Rems-Murr-Kreis

„Ich konnte keine S-Bahn oder Bus fahren": Wie Angststörungen das Leben ausbremsen

Symbolbild Angst Angststörung Verzweiflung
Symbolbild. © pixabay.com

Starkes Herzrasen, Panik, Unwohlsein – Symptome, die wohl jeder in seinem Leben schon mindestens einmal erlebt hat. Wenn aber Situationen wie S-Bahn zu fahren, eine Präsentation zu halten oder beim Bäcker einzukaufen genau das auslösen, kann das sehr belastend und anstrengend sein. Sabine Suckrau, Therapeutin für Angststörungen und Depressionen in Rudersberg, hat diese Extremsituationen schon am eigenen Leib erfahren. Seit 2008 hilft sie anderen dabei, mit ihrer Angst umzugehen. Im Gespräch mit der Redaktion hat sie erzählt, wie sehr eine Angststörung vor einigen Jahren ihr Leben nicht nur bestimmt, sondern auch verändert hat.

"Corona nimmt auf jeden Fall Einfluss"

Im vergangenen Jahr gab es durch Corona rund 76 Millionen zusätzliche Fälle weltweit an diagnostizierten Angststörungen, wie eine Studie der Fachzeitschrift „The Lancet“ 2021 ergeben hat. Dabei konnte auch ein enger Zusammenhang zwischen den hohen Corona-Fallzahlen und den damit verbundenen Einschränkungen festgestellt werden. In die Praxis von Sabine Suckrau kamen nach eigenen Schätzungen um die 20 Prozent ihrer Patienten aufgrund der Corona-Situation zu ihr. Die Angst, jemanden anzustecken oder sich impfen zu lassen, beschäftigte unter anderem die Besucher ihrer Praxis. "Es gab aber auch einige, für die Corona eine Entlastung war, sie hatten mal Ruhe und konnten dadurch mehr zu Hause sein", meint Suckrau. 

Angststörung - Was ist das?

Doch was vesteht man überhaupt unter dem Begriff "Angststörung"? Die Definition der Stiftung Gesundheitswissen schreibt dazu: „Eine Angststörung besteht, wenn Angstreaktionen in eigentlich ungefährlichen Situationen auftreten. Die Angst steht in keinem angemessenen Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung. Betroffene erleben die Angst dennoch psychisch und körperlich sehr intensiv.“  Was man sich ins Gedächtnis rufen müsse, ist laut Suckrau, dass eine Angststörung keineswegs ein Dauerzustand ist. Es gebe auch Phasen und Momente, in denen es aufhört.

„Ich weiß noch, wie schwer das war"

Sabine Suckrau weiß noch zu gut, wie sich das Leben mit einer Angststörung angefühlt hat. Mit knapp über 20 Jahren hatte sie selbst eine schwere soziale Phobie: „Ich weiß immer noch, wie schwer das war. Ich konnte mich in einem Raum mit vielen Menschen nicht mehr aufhalten, konnte keine S-Bahn oder Bus fahren. All das war mit extremem Herzrasen und Ängsten verbunden.“

Für die meisten Menschen gehört die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu den normalsten Dingen der Welt, für Sabine Suckrau hingegen wurde es zum kräftezehrenden Akt. „Ich musste sogar meine Ausbildung abbrechen, weil ich es nicht geschafft habe, bis nach Stuttgart zu fahren“, erzählt sie. Zum Teil sei sie dann schon in Fellbach ausgestiegen, weil sie nicht mehr konnte.

Wenn der Leidensdruck, wie Psychologen und Therapeuten ihn nennen, zu sehr ansteigt, kann sich das beispielsweise durch ein starkes Vermeidungsverhalten der Person äußern. Was in einigen Fällen, laut Suckrau, sogar so weit ginge, dass Betroffene nicht einmal mehr das Haus verlassen wollen. Eine soziale Phobie lässt sich teilweise auch im Verhalten und in den Gesten eines Menschen beobachten. Bei Männern, so Suckrau, trete öfter ein Zittern oder Schwitzen auf, bei Frauen hingegen sei es die Angst zu erröten oder die Furcht davor, jemand könnte einem etwas ansehen. Es gebe auch Fälle, in denen Übelkeit und Erbrechen vorkämen.

Triggerwarnung: Im nachfolgenden Abschnitt  geht es um Suizidalität, Tod und Verlust.

