieser Kerl aus Königsbronn der Welt „erspart hätte“.

Kaum jemals in der Geschichte der Menschheit hat ein Einzelner im Alleingang den Lauf der Welt derartig fulminant zum Besseren verändert – beinahe. Dies ist die Geschichte des Hitler-Attentäters Georg Elser, erzählt von seinem Neffen Rudolf Hangs, der in Winterbach lebt und die Höllenmaschine des Onkels nachgebaut hat.

Verachtet: Georg Elser, der Anti-Stauffenberg

In den 70er Jahren hat man den Elser „noch verachtet“, sagt Rudolf Hangs. Die Familie habe über ihn „nicht gern

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