Rems-Murr-Kreis

Hoher Energiebedarf bei Metzgern: Obermeister der Fleischer-Innung sorgt sich um seine Kollegen

MetzgerWeissschuh
Stefan Weißschuh, Chef der gleichnamigen Metzgerei, vor seinen gerauchten Würsten. Damit die so schmecken, wie sie schmecken, braucht’s viel Energie. Die Metzger fordern Unterstützung. © Gaby Schneider

Wird das Paar Landjäger, bei Metzger Stefan Weißschuh noch für 2,30 Euro zu haben, demnächst fünf Euro kosten? Oder gar sieben? Stefan Weißschuh, Chef der gleichnamigen Metzgerei aus Waiblingen, lächelt auf eine Weise, die eher "Zähne zusammenbeißen und Sorgen runter-schlucken" gleicht. Die Metzger haben ein Problem. Und sie sind nicht allein.

Um Wurst und Fleischwaren herzustellen, braucht's viel Energie

Mit im Boot sind diejenigen, die gerne Landjäger essen. Oder Schinken oder Krakauer zum Beispiel. All diese herzhaft-gerauchten Leckereien müssen, damit sie entsprechend schmecken, in die Rauchanlage. Und die frisst Öl. Im übertragenen Sinne natürlich. Das dafür aber in Mengen. Außerdem müssen die fleischhaltigen Nahrungsmittel – und zwar nicht nur die gerauchten, sondern alles, was in einer Metzgertheke liegt – gekühlt werden. Stefan Weißschuh hat vier Kühlräume und zwei Gefrierräume. Die fressen Strom. Und dann gibt’s da, um die Problematik abzurunden, in seiner Küche zum Beispiel die Kipppfanne. In der wurden jüngst 330 Portionen Gulasch gekocht. Für Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und jetzt hier in Turnhallen sitzen. Damit diese 40 Kilo Gulasch gar, warm und lecker werden, braucht’s Gas. Viel Gas.

Öl, Strom, Gas – die Schlagzeilen zum Thema machen Angst. „Gaspreis schießt nach oben, Börsenkurse fallen“, titelte der Spiegel. „Steigende Strompreise: Das kosten jetzt Föhn, Geschirrspüler und Fernseher“, erklärte der Stern. Wer soll das bezahlen? Der Deutsche Fleischer-Verband hat einen Brief an Wirtschaftsminister Robert Habeck geschrieben. Dem Verband lägen „Angebote von Energie-Versorgern an Unternehmen des Fleischerhandwerks vor, in denen sich die Gas- und Strompreise zum Jahreswechsel auf das Vierfache steigern“. Rund 11 000 inhabergeführte Metzgereien und Fleischereien gebe es in Deutschland, schreibt der Fleischer-Verband. 31 davon sind auf der Homepage der Fleischer-Innung Rems-Murr gelistet. 

Der Obermeister der Fleischer-Innung Rems-Murr, Ulrich Fritz aus Schorndorf-Weiler, macht sich Sorgen um seine Kollegen. „Wir haben“, sagt er, „einen hohen Energiebedarf“. Und bei der Kühlung beispielsweise könnte auch nicht einfach auf ein oder zwei Grad verzichtet werden, wie's gerade den Privathaushalten empfohlen würde. Die Temperatur sei Vorschrift und wichtig. Bei ihm würden sich Kollegen melden, die mit 120.000 Euro mehr für den Strom pro Jahr rechneten. Und die Teuerung beginne bei dem einen oder anderen schon im Herbst, wenn eben der Stromvertrag auslaufe. „Ich versteh's nicht“, sagt Ulrich Fritz. Wenigstens beim Strom müsste der Preisanstieg doch nicht so extrem sein. Wenn man den Strompreis nur endlich vom Gaspreis abkoppele.

Stefan Weißschuh lässt sich seit Jahren von einem Energieberater helfen. Zum Beispiel bei der Wahl des Stromanbieters. Hilft aber gerade auch nicht weiter. Der Energieberater hat ihm bis zum Ende dieses Jahres 20.000 Euro Mehrkosten prophezeit. „So viel“, sagt Stefan Weißschuh, „können wir gar nicht an die Kunden weitergeben.“

Das Energiekostendämpfungsprogramm der Bundesregierung: Für die Industrie gemacht?

