Rems-Murr-Kreis

"Ich bin anderer Meinung": Die Corona-Krise, ein Verein aus dem Kreis und das Geschäft mit der Angst

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Eingebettet ins Grün: Das 3E-Zentrum in Buoch (Archivbild). © Gaby Schneider

Er nennt Minister „Ministranten“, spricht von „öffentlich-unrechtlichen Medien“ und kennt die „Fakten und Hintergründe“ der Corona-Krise. „Das sind die Interessen der Pharmaindustrie, die dahinterstecken, und dahinter stecken Interessen von Bill Gates.“ Später fügt er hinzu: „Beweise habe ich da ja nicht, aber es ist eindeutig, dass Bill Gates von diesen Pandemien träumt, von der Durchimpfung der Bevölkerung.“

Der glatzköpfige Mann mit randloser Brille und buntem Hemd, der in Videos auf Youtube Verschwörungserzählungen rund um das Coronavirus verbreitet, ist einer der bekanntesten Esoteriker im deutschsprachigen Raum: Rüdiger Dahlke.

Am Sonntag (07.06.) soll Dahlke in Leonberg auf einer Demonstration von „Querdenken711“ sprechen. Seit kurzem engagiert sich der Esoteriker außerdem für ein Bündnis namens „Ich bin anderer Meinung“, kurz IBAM. IBAM will vom Rems-Murr-Kreis aus das politische System der Bundesrepublik umkrempeln. Mit fragwürdigen Methoden, und noch fragwürdigerem Personal.

Querdenken711, Widerstand 2020 und der bundesweite Protest

Während der Corona-Krise haben sich bundesweit mehrere politische Protestgruppen gebildet. Neben Kritik an Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sind diese vor allem wegen der Verbreitung von Verschwörungserzählungen in den Fokus der Berichterstattung geraten.

In der Region konnte das Bündnis „Querdenken711“ im Mai zeitweise tausende Menschen bei Demonstrationen auf dem Wasen-Gelände in Stuttgart mobilisieren. Zentrale Rollen spielten bei diesen Demos unseren Recherchen zufolge Reichsbürger und Esoteriker aus dem Rems-Murr-Kreis.

Auch im Kreis selbst halten Menschen, die sich unter anderem in Telegram-Chatgruppen von „Widerstand 2020“ organisieren, sogenannte „Mahnwachen“ für das Grundgesetz ab. Es wird suggeriert, die Demokratie sei in großer Gefahr, und man könne seine Meinung nicht mehr frei äußern.

Die selbsternannte Partei „Widerstand 2020“ wurde zwischenzeitlich erst als größter Konkurrent, dann als Bündnispartner der AfD gehandelt. Dabei ging man allerdings von tausenden verifizierten Mitgliedern aus – eine Zahl, die das Bündnis zuletzt drastisch nach unten korrigieren musste.

Nun, da auch die Zahlen der Corona-Infizierten rückläufig sind, schwindet der Einfluss dieser Gruppen spürbar. Die Demonstrationen haben bundesweit weniger Zulauf. Wie reagieren die Initiatoren darauf? Sie bilden ein Netzwerk. Auf der Suche nach dessen Zentrum stößt man auf ein neues Bündnis, eine Adresse in Kernen und ein Haus auf der Buocher Höhe in Remshalden.

Über Wochen hinweg haben wir die Telegram-Chatgruppen der Protestgruppen verfolgt. Wichtige Erkenntnisse waren: Die Protestbewegungen stehen miteinander in Kontakt. Und immer wieder tauchen bei Demonstrationen in der Region Flyer einer neuen Gruppe auf: IBAM.

Was ist IBAM? Wer steckt dahinter?

„IBAM ist ein gemeinnütziger, eingetragener Verein. Wir sind derzeit noch in Gründung, da dank Corona alles etwas länger dauert“, heißt es auf der Webseite. Es fallen auch Worte wie „Bürgerbewegung“ oder „Netzwerk“. Nur eine Partei möchte man nicht sein.

IBAM sitzt laut Impressum in Kernen. Die Initiatoren des Bündnisses sind im Kreis keine Unbekannten.

Der erste Vorstand des Vereins ist Klaus Pertl aus Waiblingen. Er leitet das 3E-Zentrum in Remshalden, das auf der Buocher Höhe „alternative Krebstherapien“ anbietet. Basis des „3E-Programms“ („Ernährung“, „Entgiftung“ und „Energiearbeit“) seien Gespräche mit Menschen, die den Krebs „besiegt“ haben, heißt es auf der Webseite des Zentrums.

