Rems-Murr-Kreis

Impfstoff-Verteilung: Rems-Murr-Kreis klar benachteiligt

Covid Impfung
Ein Fläschchen – sechs, höchsten sieben Impfungen. Da braucht’s viel für alle Menschen. Der Rems-Murr-Kreis bekommt zu wenig. © Gabriel Habermann

Der Rems-Murr-Kreis und alle seine Menschen leiden unter „landesweiten Ungerechtigkeiten“? Der Landrat hat’s behauptet. Und tatsächlich: Die Impfquoten zeigen, dass der Rems-Murr-Kreis im Vergleich mit anderen Landkreisen, die ebenfalls nur ein Kreisimpfzentrum haben, das Schlusslicht ist.

Dieser Vergleich allerdings ist nicht ganz einfach. Und: Das Sozialministerium scheint ihn zu scheuen. Denn das von Landrat Richard Sigel und seinem Böblinger Kollegen Roland Bernhard geforderte Impfquoten-Monitoring wird nicht geliefert. Die Landräte fordern die „Offenlegung der Zahlen“. Die Pressestelle des Landratsamts präzisiert: Man weiß nicht genau, wie viele Menschen aus dem Rems-Murr-Kreis die Corona-Erstimpfung schon intus haben. Denn: Viele gehen ja auch nach auswärts zum Impfen, etwa nach Stuttgart oder Ludwigsburg. Andere dagegen kommen von auswärts in den Rems-Murr-Kreis. Und so kennt das Landratsamt nur die Anzahl der Erstimpfungen, die insgesamt schon durch die Spritzen geflossen sind, weiß aber nicht, wie hoch die Corona-Sicherheit im Kreis tatsächlich ist. Und – und da wird’s erst richtig spannend – kann sich, da es in allen Landkreisen so ist, auch nicht ganz zahlenscharf mit den anderen vergleichen. Nur das Land, so die Pressestelle, habe diese Zahlen.

Der Vergleich ist machbar, auch ohne Zahlen des Sozialministeriums

Ein bisschen und der Spur nach aber geht so ein Vergleich schon. Ob’s dem Sozialministerium schmeckt oder nicht.

Um das ganze Schlamassel zu verstehen, muss man Folgendes wissen: Der Rems-Murr-Kreis steht bei der Bevölkerungsanzahl an siebter Stelle im Baden-Württemberg-Vergleich. Nur die ersten sechs Landkreise haben vom Land zwei Kreisimpfzentren zugesprochen bekommen. Der Rems-Murr-Kreis hat also nur eines.

Der Impfstoff wird vom Bund nach Bevölkerungsanteil an die Bundesländer verteilt. Vom Land Baden-Württemberg wird er aber nicht mehr genauso weiterverteilt. Sondern die zugeteilten Impfdosen werden „gleichmäßig auf die Impfzentren verteilt“. Das bedeutet, dass der Rems-Murr-Kreis mit seinen 426.635 Einwohnern genau so viel bekommt wie zum Beispiel der Landkreis Hohenlohe mit seinen 112.964 Einwohnern.

Geht man davon aus, dass die Impfwanderungen aus den Landkreisen raus und von auswärts in die Landkreise hinein in allen Landkreisen ähnlich sind, lassen sich anhand der Impfzahlen eben doch Vergleiche ziehen. Zumindest dort, wo die Zahlen der Erstimpfungen vorliegen.

  • Im Rems-Murr-Kreis wurden bis Stand 29. März insgesamt 19 583 Erstimpfungen durchgeführt. Das ergibt, gerechnet auf die Bevölkerungszahl, eine Impfquote von 4,59 Prozent.

Das klingt tatsächlich nicht nach viel. Doch die schwache Zahl liegt nicht am Kreis, der in seinem Kreisimpfzentrum in Waiblingen, wenn er die Möglichkeit bekäme, täglich 1500 Impfungen durchführen könnte. Es mangelt ja bekanntermaßen am Impfstoff.

Andere Landkreise bekommen genauso wenig Impfstoff, haben aber viel weniger Menschen zu impfen.

  • Der Ostalbkreis hat bei einer Bevölkerungsanzahl von 314.025 Menschen bis zum 29. März 16 913 Erstimpfungen durchgeführt. Das ergibt eine Quote von immerhin 5,39 Prozent.
  • Der Landkreis Göppingen, 257.253 Einwohner und 16 337 Erstimpfungen, blickt auf eine Quote von 6,35 Prozent.
  • Der Landkreis Ravensburg, 284.285 Einwohner und 18 941 Erstimpfungen, schafft eine Quote von 6,66 Prozent.
  • Der Schwarzwald-Baar-Kreis, 212.381 Einwohner, hat bei 15 028 Erstimpfungen schon eine Quote von 7,08 Prozent erreicht.
  • Der Zollern-Alb-Kreis, 188.935 Einwohner, bringt es auf eine Quote von 7,95 Prozent bei 15 026 Erstimpfungen.
  • Der Kreis Waldshut, 170.619 Einwohner und 16 216 Erstimpfungen, hat eine Impfquote von 9,5 Prozent.
  • Absoluter Spitzenreiter ist der Landkreis Tuttlingen. Hier leben 136.606 Einwohner, 13 674 Erstimpfungen wurden schon durchgeführt. Das ergibt eine Quote von 10,01 Prozent.

Nicht sicher in den Vergleich miteinbeziehen lässt sich der Landkreis Hohenlohe mit seinen 112.964 Einwohnern. Denn von dort ist keine Anzahl der Erstimpfungen zu bekommen. Das Landratsamt kennt nur die Gesamtanzahl der Impfungen, also Erst- und Zweitimpfungen insgesamt. Die liegen bei 16 510. Ein Blick auf Landkreise, bei denen die Zahl der Erst- und die Zahl der Zweitimpfungen zu bekommen sind, zeigt jedoch, dass die Zweitimpfungen in etwa ein Viertel der Gesamtimpfungen ausmacht. So kann für den Landkreis Hohenlohe zwar unscharf, aber der Spur nach richtig eine Erst-Impfquote von fast elf Prozent errechnet werden.

Dieser Vergleich ist für den Rems-Murr-Kreis bitter. Noch bitterer wird’s, wenn der Blick auf den Nachbarlandkreis Schwäbisch Hall fällt. Von dort sind zwar keine Impfzahlen zu bekommen, doch der Landkreis hat nicht nur ein Kreisimpfzentrum wie der Rems-Murr-Kreis, sondern auch noch ein Zentrales Impfzentrum. Und das bei einer Einwohnerzahl von 195.861.

Das bedeutet im Vergleich Rems-Murr-Kreis zu Landkreis Schwäbisch Hall viel mehr Impfstoff für nicht einmal die Hälfte der Menschen. Da muss sich keiner mehr wundern, dass in Rot am See immer noch Termine frei waren, wo hier im Kreis schon lang nichts mehr zu bekommen war.

Der Rems-Murr-Kreis und alle seine Menschen leiden unter „landesweiten Ungerechtigkeiten“? Der Landrat hat’s behauptet. Und tatsächlich: Die Impfquoten zeigen, dass der Rems-Murr-Kreis im Vergleich mit anderen Landkreisen, die ebenfalls nur ein Kreisimpfzentrum haben, das Schlusslicht ist.

Dieser Vergleich allerdings ist nicht ganz einfach. Und: Das Sozialministerium scheint ihn zu scheuen. Denn das von Landrat Richard Sigel und seinem Böblinger Kollegen Roland Bernhard geforderte

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