Der Tag X

Warum aber entstehen diese extremen Angstformen? Warum werden die einfachsten Dinge für einen Menschen plötzlich zu einer regelrechten Herausforderung? Sabine Suckraus Erfahrung nach reicht ein einziger Faktor, ein Auslöser, der eine Angststörung an die Oberfläche zieht. Dinge wie Stress in der Familie, eine traumatische Situation, ein Unfall, Überlastung oder Mobbing können dazu führen, dass alltägliche Situationen plötzlich zur Hölle auf Erden werden. „Es war so extrem, dass es bei mir auch den Tag X gab, an dem ich nicht mehr leben wollte“, sagt sie.

Warum sie sich in diesem nicht aufhören wollenden Strudel der Angstattacken befand? Sie musste große Verluste erleiden, hat wichtige Menschen in ihrem Leben verloren. Jede Person, die sie auch nur ein wenig länger anschaute, machte ihr Angst. Sie hatte die Befürchtung, man könne ihr ansehen, wie schlecht es ihr in Wirklichkeit ging. Diesen Situationen ausgesetzt zu sein, habe Panik in ihr ausgelöst. Suckrau habe dann aber sehr gute Hilfe bekommen, was ihr „das Leben gerettet“ habe, aber auch die Liebe zu ihrer Tochter hielt sie davon ab, diesen drastischen Schritt zu gehen. „Ich kam dann recht schnell in eine gute Klinik und war dort für eine längere Zeit. Das hat mein Leben komplett verändert. Ich wusste nicht, dass es anderen genauso geht und es Hilfe gibt.“

Offen darüber reden kann helfen

Im Lauf der letzten Jahre haben sich Medien, Social-Media-Kanäle oder auch prominente Personen mit dem Thema "Mentale Gesundheit" auseinandergesetzt. Immer mehr Menschen aus aller Welt sprechen offen über ihre Erkrankungen, wie auch beispielsweise auf der Social-Media-App "TikTok". Mit ihren Videos wollen die Content-Creator anderen Betroffenen zeigen, dass sie sich nicht für ihren Zustand schämen müssen und ganz viele andere ebenfalls betroffen sind.

Ein nach Suckrau eher kritisch zu betrachtender Trend auf "TikTok" ist jedoch die sogenannte „Nimm-einen-Finger-runter-Challenge“. Hier werden Merkmale einer Erkrankung wie beispielsweise der sozialen Phobie aufgezählt, bei der man immer jeweils einen Finger runternehmen soll, wenn das Gesagte auf einen zutrifft. Ob bei einer Person eine Angststörung vorliegt oder nicht, könne nur von einem Facharzt oder Therapeuten mit entsprechender Zulassung für Psychotherapie diagnostiziert werden. „Ich finde es irreführend, weil junge Menschen – oder egal wer – tatsächlich denken, eine soziale Phobie zu haben, und sich reinsteigern“, meint sie. Manchen ihrer Patienten erteile sie auch ein Google- oder Social-Media-Verbot, da eben diese Dinge einen psychisch runterziehen können.

Hoffnung auf Besserung besteht

Sabine Suckrau hat nach eigenen Angaben in den letzten Jahren an die 1600 Menschen begleitet und bei dem „größten Teil, wirklich größten Teil“ gebe es Hoffnung auf Heilung oder auf Besserung.

Zwar hat sich die Suche nach einem Therapieplatz während der Corona-Krise nochmals verschärft, doch sollte dennoch die Hoffnung nicht aufgegeben werden: „Wenn Menschen in Therapie gehen und einen guten Therapeuten haben, finden sie im Normalfall auch einen Weg“, macht Suckrau deutlich und rät: „Wenn der Therapeut nicht gut ist und die Chemie nicht stimmt, dann bitte woanders hingehen, aber nicht aufgeben!“

Starkes Herzrasen, Panik, Unwohlsein – Symptome, die wohl jeder in seinem Leben schon mindestens einmal erlebt hat. Wenn aber Situationen wie S-Bahn zu fahren, eine Präsentation zu halten oder beim Bäcker einzukaufen genau das auslösen, kann das sehr belastend und anstrengend sein. Sabine Suckrau, Therapeutin für Angststörungen und Depressionen in Rudersberg, hat diese Extremsituationen schon am eigenen Leib erfahren. Seit 2008 hilft sie anderen dabei, mit ihrer Angst umzugehen. Im Gespräch

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