Studien zur Wirksamkeit des 3E-Programms sucht man vergeblich. Die verwendeten Methoden lassen sich als eine Mischung aus Diäten, einer Darmspülung, psychotherapeutischen Ansätzen und Esoterik beschreiben. Kostenpunkt laut Pertl: „knapp 12 000 Euro für vier Wochen“.

Die "Krebsheiler" in der Kritik

Das 3E-Zentrum stand in der Vergangenheit mehrfach in der Kritik. Nach investigativen Recherchen von SWR und Correctiv wurde Mitarbeitern des Zentrums vorgeworfen, Krebskranken falsche Hoffnungen zu machen und ihnen gar eine Mitschuld an ihrer Erkrankung zu suggerieren. Klaus Pertl hatte die Kritik damals zurückgewiesen, ohne dabei entsprechende Äußerungen zu leugnen.

„Die Behandlung einer Krebserkrankung sollte in einem zertifizierten Onkologischen Zentrum oder Organkrebszentrum erfolgen“, sagt Prof. Dr. med. Markus Schaich, Chefarzt Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Rems-Murr-Klinikum Winnenden. „In diesen Zentren werden Patienten nach dem neuesten Wissensstand interdisziplinär auf der Grundlage aktuellen Wissens und aktueller Studienergebnisse behandelt.“

Die Richtschnur hierbei sind Schaich zufolge die Therapieleitlinien der nationalen und internationalen Krebsgesellschaften. So seien in den letzten Jahren deutliche Fortschritte bei den Heilungschancen und der Prognose von vielen Krebserkrankungen erzielt worden.

"Eine Behandlung von Krebspatienten mit Therapien, die keine ausreichende Datengrundlage haben und sich nicht in Leitlinien wieder finden, kann aus onkologischer Sicht nicht empfohlen werden.“

Die Strategie, die das 3E-Zentrum mit den Informationen auf seiner Webseite verfolgt: Anerkannte Krebsforschung systematisch abwerten, Patienten vor schulmedizinischen Therapien Angst machen – und gleichzeitig eine Lösung anbieten. Hoffnung machen.

Denn auch wenn man nach außen den Eindruck vermeiden möchte, auf der Buocher Höhe Krebs heilen zu können finden sich auf der Webseite Formulierungen wie diese: „Bei der Heilung von Krebs (bei unserer Alternativen Vorgehensweise) arbeiten wir mit einer Vielzahl an Ärzten, Heilpraktikern und sonstigen Therapeuten zusammen.“

„Unsere Wirtschaft ist zerstört und fast alle haben Angst“

Auch der zweite IBAM-Vorstand, Lothar Hirneise aus Berglen, steht mit dem Haus auf der Buocher Höhe in Verbindung: Er hat das 3E-Zentrum mitbegründet und wird dort weiterhin als „Krebsforscher“ geführt.

Hirneise versteht sich selbst als Sprecher von IBAM. In einem Interview mit dem verschwörungsaffinen Online-Magazin „Rubikon“ sagt er Ende April, der Verein bestehe aus zehn Personen aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis.

„Leider kann es sich aktuell nicht jeder leisten, seinen Namen zu veröffentlichen. Menschen werden angefeindet, niedergemacht, verhaftet, in Psychiatrien weggeschlossen und denunziert, wenn sie in puncto Corona eine andere als die herrschende Meinung vertreten.“

Ein düsteres Bild von Gegenwart und Zukunft wird auch in den Veröffentlichungen von IBAM gezeichnet: „Unsere Wirtschaft ist zerstört und fast alle haben Angst“, heißt es in einem Dokument. „Am schlimmsten ist für uns alle aber, dass wir zum Teil unserer Grundrechte beraubt wurden und diese nicht wieder vollständig zurückbekommen sollen.“

Die verfolgte Strategie ähnelt der des 3E-Zentrums: Abwerten, Angst machen, Lösung anbieten. Ohne Belege. Beim 3E-Zentrum wird mit dieser Masche Geld verdient. IBAM dagegen gibt vor, „gemeinnützig“ zu sein. Ein Blick ins Programm.

Was will IBAM?

In einer Broschüre von IBAM heißt es: „Es geht derzeit nicht ohne das übliche Parteiensystem. Doch wir können jetzt bestimmen, ob wir weiterhin diese Art von Demokratie haben wollen.“ Stattdessen soll eine „bessere Demokratie“ entstehen, mit Direktmandaten für parteilose Politiker.

In 299 Wahlkreisen sollen sich einer Broschüre des Vereins zufolge Gruppen gründen, die dann je einen Politiker wählen. Dieser soll „ausschließlich SEINE Wähler“ im Bundes- oder Landtag vertreten. Auf Grundlage eines Dokumentes von IBAM selbst: Dem „Manifest des gesunden Menschenverstandes”.