Jetzt gibt’s da ja das „Energiekostendämpfungsprogramm“ der Bundesregierung. Das Bundesministerium der Finanzen erläutert dieses Programm so: „Das Programm ist zielgenau konzipiert. Es dient der Kostendämpfung des Erdgas- und Strompreisanstiegs für besonders betroffene energie- und handelsintensive Unternehmen. Zugleich ist das Programm so ausgestaltet, dass weder der Energieverbrauch angekurbelt noch preiserhöhende Effekte ausgelöst werden.“ Sollte doch alles gut sein, oder?

Mitnichten, sagt der Deutsche Fleischerverband. Und Stefan Weißschuh stimmt zu. Denn in den Genuss der Entlastung könnten die kleinen Metzgereien nicht kommen. Die KUEBLL-Liste schließe sie aus.

Die KUEBLL-Liste ist Teil der Leitlinien für staatliche Klima-, Umweltschutz- und Energiebeihilfen, die von der EU-Kommission Ende 2021 gebilligt wurden. Diese sollen der zunehmenden Bedeutung des Klimaschutzes Rechnung tragen. Sie enthalten auch „Vorschriften über Ermäßigungen bestimmter Stromverbrauchsabgaben für energieintensive Unternehmen“. Und die sind in der KUEBLL-Liste gelistet. Kleinere Metzgerei- und Fleischereibetriebe gehörten, so der Fleischerverband, nicht zu jenen, bei denen irgendetwas ermäßigt werde. Das sei „nicht nachzuvollziehen“, zumal industrielle Schlachthöfe, „die zum Teil in unmittelbarer Konkurrenz stehen“, Zuschüsse bis zu 50 Millionen Euro erhalten könnten.

Der Aufwand, um Geld zu bekommen: eine „unüberwindbare Hürde“

Doch selbst wenn die Familienmetzgereien von eventuellen Nachbesserungen bei den Leitlinien profitieren könnten – in der Realität hätten sie, so der Deutsche Fleischer-Verband, kaum eine Chance, an das Geld ranzukommen. Für die großen Schlachthöfe und andere Industrien, die Aussicht auf Millionen-Zuschüsse hätten, stelle der bürokratische Aufwand „eine Kleinigkeit“ dar. Für Handwerksbetriebe aber, deren Zuschüsse viel kleiner ausfallen würden, sei er „eine schier unüberwindbare Hürde“.

Die Leitlinien, sagt Stefan Weißschuh, seien für die Industrie gemacht. „Da kann das Büro schaffen.“ Stefan Weißschuh hat keine Abteilung für die Verwaltung und die Finanzen. Sollte er doch noch Zuschüsse beantragen können, muss er sich durch die Formalitäten kämpfen. Oder er beauftragt seinen Energieberater.

Die Metzgereien, sagt Stefan Weißschuh, seien im Übrigen nicht allein mit dem Problem. Bäckereien und Wäschereien seien ebenfalls Handwerksbetriebe mit einem hohen Energieverbrauch. Und seien ebenfalls bei der Förderung nicht mit dabei.

39 Innungsbäckereien listet die Kreishandwerkerschaft im Rems-Murr-Kreis auf. Wäschereien sind seltener, aber es sind immerhin auch noch drei.

Er könne nur hoffen, dass er's überlebe, sagt Stefan Weißschuh. Allen anderen geht's vermutlich genauso.

Wird das Paar Landjäger, bei Metzger Stefan Weißschuh noch für 2,30 Euro zu haben, demnächst fünf Euro kosten? Oder gar sieben? Stefan Weißschuh, Chef der gleichnamigen Metzgerei aus Waiblingen, lächelt auf eine Weise, die eher "Zähne zusammenbeißen und Sorgen runter-schlucken" gleicht. Die Metzger haben ein Problem. Und sie sind nicht allein.

Um Wurst und Fleischwaren herzustellen, braucht's viel Energie

Mit im Boot sind diejenigen, die gerne Landjäger essen. Oder Schinken

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