Zehn Forderungen finden sich in diesem „Manifest“, darunter mehr Tierschutz, eine Stärkung des Grundgesetzes, Zensur- und Trackingverbot, eine Umstrukturierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eine Schulreform und Frieden auf Erden. Interessant ist Punkt 4:  Therapiemitbestimmungsrecht.

„Patienten müssen in der Lage sein, ihre Therapien mitbestimmen zu dürfen, für was ihre Krankenkassenbeiträge ausgegeben werden“, heißt es dort. Davon würde auch das 3E-Zentrum am Ende finanziell profitieren. Also am Ende alles bloß Eigennutz? Eine Stellungnahme dazu gaben Pertl und Hirneise auf Nachfrage bis Redaktionsschluss nicht ab.  

Der "Expertenrat": Von Impfgegnern und Influencern

Neben den Gründern findet man auf der Webseite von IBAM einen sogenannten „Expertenrat“. Zu den elf Mitgliedern zählt kein einziger Wissenschaftler, dafür Impfgegner Hans Tolzin, Filmemacher Clemens Kuby – und Rüdiger Dahlke.

Fast 190 000 Menschen haben Rüdiger Dahlke auf Facebook abonniert, fast 13 000 Menschen folgen seinem Telegram-Kanal. Einige seiner Bücher sind in renommierten Verlagen erschienen. Ein waschechter Influencer, den IBAM für sich gewinnen konnte. Der seinen Einfluss Kritikern zufolge dafür nutzt, abstruse bis gefährliche Behauptungen aufzustellen.

Eine der zentralen Thesen in einem von Dahlkes bekanntesten Werken („Krankheit als Weg“) lautet: „Die Verantwortung für all das, was uns in unserem Leben zustößt, tragen wir immer selbst.“ Das gelte für Unfälle, aber auch für Krankheiten und andere Schicksalsschläge.

„Eine intellektuelle Zumutung“

„Das ist nicht nur unwissenschaftlich und eine intellektuelle Zumutung, es ist auch eiskalt, unbarmherzig und abseits aller Menschlichkeit“, kommentierte Forscherin und Wissenschaftsjournalistin Judith Nixon das in einer Rezension zum Buch.

2013 wurde Dahlke mit dem Negativpreis „Goldenes Brett vorm Kopf“ für sein Lebenswerk ausgezeichnet. In der Laudatio hieß es, „ob Homöopathie, Bach-Blüten, oder die Kunst des Hand- und Fußlesens, ob Erdstrahlen, Astrologie oder Lichtnahrung, kein pseudowissenschaftlich-esoterisches Gebiet der Alternativmedizin, das von ihm noch nicht mit wohlwollender Aufmerksamkeit bedacht worden wäre“.

Die Bürgerrechtlerin und Publizistin Katharina Nocun hatte im Gespräch mit unserer Redaktion vergangene Woche im Zusammenhang mit den sogenannten „Corona-Demos“ vor dem Gefahrenpotenzial der Esoterikszene gewarnt.

„Wenn ein Mensch glaubt, es gäbe eine globale Verschwörung in Medizin und Forschung, vertraut er sich eher Wunderheilern an, statt bei Beschwerden zum Arzt zu gehen“, sagte Nocun. „Gerade beim Thema Krebs kann das tödlich enden.“

Ob Dahlke auch am Sonntag in Leonberg pseudomedizinische Thesen oder Verschwörungserzählungen zum Thema Coronavirus verbreiten wird, bleibt abzuwarten. Sein Auftritt beim Bündnis „Querdenken711“ aus Stuttgart ist für IBAM aber in jedem Fall ein Coup. Auch „Widerstand 2020“ habe man schon für eine Kooperation angefragt, heißt es auf der IBAM-Webseite. Eine Antwort stehe noch aus.

Sollte diese positiv ausfallen, würden die Fäden eines Netzwerks der größten Corona-Protestbewegungen Deutschlands im Remstal zusammenlaufen.

Er nennt Minister „Ministranten“, spricht von „öffentlich-unrechtlichen Medien“ und kennt die „Fakten und Hintergründe“ der Corona-Krise. „Das sind die Interessen der Pharmaindustrie, die dahinterstecken, und dahinter stecken Interessen von Bill Gates.“ Später fügt er hinzu: „Beweise habe ich da ja nicht, aber es ist eindeutig, dass Bill Gates von diesen Pandemien träumt, von der Durchimpfung der Bevölkerung.“

Der glatzköpfige Mann mit randloser Brille und buntem Hemd, der in Videos

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